K. Kraemer / S. Nessel (Hrsg.): Geld und Krise

Monetäre Krisenlagen und soziale Ordnung

Trotz eines für die letzten Jahrzehnte zu konstatierenden wiedererstarkten Interesses an der Wirtschaftssoziologie bildet die soziologische Analyse des Geldes immer noch ein eher randständiges Thema. Der von Klaus Kraemer und Sebastian Nessel herausgegebene Band versammelt zwölf Beiträge, die sich in unterschiedlicher Weise dem Zusammenhang von Geld und Krise widmen. Als organisierenden Fragenkatalog halten die Herausgeber fest: „Welche soziologisch relevanten Faktoren können identifiziert werden, um den Zusammenhang zwischen monetärer und sozialer Ordnung zu beschreiben? Unter welchen Bedingungen mündet die Krise der monetären Ordnung auch in eine Krise der sozialen Ordnung ein? Wie können sowohl die Stabilität monetärer Ordnungen als auch ihre wiederkehrenden krisenhaften Verläufe erklärt werden?“ (7). Vermutlich liegt es nicht zuletzt an dieser Problemarchitektur, dass die versammelten Beiträge ein hohes Maß an Kohärenz und Komplementarität aufweisen, obwohl sie sich durchaus unterschiedlicher Zugriffsweisen bedienen: Die Verkopplung des Themas Geld mit der vermutlich zentralsten Grundfrage der Soziologie, jener nach sozialer Ordnung/Unordnung, etabliert einen Diskursraum, in dem die Kompetenzen der Soziologie gut zur Geltung kommen.

Im Anschluss an eine längere Einleitung der Herausgeber präsentieren die drei Beiträge eines ersten Blocks historische Perspektiven auf Geld und Geldkrisen (Michael North, Christian Postberg, Florian Brugger). Im Mittelteil folgen drei Texte zum Nexus von Geld und Krise in der soziologischen Theorie (Christoph Deutschmann, Heiner Ganßmann, Manfred Prisching), an die sich drei Beiträge zum Thema Geld in der Eurokrise anschließen (Klaus Kraemer, Georg Vobruba, Jenny Preunkert). Den Abschluss bilden zwei Texte zur Zukunft des Geldes (Sebastian Nessel, Joseph Huber). Die allesamt lesenswerten Beiträge können hier nicht separat skizziert werden. Festgehalten werden soll zunächst, dass es eine Reihe von Themenstellungen und Einsichten gibt, die in vielen der im Buch versammelten Texte mehr oder minder prominent Berücksichtigung finden und die eindrücklich demonstrieren, wo die Soziologie des Geldes gegenwärtig steht.

Dies gilt beispielsweise für die Favorisierung einer grundsätzlich historischen Perspektive auf das Geld der modernen Gesellschaft: Deren Geldsysteme sind einer permanenten Entwicklung ausgesetzt, die Organisation des Geldes variiert beziehungsweise ko-evolviert mit anderen, insbesondere politischen Veränderungen moderner Gesellschaften. Zu solchen Veränderungen gehören selbstverständlich nicht nur Experimente, Lern- und Vergessensprozesse, sondern auch Kontingenzen, nicht intendierte Handlungsfolgen und Pfadabhängigkeiten. Und dies gilt zweitens für eine Berücksichtigung dezidiert kultureller Aspekte des Geldes, eine Perspektive, die in den letzten Jahren vor allem von Viviana Zelizer1 ausgearbeitet wurde. Zelizer hat das Augenmerk auf die mannigfachen symbolisch-kulturellen Geldverwendungsweisen – wenn man so formulieren möchte: auf die Indexikalität des Geldes – gerichtet. Während derartige Einsichten bei Zelizer oftmals im Ton der Kritik an traditionellen, „strukturalistischen“ soziologischen Geldkonzepten vorgebracht werden, kommt es im vorliegenden Band zu sensibleren Verkopplungen von Kultur- und Strukturtheorien des Geldes. Einen dritten für viele Beiträge zentralen Bezugspunkt stellt die Unterscheidung von Geld und Währung dar. Klassische Stimmen der Soziologie haben sich vornehmlich auf einem relativ hohen Abstraktionsniveau bewegt, um die basalen Charakteristika „des Geldes“ zu analysieren. Demgegenüber zeichnen sich die vorliegenden Beiträge durchgehend dadurch aus, dass sie die jeweiligen konkreten empirischen Settings mitberücksichtigen. Stellvertretend möchte ich die Argumentationsgänge in zwei Texten kurz skizzieren.

