N. Dodd: The Social Life of Money

Debatten zur Natur des Geldes als soziales Phänomen

Das Thema Geld beherrscht gegenwärtig nicht nur die Politik und den Wirtschaftsjournalismus, sondern auch die sozialtheoretische Forschung, die sich verstärkt mit Geld befasst, sei es aus der Perspektive der Philosophie, der Soziologie oder der Geschichtswissenschaft. Neben Abhandlungen, die ergründen, was man mit Geld tun und was man damit besser lassen sollte, behandeln eine Reihe von Beiträgen die Frage, was eigentlich Geld ist beziehungsweise im Laufe seiner Geschichte war. So sind in den zurückliegenden Jahren einige Arbeiten erschienen, etwa von Heiner Ganßmann oder Geoffrey Ingham, die in diesem Sinne explizit die Beschaffenheit – oder die Natur – des Geldes zum Gegenstand machen. Dodd legt mit seinem Buch zum gesellschaftlichen Leben des Geldes nun einen weiteren Beitrag zu dieser Debatte vor. In seiner Studie unternimmt er allerdings keinen erneuten Versuch einer vermeintlich abschließenden Bestimmung des Geldes. Vielmehr ist dem Autor, der Soziologie an der London School of Economics lehrt, daran gelegen, die zwingend erforderliche theoretische Breite der Debatte um die Natur des Geldes als eines sozialen Phänomens auszuloten.

Das Buch ist in acht Kapitel unterteilt, die jeweils unterschiedliche Aspekte der gesellschaftlichen Prägung des Geldes aufgreifen. In diesen Kapiteln thematisiert Dodd die vermeintlichen Ursprünge des Geldes (1), Geld und Kapital (2), Schulden (3), Schuld (4), Überfluss und Verschwendung (5), den Zusammenhang von Geld als sozialer Institution mit Territorien (6), die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Geld (7) sowie schließlich kursierende Utopien hinsichtlich der Fortentwicklung des Geldes (8). Wie im Weiteren deutlich wird, bieten diese Kapitel einen anregungsreichen und beeindruckenden Gang durch eine Vielzahl von Ansätzen, die teils auf altgediente Vertreter der Geldtheorie zurückgehen, teils aber auch gewöhnlich nicht der Geldtheorie zugeordnet werden.

In den ersten drei Kapiteln streift Dodd eine Reihe von klassischen Positionen aus der Theorie des Geldes. Die Überlegungen zu den Ursprungsmythen des Geldes im ersten Kapitel, das gleichzeitig eine Art methodischen Ausgangspunkt des Buches festhält, erinnern zunächst an die immer wiederkehrende Gegenüberstellung orthodoxer und heterodoxer Positionen. Es ist innerhalb der Geldtheorie beinahe eine Standardübung geworden, die hypothetische Entstehungsgeschichte des Geldes aus einer Tauschware, wie sie sich etwa bei Adam Smith, David Ricardo oder Carl Menger findet, aufzugreifen, um sie entweder zu verteidigen oder mit unterschiedlichen Argumenten zurückzuweisen. Diese Hypothese verortet den Ursprung des Geldes in einem haltbaren, teilbaren und transportierbaren Gut, das zunächst dazu geeignet ist, den Tausch von arbeitsteilig hergestellten Waren zu vermitteln.

