F. Butollo: The End of Cheap Labour?

Happy Guangdong? Warum technologische Aufwertung in China Qualifikationserfordernisse schafft und doch nicht das Ende billiger Arbeit bedeutet

Über Jahre galt China als größte und wachstumsintensivste Werkbank der Welt. Die Fabriken der asiatischen Produktionsmacht haben ein ungeheures Spektrum an Waren zu Kosten hergestellt, die jeder globalen Konkurrenz gewachsen waren. China schien den Inbegriff einer Wachstumsdynamik zu verkörpern, die sich vor allem seiner Billig-Lohn-Produktion verdankte. Doch was passiert, wenn das für China derart einschlägige Stereotyp der Low-wage Sweatshops nicht mehr zutrifft, weil dort technologische Innovationen zunehmend die eingespielten Produktionsprozesse verändern und tradierte Arbeitswelten revolutionieren? Dieser Frage geht der an der Universität Jena tätige Soziologe Florian Butollo in einer Dissertation nach, die das klassische Forschungsprogramm einer Soziologie, die sich für die sozialen Folgen technischen Wandels interessiert, in das 21. Jahrhundert transformiert. Bekanntlich stehen Analysen des Zusammenhangs zwischen technologischen Neuerungen und sozialen Aufwertungsprozessen im Zentrum soziologischer Debatten um die historischen Veränderungen der Industriearbeit. Sie gehen in aller Regel von einer sozialstrukturellen Formierungsthese aus: Weil die Implementierung neuer Technologien Hinweise auf den sozialstrukturellen Auf- und Abstieg betrieblicher Gruppen gibt, hat sich die Arbeits- und Industriesoziologie der Nachkriegszeit in ihren empirischen Untersuchungen auf die Folgen technischen Wandels für die innerbetrieblichen Hierarchieordnungen konzentriert. Diesen Problemzuschnitt macht sich auch Butollos Studie zu eigen. Allerdings provoziert er unter dem Buchtitel „The End of Cheap Labour?“ die industriesoziologische Tradition mit einer Rückfrage: Was sind denn tatsächlich die Bedingungen, unter denen technische Avancierung überhaupt zu sozialen Aufwertungsprozessen führt?

Butollos skeptische Rückfrage attackiert ein debatteninternes Mantra, demzufolge jede soziale Auf- oder Abwärtsbewegung resultierender Effekt eines vollzogenen technischen Wandels sei. Gut marxistisch ist eine Kausalität unterstellt, die sozialstrukturelle Dynamiken auf verursachende Veränderungen des maßgeblich durch Technologien regulierten Produktionsprozesses zurückführt. Diese vermeintliche Selbstverständlichkeit stellt Butollo auf den Prüfstand. Er besteht mit anderen Worten darauf, dass die Soziologie erfahrungswissenschaftlich auszubuchstabieren hat, wie die verschiedenen Implementierungen neuer Technologien faktisch in die Arbeitsbeziehungen eingelassen sind. Erst eine sorgfältige Beobachtung solcher Umsetzungen erlaubt begründete und spezifizierende Behauptungen zum Kausalnexus von Produktionsprozess und sozialer Dynamik. Dass sie diesen Zusammenhang nicht empirisch erkundet und theoretisch reflektiert hätte, wird man der Arbeits- und Industriesoziologie aus den genannten Gründen nicht ernsthaft vorwerfen können. Freilich besteht das Verdienst von Butollos Studie darin, überzeugend darzulegen, dass ein Forschungsprogramm zu den sozialstrukturellen Auswirkungen technischen Wandels Gefahr laufen kann, den Blick gerade auf nicht technisch induzierte Effekte der Arbeitsorganisation, wie sie etwa durch Arbeitsmigration und demografischen Arbeitskräftemangel entstehen können, zu verstellen.

