Reckwitz-Buchforum (4): Die Gesellschaft der Singularitäten

Eine Replik

Ich bin dankbar, dass sich Wolfgang Knöbl, Cornelia Koppetsch und Berthold Vogel die Mühe gemacht haben, bereits kurz nach Erscheinen mein Buch Die Gesellschaft der Singularitäten ausführlich zu diskutieren. Dass das Buch kritische Rückfragen und Widerspruch provoziert, ist angesichts der Breite der Phänomene und Fragen, die darin angesprochen werden, nicht verwunderlich. Bei der Lektüre der Kommentare wird mir deutlich, an welchen Punkten sich Missverständnisse ergeben haben, wo Überzeugungsarbeit zu leisten ist, wo sich verschiedene Grundpositionen einander gegenüberstehen – und wo sich für die Soziologie Forschungsdesiderata ergeben. Ich muss mich dabei auf die wichtigsten angesprochenen Aspekte konzentrieren.

1. Zunächst: Welcher Art Analyse ist Die Gesellschaft der Singularitäten eigentlich? Ist sie eine Zeitdiagnose? Eine Gesellschaftstheorie? Das Buch hat zweifellos zeitdiagnostische Implikationen, so dass eine außerwissenschaftliche Öffentlichkeit es dazu nutzen kann, sich in ihrer Gegenwart zu orientieren. Da das Etikett ,Zeitdiagnose‘ jedoch eher an ein essayistisches, knappes und populär geschriebenes Genre denken lässt, erscheint es mir nicht ganz passend. Ich selbst würde Die Gesellschaft der Singularitäten in die Tradition der soziologischen Gesellschaftstheorie stellen, genauer gesagt: einer Theorie der spätmodernen Gesellschaft. Gesellschaftstheorie heißt: es geht um eine systematische Analyse von gesellschaftlichen Strukturprinzipien und Strukturdynamiken, und zwar nicht nur in einem engen, ausgewählten Bereich, sondern im Zusammenhang zwischen verschiedenen Feldern und Ebenen von Gesellschaft.

Natürlich kann man, wie es Wolfgang Knöbl einwirft, zweifelnd fragen, ob ein solcher Anspruch, die Gesellschaft als Ganze in ihren Strukturprinzipien zu erfassen, zwangsläufig „ein vergebliches Geschäft“ sein muss. Es ist in jedem Fall ein riskantes und schwieriges Geschäft, doch ist es aus meiner Sicht absolut notwendig. Natürlich: Gesellschaftstheorie kann niemals die Mannigfaltigkeit der empirischen gesellschaftlichen Phänomene komplett erfassen. Eine solche Theorie würde – mit Borges gesprochen – jener unmöglichen Landkarte ähneln, „die die Größe des Reiches besaß und sich mit ihm in jedem Punkte deckte“. Gesellschaftstheorie muss zwangsläufig selektiv verfahren und Komplexität reduzieren, um sie wiederum begrifflich aufbauen zu können. Genau dies versuche ich in meinem Buch, das nach den Strukturprinzipien und Zusammenhängen spätmoderner Ökonomie, Technologie, Sozialstruktur und Politik fragt. Trotz aller Schwierigkeiten an einer solchen gesellschaftstheoretischen Perspektive zu arbeiten, scheint sie mir für die Soziologie unverzichtbar: Nicht nur die Öffentlichkeit und die benachbarten sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen erwarten solche Perspektivierungen berechtigterweise von uns, sie sind auch für die empirische Forschung notwendig. Ob bewusst reflektiert oder eher vorbewusst mitlaufend, bezieht schließlich auch die sozialwissenschaftliche Empirie aus gesellschaftstheoretischen Grundannahmen ihre Fragestellungen. Würde sich die Allgemeine Soziologie der Gegenwart aus Furcht vor unzulässigen Verallgemeinerungen theoretische Abstinenz verordnen, wäre das wahrscheinliche Ergebnis, dass die Soziologie nur noch auf die wohlbekannten tradierten gesellschaftstheoretischen Konzepte – der funktionalen Differenzierung, der Rationalisierung oder klassischer Modernisierungstheorien – zurückgriffe. Zweifellos haben diese Theorien ihre Verdienste, doch können sie aus meiner Sicht den Strukturwandel, den wir in der spätmodernen Gesellschaft erleben, nicht vollständig erfassen. Zugespitzt formuliert: Wenn die Soziologie auf ihre „großen Erzählungen“ (Lyotard) verzichten würde, wäre das Ergebnis wohl kaum eine Ansammlung – möglicherweise sympathischer – „kleiner Erzählungen“, sondern mangels Alternative lediglich eine Tradierung der großen Erzählungen aus der Vergangenheit.