Heiner Ganßmann argumentiert in seinem Beitrag „Geld, Kredit und die Finanzkrise von 2007/08“ für einen Geldbegriff, „der es erlaubt, zwischen Geld, das in der Krise weiter gilt, und Kreditinstrumenten, die demonetarisiert werden, zu unterscheiden“ (131). Eine Zentraldifferenz für den Argumentationsgang bildet die auf Joseph Schumpeter zurückgehende Unterscheidung zwischen Geldtheorien des Kredits und Kredittheorien des Geldes. Ganßmann verweist auf die aktuelle Prominenz von Kredittheorien des Geldes in vielen einflussreichen soziologischen (u.a. Geoffrey Ingham) sowie anthropologischen (u.a. David Graeber) Ansätzen und markiert einen blinden Fleck dieser Literatur: Eine entscheidende Eigenschaft von Geld – im Unterschied zu Kreditinstrumenten – sei die eines finalen Zahlungsmittels: „wenn in einer Kreditkette ein Schuldner nicht zahlt, kann sich die Zahlungsunfähigkeit in der Kette fortsetzen. Falls einer der Beteiligten jedoch endgültig zahlen kann, findet die Kette ihr Ende. Dafür muss einer der Zahlungspflichtigen über genügend liquide Reserven des endgültigen Zahlungsmittels verfügen“ (139).

Zur Bestimmung dieses endgültigen Zahlungsmittels rekurriert Ganßmann neben der Unterscheidung von Geld und Kredit auf das Verhältnis von Geld und Staat. In diesem Kontext ruft er das Konzept des „valutarischen Geldes“ aus Georg Friedrich Knapps Staatliche[r] Theorie des Geldes (1905) in Erinnerung. Bei Knapp wird damit diejenige Geldart bezeichnet, die der Staat, wenn er Zahlungen zu leisten hat, als endgültig erklärt. Unter gegenwärtigen Bedingungen entspricht dieser Geldart das Zentralbankgeld. Eine Ressource, um den Nexus von Kredit und Geld weiter zu erhellen, stellen für Ganßmann die Fragment gebliebenen kredittheoretischen Überlegungen im dritten Band des Marx‘schen Kapital (1894) dar, in dem deutlich wird, dass sich Marx nicht umstandslos als Warengeldtheoretiker rubrizieren lässt. Neben der elementaren Marx‘schen Geldtheorie, in der das Geld als verselbständigte Form des Warenwerts begriffen wird, liefert Marx eine Theorie von endogenem, in der Ökonomie selbst generiertem Kreditgeld, die dann als Grundlage einer Krisentheorie fungiert. Es ist das Verdienst von Ganßmanns Text, die gegenwärtig vorherrschenden kredittheoretischen Argumentationsweisen an diese zweite, staatliche respektive politische Dimension des Geldes erinnert zu haben – ein Faktor, der nicht zuletzt relevant ist, soll erklärt werden, warum die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise zwar zu großen Verwerfungen und Entwertungen geführt hat, bis dato aber nicht zu einem nachhaltigen Vertrauensverlust in die dominanten Währungen.

Hervorheben möchte ich auch Florian Bruggers Beitrag „Die ökonomische Geldtheorie und ihre (Finanz-)Krisen: Von David Hume bis zur Gegenwart“. Über die seitens der Wirtschaftssoziologie gängige Kritik an der neoklassischen Ökonomik hinausgehend, thematisiert er das Zusammenspiel von ökonomischen Krisen und Theorieentwicklung. Die Aktualität des Themas dürfte evident sein, reicht der historische Zugriff Bruggers doch zurück bis zur Geldtheorie David Humes, dem Ursprung der bis heute dominanten These von der Neutralität des Geldes (Quantitätstheorie). Adam Smith wird als Opponent von Hume charakterisiert, sodann werden mit der Bullion-Kontroverse sowie der Debatte zwischen Currency-School und Banking-School die wichtigsten geldtheoretischen Kontroversen des 18. und 19. Jahrhundert diskutiert. Weitere „Stadien“ umfassen das neoklassische Zeitalter (20. Jahrhundert), inklusive der (bestenfalls teilweise als erfolgreich einzustufenden) Keynes‘schen Revolution sowie der monetaristischen Gegenrevolution. Mit dem Paradigma des Inflation Targeting geht Brugger schließlich auf jenes geldpolitische Leitbild und die ihm korrespondierende Steuerungspraxis ein, die bis zur aktuellen Krise in Theorie und Praxis vorherrschend war.

