Reckwitz-Buchforum (3): Die Gesellschaft der Singularitäten

Mehr Nostalgie wagen!?

„Auf der Suche nach Wirklichkeit“, so lautete in den Tagen der alten Bundesrepublik nicht nur ein Sammelband,[1] sondern auch das Credo des Soziologen Helmut Schelsky. Die 1983 erschienene Festschrift zum 65. Geburtstag seines ebenso universal veranlagten Fachkollegen Hans-Paul Bahrdt war überschrieben mit „Entdeckungen im Alltäglichen“.[2] Schelsky? Bahrdt? Warum nur fallen dem Verfasser dieser Zeilen beide Autoren ein, wenn er Andreas Reckwitz Die Gesellschaft der Singularitäten liest? Denn beide gehören nach Überzeugung von Reckwitz einer längst vergangenen Epoche an. Damals war der Kapitalismus noch ökonomisch; heute ist er kulturell. Damals gab es noch Arbeitnehmer, die einfach jeden Tag zur Arbeit gingen und ihre Aufgaben erledigten; heute gibt es „good performer“ und „bad performer“ auf singularisierten Arbeitsmärkten. Damals sprach man noch nicht von Valorisierungskämpfen, sondern von Verteilungskonflikten. Damals gab es noch eine Oberklasse und nicht nur Mittelklassevariationen mit Unterklasse. Vor allen Dingen: Damals kam Soziologie noch recht unaufgeregt daher – und war dennoch wirkmächtig in ihrem Beitrag zur Zeitdiagnostik. Heute ist sie ein Teil der Klasse performativ veranlagter Akademiker, die jeden Herbst eine neue Gesellschaft durch die Aufmerksamkeitsmärkte des Feuilletons treiben. Das ist weniger wirkmächtig, da zu schnelllebig und inkonsistent, und darüber hinaus anstrengend, auch weil man ständig ein „Damals“ konstruieren muss. Die Vergangenheit muss ganz und gar anders sein, um den Neuigkeitswert der eigenen Botschaft hervor zu heben.

Um nicht von vorneherein missverstanden zu werden: Diese Zeilen sollen die gesellschaftsanalytische Qualität und den zeitdiagnostischen Impuls der Gesellschaft der Singularitäten nicht in Abrede stellen. Im Gegenteil: Der Beitrag von Reckwitz verdient aufgrund seiner systematisierenden Leistung und seines Anspruchs, über den Begriff der Singularität das soziale Ganze zu deuten, große Aufmerksamkeit. Wer jedoch als Soziologe dem melancholischen Gedanken nachhängt, Soziologie und Sozialforschung hätten in gesellschaftsgestaltender Absicht etwas mit der Suche nach Wirklichkeit und mit den Alltäglichkeiten des gesellschaftlichen Seins zu tun (Schelsky, Bahrdt und einige andere), der kommt bei der Lektüre ins Grübeln – und muss ein paar Fragen stellen; oder Korrekturen anbringen; oder sich ein wenig echauffieren. Je nachdem. Andererseits: Wie kann man ein Buch mehr loben, wenn nicht auf diese Weise?