2. Mein Beitrag zu einer Theorie der spätmodernen Gesellschaft hat zweifellos seine eigene Selektivität: Er fokussiert den Strukturwandel, also das, was sich seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts transformiert, und nicht das, was konstant bleibt. Natürlich wird auch in der Spätmoderne einiges reproduziert, was bereits aus den älteren Formen der Moderne geläufig ist – (die Kommentatoren heben diese Tatsache ja hervor): bestimmte Formen industrieller Produktion beispielsweise, industrielle Normalarbeitsverhältnisse, Segmente einer alten Mittelklasse oder der administrativ-juridische Apparat des Staates. Es gibt immer eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Im Zentrum meiner Analyse steht jedoch das, was sich wandelt, was die Spätmoderne von der industriellen Moderne unterscheidet. Dieser Bias meiner Perspektive zugunsten des sozialen Wandels ist aber eigentlich der Bias der Soziologie selbst: Die Grundintuition dieser Disziplin ist es von Anfang an gewesen, dass mit der Moderne ein Strukturbruch stattfindet. Man vergisst dabei leicht, dass in dem Moment, in dem dieser Strukturbruch diagnostiziert wurde, er selbst keineswegs die gesamte Gesellschaft erfasste. Als Marx Mitte des 19. Jahrhunderts Das Kapital schrieb, war die europäische Gesellschaft mitnichten flächendeckend durchkapitalisiert, vielmehr zu großen Teilen feudalistisch organisiert. Für mich ist leitend, dass der Strukturwandel nicht nur die Differenz zwischen traditionaler und moderner Gesellschaft betrifft, sondern auch auf die Entwicklung der Moderne selbst zu beziehen ist. Solange ich Soziologie betreibe, habe ich mich immer gewundert, wie man auf die Idee kommen kann, die nun bereits 250 Jahre dauernde moderne Gesellschaft auf quasi konstante Strukturprinzipien festlegen zu wollen. Wandelt sich die Moderne denn nicht selbst? Es gilt daher, die Entwicklung verschiedener Modernen zu betrachten: der bürgerlichen Moderne, der industriellen Moderne, der Spätmoderne. Indem ich davon ausgehe, dass die jüngste Form der Moderne durch einen erneuten Strukturwandel gekennzeichnet ist, ordne ich mich in den Kontext jener Landschaft von Theorien des Postindustrialismus, des Postfordismus, der Post- und Hochmoderne, der reflexiven Modernisierung etc. ein, die genau solche Analysen versuchen.

3. Als Kern des Strukturwandels von der industriellen Moderne zur postindustriellen Spätmoderne arbeitet mein Buch eine veränderte Relation zwischen Kulturalisierung und Rationalisierung, einer sozialen Logik des Besonderen (Singulären) und der sozialen Logik des Allgemeinen heraus, die sich in der Ökonomie, der Technologie (digitale Kultur), den Klassen und Lebensstilen sowie in der Politik zeigen lässt und die auf verschiedenen Ebenen Prozesse der Polarisierung hervorbringt. Die zentralen Triebkräfte dieses Strukturwandels sind wirtschaftlicher, technologischer und kultureller Art. Bei Wolfgang Knöbl und Cornelia Koppetsch ruft diese Analyse eines Strukturwandels Zweifel hervor: Ist denn die Singularisierung und Kulturalisierung neu, hat es sie nicht auch in den früheren Phasen der Moderne gegeben? Umgekehrt: Ist die Rationalisierung in der Spätmoderne nebensächlich geworden?

Ich kann diese Zweifel beruhigen. Hier liegt ein deutliches Missverständnis vor, gehe ich doch davon aus, dass beide Strukturprinzipien in der Moderne durchgängig existieren, von ihrer Entstehung bis zur Gegenwart. Die Moderne „setzt sich von Anfang an aus zwei gegenläufig organisierten Dimensionen zusammen: aus der rationalistischen der Standardisierung und aus (der) kulturalistischen Dimension der Wertzuschreibungen, Affektintensitäten und Singularisierung.“ (S. 18) „Standardisierung und Singularisierung, Rationalisierung und Kulturalisierung, Versachlichung und Affektintensivierung haben die Moderne [...] von Anfang an geprägt“. (S. 19). Also: Auch in der bürgerlichen und der organisierten Moderne war in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen eine soziale Logik des Einzigartigen wirksam, es haben Prozesse der Valorisierung des Wertvollen und entsprechende Affektintensivierungen stattgefunden – ob in Subkulturen oder in der Kunst, in religiösen Kontexten, politischen Bewegungen, im Bereich von Liebe und Sexualität, in den Massenmedien etc. In meinen beiden vorhergehenden, sehr viel stärker historisch orientierten Büchern Die Erfindung der Kreativität und Das hybride Subjekt haben mich gerade diese Kulturalisierungsorte im 19. und 20. Jahrhundert beschäftigt,[1] während sie im stärker gegenwartsorientierten Buch zu kurz kommen mussten. Umgekehrt gilt natürlich ebenso: In der Spätmoderne finden munter weiter massive Rationalisierungs- und Standardisierungsprozesse statt. Das würde niemand bezweifeln und gilt für den Staat wie für die Ökonomie, die Wissenschaft wie für die Technik. Der Strukturwandel, den ich untersuche, betrifft also keinesfalls ein ,Ersetzen‘ der einen durch die andere soziale Logik, sondern die veränderte Relation zwischen der sozialen Logik des Besonderen und des Allgemeinen.