Eine Reihe von soziologischen, philosophischen, historischen und ethnologischen Gegenstimmen halten diese Darstellung des Ursprungs des Geldes innerhalb einer solchen stilisierten Tauschwirtschaft weder für historisch plausibel noch für gesellschaftstheoretisch erhellend. Statt in einer tauschbaren Ware vermuten opponierende Ansätze den Ursprung des Geldes in religiösem Tribut (Bernhard Laum), in der Gabe (Marcel Mauss), in quantitativer Abstraktion (Georg Simmel), in Sprache (Talcott Parsons) oder Gewalt (Michel Aglietta / André Orléan). Sie setzen dem Tauschmythos alternative Rekonstruktionen entgegen. Auch wenn sich Dodd letztlich als ein Anhänger Simmels zu erkennen gibt, indem er Geld als „Anweisung auf die Gesellschaft“ begreift, bezweifelt er, dass es sinnvoll ist, diese verschiedenen Theorien der Geldentstehung gegeneinander auszuspielen. Stattdessen plädiert Dodd dafür, diese unterschiedlichen Ursprungserzählungen als genealogische Mythen zu begreifen, die jeweils unterschiedliche Aspekte monetärer Beziehungen beschreiben. Dodds Überlegungen zu den Ursprungstheorien des Geldes unterscheiden sich in diesem Punkt von den meisten anderen Abhandlungen, in denen die Falschheit oder Wahrheit einer bestimmten Erklärung der Entstehung des Geldes dargelegt wird. Dodds für das gesamte Buch kennzeichnender Vorschlag besteht darin, gerade nicht auf die Wahrheit oder Falschheit dieser Ansätze zu schauen, sondern darauf, welche spezifischen Teilaspekte des Geldes sie jeweils überzeugend erfassen.

Das zweite Kapitel befasst sich mit der wirtschaftlichen und sozialen Bedeutung von Geld, wenn es als Kapital auftritt. Dodd stützt sich hier zunächst vorwiegend auf die Fetischanalyse von Karl Marx, auf dessen Darlegung der ursprünglichen Akkumulation und die von Marx vorgenommene Unterscheidung zwischen Geld und fiktivem Kapital. Anhand der Rezeption und Weiterentwicklung dieser Analyse durch David Harvey, Christian Marazzi und Kojin Karatani bekräftigt Dodd die Berechtigung der aktuell wieder auflebenden Versuche, die von Marx vorgelegte Krisentheorie trotz einiger Ungereimtheiten aufzugreifen und auf gegenwärtige ökonomische Zusammenhänge zu beziehen, um zu zeigen, dass Geld fortwährend Ungleichheiten und Konflikte hervorbringt.

Das dritte Kapitel konzentriert sich auf einen hiermit verbundenen, jedoch grundlegenderen Zusammenhang zwischen Geld, Kredit und Schulden. Dodd gibt einen aufschlussreichen Einblick in die wegweisenden Arbeiten von Georg Friedrich Knapp und Alfred Mitchell-Innes sowie in deren jüngere Rezeption etwa durch Randall Wray und Ingham. Nach diesem inzwischen weithin geteilten Verständnis ist Geld als bloßes Verhältnis von Schuld und Kredit zu begreifen. Die Geldwertstabilität ergibt sich demnach durch die staatliche Garantie, Geld zur Begleichung von Steuerschulden zu akzeptieren, oder bereits durch ein stabiles gesellschaftliches Vertrauen, dass Geld innerhalb bestimmter wirtschaftlicher Zusammenhänge zur Begleichung von Schulden faktisch akzeptiert wird. Um die Reichweite dieser Position zu verdeutlichen, verweist Dodd auf Joseph Schumpeters Analyse des Bank- und Investitionswesens als differentia specifica kapitalistischer Entwicklung sowie auf die Beschreibung der marktförmigen Geld- beziehungsweise Krediterzeugung, etwa bei Hyman P. Minsky und Susan Strange. Deren Untersuchungen offenbaren, dass die gesellschaftliche Beschaffenheit von Geld als Verhältnis von Schuld und Kredit und die darauf aufbauenden Instrumente kapitalistischer Finanzierung destabilisierende Tendenzen in sich bergen.