Fangen wir also an. Dieser Diskussionsbeitrag konzentriert sich auf drei Punkte: Arbeitswelt, Staat und Klassenverhältnisse. Dem Thema Arbeit und Beschäftigung widmet Reckwitz erfreulicher Weise viel Raum, doch hätte der Leser gerne etwas Neues gehört. Stattdessen nimmt man mit einem gewissen Überdruss zur Kenntnis, wie ein weiteres Mal die Arbeitswelt als ein Ort sich epidemisch ausbreitender Hyperindividualisierung beschrieben wird. Kein Arbeitnehmer mehr, nirgends. Nur noch kulturalisierte Einzelkämpfer, die ihre singularisierte Marke zu Markte tragen und zuvorderst an sich selbst zu denken haben. Diese Debatte, die vom „unternehmerischen Selbst“ über den „Arbeitskraftunternehmer“, das „Kreativsubjekt“ bis hin zum projektgebeutelten „Netzwerker“ reicht, berauscht sich an Konzepten und Terminologien, ist aber doch hartnäckig empirieresistent. Von der unmittelbaren Erfahrung in der Feldforschung lassen sich die Diskussionen um den neuen Geist des neoliberalen Kapitalismus kaum beeindrucken. Das ist schade, denn wir haben in den vergangenen Jahren eine Reihe neuer Studien vorgelegt bekommen, die keine Anhaltspunkte dafür bieten, dass sich die Arbeitswelt heute in Projekte auflöst oder ständig weiter entsolidarisiert.[3] Auch von einem verstärkten Bewusstsein, sich auf Singularitätsmärkten stets als um Originalität ringender Einzelkämpfer zu valorisieren, können wir auf der Grundlage empirischer Forschung zu Arbeitserfahrungen und Arbeitsbewusstsein kaum sprechen.[4] Schauen wir in den Betrieben und Behörden (ja, es gibt sie noch, die Betriebe und Behörden) auf die Leute, die den Laden, vulgo: die Gesellschaft am Laufen halten, dann sehen wir anderes: Nämlich Beschäftigte, die sich mit einer zunehmend fragmentierten Arbeitswelt konfrontiert sehen, in der es schwer ist, Verantwortlichkeiten zu identifizieren und Verbindlichkeit zu finden. Der Kontext des Erwerbstätigseins hat sich zweifelsohne verändert. Zugleich ist es beeindruckend, in welcher Weise die Mehrheit der Beschäftigten Professionalität gegen Prekarität stellt, wie sehr kollektive Werte gegen Managementsprechblasen verteidigt werden, wie stark an Prinzipien des betrieblichen Wohls und in den öffentlichen Sektoren am Gedanken des Gemeinwohls festgehalten wird. Von einer generellen Abkehr von der „Logik des Allgemeinen“ hin zu einer „Logik der Singularitäten“, wie sie Reckwitz einleitend hervorhebt (S. 10f.), kann jedenfalls nicht gesprochen werden. Wenn man die Ausführungen zur singularisierten Arbeitswelt beziehungsweise die Rezeption der Arbeitssoziologie durch Reckwitz liest, bleibt der Eindruck, dass der Abstand zwischen soziologischer Beobachtung und gesellschaftlicher Wirklichkeit eher wächst. Wer sich nur im eigenen Milieu aufhält (und das Privileg der Sozialforschung wäre und ist es ja gerade, in eine Vielzahl anderer Welten eintreten zu können), dem kommt dann doch die Lebens- und Arbeitswirklichkeit der Verwaltungsangestellten im öffentlichen Dienst, des Facharbeiters im mittelständischen Maschinenbaubetrieb, der Pflegekraft im privatisierten Krankenhaus oder der Richterin im Amtsgericht, die sich mit der Alltäglichkeit neuer Familienwirklichkeiten befasst, abhanden. Das alles bedeutet nicht, dass es nichts Neues unter der Sonne der Arbeitsgesellschaft gibt. Im Gegenteil. Der demografische Wandel verändert die Arbeitswelt ebenso wie sich grundlegend wandelnde Familienstrukturen und Geschlechterverhältnisse; die Digitalisierung verändert betriebliche Wirklichkeiten und Produktionsabläufe; die Globalisierung setzt Arbeitnehmer- und Sozialrechte unter Druck. Doch das Interessante ist nicht, dass es einst die industrialisierte, kollektivierte, standardisierte Arbeitswelt gab, und heute alles Arbeiten und Tun kulturalisiert, singularisiert und diversifiziert ist. Diese Schnittmuster verfangen nicht. Interessant sind vielmehr die neuen Fragmentierungen in den Betrieben, die konfliktreichen Zwischenzonen auf den Arbeitsmärkten, die Brüche in den Biographien, die neuen Klassenverhältnisse, die sich nach dem Ende des korporatistischen Wohlfahrtskapitalismus ergeben. Interessant ist weiterhin die Kraft und Energie, die Menschen darauf verwenden, eine disparate Arbeitswelt zu „normalisieren“ und auf einen lebbaren Standard für sich und die eigene Familie zu bringen. Interessant sind schließlich der Aufstieg neuer sozialer Klassen und der Abstieg spezifischer Milieus des industriellen, aber auch des öffentlichen Sektors. Doch dazu gleich mehr.

