A. Orléan: The Empire of Value

Jenseits des Marktobjektivismus? Zur Soziologie ökonomischer Werte

In Frankreich ist in den letzten Jahrzehnten an den Schnittstellen von Soziologie und (heterodoxer) Ökonomik ein neuartiger wert- und geldtheoretischer Ansatz entwickelt worden, der vor allem mit dem Namen André Orléan verbunden ist. Nach Tätigkeiten im Nationalen Institut für Statistik und wirtschaftswissenschaftliche Studien sowie dem CNRS, der französischen Forschungsgemeinschaft, arbeitet der Ökonom seit 2006 als Forschungsdirektor an der École des Hautes Etudes en Sciences sociales. Bereits 1982 publizierte Orléan gemeinsam mit Michel Aglietta das Buch La Violence de la monnaie (1982), von dem leider keine englische oder deutsche Übersetzung existiert. Gleiches gilt für das 1999 erschienene Buch Le Pouvoir de la finance. Demgegenüber liegt von Orléans letzter Monografie L'Empire de la valeur (2011) seit dem letzten Jahr eine (erweiterte) englische Fassung vor, die hier mit Blick auf einige ihrer Kernthemen besprochen werden soll.

Den Schwerpunkt der Betrachtung werde ich auf die ersten beiden der insgesamt vier Hauptteile des Buchs legen. Sie beschäftigen sich mit dem Thema ökonomischer Werte, also mit Werttheorien sowie – damit eng zusammenhängend – mit der Institution des Geldes, wohingegen sich der dritte und der in der englischsprachigen Ausgabe neu hinzugekommene vierte Teil mit Finanzmärkten, folglich auch mit der Finanzmarktkrise auseinandersetzen (und insofern als „Anwendungen“ beziehungsweise Demonstrationen des neuen Ansatzes gelesen werden können). Von besonderem Interesse gerade für die Soziologie ist Orléans Grundüberlegung:

I refuse to accept that economic value can be identified with a property, whether utility or any other, that preexists exchange. It must be considered instead as something that is uniquely the product of market relations, through which the commercial sphere itself attains a separate existence, independent of other social activities. [...] My purpose, then, is to show that market value is an autonomous phenomenon that cannot be reduced to any preexisting magnitude such as utility, labor, or scarcity (4).

Die These, wonach es sich bei ökonomischen Werten um soziale Artefakte handelt – und bei Prozessen von Wertgenerierung oder Entwertung entsprechend um soziale Vorgänge – kann mittlerweile zwar als soziologische Binsenweisheit gelten. Nicht nur die zunächst maßgeblich im US-amerikanischen Kontext entstandene New Economic Sociology schöpft aus diesem Befund ihre Inspiration und Existenzberechtigung, auch die Économie des conventions,1 die als eine Art französisches Äquivalent interpretiert werden kann (und der sich Orléan dezidiert zurechnet), folgt dieser Prämisse. Der Mehrwert des Ansatzes, der in The Empire of Value entwickelt wird, liegt allerdings darin, dass Orléan sehr viel mehr Mühe und Sorgfalt in eine Analyse der grundlegenden Theorieentscheidungen beider Varianten von Werttheorie investiert, als es der übliche Fall ist. Das Resultat sind lesenswerte Betrachtungen, die Wirtschaftssoziologie und (Mainstream)-Wirtschaftswissenschaft konzise zueinander in Beziehung setzen.

