Die Frage nach der Genesis

Politisches Denken über Geld und Geldschöpfung

Die Entscheidung der Jury, den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken Ann Pettifor, der britisch-südafrikanischen Wissenschaftlerin für Finanzwesen zu verleihen, mag auf den ersten Blick überraschen. Kann ein Denken über Geld ein politisches Denken sein? Ein politisches Denken in einem tieferen Sinn, nicht als Gemeinplatz, dass jedes soziale Phänomen ohnehin politisch sei?

In der politischen Theorie kommen das Geld und die Finanzwelt selbstredend vor, mit der Globalisierung und Digitalisierung der Finanzwelt ist ihr Einfluss auf den klassisch verstandenen politischen Raum schließlich und endlich nicht mehr zu ignorieren. Dieser Einfluss erscheint jedoch wie eine fremde, von außen kommende Macht, die in unsere Welt eingreift, die politische Institutionen von ihr mit dem unwiderlegbaren Argument „Dafür ist kein Geld da.“ abhängig macht, die Demokratie aushöhlt und für wachsende soziale Spannungen sorgt, mit einem Wort unser Tun und Lassen bestimmt. Diskurstheoretiker beklagen – zu Recht –, dass die der Ökonomie entlehnten Kategorien und Begriffe unsere Sprache kolonisieren. Man spricht von Effizienz und Optimierung, Selbstvermarktung, Management und dergleichen. Gegen diese Macht, ja Übermacht kann man protestieren und ankämpfen, man kann sie auch ignorieren, wenn einem das Schicksal diese Lösung gestattet; der schwierigste Weg ist jedoch, den Mechanismen zumindest etwas von ihrer verschlossenen Härte zu nehmen. Und gerade das tut Ann Pettifor, insbesondere in ihrem letzten Buch Die Produktion des Geldes. Ein Plädoyer gegen die Macht der Banken.[1] Sie möchte nichts weniger und nichts mehr als eine Wende erreichen, die groß sein und beim Kleinen beginnen soll, nämlich mit Wissen darüber, wie Geld entsteht.

Sie gewährt uns – dem breiten Publikum – den Einblick in eine Art ‘black box’, vor der derjenige, der nicht Spezialist ist, hilflos steht. Das Geld wird – wie sie es mit einer Prise Herausforderung formuliert – „aus dem Nichts“ geschöpft. Ann Pettifor führt die Worte Ben Bernankes, des Chefs der Federal Reserve vom 15. März 2009 an, der auf die Frage, woher die Fed das nötige Geld hat, um die von der Finanzkrise bedrohten Banken zu retten, mit dem Satz antwortete: „Wenn wir einer Bank Geld leihen, setzen wie einfach im Computer ihren Kontostand herauf.“[2] Die Summe, um die es damals ging, betrug 85 Milliarden Dollar. Das machen Geschäftsbanken schon immer, fügt Ann Pettifor hinzu, um zugleich zu betonen, dass das eine „große Macht“ sei. Und gerade deswegen dürfe es der Gesellschaft nicht gleichgültig sein, wer über die Geldschöpfung entscheidet und zu welchem Zweck Geld geschöpft wird.

Dass das Geld mittels Kredit zustande kommt, ist nicht erst eine späte Erscheinung unserer hochkomplizierten Zivilisation. Ann Pettifor erinnert in ihrem höchst gegenwartsbezogenen Werk immer wieder daran, wie es einst war, indem sie Momente aus der Geldgeschichte oder gar Geldanthropologie einblendet. „Das, was wir als Geld bezeichnen“, betont sie, „hat seinen Ursprung in einem Glauben. Das Wort >Kredit< leitet sich vom lateinischen >credo< ab, ich glaube. >>Ich glaube, dass du […] heute oder irgendwann in der Zukunft mein Geld zurückzahlen wirst. […] Der Zinssatz wurde zu einem Maß für dieses Vertrauen oder Versprechen. Und wenn das Vertrauen fehlt, wird er zu einem Mas für den Mangel an Vertrauen.“[3]

Dank der Erfindung des Kredits kann jemand, der etwas plant, aber dafür keine Mittel zur Verfügung hat, diese erhalten. Dafür muss er jedoch mit seinem Besitz, vielleicht mit einem Stück Boden oder mit der Leistung seines Geistes und Körpers, bürgen. Auf diese Weise werden Dinge der Natur zu Elementen des Gesellschaftssystems. Wahrscheinlich ist der Kredit eine der ältesten Vergesellschaftungsformen der Menschen, da er ein Netz von Verbindlichkeiten und Verpflichtungen schafft, die durch Sicherheiten gedeckt werden. Wir sind gewohnt, die Entstehung des Geldes vom Tausch her zu verstehen, es sind aber, sagt Pettifor die „Schulden, nicht der Tausch, [die] seit den Anfängen zum Leben in Gemeinschaft [gehören].“[4]

Indem sie diese historische und anthropologische Dimension des Geldes in ihrem Buch durchschimmern lässt, gelingt es Ann Pettifor, dem Phänomen Geld das Odium einer Macht zu nehmen, die wir spätestens seit Marx mit Selbstentfremdung bezeichnen. Pettifor hält dagegen, dass das Geld eine große kulturelle Erfindung sei. Dank der Geldschöpfung mittels gegenseitiger Verbindlichkeiten kann die Gesellschaft etwas wagen, wozu sie sonst nicht imstande wäre, wenn sie nur auf das bloß Vorhandene, das Ersparte angewiesen wäre.