Die sich anschließenden Kapitel gehen über die zunächst primär ökonomische Debatte hinaus und greifen vermehrt gesellschaftstheoretische und philosophische Positionen zur Geldtheorie auf. Im vierten Kapitel befasst sich Dodd nicht mit der Bestimmung von Geld über das Verhältnis von Kredit und Schulden (debt), sondern mit dem in diesem Verhältnis mitschwingenden Begriff der Schuld (guilt). Ausgangspunkt dieser Untersuchung sind Beschreibungen des Zusammenhangs von Geld, Moral und Religion bei Simmel, Walter Benjamin und Norman Brown, die nach Dodd letztlich auf Friedrich Nietzsche zurückgehen. Diese Positionen werden in der Geldliteratur selten rezipiert, vermutlich weil sie als eigenständiger Theorieansatz nur schwer fassbar zu machen sind. Insbesondere bei Nietzsche und Benjamin führt Dodd eine Vielzahl von teils verstreuten Bemerkungen zum Geld an, aus denen er eine theoretische Position zum Geldbegriff herausarbeitet. Die Pointe dieser an vielen Stellen aufblitzenden Übertragung eines normativen Schuldbegriffs auf monetäre Beziehungen liegt in der bemerkenswerten Differenz, dass in moralischen und religiösen Zusammenhängen auf Vergebung zu hoffen ist, in wirtschaftlichen Zusammenhängen jedoch nicht.

Das fünfte Kapitel, das auf den ersten Blick sonderbar in einer sozialwissenschaftlichen Abhandlung zum Geld anmutet, thematisiert den Zusammenhang von Geld und Verschwendung (waste). Ausgangspunkt dieser Überlegungen sind die Theorien Georges Batailles, Jean Baudrillards und Jacques Derridas. Geld wird hier als ein gesellschaftliches Mittel gesehen, um Überfluss, Luxus und Verschwendung zu organisieren. In diesem wie auch in dem vorausgehenden Kapitel sind die übergreifenden Zusammenhänge, die Dodd herstellt, nicht immer offenkundig und zum Teil mindestens voraussetzungsreich. Dennoch hat Dodds Folgerung, dass im modernen Kapitalismus Überfluss zum systemischen Problem werde und dass, um Wachstum zu sichern, Knappheit durch Verschwendung hergestellt werden müsse, erneut eine verstörende Überzeugungskraft.

Das sechste Kapitel zum Verhältnis von Geld und Territorium untersucht die schwindende Bedeutung geografischer und territorialer Grenzen für Geld. Obwohl staatliche Währungen offenkundig eine entscheidende Bedeutung für monetäre Ordnungen spielen, zeigt die Entwicklung des Euros einerseits, aber auch das Aufkommen von alternativen Währungen wie Bitcoin oder Regiogeldern andererseits, die schwindende Bedeutung einzelner Staaten für Geld. Überlegungen zur Deterritorialisierung findet Dodd bei Gilles Deleuze und Félix Guattari sowie bei Michael Hardt und Antonio Negri. Letztlich aber greift er wieder auf Simmel zurück, der als Gegenüber des Geldverhältnisses nicht eine bestimmte Gesellschaft ausmachen will, sondern einen komplexeren und weniger leicht greifbaren Prozess der Vergesellschaftung.

In den letzten beiden Kapiteln werden Dodds Hauptanliegen im Vorantreiben einer Theorie des Geldes sichtbar. Zunächst wendet er sich im siebten Kapitel dem entfremdenden, verdinglichenden und zerstörerischen Einfluss des Geldes auf die Kultur zu, wie er bei Marx, Simmel und insbesondere bei Karl Polanyi formuliert wird. Daraufhin untersucht Dodd die umgekehrte Richtung einer gesellschaftlichen Prägung des Geldes, die etwa Viviana Zelizer und Keith Hart beschreiben. Gemäß dieser Vorstellung ist Geld nicht zwingend der qualitätslose Objektivierer, als der es meist rekonstruiert wird, sondern erfährt seinerseits unterschiedliche Formen der Prägung durch Kultur und Normen.

