Reckwitz-Buchforum (2): Die Gesellschaft der Singularitäten

Eine kultursoziologische Kartierung der Gegenwart – doch stimmt sie auch?

Einer bekannten Unterscheidung zufolge lassen sich Gesellschaftstheorien eher als Panoramabilder, also als Aufnahmen aus der Vogelperspektive, oder als Portraitzeichnungen bestimmen, die anhand spezifischer Ausschnitte gleichsam unter dem Vergrößerungsglas zu relevanten Einsichten über das gesellschaftliche Ganze gelangen. Andreas Reckwitz gehört zweifellos zu den Panoramazeichnern. Er holt nicht nur historisch weit aus, sondern beansprucht  auch große Flächen und weite Räume für seine Darstellungen und Analysen. Gegenüber den oftmals „kurzatmigen“ Gegenwartsdiagnosen macht der Kultursoziologe einen umfassenderen und distanzierteren Blick geltend. Gerade darin besteht auch die große Leistung des jüngsten Buches. Reckwitz fertigt eine großangelegte Landkarte der Kultur der Gegenwartsgesellschaften an, die gesellschaftliche Phänomene im strukturalistischen Modus des oppositionellen Denkens analysiert und dabei in Tiefenschichten vordringt. Die für sein Vorgehen typischen Gegensatzpaare, die begrifflich weit ausgefächert und gleich einem Entscheidungsbaum immer wieder auf sich selbst angewendet werden, sind rasch aufgelistet: Die Logik der Singularitäten vs. die Logik des Allgemeinen, Rationalisierung vs. Kulturalisierung, Subjekte vs. Kollektive, Liberalismus vs. Kulturessenzialismus, etc. Aus diesen Kontrastierungen entwickelt Reckwitz ein reichhaltiges Kaleidoskop, dessen Konstellationen die Gegenwart einfangen sollen.

Die Stärken dieser Kartographie bestehen in einer großartigen Verdichtungsleistung. Nicht alle der zu Tage geförderten Einsichten sind neu, doch neu ist, dass ganz disparate Aspekte der Gegenwartsgesellschaft in ein gemeinsames Bild gebannt werden: Kulturökonomien, Fundamentalismus, identity politics, zunehmende Klassenspaltungen in der Mittelschicht, Rechtspopulismus, Terror, Amok, Digitalisierung und Hyperkultur finden sich in höchster begrifflicher Klarheit durch eine übergreifende Erzählung verklammert. Zu fragen ist allerdings, ob diese Erzählung zutrifft.

Reckwitz will die spätmoderne Gesellschaft, die sich seit den 1970er- und 1980er-Jahren entwickelt hat, als Gesellschaft der Singularitäten verstanden wissen, das heißt als eine Gesellschaft, „die in allen Bereichen auf die Herstellung des Besonderen und der Besonderheiten abzielt“. Die Logik des Singulären würde sämtliche Dimensionen des Sozialen, Arbeitswelt, Architektur, Bildungseinrichtungen, den Sozialstaat, Produktion und Konsum durchdringen. Und damit all dem widersprechen, was über „nahezu 200 Jahre hinweg den Kern der modernen Gesellschaft ausgemacht hat“, nämlich die soziale Ordnung der klassischen Moderne.