4. Dabei müssen wir uns zunächst klar machen, was das überhaupt ist, die „soziale Logik der Singularitäten“ mit ihren korrespondierenden Valorisierungsprozessen. Einige Bemerkungen in den Kommentaren lassen mich vermuten, dass sich auch hier leicht Missverständnisse einnisten: Ist „das Einzigartige“ denn nicht nur scheinbar, wird es nicht seinerseits von Anfang an oder im Laufe der Zeit standardisiert? Was ist mit den „Normen der Singularisierung“ (Koppetsch)? Aus dem seit Kant wohlvertrauten Tatbestand, dass sich jedes Phänomen wahlweise unter dem Aspekt des Allgemeinen des Begriffs oder des Besonderen der Anschauung betrachten lässt, so gesehen also immer schon beides vorhanden ist, können wir soziologisch noch nicht viel ableiten. Ganz grundsätzlich stellt sich die Frage, wie überhaupt eine soziologische Perspektive auf besondere, in klassischer Begrifflichkeit, auf individuelle Phänomene aussehen kann. Zwei diametral entgegengesetzte Positionen bieten sich an: Ist das Einzigartige nicht ein Grenzbegriff, jener Rest des Nicht- oder Anti-Sozialen, das sich dem Sozialen immer entzieht? Gilt ‚individuum est ineffabile‘, wie die Philosophie seit Aristoteles vermutet? Oder ist es unter modernen Verhältnissen immer nur im Sinne einer ‚Massenoriginalität‘ Kopie bestimmter Muster, und damit ideologischer Schein? Aus meiner Sicht kommen wir für die soziologische Analyse mit beiden Positionen – die ja jeweils die Kehrseite der anderen darstellen – nicht weiter. Wir müssen die soziale Fabrikation der Singularitäten unter die Lupe nehmen und sie zugleich als Singularitäten in diesem sozialen Kontext ernst nehmen. Damit plädiere ich für eine praxeologische Perspektive auf den Prozess des doing singularities. Mit dem Begriff der ‚sozialen Logik der Singularitäten‘ soll genau ein solches Prozessieren gemeint sein: Um die Fabrikation von Singularitäten herum bildet sich eine eigenständige soziale Wertordnung heraus. Sie setzt sich aus sozialen Praktiken der Produktion, Praktiken der Beobachtung, Praktiken der Bewertung und Praktiken der Rezeption zusammen, welche singuläre Objekte, Subjekte, Orte, Ereignisse und Kollektive sozial fabrizieren. Soziale Praktiken wenden dabei notwendigerweise Kriterien und Schemata an.

Einzigartige Entitäten zeichnen sich nun für das Auge des Betrachters durch ihre Binnenkomplexität aus: das einzigartige Individuum etwa durch jenes Insgesamt von Knotenpunkten und Relationen (die Eigenschaften von Komplexität), die seinen Charakter oder seine Persönlichkeit ausmachen – im Unterschied zu einem Standardsubjekt, das als bloßer Rollenträger erscheint. Oder das einzigartige Ding – klassisch etwa ein Kunstwerk oder eine religiöse Reliquie –, durch die irreduzible Komplexität ihrer Ästhetik oder ihres Ortes im Heilsgeschehen. Zugleich werden sie jedoch erst kraft dieser sozialen Praktiken zu solchen komplexen Einheiten. Es gibt also niemals originär Singuläres ‚an sich‘. Tatsächlich hängen die einzigartigen Elemente immer von entsprechenden sozialen Praktiken ab, in denen anhand bestimmter Schemata etwa kategorisiert wird, was einzigartig erscheint und was nicht, oder in denen Erlebnisscripts zum Einsatz kommen, vor deren Hintergrund Besonderes erlebt wird. Das ist das Soziale am Singulären: „Es ist [...] eine reale Paradoxie, dass sich allgemeine Praktiken und Strukturen untersuchen lassen, die sich um die Verfertigung von Besonderheiten drehen. Genau dies ist die Aufgabe dieses Buches: die Muster, Typen und Konstellationen herauszuarbeiten, die sich in der sozialen Fabrikation von Einzigartigkeiten ergeben." (S. 13). Ein solches soziologisches Ausnüchterungsprogramm bedeutet nun aber nicht, das Singuläre als bloßen Schein zu ‚entlarven‘: Es ist ja in diesem sozialen Kontext für die Beteiligten, die durch die Praktiken eine irreduzibel scheinende Komplexität wahrnehmen, sehr real und wertvoll. Wenn wir diesen Befund nicht anerkennen, ist nicht zu verstehen, wie die sozialen Logiken der Singularitäten, die sich um ethische oder ästhetische, sakrale oder narrativ-hermeneutische oder ludische Entitäten drehen, funktionieren.

Wo hat dann die Kritik am nur scheinbar Originellen seinen Ort (etwa die Kritik der postmodernen Städte und ihrer nur ‚scheinbaren‘ Eigenlogik, die Wolfgang Knöbl moniert)? In einer Argumentation ähnlich derjenigen Luc Boltanskis in Soziologie der Kritik würde ich sagen: Diese Kritikdiskurse am scheinbar Originellen sind keine Sache des Intellektuellen ‚von außen‘, sondern sie finden in der sozialen Praxis selbst statt, sie sind Teil der sozialen Logik der Singularitäten. Zumal unter modernen Verhältnissen wird dort das Authentische notorisch angezweifelt. Diese beständigen Auf- und Abwertungen, die Singularisierungen und Entsingularisierungen, die Valorisierungsdiskurse und -techniken sind konstitutiver Bestandteil dieser sozialen Logik und als solche soziologisch unter die Lupe zu nehmen. Insgesamt offeriert die soziale Logik der Singularitäten in ihren konkreten Ausformungen also einen reichhaltigen Gegenstand für die empirische soziologische Analyse.