Die Einsicht in die gesellschaftliche Prägung des Geldes, aufgrund derer es nicht völlig frei zu verwenden, sondern an bestimmte gesellschaftliche Normen geknüpft ist, führt Dodd im achten Kapitel schließlich zu einigen Überlegungen, wie Geld alternativ ausgestaltet werden könnte. Dodd zeigt, dass die kritische Geldtheorie sich nicht nur mit der Abschaffung des Geldes, sondern auch mit seiner Weiterentwicklung befassen sollte. Obwohl Dodd die insbesondere von Marx und Simmel sowie neuerdings auch von Michael J. Sandel und Debra Satz formulierten Entfremdungs- oder Korrosionstendenzen des Geldes ernst nimmt, will er Geld nicht allein über dieses zerstörerische Potenzial begriffen wissen. Geld kann Dodd zufolge auch in einer Weise neu organisiert werden, in der es ökonomischen, sozialen, moralischen oder politischen Zielen dienlich ist. Beispiele sind Simmels Vorschlag eines vollkommenen Geldes, das faire Preise realisiert, die Vorstellung eines Arbeitsgeldes, die bei Robert Owen und John Ruskin vorgebracht wird, Silvio Gesells Idee eines Geldes, das nur in Zirkulation seinen Wert behält, sowie natürlich Satoshi Nakamotos Bitcoin, der nur durch ein dezentrales Netz von Beziehungen besteht. All diese Konzeptionen tauchen bei verschiedenen gegenwärtigen Alternativgeldern auf. Gleichwohl bietet Dodd an dieser Stelle nicht den einen Vorschlag zur Neuorganisation des Geldes an, sondern schaut sich die verschiedenen Ziele und Ideen alternativer Geldformen an. Diese Offenheit für zunächst abwegig erscheinende Denkanstöße, die sich bereits durch die vorigen Kapitel zieht, ist eine der großen Stärken von Dodds Abhandlung. Die Lösung der gegenwärtigen monetären Krise besteht Dodd zufolge nicht in der Reform des einen Geldes, sondern in der Weiterentwicklung einer Vielzahl von Geldern.

Einige werden bei diesem Buch bemängeln, dass es keine umfassende Begründung einer spezifischen These zur Beschaffenheit des Geldes oder eine kohärente Theorie des Geldes vorlegt. Wer bereits Bekanntschaft mit Dodds früheren Arbeiten zur Soziologie des Geldes gemacht hat – etwa in den Archives Européennes de Sociologie oder in seiner 1994 erschienenen Dissertationsschrift –, versteht unmittelbar, warum das nicht zu erwarten ist.1 Dodd argumentiert gerade gegen die Suche nach der einen schlanken kohärenten Theorie des Geldes und plädiert stattdessen dafür, Geld über die Vielfalt seiner Erscheinungsformen und seinen Facettenreichtum zu begreifen. Geld ist für Dodd kein Gegenstand, sondern ein Prozess. Es besteht demzufolge aus gesellschaftlichen Beziehungen, die vielgestaltig sind und ständigem Wandel unterliegen. Die sozialwissenschaftliche Analyse gegenwärtigen und vergangenen Geldes sowie die Erwägungen seiner Weiterentwicklung sollten demnach auch nicht hinter dieser Komplexität zurückbleiben. Zum Teil ist bei der Lektüre des Buches verwirrend, dass Dodd in seinen Ausführungen – auch in der Rezeption einzelner Autoren – auf sehr viele verschiedenartige Quellen verweist, die er ins Gespräch miteinander bringt. Aber was hier als Makel des Buches erscheint, ist ebenfalls die Kehrseite einer Tugend. Um die vielfältigen Beziehungen zu verstehen, aus denen Geld konstituiert ist, muss Dodd das gesellschaftliche Leben des Geldes in seiner gesamten Breite ausmessen und mit der größtmöglichen Offenheit studieren. Wer einen Einblick in diese zum Teil überwältigende Vielfalt erlangen möchte, dem sei Dodds Buch empfohlen. Wer sich ernsthaft mit den Theorieoptionen zur Bestimmung des Geldes als gesellschaftlicher Größe befassen will, kommt an diesem Buch ohnehin nicht vorbei.

Fußnoten

1  Siehe Nigel Dodd, The Sociology of Money. Economics, Reason & Contemporary Society, Cambridge 1994; sowie Ders., Laundering ‘Money’. On the Need for Conceptual Clarity within the Sociology of Money, in: Archives Européennes de Sociologie 46 (2005), S. 387–411.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Aaron Sahr.