Die Gesellschaft der klassischen Moderne, die sich seit dem 18. Jahrhundert herausbildet und mit der entfalteten Industriegesellschaft in der Mitte des 20. Jahrhunderts den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreichte, wurde aus Reckwitz‘ Sicht von der sozialen Logik des Allgemeinen beherrscht und im Gegensatz zur Spätmoderne durch Prozesse der formalen Rationalisierung (Max Weber) geprägt. Überall sei es um „Standardisierung und Formalisierung“, um eine Verfertigung der Elemente als „gleiche, gleichartige oder auch gleichberechtigte“ gegangen: auf den „Fließbändern der industriellen Produktion, im Rechts- wie im Sozialstaat, in den Ideologien und schließlich auch bei der Verschulung der Kinder“. Die Institutionen der Spätmoderne, allen voran die Technologie und die Ökonomie, seien demgegenüber großangelegte Generatoren für die Produktion von Besonderheiten. Nur wenn Menschen, Dinge, Ereignisse, Orte oder Kollektive einzigartig erschienen, würde ihnen in der Spätmoderne Wert zugeschrieben. Und umgekehrt: Wird ihnen die Einzigartigkeit abgesprochen, erschienen sie als wertlos. Solche Praktiken der Valorisierung hätten tiefgreifende Folgen etwa auch für die Arbeits- und Berufswelt. Während in der alten Industriegesellschaft standardisierte Leistungsanforderungen und Qualifikationen im Vordergrund stünden, sei den neuen Wissens- und Kulturökonomien daran gelegen, dass die Arbeitssubjekte ein individuelles „Profil“ entwickeln. Aber auch gesellschaftliche Institutionen würden zunehmend auf Einzigartigkeit getrimmt. Individualisierte Bildungseinrichtungen, Parteien oder Städte konkurrierten auf Attraktivitätsmärkten um die Gunst ihres Publikums.

Einiges an diesen Beobachtungen kommt einem bekannt vor. Offenbar ist der kreative Mensch der Gegenwartsgesellschaft Reckwitz‘ soziologisches Lebensthema. Schon seine Bücher Das hybride Subjekt und Die Erfindung der Kreativität thematisierten Kultur- und Talentökonomien, Ästhetisierung und Einzigartigkeitsbestreben im spätmodernen Kapitalismus. Nun knüpft Reckwitz an diese Themenstellungen an, versucht jetzt allerdings auch auf die Klassentheorie auszugreifen, in dem er seine bisherige Kultursoziologie sowohl theoretisch grundlegender unterfüttert als auch gegenwartsdiagnostisch akzentuiert. Doch stellt sich auch hier die Frage, ob das ambitionierte Programm überzeugt. Denn in der weiteren Lektüre des Buches erweist sich, dass der Begriff „Logik der Singularitäten“ in unterschiedlichen Abstraktionsstufen verwendet wird, die diesen entweder so allgemein bestimmen, dass er letztlich auf alle Gesellschaften und Epochen zutrifft, oder so spezifizieren, dass er sich nahezu ausschließlich in den kulturkapitalistischen Produktions- und Konsumationsformen und ihren Milieus, und selbst dort auch nur für eine kleine Minderheit, kaum aber in anderen gesellschaftlichen Teilbereichen oder in anderen Klassenkulturen bewahrheitet.

Die Einwände sind in Kurzform:

  1. Ja, es findet eine Neukonfiguration der Formen der Vergesellschaftung in der Spätmoderne statt. Allerdings ist fraglich, ob diese unter Rekurs auf die „Logik der Singularisierung“ tatsächlich treffend beschrieben werden kann. Vieles deutet darauf hin, dass der Autor die Selbstbeschreibung der spätmodernen Gesellschaft mit ihren Strukturen verwechselt, wodurch er die Relevanz von „Singularitäten“ für die Spätmoderne samt ihrer kulturunternehmerischen Trägergruppen wie auch die Verbreitung des „singularistischen Lebensstils“ beträchtlich überschätzt: Zum einen charakterisiert die „Explosion des Besonderen“, anders als von Reckwitz behauptet, nicht die ganze Gesellschaft, sondern nur einzelne Milieus und Bereiche; und zum anderen ist die Logik der Singularisierung kein exklusives Merkmal der Spätmoderne. Vielmehr handelt es sich um einen Operationsmodus spezifischer gesellschaftlicher Teilsysteme, der auch schon in der Industriemoderne, mithin in der Moderne überhaupt wirksam gewesen ist. Wenn Reckwitz die „Sichtbarkeitsordnungen“ im Singularisierungsregime derart stark betont, so unterschlägt er damit, dass gesellschaftliche Strukturen und Akteure ihre Bedeutung im Normalfall gerade nicht ihrer Sichtbarkeit, sondern ihrer Unsichtbarkeit verdanken. Eine Gegenthese würde also lauten: Die Spätmoderne basiert auf der strukturellen Invisibilisierung relevanter Macht- und Funktionsprinzipien. Die Produktion von Singularitäten bildet demgegenüber nur die angeleuchtete Vorderbühne kulturkapitalistischer Aufmerksamkeitsökonomien, während die Gestaltung der Spielregeln (die Herstellung des Allgemeinen) in der Regel hinter den Kulissen stattfindet.
  2. Aus diesem Befund folgt, dass Singularitäten gesamtgesellschaftlich betrachtet eher eine untergeordnete Relevanz besitzen. Und zwar sowohl hinsichtlich der Reproduktion gesellschaftlicher Strukturen als auch hinsichtlich der persönlichen Selbstentfaltung. Die Ausweitung und Verfestigung von individuellen Einflussbereichen gelingt, wie der akademischen Mittelklasse durchaus bewusst ist, nämlich nur dort, wo der Einzelne seine „singulären“ Interessen hinter der Maske des Allgemeinen verbirgt. Und je größer die gesellschaftliche Macht, desto geringer die Lust, sich im „Schaufenster singularistisch-kreativer Lebensführung“ zu exponieren. Eben dieser Habitus erklärt auch, warum gerade Oberschichten und Eliten, deren Lebensweise Reckwitz fälschlicherweise unter das Lebensführungs-Muster der kulturkosmopolitischen Mittelklasse subsumiert, an der Erzeugung singularisierter Lebensstile kaum interessiert sind. Warum sonst sollen hohe Hecken die Villen der Eliten vor neugierigen Blicken schützen?
  3. Getreu seiner strukturalistischen Methode, bleibt der Autor einem dualistischen Denken verhaftet, wenn er behauptet, dass die Logik des Allgemeinen in der Spätmoderne durch die Logik des Besonderen ersetzt würde. Da das Singuläre nur vor dem Hintergrund des Allgemeinen überhaupt in Erscheinung treten kann, ist eine solche Substitution unmöglich. Die Beziehung zwischen dem Singulären und dem Allgemeinen ist in Wahrheit dialektischer Natur. Das Allgemeine bringt das Besondere hervor und umgekehrt. Erst die massenhafte Produktion von Autoren und Kulturgütern erzeugt einzigartige Talente und Stars. Umgekehrt schlägt die massenhafte Erzeugung des Besonderen stets in neue Formen der Standardisierung, Formalisierung und des Konformismus um. Einzigartigkeitskonsum wird zunächst in kleinen, mit zunehmender Durchsetzung von Normen der Singularisierung sonach in großen Mengen und schließlich massenhaft und auf standardisierte Weise erzeugt. Faktisch benötigt jedes Besondere die allgemeine Form: Jedes Profil basiert auf einer Maske, wie jeder Facebook-User weiß, und jede Besonderheit rekurriert auf Ideale und damit auf allgemeingesellschaftlich verbindliche Werte und Normen.
  4. Die Logik der Singularisierung ist deshalb auch kein Signum der Spätmoderne, sondern nur die eine Seite einer spezifisch modernen Dynamik. Auch die Industriemoderne war auf die Aneignung singulärer Güter und die Hervorbringung des Besonderen in Wissenschaft und Kultur, in Ästhetik und Konsum ausgerichtet. In den Sphären der Kunst-, Wissenschafts-, Wissens- und Kulturproduktion ist Singularisierung, wie bereits Luhmann und im Anschluss an die Systemtheorie Georg Franck gezeigt haben, konstitutiver Bestandteil jeglicher Informations-, Wissens- und Aufmerksamkeitsökonomie in der modernen Gesellschaft. Die Erzeugung von Singularitäten, etwa in Form von Reputation oder Prominenz, stellen „generalisierte Kommunikationsmedien“ (Luhmann) dar, also Orientierungsmarken für innergesellschaftliche Kommunikation, mittels derer man sich über den Wert von wissenschaftlichen oder künstlerischen Produkten unter Bedingungen ihrer massenhaften Produktion verständigt. Auch hier ist evident: Singularität existiert nur auf der Folie des Allgemeinen.
  5. Aber selbst die Sphäre von Kultur und Konsum, in der die Reckwitz-These noch am ehesten trägt, ist nicht erst in der Spätmoderne ein Produktionsort von Singularitäten geworden. Einzigartigkeitsgüter gab es auch schon in den Anfängen der Industriemoderne, etwa Kreuzfahrtreisen, Kaffeemaschinen oder Stereoanlagen. Zu Massengütern, als die sie im historischen Rückblick erscheinen, sind sie erst durch ihre zunehmende Verbreitung geworden. Die Parallelen zur Gegenwart liegen auf der Hand: So ist heute beispielsweise der Individualtourismus zur industriellen Massenware geworden. Seine flächendeckende Durchsetzung führt zu Massenabfertigungen an Flughäfen, am Autoverleih oder an den Pforten der Kulturdenkmäler und Sehenswürdigkeiten. Es ist somit gerade die Singularisierung des Reisens, die zur massenhaften Herrichtung „authentischer“ Basare und Altstadtkulissen im „singularistischen“ Regime des Städtemarketings geführt hat. Entsprechende Beispiele ließen sich beliebig vermehren.
