Ökonomie, Markt und Kapital als politische Kräfte begreifen

Joseph Vogl im Gespräch mit Ivan Boldyrev

[1] Lassen Sie uns mit den Anfängen beginnen: Sie haben Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert. Was hat Sie zu der Entscheidung für diese Fächer geführt? Wie haben Orte und Zeiten Ihren Weg durch die Universität mitbestimmt?

Solche Entscheidungen liegen im juvenilen Halbdunkel, und man muss sich vor Rückschaufehlern hüten. Aber wahrscheinlich hat mich eine gewisse Unübersichtlichkeit an diesen Fächern gelockt. Anders als bei anderen Disziplinen wurde man hier nicht so sehr von klaren Gegenständen und Grenzen oder kenntlichen Berufsbildern geblendet. Die Curricula sahen eher labyrinthisch aus, das Verirren war ebenso absehbar wie das Herumspazieren. Also war es wohl das Unsystematische und Bodenlose, das mich an Literatur, Philosophie oder Geschichte anzog, auch wenn es einem zwischendurch Schrecken einjagte. All das passierte Ende der 1970er-Jahre, und in dieser Zeit haben solche Orte wie Universitäten – zumindest, wenn man aus niederbayrischen Kleinstädten kam – weniger nach Ausbildung als nach Auswilderung und Freiheit gerochen. Und als ich einmal drauf und dran war, aus diesem schwierigen Gelände zu flüchten, hat mich ein akademischer Lehrer angehalten und überzeugt, dabei zu bleiben.

 

Ihre akademische Laufbahn haben Sie als Literaturwissenschaftler und Ideenhistoriker begonnen. Wie kam es dann zu Ihrem Interesse für das ökonomische Wissen?

Das hatte fast eine gewisse Notwendigkeit. Als ich Anfang der 1990er-Jahre nach Paris ging und mit Foucaults „Ordnung der Dinge“ in der Hand den Spuren anthropologischen Wissens in Literatur und Ästhetik des 18. Jahrhunderts hinterher las, bin ich fast auf jeder Seite ökonomischen Einfällen begegnet, in der Naturgeschichte, in der Medizin, in Philosophie, in Enzyklopädien, in Zeichentheorien und Schönheitslehren. Überall zirkulierte, kommunizierte und floss es, Tauschverhältnisse, das Zuviel kompensierte das Zuwenig, die Vorsehung durchwirkte alle Reiche der Natur, die Robinsons standen Modell. Das verstärkte den Eindruck, dass sich die Ökonomie des Wissens im ökonomischen Wissen abbildete und der Mensch, das Gattungsexemplar gerade damit beschäftigt war, sich am homo oeconomicus aufzurichten. Die Frage nach Status und Genese ökonomischen Wissens ist für mich darum unausweichlich geworden.

 

Wie blicken Sie heute auf die Leitidee von „Kalkül und Leidenschaft“, Ihres ersten Buches über das ökonomische Wissen, zurück? Und könnten Sie, auch wenn Simplifizierung droht, ein paar Worte über die Verbindung der Themen dieses Buches mit Ihrem größeren Projekt einer „Poetologie des Wissens“ verlieren?

Wenn man solche Bücher nachträglich noch einmal zu Hand nimmt, so spürt man das hoffnungsvolle intellektuelle Rumoren von damals, während die Beinchen noch am akademischen Fliegenpapier kleben. Man muss nicht nur anderen, sondern auch sich selbst etwas beweisen. Und überdies für eine sogenannte ‚scientific community‘, also die Literaturwissenschaft, kenntlich werden. Für mich galt damit der Auftrag, nachzuweisen, dass Gegenstände und Erkenntnisweisen des entstehenden ökonomischen Wissens nicht nur ein dominantes Muster für die Beschreibung von Naturverhältnissen, Morallehren und soziale Verkehrsformen wurden, sondern auch privilegierte Darstellungsverfahren hervorbrachten, deren Programm man dann in Narrationen, Schauspielen oder ästhetischen Konzepten nachverfolgen konnte. Jede epistemologische Klärung, so habe ich das damals gesagt, ist mit einer ästhetischen Entscheidung verknüpft; jede Wissensordnung bildet Darstellungsoptionen aus, die über Konsistenz und Korrelation ihrer Objekte entscheidet. Das ergab die ‚Poetik‘ jenes ökonomischen Menschen, dessen Aktionen, Regungen und Kompliziertheiten ich über verschiedene Diskurse und Genres hinweg untersuchte: Im Theater wurden sie etwa von der Blaupause des Tausches, der Geldzirkulation und des Vertrags, im Roman aber von der Bewältigung einer kontingenten Ereignismasse geprägt, um die sich auch die Probabilistik oder kameralistische, policy-wissenschaftliche Handbücher bemühten. Letztlich ging es um die Logik eines zweimal umgestülpten Handschuhs: wie sich das Wissenssubstrat poetischer Gattungen und die ‚poetische‘ Durchdringung von Wissensformen aufeinander beziehen lassen.