Der Leserschaft von Pettifors Werk wird zunehmend klar, dass dieser Griff über das bloß Gegebene hinaus, in das versprechende und zugleich verpflichtende Noch-Nicht, eine der wichtigsten Quellen der zivilisatorischen Dynamik darstellt, wobei, das sei hier angemerkt, die Autorin mit solch weitgreifenden Thesen bescheiden umgeht. Sie sieht sich selbst in der Denktradition John Maynard Keynes‘, den sie auf eine innovative Weise als Geldtheoretiker liest. Als einen früheren Wegbereiter für diese Tradition erwähnt sie auch Georg Simmel, den Autor der Philosophie des Geldes. Über das Vertrauen und das Geld schrieb er:

Wie ohne den Glauben der Menschen aneinander überhaupt die Gesellschaft auseinanderfallen würde, - denn wie wenige Verhältnisse gründen sich wirklich nur auf das, was der eine beweisbar vom anderen weiß, wie wenige würden irgendeine Zeitlang dauern, wenn der Glaube nicht ebenso stark und oft stärker wäre, als verstandesmäßige Beweise und sogar als der Augenschein! - so würde ohne ihn der Geldverkehr zusammenbrechen.[5]

Eben deshalb ist es eine brennende Aufgabe, unterstreicht Pettifor und wir tun es mit ihr, die Geldschöpfung der Gesellschaft zurückzugeben und sie in den politischen Raum, dem sie genuin angehört, zurückzuführen. Derzeit wird die Geldproduktion leider außerhalb des Politischen verhandelt. Unter dem Politischen versteht Ann Pettifor, ganz im Sinne Hannah Arendts, den Raum der demokratischen öffentlichen Debatte.

In der heutigen Zeit ist Geld vorwiegend digitales Kreditgeld, das nicht nur außerhalb der Öffentlichkeit „produziert wird”, sondern sich auch dem Wissen der Gesellschaft entzieht. Es lasse sich darüber nicht diskutieren, höchstens in der Form, dass die Mittel knapp seien, was die politische Debatte entarten lässt; Populismus jeglicher Art ist nur eine der Folgen dieser Entwicklung. Hinzu kommt, dass die menschliche Arbeit und die Erde als beschränkte Ressourcen für die nach mathematischen Algorithmen wachsenden Schuldenberge herhalten müssen, denn diese steigen als abstrakte Größen prozentual in die Höhe, während sich die natürlichen Reserven, darunter nicht zuletzt der menschliche Körper und menschliche Geist nur langsam regenerieren, während ihnen aber immer mehr Leistung abgepresst wird.

Ann Pettifors Formel, dass das Geld „aus dem Nichts“ geschöpft wird und deshalb für die Bedürfnisse der Gesellschaft immer vorhanden sein könnte, haftet etwas Zauberhaftes an. Wir wissen aber, wie es Goethes leichtsinnigem Zauberlehrling ergangen ist. Er steht in Pettifors Buch als Symbol für unsere Zeit der globalen Finanzwirtschaft. Wir leben in einer Zeit des leichten und zugleich teuren Geldes. Ausgegeben wird es allzu oft für Dinge, die keine Zukunftsperspektive eröffnen. Das betrifft bei weitem nicht nur Entscheidungen auf Milliardenebene; Ann Pettifor führt an einer Stelle auch das Beispiel einer englischen Schönheitsklinik an. Wer sich entschieden hat, dort Kunde zu werden, bekommt gleich einen angeblich äußerst günstigen Kredit angeboten.

Indem Pettifor die Frage der Geldschöpfung zu einer politischen macht, provoziert sie uns zum Denken und Umdenken. Sie folgt hier, ohne sich darauf zu beziehen, dem Vorbild Hannah Arendts. In den letzten Zeilen der Vita activa, lobt Arendt ausgerechnet das Denken, das sie bisher zugunsten des Handelns außer Acht gelassen hatte. Sie diagnostiziert – aus anderen Gründen als Pettifor es tut – eine Verengung und Entmachtung des Politischen in der Moderne, insbesondere des politischen Handelns. Damit das Handeln aber ein wirklich politisches ist, braucht es freies und mutiges Denken. Arendt kommt zu dem paradoxen Schluss, dass „das reine Denken alle Tätigkeiten an schierem Tätigsein“ übertrifft.[6] Ann Pettifors „Plädoyer gegen die Macht der Banken“ setzt sich zum Ziel, uns zu solch reflexivem Tätigsein zu veranlassen. Denn wenn es sich mit dem Geld so verhält, können wir ein Experiment machen und die Perspektive umkehren. Zum Kredit gehören beide Seiten; der, der ihn anbietet, und der, der ihn nimmt. Auch wenn der Einzelne in seiner Isolierung nicht zählt, stellen doch die unzähligen kleinen Geldentscheidungen, die wir täglich treffen, insgesamt eine große Macht dar. Sie sind es, zusammengenommen, die die größte Quelle der Geldschöpfung ausmachen. Mir scheint es nicht verfehlt, hier eine Parallele zu den Ideen der Genossenschaftsbewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts zu sehen. Pettifor hat keine staatliche Kontrolle der Geldmenge und keine zentralistische Verwaltung im Auge, sondern bewusstes Handeln der Bürger.