5. Kommen wir zum nächsten Punkt, der Frage nach der Reichweite meiner Untersuchung, die von den Kommentatoren aufgeworfen wird. Dass es in der Spätmoderne soziale Logiken der Singularitäten, dass es entsprechende Prozesse der Kulturalisierung/Valorisierung und Affektintensivierung gibt, mag man durchaus einräumen, aber wie wichtig sind sie für die Gesellschaft? Dahinter steht letztlich der Zweifel: Steckt in unserer Spätmoderne nicht immer noch und nach wie vor die industrielle Moderne mit ihren wohlvertrauten Strukturmerkmalen? Diese Rückfrage richtet sich vor allem an die Analyse der Ökonomie (einschließlich der Arbeitswelt). Bevor ich auf die entsprechenden Bedenken eingehe, muss ich Eines in aller Deutlichkeit sagen: Meine Analyse bezieht sich generell weder allein auf Deutschland noch auf die gesamte globale Weltgesellschaft. Die empirischen Arbeiten, die ich herangezogen habe, thematisieren im Kern die ‚westlichen Gesellschaften‘ Europas und Nordamerikas, die früher einmal ‚Industriegesellschaften‘ hießen und die heute postindustrielle Gesellschaften sind. (S. 20) Ich würde vermuten, dass sich manche Prozesse teilweise auch globalisieren (S. 20/21), zum Beispiel mittlerweile in China zu finden sind. Doch dazu kann ich meinerseits keine ausgreifenden, empirisch gestützten Aussagen machen. Auf der anderen Seite geht es mir aber nicht nur um Deutschland, sondern tatsächlich um eine generalisierbare Aussage über den Strukturwandel der westlichen (US-amerikanischen, britischen, französischen etc.) Ökonomie, Sozialstruktur und Politik.

Meine Analyse der spätmodernen Ökonomie, in der ein Strukturwandel in Richtung eines ‚kulturellen Kapitalismus‘, das heißt einer Ökonomie kultureller Güter, die häufig mit einem Singularitätswert verbunden sind, beobachtet wird, steht in der Tradition jener leitenden Frage, die uns seit Daniel Bell umtreibt: Was sind die Merkmale der postindustriellen Ökonomie? Oder, um die Begrifflichkeit neomarxistischer Autoren seit den 1980er-Jahren zu verwenden: was macht den ‚Postfordismus‘ und den ‚kognitiven Kapitalismus‘ aus? Eine Rahmenbedingung dieses Strukturwandels liefert die bekannte Tatsache, dass in den westlichen Gesellschaften nicht mehr knapp die Hälfte, sondern nurmehr 15 bis 25 % der Erwerbstätigen im Industriesektor arbeiten. Die übergroße Mehrheit der Beschäftigten ist im Dienstleistungssektor tätig, wo einerseits die Wissensökonomie der Hochqualifizierten und andererseits die einfachen Dienstleistungen der Niedrigqualifizierten die beiden Wachstumsbranchen darstellen. Für den generellen Strukturwandel in Richtung Postfordismus oder „cognitive-cultural capitalism“ (A. Scott) gibt es gute politikökonomische, mit üppigen Statistiken ausstaffierte Untersuchungen. Ich verweise nur auf den – immer noch brillanten – Klassiker von David Harvey The Condition of Postmodernity (1989) sowie auf das neuere, ebenfalls sehr erhellende Buch Allen J. Scotts A World in Emergence.[2] Wirtschaftssoziologie und Politische Ökonomie können und sollten damit Hand in Hand gehen.

Meine Analyse geht gegenüber diesen Untersuchungen insofern einen Schritt weiter, als ich den postindustriellen Strukturwandel auf der Ebene der Form der Güter festmache: von den funktionalen zu den kulturellen Gütern, von den austauschbaren zu den für den Konsumenten ‚singulären‘ Gütern (Dinge, Dienstleistungen, Ereignisse, mediale Formate) mit entsprechenden Qualitäten wie Originalität, Komplexität, Authentizität, Eigenwert, Außergewöhnlichkeit etc. Ein Kapitalismus solcher Güter ist im Kern der kulturelle Kapitalismus. Lässt sich der Anteil dieser kulturell-singulären Güter an der gesamten Gütermenge exakt bestimmen, womöglich sogar quantitativ? Ich wäre dankbar, wenn eine solche Bestimmung möglich wäre, doch fallen die mir bekannten Statistiken leider zu grob aus, um die Differenz zwischen funktionalen und kulturellen Gütern sicher erfassen zu können. Insofern ist man gegenwärtig auf Plausibilitätsargumente angewiesen, wobei allerdings gleich ein Missverständnis auszuräumen ist: die Güter des kulturellen Kapitalismus umfassen deutlich mehr als nur jene, die von den sogenannten ‚creative industries‘ erzeugt werden, auf die Knöbl in seiner Rezension verweist. Die creative industries (Internet und klassische Medien, Design, Kunst, Werbung etc.) bilden sicherlich die Speerspitze der Produktion kultureller Güter, mit circa 10% am jährlichen Bruttoinlandsprodukt ist ihr Umfang aber begrenzt. Freilich ist die statistische Definition der creative industries ihrerseits ein problematisches Artefakt. So schlägt Jens Christensen in seinem Buch Global Experience Industries in mir einleuchtender Weise vor,[3] auch die Branchen des Tourismus und des Sports unter das, was er Erlebnisökonomie nennt, zu subsumieren, was das Segment kultureller Güter bereits deutlich ausweitet.