Butollos empirische Sondierungen führen den Leser in eine Region, wo sich die industriellen Entwicklungen im heutigen China wie unter einem Brennglas bündeln. Das chinesische Pearl River Delta empfiehlt sich, weil es nicht nur einen geradezu paradigmatischen Fall der export-orientierten Form chinesischer Marktintegration darstellt, sondern zugleich ein Labor für politische Reformen ist, die ganz auf eine technologische Aufwertung der Region setzen. Während zweier Forschungsaufenthalte in den Jahren 2010 und 2011 hat der übrigens auch als Ethnologe ausgebildete Autor über 60 Interviews geführt und Beobachtungen in 13 Unternehmen verschiedener Größe und Funktion zusammengetragen. Was die Firmen, die mit der LED- und Textilindustrie in zwei heterogenen Branchen tätig sind, dennoch vergleichbar macht, sind gezielte Anstrengungen in Richtung industrieller Aufwertung. Es handelt sich mithin um ein für Butollos Forschungspensum zweifelsohne aufschlussreiches empirisches Sample. So präsentiert er eine materialreiche Studie in kompakter Gestalt, die stimmig aufgebaut ist und mit klaren Thesen aufwartet. Gut über sein Feld informiert, leuchtet der Soziologe die Arbeitswelt der beiden Branchen detailliert aus. Er beschreibt ihre unterschiedliche Geschichte und Struktur, zeichnet ausgehend von einem regulationstheoretischen Ansatz verschiedene Pfade betrieblicher Aufwertungspraxis nach und identifiziert die bedeutsame Rolle politischer Strategien, Reformen und Rahmenbedingungen für die von ihm analysierten Entwicklungstrends des chinesischen Binnen- und Exportmarktes.

Butollos Befund fällt insgesamt ebenso ernüchternd wie eindeutig aus. In ihrem 2011 aufgestellten Fünf-Jahres-Plan hatte sich die im Süden Chinas gelegene Provinz attestiert, „Happy Guangdong“ zu sein. Doch haben sich die unter dieser Zielvorgabe zusammengefassten Regierungsinitiativen in Richtung Innovation, industrieller Aufwertung und nachhaltiger Entwicklung nach dem Urteil Butollos keineswegs erfüllt. Zwar sind die Zeiten, in denen sich Chinas Industrien fast ausschließlich auf kostengünstige Produktion spezialisierten, passé. Mit professionalisiertem Management, mit optimierter Technik, besserem Marketing und Design hat sich nicht nur in neuen Industrien wie der LED-Produktion, sondern auch in traditionellen chinesischen Branchen wie dem Textilgewerbe ein riesiger Markt für technologische Neuerung aufgetan. Doch hat das eingeführte „High-end manufacturing“ die „Low-end production“ keinesfalls ersetzt. Vielmehr belegt Butollo stichhaltig, dass die wissensintensiven Produktionsabläufe im Raum einer Industrieproduktion, deren Basis weiterhin arbeitsintensive Fabrikationsformen bilden, nur an der Spitze dazugekommen sind. Den Schlüssel zum Verständnis dieser Entwicklung liefert die Beobachtung einer Segmentierung von Tätigkeiten, dank derer die eingeführten modernen Produktionstechniken mit herkömmlichen Beschäftigungsweisen kombiniert werden, die nach wie vor auf eine große Anzahl niedrigqualifizierter – vor allem migrantischer – Arbeiter angewiesen sind. Dass diese interne Segmentierung der Belegschaften einer durchaus zu beobachtenden sozialen Aufwärtsmobilität sowohl innerhalb der Unternehmen als auch zwischen ihnen eine wirksame Grenze setzt, führt Butollo eindrucksvoll vor Augen.