Faszinierend ist der Einblick in die eigentümlich „rekursive“ Entwicklung ökonomischen Wissens, speziell in die erstaunliche Kontinuität von Grundkontroversen. Als geldtheoretisches Leitmotiv moderner Ökonomik kann so die Quantitätstheorie und ihre Kritik ausgemacht werden, die je erneut, ähnlich einer Pendelbewegung, die Debatten bestimmt und auf diesem Weg auch auf die institutionelle Gestaltung des Geldwesens Einfluss gewinnt.2 Obschon Brugger sein ambitioniertes selbstgestecktes Programm, sowohl zu zeigen, inwieweit ökonomische Geldtheorien Finanzkrisen mitverursacht haben, als auch, inwieweit Finanzkrisen zu Theoriekrisen geführt haben, nur in Teilen einzulösen vermag, wird hier eine Perspektive angedacht, die für die Soziologie wegweisend sein sollte: Es ist vor allem in soziologischer Hinsicht unzureichend, sich ausschließlich auf eine abstrakt-epistemologische Kritik der Mainstream-Ökonomik zu kaprizieren. Die jüngst im Rahmen der Performativitätsdebatte diskutierte Frage, ob und wenn ja wie (herrschende) ökonomische Theorien die Sachverhalte, von denen sie sprechen, nicht zuallererst (mit-)konstituieren, ist entscheidend, sollte aber nicht auf die (positive oder negative Beantwortung der) Frage nach der Realisierung / Vergegenständlichung von Theorien und Modellen enggeführt werden.

Wie vermerkt vermögen nicht nur die einzelnen Beiträge zu überzeugen, sondern auch die Zusammenstellung des Bandes. Tatsächlich dokumentieren sie insgesamt den Stand aktueller geldsoziologischer Forschung, sind anschluss- wie ausbaufähig und dürften sich auch gut für den Einsatz in der Lehre eignen. Eine ganz andere Frage betrifft die gesellschaftliche Wirkungsmacht der von der Soziologie bereitgestellten Befunde zum Geld. Nachdem insbesondere in den Jahren 2008 und 2009 breitflächig über ein Versagen und sogar eine Mitschuld der Mainstream-Ökonomik an Krisenausbruch und Krisenverlauf diskutiert wurde, scheint mittlerweile die „Rückkehr zur Normalität“ eingesetzt zu haben. Obwohl sich die Krise als solche hartnäckig fortschreibt und die seitens der Zentralbanken sogenannten „außergewöhnlichen geldpolitischen Maßnahmen“ (wie Forward Guidance oder Quantitative Easing) längst zu politisch tolerierten Üblichkeiten geworden sind, scheint die Deutungshoheit der Standardökonomik nicht maßgeblich gelitten zu haben.

Fußnoten

1Siehe unter anderem Viviana A. Zelizer, The Social Meaning of Money, New York 1995.

2Was bei Brugger meines Erachtens zu kurz kommt, ist eine Reflexion auf den rasch ansteigenden Formalisierungsgrad der Theoriebestände, der selbst als Faktor in der Entwicklung ökonomischer Theorien Berücksichtigung finden müsste. Das Argument sich durchziehender Grundproblematiken würde auf diesem Weg vermutlich noch an Schärfe gewinnen. Hierzu ist instruktiv: Axel Leijonhufvud, The Uses of the Past, Università degli Studi di Trento, Dipartimento di Economia, Discussion Paper, 3/2006, online verfügbar unter web.unitn.it/files/3_06_leijonhufvud.pdf; sowie Perry Mehrling, The New Lombard Street. How the Fed Became the Dealer of Last Resort, Princeton, NJ, 2011.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Aaron Sahr.