Doch man muss noch einen Schritt weiter gehen: Die Dynamik des Kulturkapitalismus besteht gerade darin, dass er sich gar nicht mehr auf einzelne Branchen beschränken lässt. Vielmehr werden Güter, die bisher eher funktional und austauschbar schienen, nun in komplizierten mikrologischen Prozessen in verschiedensten Branchen ‚kulturalisiert‘, womit sich dort ganz eigene Singularitätsmärkte ausbilden. Damit verwandeln sich immer mehr Segmente der Wirtschaft ihrer Form nach in eine ‚creative economy‘. Angesichts solcher Metamorphosen ist wirtschafts- und konsumsoziologische Feinarbeit gefragt. Zwei Beispiele: Ernährung/Gastronomie und Bildung. Ernährung und Gastronomie sind traditionelle Branchen der Wirtschaft, die in keiner creative industries-Statistik auftauchen, haben sie traditionellerweise doch größtenteils funktionale Güter im Angebot. Während der letzten 20 Jahre lässt sich demgegenüber aber in bestimmten Segmenten dieser Branchen eine zunächst schleichende, dann signifikant beschleunigte Kulturalisierung – Ästhetisierung und Ethisierung, damit Valorisierung – unterschiedlichster Waren, vom Mineralwasser über den Kaffee bis zum Bioprodukt, beobachten, ebenso wie eine mittlerweile enorm ausdifferenzierte Gastronomie in den westlichen Großstädten (man vergleiche etwa die gastronomische Szene in Städten wie Glasgow oder Rotterdam zwischen 1990 und 2017). Hier treten mittlerweile exakt die Bewertungs- und Konsumformen auf, die aus dem Umgang mit kulturellen Gütern bekannt sind. Dass wir es mit Branchen zu tun haben, in denen beträchtliche ökonomische Werte im engeren Sinne bewegt werden, muss ich nicht eigens betonen.

Das Bildungswesen – bestimmte Segmente von Vorschulen, Grundschulen, höheren Schulen, Hochschulen – ist insofern interessant, als hier teilweise besonders eindrücklich das stattfindet, was ich ‚Kulturökonomisierung‘ nenne: Güter, die vorher nur rudimentär überhaupt so etwas wie Märkte gebildet haben, werden dadurch, dass bildungsbeflissene Mittelschichtseltern von ihnen singulären Wert erwarten, zu marktförmigen Gütern. Solche Organisationen feilen an ihrem Alleinstellungsmerkmal, so dass sie zu kulturellen Gütern auf Singularitätsmärkten avancieren, denen anspruchsvolle Konsumenten gegenüberstehen: Schulen mit besonderem Profil oder einer spezifischen Schulkultur. Auch solche Märkte sind selbst in schnöden Zahlen des BIP gerechnet ein ökonomisch relevanter Bereich. In allen diesen Fällen gilt: werden nur einige der Güter in einem Bereich kulturalisiert und singularisiert, gewinnen sie einen derartigen Wettbewerbsvorteil, dass ihnen viele andere (beispielsweise Gymnasien in einer Stadt, Hochschulen eines Landes, Gastronomiebetriebe einer Großstadt) folgen: Singularität wird zur anspruchsvollen Norm. Der Kulturkapitalismus wirkt mithin expansiv. Eine Analyse der Entstehung und Expansion – und sicher auch der Grenzen – von einzelnen Singularitätsmärkten scheint mir eine hochinteressante Aufgabe für die wirtschafts- und konsumsoziologische Forschung zu sein, zumal dabei auch Grenzen zu anderen Bereichen überschritten werden, man denke an den ‚Markt der Religionen‘ oder die digitalen Partnerschaftsmärkte.