Wer also auf der Matrix der üblichen Voraussetzungen industriesoziologischer Forschung aus der Zunahme technologischer Innovationen auf das Ende billiger Arbeit geschlossen hätte, läge falsch. Demgegenüber laufen Butollos Erkenntnisse in sozialstruktureller Hinsicht auf eine Erneuerung der Polarisierungsthese hinaus, also auf die Behauptung, dass es im gegenwärtigen China eine Simultaneität von Auf- und Abwertungen gibt. Von einer linearen Verbindung zwischen technologischen Fortschritten und sozialer Aufwertung kann also nicht die Rede sein, vielmehr ist anzuerkennen, dass verschiedene Arbeitskontexte in ihrer Ansprechbarkeit für den sozial dynamisierenden Einsatz technischer Neuerungen stark variieren. Butollo dokumentiert, dass selbst dort, wo „technological highly complicated processes“ eingeführt werden, die Folge keineswegs immer höhere Qualifikationsanforderungen an die Beschäftigten sind. Stattdessen können Innovationsschübe ganz im Gegenteil sogar Dequalifizierungseffekte nach sich ziehen – etwa dann, wenn den Beschäftigten eines Textilunternehmens, das seine Nähmaschinen aufgerüstet hat, als einzige Aufgabe verbleibt, zu prüfen, ob die ausreichende Menge Garn zur Verfügung steht.

Wie resilient arbeitsintensive Produktionspraktiken sind, wie sich billige Arbeit also durchaus mit technologischer Aufrüstung von Produktionsabläufen vermitteln lässt, kommt Butollo zufolge freilich nur in den Blick, wenn die Soziologie ihre Empirie nicht auf die Beobachtung technologischer Veränderungen beschränkt, die nach der fragwürdigen Auskunft der Ökonomen den industriellen Aufwertungsprozess stets initiieren. Statt einer technikzentrierten Sicht auf sozialen Wandel fordert er eine geschärfte Aufmerksamkeit für die konkreten Produktionsmodelle und spezifischen Beschäftigungsverhältnisse. Zu ermitteln ist, wie sich diese je besonderen Gegebenheiten in den unterschiedlichen Unternehmen auf die Einkommensniveaus und -verteilung auswirken. Unter diesem Blickwinkel wird dann nicht nur sichtbar, dass sich ein Großteil der Belegschaften des verarbeitenden Gewerbes in China vor allem aus Arbeitsmigranten ohne Aufenthaltsstatus rekrutiert. Deutlich wird zudem, dass Einkommensanstiege, die es gegeben hat, teils weniger Resultat technologischer Optimierungen des Produktionsprozesses sind, als vielmehr die Folge eines extrem volatilen Arbeitsmarktes, auf dem trotz vermeintlicher Überpopulation Arbeitskräftemangel entsteht.

Der sich im Lichte von Butollos Ergebnissen aufdrängenden Frage, was die Erfahrungswelten der Arbeiter in den untersuchten Betrieben kennzeichnet, geht seine Monografie nicht mehr nach. Konzentriert auf erhellende Interviews mit Repräsentanten lokaler Industrieassoziationen, Vertretern der Provinzregierung und von Unternehmensführungen, lässt sie solche Ermittlungen offen, auch wenn der Autor nicht versäumt hat, unterschiedlichen shopfloors explorierende Besuche abzustatten. Dennoch wüsste man gerne, was die Arbeits- und Lebenswelten der Beschäftigten in den verschiedenen Milieus ausmacht, angefangen von der großen Gruppe der Arbeitsmigranten über die ortsansässigen jungen Aufsteiger bis hin zu den neuen Berufsgruppen chinesischer Ingenieure, Techniker und Designer. Interessant wäre es, zu erfahren, wie es um die branchenübergreifende Entgrenzung der Arbeitszeit durch Überstunden steht oder um die firmeninterne Unterbringung der Mitarbeiter eines Betriebs, sobald die Arbeitsmigranten zweiter Generation nicht mehr bereit sind, die aufgenötigten Existenzbedingungen zu tolerieren. Und schließlich stellt sich doch auch die Frage, inwiefern sich – jenseits der Arbeitswelt – die Konsumpraktiken von Beschäftigten verändern, deren gestiegene Einkommen auf einen ausgebauten Binnenmarkt treffen. Dass Butollos Promotionsschrift, die unlängst zu recht mit dem Wissenschaftspreis der Rosa-Luxemburg-Stiftung gekrönt wurde, solche Fragen heraufbeschwört, ist ihr durchaus nicht vorzuwerfen. Denn eine der unbestreitbaren Stärken des Buches besteht gerade darin, der Arbeits- und Industriesoziologie neue Fragehorizonte erschlossen zu haben.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.