Zunächst zur Rolle des Staates in der Gesellschaft der Singularitäten. Zur Rolle des Staates? Welcher Staat? Der Staat – die Verkörperung des Allgemeinen – ist offenbar in der Politik des Besonderen, der Attraktionen und der Sensationen wie auch des Terrorismus (der für Reckwitz offenbar die extremistische Form einer Politik des Singulären repräsentiert?!) verschwunden. Das Register weist jedenfalls den Begriff des Staates nicht aus. Das Recht wird in Spurenelementen angesprochen, es gilt als die Instanz der Standardisierung. Was für ein Verständnis von Recht, möchte man ausrufen! Jedenfalls gilt, dass die Gesellschaft der Singularitäten offensichtlich ohne Recht, staatliche Organisation, Verwaltung und Bürokratie auskommt. Das verwundert schon insofern, da die von Reckwitz beschriebene neue Mittelklasse der Kreativen und Akademiker, die nun den Takt in der Singularitätsgesellschaft angibt, doch offensichtlich durch und durch ein Staatsprodukt ist. Das staatliche Bildungssystem hat sie geprägt, sie leben von und in den Bildungsapparaten, sie ernähren sich von öffentlich finanzierten Projekten. Staatlich finanzierte Fördertöpfe treiben die „kulturellen Singularitätsmärkte“ an. Denn zum guten Leben, zum richtigen Wohnen und zum korrekten Essen gehört ja auch ein auskömmliches Einkommen. Die von Reckwitz unter der Überschrift „Die Politik des Besonderen“ verbuchten Schlagworte der „kulturorientierten Gouvernementalität“ sowie des „Singularitätsmanagements“ (S. 388ff.) klingen schon sehr nach einigem Aufwand an Steuergeldern. Hier zahlt doch jemand und das ist vermutlich die öffentliche Hand. Zudem muss erkannt werden, dass der Wohlfahrts- und Rechtsstaat heute immer stärker partikulare Bedürfnisse beachtet und bedient, ja dass Staatlichkeit heute sehr viel selektiver agiert als in der Vergangenheit. Das alles spräche dafür, dem Staat analytische Aufmerksamkeit zu schenken, wenn es um Prozesse der Singularisierung geht. Aber auch hier schätzt der Autor die Schematisierung – der Staat erscheint als der Agent der Massenkultur, der Vereinheitlichung, des „doing generality“. Dabei gibt es gestern wie heute vermutlich keine erfolgreichere Institution der sozialen Logik des Besonderen und der Selektion als den modernen Staat und seine Institutionen und Behörden. Das zu erkennen, fällt aber der Soziologie insgesamt sehr schwer.