Wenn diese Expansion der Märkte für kulturelle Güter eine langfristige Entwicklung darstellt, muss man die Ursachen einer solchen Kulturalisierung der Ökonomie bezeichnen können. Aus meiner Sicht lassen sich vor allem zwei Bedingungen identifizieren, eine innerökonomische und eine kulturelle. Die innerökonomische Ursache ist wirtschaftshistorisch vertraut: Der Kapitalismus geriet mit der Produktion industrieller Massengüter Anfang der 1970er-Jahre – mit dem Ende der langen Nachkriegszeit und dem Abschluss der ‚Wohlstandsversorgung‘ der Bevölkerung – in eine grundsätzliche Sättigungskrise. Dies heißt: Innerhalb der westlichen Gesellschaften lässt sich zusätzlicher Absatz und Gewinn im Wesentlichen über die kulturellen und singularisierten Güter verschaffen, nicht mehr über die bereits erreichte Grundausstattung mit funktionalen Gütern. Denn der Markt für kulturelle Güter scheint potenziell unbegrenzt, er arbeitet mit Intensitäten, die sich aus qualitativen Differenzen ergeben, mit affektiven Identifikationen, Erlebnishoffnungen und Authentizitätsprestige, also mit immer wieder neuen Konsumanreizen, die rein funktionalen Gütern nie abzugewinnen wären. Zugespitzt gesagt: Der Kapitalismus muss in seiner avanciertesten Form auf einem Kulturkapitalismus, einen affektiv aufgeladenen Kapitalismus, zulaufen, der für unbegrenzte Möglichkeiten der Expansion sorgt. Diese expansive Kulturalisierung entspricht – und das ist die zweite Ursache – auch den Wünschen der Konsumenten, genauer: der zahlenmäßig beträchtlichen westlichen ‚neuen Mittelklasse‘, die ebenso konsumfreudig ist wie sie über entsprechende materielle Ressourcen verfügt. Indem die neue Mittelklasse, die seit den 1970er-Jahren entstanden ist, beeinflusst vom Wertewandel der Selbstverwirklichungswerte ein besonderes Interesse an Lebensqualität, Authentizität, subtilem Prestige und sublimem Genuss entwickelt, ist sie die wichtigste Nachfragerin für die Güter des kulturellen Kapitalismus. Die Angebots- und die Nachfrageseite schaukeln sich gegenseitig hoch (durchaus durch massive Anreize zur Verschuldung noch zusätzlich ermöglicht): der Kapitalismus kulturalisiert und singularisiert sich.

6. Kurz zum Einwand Berthold Vogels, was die Relevanz von Singularisierung innerhalb der Arbeitswelt ausmacht: In Bezug auf den Strukturwandel der Arbeitswelt in der Spätmoderne gehe ich von Goose/Manning/Salomons Diagnose einer grundsätzlichen Polarisierung der Arbeitsverhältnisse in der postindustriellen Ökonomie zwischen Hoch- und Niedrigqualifizierten aus.[4] Die singularisierte Arbeit mache ich nun in ersterem Segment aus, während ich für die ‚Dienstleistungsklasse‘ ein konträres Muster identifiziere. Vogels Ausführung, dass in seiner eigenen empirischen Forschung bei Facharbeitern, Verwaltungsangestellten, Pflegekräften usw. in Deutschland dieses erste Muster nicht auszumachen sei, sondern eher ein Kampf um die Aufrechterhaltung des Normalarbeitsverhältnisses, leuchtet mir ein. Aber das von Vogel benannte Segment der Arbeitswelt ist ja in den arbeitssoziologischen Untersuchungen, auf die ich mich beziehe, gar nicht gemeint. Diese entfalten das, was man die ‚Subjektivierung der Arbeit‘ und Projektarbeit nennt, eben im hochqualifizierten Segment der Wissensökonomie und der creative industries. Dass dort in Projekten gearbeitet wird und Netzwerkkapital eine Rolle spielt, dass Profilierungswettbewerbe und Casting-Zwänge herrschen, Selbstverwirklichungshoffnungen existieren und asymmetrische Verteilungsmuster (winner take the most)-Muster von Mitarbeitern in den gleichen Berufen zu beobachten sind, dazu liegen eine ganze Reihe von mir verwendeter empirischer, deutscher und englischsprachiger Studien vor. Ich spitze diese der Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationssoziologie vertrauten Arbeiten unter meiner theoretischen Brille auf Singularisierungs- und Valorisierungsprozesse und ihre Folgen zu. Vogels Bemerkung deutet aber darauf hin, dass gerade in Deutschland zwischen den Extremen der Hoch- und Niedrigqualifizierten weiterhin eine beträchtliche, allerdings offenbar unter Druck befindliche ,Mitte‘ existiert.

7. Nun zu meiner Analyse von Sozialstruktur und Lebensstilen, gegen die insbesondere Cornelia Koppetsch einige Einwände erhoben hat. Für die Sozialstruktur der Spätmoderne mache ich eine grundsätzliche Polarisierung zwischen Mittel- und Unterklasse sowie in der Mittelklasse zwischen neuer und alter Mittelklasse aus. Neue Mittelklasse, alte Mittelklasse und neue Unterklasse (zuzüglich der sehr kleinen Oberklasse on top) bilden damit – zugespitzt formuliert – eine ‚Drei-Drittel-Gesellschaft‘. Mein analytischer Zugriff auf die Lebensstile dieser Klassen ist von Pierre Bourdieus Die feinen Unterschiede beeinflusst, ohne dass ich orthodoxer Bourdieuianer wäre. Selbstverständlich gehe ich davon aus, dass für die Differenzen zwischen Ober-, Mittel- und Unterklasse zunächst Unterschiede in der Ausstattung mit ökonomischem Kapital grundlegend sind (S. 277–281, 350, 364). Aber: Einkommen und Vermögen sind notwendige Bedingungen für einen bestimmten Lebensstil, keine hinreichenden. Kein Lebensstil ist nur durch ein bestimmtes Einkommenslevel determiniert: Mit 2000 Dollar im Monat kann man zum Hipster ebenso wie zum Redneck werden! Eine Struktur-Kultur-Differenz nach Art eines Basis-Überbau-Modells ist damit unterkomplex. Muster der Lebensführung greifen immer auf bestimmte Ressourcen zu (darunter auch, aber nicht nur materielle). Doch besitzt nicht nur die kulturelle Logik dieser Lebensführung mit ihren Werten und Idealen eine Eigendynamik, sondern auch die symbolischen Relationen zwischen den sozialen Gruppen.