Die Bürger haben im Grunde mehr Macht über die Produktion des Geldes, als sie wahrzunehmen gewohnt sind, meint Ann Pettifor. Der Eigendynamik des exzessiven Konsums, die durch Werbung und allgegenwärtige Kreditangebote angekurbelt wird und die aus uns atomisierte Kunden macht, muss ein Handeln entgegengesetzt werden, das zwischenmenschliche Wirklichkeiten, in denen wir leben, mit einschließt: insbesondere das Wohlergehen der Gesellschaften und Gemeinschaften, deren Mitglieder wir sind, denn indem wir mit dem Geld umgehen, nehmen wir die Erde und uns selbst in Pacht mit Blick in die ungewisse Zukunft. Sobald wir die Geldfrage so stellen, offenbart sich das ganze Spektrum verwandter Themen, die berücksichtigt und mitdiskutiert werden müssen: in erster Linie die Umwelt, der Lebensstil, die Werte, auch die Religion und vieles mehr, was gerade zur Debatte steht.

Ann Pettifor geht auch auf die Frage ein, ob der Kapitalismus die Demokratie als seine Voraussetzung braucht. Wir sind ja seit einigen Jahrzehnten Zeugen des ökonomischen Aufstiegs von Staaten, die das Gegenteil zu beweisen scheinen. Ihre Antwort in dieser Debatte lautet: „Die Deregulierung des Finanzsektors hat gezeigt, dass ein von der Demokratie isolierter Kapitalismus zu Renditegier, Kriminalität und Korruption in großem Stil verkommt“.[7]

Nicht zuletzt verbindet Ann Pettifor auch in ihrer Biografie das Arendt‘sche Prinzip der Wechselwirkung von Denken und politischem Handeln. Geboren und aufgewachsen in Südafrika, ist sie Mitbegründerin der weltweiten Kampagne „Jubilee-2000“. Dank dieser Initiative wurden 35 Entwicklungsländern Schulden in einer Gesamthöhe von rund 100 Milliarden US-Dollar erlassen. Zu den vielen Initiativen, an denen sie mitwirkt, zählt unter anderem die Kampagne MamaYe, die sich für die Gesundheit von Schwangeren, jungen Müttern und Babys in Afrika einsetzt. Pettifor hat die Weltwirtschaftskrise 2008 vorausgesagt und früh vor ihr gewarnt. Sie ist Direktorin des Netzwerks Policy Research in Macroeconomics, das sich mit der Keynesianischen Geld- und Politiktheorie beschäftigt.

Da für Hannah Arendt die Sprache und das Leben des Geistes aufs Engste miteinander verschränkt sind, sei unterstrichen, dass Ann Pettifors Werk in einer Sprache verfasst ist, die es für einen breiten Kreis von Nichtspezialisten lesbar macht. Das ist kein Nebeneffekt, sondern Kern der Aufgabe, für die sie plädiert: dass die Geldproduktion der Gesellschaft zurückgegeben werden soll und muss. Dazu aber brauchen wir Wissen und eine Sprache, welche die politische Debatte möglich macht. Diese Sprache zu gewinnen, ist der erste notwendige Schritt. Auch wenn wir dann mit und womöglich gegen Ann Pettifor streiten sollten, muss zuerst ein fehlendes Stück unserer Streitkultur hergestellt werden. Wir hoffen, dass es dazu kommen wird, auch dank des Hannah-Arendt-Preises.

Fußnoten

[1] Ann Pettifor, Die Produktion des Geldes. Ein Plädoyer wider die Macht der Banken, Hamburg 2018.

[2] Ebd., S. 40.

[3] Ebd., S. 43.

[4] Ebd., S. 158.

[5] Georg Simmel, Philosophie des Geldes, Frankfurt am Main, 2001, S. 215.

Englische Version: Without the general trust that people have in each other, society itself would disintegrate, for very few relationships are based entirely upon what is known with certainty about another person, and very few relationships would endure if trust were not as strong as, or stronger than, rational proof or personal observation. In the same way, money transactions would collapse without trust.(Georg Simmel: Philosophy of Money, übersetzt von David Frisby, S. 191)

[6] Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 2002, S. 414.

[7] Pettifor, Produktion des Geldes, S. 37.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.