Wie im obigen Zitat bereits ersichtlich, wendet sich Orléans Kritik sowohl an die sogenannten objektiven Werttheorien der klassischen politischen Ökonomie (Adam Smith, David Ricardo, Karl Marx) als auch an die sogenannten subjektiven Werttheorien, die im Gefolge der marginalistischen Revolution (Léon Walras, William Stanley Jevons, Carl Menger) der 1870er-Jahre sukzessive zur dominanten Erklärungsweise in der neoklassischen Mainstream-Ökonomik avancierten. Anstatt diese beiden Paradigmen als opponierende Konstrukte einander gegenüberzusetzen, wie es in der Binnenlogik der Ökonomik gängig ist und auch sinnvoll sein mag, situiert sie Orléans in seinem Analyseraster lediglich als zwei verschiedene Ausprägungen dessen, was er als Substanzhypothese bezeichnet (12ff.): In beiden Fällen verläuft die Erklärungslogik von Werten über den Barter-Tausch (geldlosen Tausch) hin zum Geld, wobei die Werte als vorab gegeben (und tendenziell extrasozial) bestimmt werden. Demnach werden Werte in Austausch und Geld nur noch zum Ausdruck gebracht. Dem hält Orléan entgegen: „Commercial exchange, far from being dominated by value in the form of external, preexisting, objective preferences, now appears as the true source of value in general, and of utility, in particular” (83). Das in der Walrasianischen Allgemeinen Gleichgewichtstheorie fundierte Forschungsprogramm heutiger neoklassischer Ökonomik sieht Orléan an vier Postulate gebunden, die er zusammengenommen als Marktobjektivität (“market objectivity”) bezeichnet:

1. a set of goods and qualities known to all actors (classification postulate regarding commodities), 2. a common perception of the future (classification postulate regarding states of the world), 3. a collective acceptance of a centralized price mechanism (auctioneer postulate regarding prices), and 4. the adoption by all actors of a strictly utilitarian attitude toward commodities (convexity postulate regarding preferences). (76)

Diese Restriktionen, die sich nicht zuletzt theorietechnischen Erfordernissen verdanken (nämlich mathematische Modelle handhabbar und analytisch lösbar zu machen), haben die Mainstream-Ökonomik in hohem Ausmaß strukturiert und in ihrer Fortentwicklung bestimmt, mit dem Effekt, dass dort zahlreiche Fragestellungen, die sich aus soziologischer Warte geradezu aufdrängen, in den blinden Flecken des Theoriedesigns verschwinden. Wird die Marktvergesellschaftung axiomatisch auf individuelle Akteure verkürzt, die über exogen gegebene, stabile Präferenzen verfügen und sich allein auf dem Weg über Preise mit Informationen versorgen, geraten mögliche Differenzen über Produktqualitäten, die Kontingenz einer konstitutiv unsicheren Zukunft oder Koordinationsprobleme, die das Geschehen auf empirischen Märkten maßgeblich ausmachen, systematisch aus dem Fokus.

Eine weitere zentrale Differenz resultiert aus der Zurückweisung des Walrasianischen Auktionators, der im fiktiven Kommunismus der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie die Ebenen von Handlungs- und Strukturtheorie analytisch zusammenschweißt – freilich auf Kosten einer realistischen Konzeptualisierung von Marktprozessen – und an dessen Stelle bei Orléan eine empirisch sensible, quasi-phänomenologische Analyse monetärer Operationen tritt. Um nur das einfachste Beispiel zu geben: „If both partners to a transaction agree on a price, the transaction will go forward even if the agreed price differs from the Walrasian equilibrium price. Contrary to the neoclassical model, then, it is not required, in order for an individual to act, that the action meet with the universal agreement of the members of society, embodied in the person of an auctioneer. Money is the only approval that is needed” (109f.). Mit anderen Worten: Wird kein globaler Aggregationsmechanismus angenommen und werden somit Ungleichgewichtspreise als Normalfall angesetzt, können Handlungs- und Strukturebene nicht mehr qua der bekannten gleichgewichtstheoretischen Differenzialgleichungssysteme aufeinander bezogen werden.