Die Polarität zwischen (neuer) Mittelklasse und neuer Unterklasse ist nach meiner Interpretation folglich nicht nur Ausfluss einer materiellen Differenz, vielmehr spielt die kulturelle Entwertung durch ‚hegemoniale‘, durch die neue Mittelklasse verkörperte Valorisierungen (z. B. gesunde Lebensführung, Internationalität, Kind zentrierte Erziehung) eine mindestens ebenso essenzielle Rolle. Keinesfalls ergibt sich aus solchen Befunden jetzt umgekehrt, dass die Akteure aus der Unterklasse zwangsläufig zu passiven ‚Opfern‘ werden. Zwar sind gewisse Entwertungsgefühle empirisch belegt, doch widme ich den „singularistischen Gegenstrategien der Unterklasse“ im Buch ein ganzes Kapitel. (S. 359–362) Bemerkenswert ist, dass diese Gegenstrategien häufig ebenfalls auf kulturelle Kategorien des ‚Authentischen‘ zurückgreifen, sie aber gewissermaßen gegen die Mittelklasse umcodiert werden. Dies alles sind Prozesse von hoher Dynamik, in denen Bewertungskriterien strittig werden.

In den Mittelpunkt meiner Analyse habe ich aber nicht ohne Grund die ‚neue Mittelklasse‘ gerückt, also die Klasse der Akademiker mit hohem kulturellen Kapital. Denn sie, die sich seit den 1970er-Jahren in ihrer heutigen Form ausgeprägt hat, trägt den singularistischen Lebensstil in besonders einflussreicher, ja geradezu hegemonialer Weise. Die Unterscheidung neue/alte Mittelklasse – mit der ich aus dem Korsett der endlosen Debatte über ‚die Mittelschicht‘ und ihre ‚Krise‘ ausbrechen will – ist für mich zentral. Hier wird deutlich: die Unterschiede der Lebensstile zwischen diesen beiden Gruppen lassen sich anhand des Verweises auf ökonomisches Kapital gar nicht begreifen, weil es in dieser Hinsicht gar keine Differenz zwischen ihnen gibt! Auf der Ebene der Ressourcenausstattung macht nicht das ökonomische, sondern das bei den Akademikern höhere kulturelle Kapital zunächst den entscheidenden Unterschied aus. Die neue Mittelklasse entwickelt mit dieser Ressource im Rücken nun ein eigenständiges Lebensführungsmuster, das sich als Kombination des für die Mittelklasse insgesamt typischen Interesses an Statusinvestition und Erfolg mit einem für diese Gruppe – aus dem postmaterialistischen Wertewandel gespeisten – spezifischen Wunsch nach Lebensqualität, ‚gutem Leben‘ und Selbstverwirklichung interpretieren lässt. Kulturhistorisch gesprochen: Bürgerlichkeit und Romantik gehen eine folgenreiche Synthese ein. Dieser Lebensstil verspricht im sozialen Umgang ein ‚Prestige des Singulären‘. Schließlich hat die Unterscheidung der neuen von der alten Mittelklasse und neuen Unterklasse für mein Verständnis nicht nur eine sozio-kulturelle, sondern auch eine sozio-politische Dimension: Denn nur so lässt sich auch der neue politische Cleavage – in der Terminologie von de Wilde u.a. – zwischen ‚Kosmopoliten‘ und ‚Kommunitaristen‘ begreifen, der das politische Feld jenseits der klassischen Links-Rechts-Unterscheidung durchschneidet.[5]

Ich möchte unterstreichen: Eine Analyse der Lebensführung und des Einflusses der Akademikerklasse etwa auch über institutionelle und mediale Wege – einschließlich der jüngsten Widerstände dagegen – ist für ein Verständnis der spätmodernen Gesellschaft des Westens grundlegend. Die Soziologie muss sich dieser Aufgabe stellen, was sie bisher nach meinem Eindruck nur ungenügend getan hat. Mir scheint, dass die Akademikerklasse in den Sozialwissenschaften (wie auch in der Politik) eine Art elephant in the room darstellt. Jeder ahnt wie wichtig sie ist, aber kaum jemand redet darüber. Diese Situation sollte sich ändern!

Natürlich kann man fragen, wie homogen die akademische Mittelklasse ist und nach internen Differenzierungen suchen. Wenn man sie genauer unter die Lupe nimmt, werden natürlich – neben Einkommensdifferenzen und gewissen Differenzen zwischen den Alterskohorten – kulturelle Differenzen zwischen verschiedenen Submilieus sichtbar. Die sehr differenzierte Lebensstiluntersuchung des Heidelberger SINUS-Milieus unterscheidet zwischen vier Milieus, die sich im Bereich dessen bewegen, was ich als die neue Mittelklasse bezeichne.[6] Bei aller Differenz im Detail wird jedoch erkennbar, dass die Submilieus auf abstrakterer Ebene das gleiche kulturelle Muster teilen: es beruht auf den Lebensidealen der Selbstentfaltung, Authentizität, Weltoffenheit, Individualität, Mobilität und ‚Lebenskunst‘. Neuere empirische Untersuchungen demonstrieren dementsprechend, wie sowohl bei den jüngeren Akademikern die kulturelle Conaisseurhaftigkeit mit ihren Valorisierungstechniken und Originalitätsansprüchen als auch bei arrivierten Akademikern die ausgefeilten Praktiken eines an ‚Authentizität‘ orientierten Konsumverhaltens offenbar unabhängig von Studienfächern oder einzelnen Berufen gelten.[7]