Bleibt abschließend der Blick auf die Klassenverhältnisse in der Gesellschaft der Singularitäten. Hier macht Reckwitz einen wichtigen, aus der Sicht des Verfassers den interessantesten Punkt. Er beschreibt soziale Ungleichheit nicht als ein differenziertes Nebeneinander von Milieus, Lagen und Schichten, sondern als ein konfliktreiches und dynamisches Wechselspiel von Auf- und Abstieg, von Aufwertung und Deklassierung, von Gewinn und Verlust. Die „soziale Klasse“ als Kategorie und die Klassenverhältnisse als analytische Perspektive auf gesellschaftlichen Wandel werden auf neue Weise Thema. Das ist anregend und hier bringt Reckwitz neuen Schwung in die sich in methodischen Kleinkriegen verzettelnde Sozialstrukturanalyse. Valorisierungskämpfe, so der Autor, prägen den neuen Klassenkonflikt. Die neue Mittelklasse dominiert und demonstriert Rollenmodelle des richtigen Arbeitens, Wohnens und Essens. Klasse und Kultur greifen ineinander. Vieles liest sich wie ein Remake der Feinen Unterschiede Bourdieus,[5] in denen schon Ende der 1970er-Jahre soziokulturelle Distinktionsbedürfnisse als zentrale Triebfeder gesellschaftlicher Entwicklung präsentiert wurden. Als Gegenstück zur offensiven Singularisierung von Lebensweisen in der neuen Mittelklasse fungiert die kulturelle Defensive der alten Mittelklasse, die sich – so der Autor – krampfhaft an Normalitätsidealen der industriellen Moderne festhält. Das ressentimentgeladene Spiel von Auf- und Abwertung innerhalb der Mittelklasse geht für Reckwitz mit einer Dreifachkrise einher: Anerkennung, Selbstverwirklichung und das Politische (das Allgemeine) spiegeln eine tiefe Strukturkrise. Anerkennung finden nur noch diejenigen, die Einzigartiges produzieren, Verlierer sind diejenigen, die die langweiligen Routinejobs haben. Aber auch die Gewinner auf den Singularitätsmärkten sehen sich in einer Krise der Selbstverwirklichung gefangen, denn die Selbstoptimierung frisst ihre Kinder. Singualisierung alleine – so lernen wir – macht nicht glücklich. Schließlich die Krise des Politischen, das jede Steuerungsfähigkeit eingebüßt hat. Öffentlichkeit, Staat, Recht sind nur noch etwas für notorische Melancholiker der Gesellschaftssteuerung. Kurzum, von Siegern im neuen Klassenkampf der Mitte mag man nicht sprechen. Das Projekt Gesellschaftsgestaltung ist ein Ding von gestern. Hierfür steht nach vielen hundert Seiten die Conclusio von Reckwitz: „Die sozialen Asymmetrien und kulturellen Heterogenitäten, welche dieser Strukturwandel der Moderne potenziert, seine nichtplanbare Dynamik von Valorisierungen und Entwertungen, seine Freisetzung positiver und negativer Affekte lassen Vorstellungen einer rationalen Ordnung, einer egalitären Gesellschaft, einer homogenen Kultur und einer balancierten Persönlichkeitsstruktur, wie sie manche noch hegen mögen, damit als das erscheinen, was sie sind: pure Nostalgie.“ (S. 442)

Wir sind nach dem Stand dieser Analyse nur noch Getriebene. Schöne Aussichten sind das nicht gerade – angesichts ökologischer, digitaler und demografischer Herausforderungen. Nach der Lektüre der Gesellschaft der Singularitäten sind diesem Land, diesem Kontinent und dieser Welt viele neue, junge und kreative „Nostalgiker“ zu wünschen – und die Sozialforschung zeigt, dass dieser Wunsch nicht unerfüllt bleiben muss. Mehr Nostalgie wagen! Ist es das, was uns die soziologische Theoriebildung heute lehrt?

Fußnoten

[1] Helmut Schelsky, Auf der Suche nach Wirklichkeit. Gesammelte Aufsätze, Düsseldorf 1965.

[2] Soziologie. Entdeckungen im Alltäglichen – Hans Paul Bahrdt. Festschrift zu seinem 65. Geburtstag, hrsg. v. Martin Baethge u. Wolfgang Eßbach, Frankfurt am Main / New York 1983.

[3] Vgl. u.a. Nick Kratzer/Wolfgang Menz/Knut Tullius/Harald Wolf, Legitimationsprobleme in der Erwerbsarbeit. Gerechtigkeitsansprüche und Handlungsorientierungen in Arbeit und Betrieb, Baden-Baden 2015; Stefanie Hürtgen/Stephan Voswinkel, Nichtnormale Normalität? Anspruchslogiken aus der Arbeitnehmermitte, Berlin 2014.

[4] Siehe dazu Berthold Vogel, Arbeiten im Amt. Beschäftigungsverhältnis und Arbeitsbewusstsein im öffentlichen Dienst, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 14-15 (2017), S.22–28; Barbara Heil/Martin Kuhlmann, „Die da oben, wir hier unten“ – Arbeits- und Betriebsverständnis von Industriearbeitern, in: WSI-Mitteilungen 7 (2016), S. 521–529.

[5] Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, übers. v. Bernd Schwibs u. Achim Russer, Frankfurt am Main 1982 (frz. Orig.: La Distinction. Critique sociale du jugement, Paris 1979).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Kira Meyer.