Die offerierte Perspektive versteht sich, wie bereits vermerkt, nicht nur als Alternative zur marginalistischen werttheoretischen Tradition, sondern bezieht gleichermaßen Stellung gegen die arbeitswerttheoretischen Strömungen, denen ebenfalls der Vorwurf gemacht wird, das Soziale als Konstituens des Ökonomischen analytisch nur unzureichend zu berücksichtigen. Bei den Passagen zur Marx‘schen Kritik der politischen Ökonomie fällt allerdings auf, mit welcher Ignoranz die einschlägigen französischen und deutschen Diskurse einander nach wie vor begegnen. Orléan bezieht sich fast ausschließlich auf die Arbeiten des russischen Ökonomen Isaak Rubin aus den 1920er-Jahren, wenn er die Feinheiten und Ambivalenzen der Marx‘schen Werttheorie diskutiert. So heißt es beispielsweise: „Rubin correctly interprets the section on fetishism to be a critique of the substance theory of value. Indeed, his essays on Marx´s theory of value […] remain the most useful study ever made of this topic” (30). Dass Fragen der Wertformanalyse im Zuge einer Neuen Marx-Lektüre in der Bundesrepublik seit den späten 1960er-Jahren zeitweise zu einer intensiv diskutierten Problemstellung avancierten, bleibt bei Orléan unbeleuchtet.

In Deutschland ist es, soweit ich sehe, vor allem Hans-Georg Backhaus gewesen,2 der in Publikationen, die bereits vor einem halben Jahrhundert herausgekommen sind, darauf aufmerksam gemacht hat, dass die Marx‘sche Werttheorie nicht umstandslos als traditionelle Arbeitswerttheorie rubriziert werden kann. Dass es sich bei Marx vielmehr um eine Kritik an jeglicher Gestalt prä- beziehungsweise nicht-monetärer Werttheorien handelt, war schon damals die Pointe von Backhaus. Die konstitutive Rolle, die Marx dem Geld zuspricht und die es ermöglicht, die Werttheorie von physiologischen und objektivistischen Konnotationen in hohem Maß zu befreien, besitzt vermutlich mehr Gemeinsamkeiten mit Orléans Verfahren, den Wert aus Geld und Austausch zu erklären, als Letzterem bewusst ist. Orléans Buch bietet die Chance, die eher exegetisch angelegten Debatten zur Marx‘schen Werttheorie an die empirische Forschung anzubinden. Andersherum ist zu hoffen, dass durch The Empire of Value die bis dato stark empirisch fokussierten wirtschaftssoziologischen Debatten besser an Theoriefragen rückgekoppelt werden. Solche Verfugungen dürften zur weiteren Klärung der Frage beitragen, an welchen Stellen die als Alternative zur neoklassischen Ökonomik intendierten wirtschaftssoziologischen Argumentarien gleichsam unwillkürlich doch noch neoklassischen Denkmustern verhaftet bleiben.3

Wie eingangs vermerkt, beschränkt sich meine Rezension auf das Kernmotiv aus der ersten Hälfte von Orléans Darstellung. Der Fortgang des Buchs, so viel sei zumindest angedeutet, rekurriert stark auf Durkheims Theorie kollektiver Werte als allgemeinen Rahmen für werttheoretische Überlegungen. In Analogie zur gesellschaftlichen Konstruktion heiliger Objekte situiert Orléan liquide Objekte, Geld und Geldderivate, im Zentrum der Ökonomie.Dies wird ergänzt durch eine von René Girard inspirierte Theorie der Mimesis, die den tragenden Baustein bereitstellt, um wirtschafts- und finanzmarktspezifische Dynamiken zu beschreiben und zu erklären.

Fußnoten

 1In diesem Zuge kann auf Rainer Diaz-Bones umfangreiches Überblickswerk zur Konventionenökonomie verwiesen werden: Die „Economie des conventions“. Grundlagen und Entwicklungen der neuen französischen Wirtschaftssoziologie, Wiesbaden 2015.

2Eine Sammlung älterer und neuerer Beiträge dazu findet sich in Hans-Georg Backhaus, Dialektik der Wertform. Untersuchungen zur marxschen Ökonomiekritik, Freiburg 1997.

3So lautet eine Kritik bei Jan Sparsam, Wirtschaft in der New Economic Sociology. Systematisierung und Kritik, Wiesbaden 2015.

 

 

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Aaron Sahr.