  6. Mit Die Gesellschaft der Singularitäten wagt sich Reckwitz erstmals auf das Terrain der Klassentheorien. Er offeriert im Prisma eines Sittenbildes der kulturunternehmerischen Intelligenz eine triftige Beschreibung polarisierender Klassenspaltungen innerhalb der Mittelschicht. Die dichte Beschreibung des kulturkosmopolitischen, „kuratierten“ Lebensstils in all ihren Facetten gelingt hervorragend. Plastisch wird die Entwertung der unteren Klassen durch die akademische Mittel- und Oberschicht vor dem Hintergrund dieser Phänomenologie ins Relief gesetzt. Doch geht Reckwitz den Ursachen dieser Entwertung nicht weiter auf den Grund, sonst könnte er nicht so unbekümmert behaupten, ein Roman von Rosamunde Pilcher verfüge über eine geringere Eigenkomplexität/Singularität als etwa der Film „A Clockwork Orange“. Wie selbstverständlich scheint Reckwitz davon auszugehen, dass sich die untere (Mittel-)Klasse die Bewertungsmaßstäbe der akademischen Mittelklasse zu eigen macht, was sich in negativen Selbstbewertungen niederschlagen würde (S. 283f). Eine Auseinandersetzung mit den Relevanzstrukturen und kulturellen Selbstbildern auch der nicht-akademischen Mittelschicht würde sicherlich zu anderen Ergebnissen kommen und ein weitaus dynamischeres Bild symbolischer Auseinandersetzungen in der Spätmoderne liefern.
  7. Dass es dem Autor kaum gelingt, die Klassenspezifik seiner eigenen Relevanz- und Bewertungskriterien zu reflektieren, erklärt auch, warum seine Klassentheorie einem strukturalen, wenig dynamischen Bild der Klassengesellschaft verhaftet bleibt. Reckwitz erzeugt ein Stand-, kein Bewegungsbild der sozialen Wirklichkeit. Der ideologische Charakter des wissens- und selbstverwirklichungsorientierten Kulturkosmopolitismus als Rechtfertigungsnarrativ für Ungleichheitsordnungen in der Marktkultur bleibt dabei ebenso unterbelichtet wie die große Gleichförmigkeit und Standardisierung des „Einzigartigkeitskonsums“ und der postindustriellen Sichtbarkeitsordnungen. Schließlich erfahren wir bei Reckwitz fast nichts über die materiellen und sozialen Bedingungen der kulturkosmopolitischen Lebensführung. Dass es sich um eine Lebensform handelt, die sich wesentlich im Modus ökonomischer Grenzziehungen, das heißt durch Konsum, gentrifizierte Stadtquartiere, Wohneigentum, etc., reproduziert, wird ausgeblendet und durch die Behauptung ersetzt, die sozialstrukturelle Polarisierung der Gesellschaft sei in erster Linie durch Bildung und kulturelles Kapital erzeugt worden (S. 280).
  8. Rätselhaft ist auch, warum der Autor in seiner Klassenanalyse nicht in systematischer Weise auf das reichhaltige Vokabular klassischer Kultursoziologien im Anschluss etwa an Norbert Elias, Thorstein Veblen, Pierre Bourdieu oder Michéle Lamont zurückgreift, sondern lieber eigene Wortmünzen für altbekannte Sachverhalte prägt. Dass soziale Ungleichheiten ausgehend von den privilegierten Schichten „kulturalisiert“, wie Reckwitz das nennt, das heißt symbolisch überhöht und kulturell ausgestaltet werden, ist wahrlich kein exklusives Merkmal der spätmodernen, akademischen Mittelklasse, sondern ein vielseitig erforschtes Phänomen privilegierter Schichten. In allen Gesellschaftsepochen haben Oberschichten ihre soziale Position durch Lebensstil- und Kodeverfeinerungen markiert und nach unten abgegrenzt, um sie – wenn man so will – zu singularisieren.
  9. Reckwitz erfasst das Tableau kultureller Kodes und ihrer Relationen in den Beschreibungen, die sein Buch liefert, luzide. Doch ist und bleibt „Kultur“ stets der Ausgangs- und Endpunkt seiner Analyse, ihr Explanans wie ihr Explanandum. Unter einer solchen Perspektive tendiert Kultur dazu, Gesellschaft aus sich selbst heraus zu erschaffen. Wo die klassische Kultursoziologie Kultur noch stets in der Wechselwirkung mit sozialer Struktur betrachtet hatte, scheint Gesellschaft bei Reckwitz allein im Kulturellen erfassbar. Wird alles zur Kultur, entzieht sich die Gesellschaftstheorie letztlich der empirischen Überprüfbarkeit und wird selbst zu einem Kunstwerk. Genese und Kausalität gesellschaftlicher Gebilde bleiben dann im Dunkeln. Eine solche Gesellschaftstheorie verdankt ihre Plausibilität allein der inneren Konsistenz ihrer Darstellung, was eine Überprüfung ihrer ökonomischen oder sozialstrukturellen Stichhaltigkeit nahezu ausschließt.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass sich der Autor bei der Generalisierung seiner durchaus triftigen Einzelbeobachtungen hin zu einem Gesellschaftspanorama in Widersprüche verwickelt. Die These vom Zeitalter der Singularitäten ist unvollständig, sie ist sowohl zu groß als auch zu allgemein geraten. Unvollständig ist sie, weil sie klassische gesellschaftliche Produktionsorte von Einzigartigkeit, wie etwa Liebe, Sexualität, Freundschaften etc. ausklammert und Formen negativer Singularisierung wie etwa Devianz, Einsamkeit oder Isolation, mit Ausnahme von „Terror“ und „Amok“ (die als Gegenstand medialer Aufmerksamkeitsökonomien in Reckwitz‘ Theorie passen) nicht systematisch integriert. Und zu groß dimensioniert ist sie, weil sie in ihrer allgemeinen Form als soziologische Zeitdiagnose in Sachen Spätmoderne nicht stimmt. Zwar zielt die spätmoderne Gesellschaft auch und ohne Frage auf die Herstellung von Singularitäten ab, allerdings nicht in allen, sondern nur in einigen Lebensbereichen. Es gibt in der Spätmoderne nämlich nicht nur Städtemarketing, Erlebnis-Tourismus, Winner-take-all-Märkte, kulturkosmopolitische Lebensstile und flexible beziehungsweise spezialisierte Produktionsformen.