Hinsichtlich der spätmodernen Sozialstruktur und Lebensstile ergeben sich damit reichhaltige Forschungsfragen, sowohl was die Binnenpraktiken der akademischen Mittelklasse und ihrer Submilieus angeht, ihr Verhalten zu Bildung und Schule, der Ernährung, Politik etc., aber auch hinsichtlich der Relationen zwischen Mittel- und Unterklasse, die Gegenstrategien letzterer, und vor allem des Verhältnisses zwischen neuer und alter Mittelklasse wie auch die Binnenstrukturen letzterer. Die kulturellen Formen der spätmodernen Lebensstile genauer zu untersuchen, bedeutet dabei gerade keinen Kulturidealismus, sondern den Valorisierungspraktiken, Entwertungen und symbolischen Konflikten auf die Spur zu kommen, in denen auch Auseinandersetzungen um kulturelle Hegemonie stattfinden. Bildlich gesprochen: Kultur ist kein ‚weicher Faktor‘, sondern von beträchtlicher Härte und Prägekraft.

8. Ganz generell ist der Beitrag zur Gesellschaftstheorie, den ich in Die Gesellschaft der Singularitäten liefern will, als eine im doppelten Sinne empirische Gesellschaftstheorie zu verstehen. An einem theoretischen ‚Flug über den Wolken‘, der die Realität der sozialen Praxis nurmehr aus größter Höhe und mit wenig Auflösungsvermögen wahrnimmt, habe ich kein Interesse. Daher ziehen die Kapitel des Buches die reichhaltige empirische Forschungsliteratur für die einzelnen Felder heran, auf denen aufbauend die Untersuchung erst möglich ist. Umgekehrt hoffe ich, dass das Buch neuer empirischer Forschung Impulse (inklusive Impulse zum Widerspruch) geben kann: Das gilt für die genannten sozialstrukturanalytischen und wirtschaftssoziologischen Fragen, das gilt generell für das empirische Verhältnis zwischen der sozialen Logik des Allgemeinen und Besonderen, für die Konflikte, die sich zwischen ihnen ergeben, wie auch für die Hybridisierungen. Das gilt schließlich und zumal für die Frage, wie sich das Soziale durch die digitalen Technologien verändert – ein Aspekt, dem das Buch ein für die Gesamtargumentation zentrales Kapitel widmet und das bezeichnenderweise von den Kommentatoren ignoriert wurde.

Auch das kann man als Zeichen dafür werten, dass die Soziologie weiterhin Mühe hat, ihrer Aufgabe gerecht zu werden, auf Augenhöhe mit der Gegenwart zu bleiben. Ulrich Beck hat diese bereits in den 1980er-Jahren treffend umschrieben: Die Soziologie ist mit Begriffen der Industriegesellschaft groß geworden und hat diese entscheidend geprägt; entsprechend ist es für sie die größte Herausforderung, mit dem allmählichen Verschwinden der industriellen Moderne die unberechenbareren und komplexeren Merkmale einer Spätmoderne auf den Begriff zu bringen. Dazu gibt es keine Alternative. Eine andere Wissenschaft der Gesellschaft in ihrer Ganzheit und in allen ihren Teilen als das historisch-spezifische Gebilde, das sich unter dem Namen „Soziologie“ institutionalisiert hat, haben wir nicht.

Und nun bin ich gespannt, auf die weiteren Kommentare im Buchforum!

Fußnoten

[1] Vgl. Andreas Reckwitz, Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung, Berlin 2012; ders., Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne, Weilerswist 2006.

[2] Vgl. David Harvey, The Condition of Postmodernity. An Enquiry Into the Origins of Cultural Change, Oxford 1989; Allen J. Scott, A World in Emergence. Cities and Regions in the 21st Century, Cheltenham 2012.

[3] Jens Christensen, Global Experience Industries, Aarhus 2009.

[4] Vgl. Maarten Goos/Alan Mannings/Anna Salomons, Job Polarization in Europe, in: American Economic Review 99 (2009), 2, S. 58–63; dies., Explaining Job-Polarization: Routine-Biased Technological Change and Offshoring, in: American Economic Review 104 (2014), 8, S. 2509–2026.

[5] Peter de Wilde/Ruud Koopmans/Michael Zürn, The Political Sociology of Cosmopolitanism and Communitarism. Representative Claims Analysis, WZB Discussion Paper SP IV 2014-102, Berlin 2014.

[6] Es handelt sich dort um die sogenannten Milieus der ,Expeditiven‘, der ,Liberal-Intellektuellen‘, der ,Performer‘ und der ,Sozialökologen‘. Vgl. dazu die Grafik zur SINUS-Milieustudie 2017.

[7] Vgl. zu ersterem Aspekt Mike Savage, Social Class in 21st Century, London 2015, S. 95–126; zu letzterem siehe Elizabeth Currid-Halkett, The Sum of Small Things. A Theory of the Aspirational Class, Princeton, NJ 2017.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.