Nach wie vor gibt es darüber hinaus auch noch die ganz typischen Sphären der Produktion des Allgemeinen: Wissenschaft, die Arbeit an Gesetzesvorlagen, Verkehrsregeln, Massenproduktion, Maschinenparks, allgemeine Zahlungsmittel, Lehrpläne, Verwaltungsapparate, Organisationen, Positionen und Ämter, Konventionen, Normen und Gewohnheiten, mithin Praktiken, Gegenstände und Bereiche, die allesamt mit der Ausweitung des Allgemeinen, das heißt mit formaler Rationalisierung und Standardisierung, beschäftigt sind. Diesen Befund würde Reckwitz nicht bestreiten, jedoch behaupten, derartige Prozeduren existierten lediglich „im Hintergrund“ weiter. Sie besitzen in seinen Augen keine Eigenständigkeit mehr, sondern versorgen die Arenen mit „technischen Infrastrukturen“, in denen jene für die Spätmoderne kennzeichnenden Einzigartigkeiten und Besonderheiten fabriziert werden. Andreas Reckwitz verfrachtet das zur Reproduktion gesellschaftlichen Lebens notwendige Allgemeine somit auf die Hinterbühne. Im Alltagsleben könnte eine solche Fehleinschätzung fatale Auswirkungen haben, wird doch in sämtlichen Gesellschaftsbereichen zunächst die Fähigkeit bewertet, allgemeinen Standards zu genügen – Einzigartigkeit ist zumeist eher nicht gefragt und gerät leicht in den Verdacht, eher Inkompetenz oder gar Extravaganz zu sein. Und selbst wer sich heute als „Produzent von Singularitätsgütern“, das heißt als Kreative_r, Künstler_in oder als Geisteswissenschaftler_in auf eine Position innerhalb eines Museums, Forschungs-, Literatur- oder Universitätsbetriebs bewirbt, sollte wissen, dass im Endeffekt die „soziale Kompetenz“, das heißt Kooperationsfähigkeit und Anpassungsbereitschaft und mithin die Fähigkeit zur Reproduktion des Allgemeinen, den Ausschlag gibt.

Warum also aus einem Theorieelement wie der Logik der Singularitäten gleich eine Epochenbeschreibung machen? Die hier angestellten Überlegungen führen uns zu einer Alternativhypothese: Die Erzeugung von Singularitäten geschieht in allen modernen Gesellschaften gleichermaßen, allerdings jeweils in den auf „Erleben“ (statt Handeln) spezialisierten Wertsphären (Max Weber) oder Funktionssystemen (Luhmann): In Liebe/Sexualität, in der Religion und vor allem in der Sphäre von Kunst und Kultur. Der Unterschied zwischen Industrie- und Spätmoderne besteht damit weniger darin, dass die Industriemoderne auf die Produktion von Allgemeinheiten und die Spätmoderne „in allen Bereichen“ auf die Produktion von Singularitäten abzielt, der Unterschied besteht eher darin, dass die Spätmoderne einen dieser Bereiche, nämlich den Bereich von Kunst und Kultur, durch Markt- und Ökonomisierungsprozesse zu einem Kulturkapitalismus ausgeweitet hat. Ein Vorgang, der nicht zuletzt durch die Expansion der prosperierenden Mittel- und Oberschichten in westlichen Gesellschaften forciert worden ist.

Um es noch einmal zu betonen: Die Lektüre des Buches ist trotz dieser Einwände gewinnbringend und anregend. Andreas Reckwitz hat mit großer Eleganz und Präzision ein Sittenbild der Spätmoderne entworfen. Dabei kann man den Text sowohl als kultursoziologischen Baukasten für instruktive Unterscheidungen, als informative Skizze des Kulturkapitalismus oder aber auch als dichte Beschreibung des eigenen Milieus lesen. Doch übertreibt er die Reichweite des Kulturkapitalismus und die Wichtigkeit seines Personals. So wie die Kulturökonomie nicht die Gesellschaft im Ganzen repräsentiert, so ist auch der auf beinahe 100 Seiten geschilderte kulturkosmopolitische Lebensstil, anders als der Autor behauptet, nicht repräsentativ für die – etwa 30 Prozent der Bevölkerung umfassende – Gruppe der akademischen Mittelklasse im Ganzen, geschweige denn für weite Teile der Eliten (mit Ausnahme der Unterhaltungs- und Kulturprominenz). Die Verwaltungs-, Führungs- und Funktionseliten, aber auch unterschiedliche Akademikermilieus, wie etwa die technische Intelligenz (Ingenieurinnen, Techniker, Informatiker, Planerinnen, Entwickler), die Verwaltungsintelligenz (Führungskräfte, Berater) oder auch die Vertreter des konservativen Bürgertums, dürften sich in Reckwitz‘ Beschreibung kaum wiederfinden. Vermutlich werden die meisten Leserinnen und Leser, die sich mehrheitlich selbst zu den Kulturkosmopoliten zählen dürften, diese Übertreibung nicht beanstanden, präsentiert ihnen der Autor doch ein ausgesprochen schmeichelhaftes Bild ihrer persönlichen Fähigkeiten und gesellschaftlichen Bedeutung.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.