 

Haben Sie sich je in akademischer oder intellektueller Hinsicht einer besonderen Schule, Gruppe oder Generation zugehörig gefühlt?

Nein, dieses Vergnügen – oder dieses Pech – hatte ich nicht. Man hat übrigens immer wieder versucht, aus meiner Generation nachträglich eine ‚Generation‘ – etwa die ‚1978er‘, analog zu den ‚1968ern‘ – zu machen, als würde etwas fehlen, wenn man die biologische Herkunft nicht mit einer historischen oder kulturellen veredeln kann. Diese Versuche sind gründlich misslungen. Als einzige intellektuelle Verknüpfung blieb wohl bestehen, dass wir zu den baby boomern gehören und echte Probleme für die Rentenkassen darstellen werden. Allerdings suchte ich Bündnisse, so etwas wie Nahrungszusätze oder Vitamine, die einem die intellektuelle Fortbewegung erleichtern. Und weil sie den geringsten Widerstand leisteten, griff ich zunächst zu den Toten, Adorno und Benjamin. Sie hatten Monumente hinterlassen, die „Ästhetische Theorie“ oder das „Passagenwerk“, die man derart produktiv verstehen oder missverstehen konnte, dass sich daraus so etwas wie ein denkerisches Selbstgefühl, ein gefühltes Selbstdenken ergab. Solche Texte funktionierten auch wie Trampoline, man machte damit höhere Sprünge als mit eigenen Kräften, verbunden mit dem Eindruck, wenigstens für Augenblicke einen Überblick über Weltlagen zu erhalten.

 

Um jetzt nicht von Michel Foucault zu sprechen, auf dessen Arbeit wir sicherlich noch zu sprechen kommen, würde mich interessieren, welche Autoren oder Ansätze Sie in den 1980er- und 1990er-Jahren besonders anregend fanden?

Abgesehen von den Autoren der Kritischen Theorie und später Foucault war das zunächst Robert Musil, „Der Mann ohne Eigenschaften“, Ende der 1970er-Jahre. Eine erste wirkliche Lektüre. Sieben Tage im Zimmer, einen Stuhl in die Mitte gerückt, disziplinierte Lesehaltung und dem Sog der ersten tausend Seiten folgend. Ich konnte gar nicht glauben, dass es so etwas gab: einen Roman, der erzählend das 20. Jahrhundert samt seiner Hoffnungen, Dummheiten und Ideologien zerlegt. Mein bester Freund, Roger Willemsen, nannte das ein ‚senti-mentales‘ Projekt, eine Stimulierung intelligenter Gefühle und affektiv geschärfter Denkbewegungen. Ich erinnere mich, dass ich ganz aufgeregt war über die Entdeckung, dass Literatur ein Erkenntnisinstrument sein kann, und mehr noch: über den damit verbundenen Aufruf, Genauigkeit und Analyse auch auf lebensweltliche und moralische Angelegenheiten anzuwenden. Die Lektüre hat aufs Leben durchgeschlagen, und man konnte nicht mehr so weitermachen wie bisher. Wahrscheinlich bin ich dadurch ein idiosynkratischer Leser mit einer Vorliebe für idiosynkratische Texte geworden, das heißt für solche Texte, die zunächst weniger Antworten auf Fragen, als Fragen und Probleme zu bestehenden Antworten liefern. Und vielleicht war das auch die Brücke zu Gilles Deleuze (und Félix Guattari) – der „Anti-Ödipus“ zirkulierte damals bereits außerhalb der Seminarräume und zog Leute wie mich mit seinem Ruf einer verruchten Schrift an. Ich hatte kaum etwas verstanden, pilgerte dennoch oder gerade deswegen Anfang der 1980er-Jahre nach Paris, wie viele andere. Jedenfalls blieb ich anhänglich, hörte Deleuze über das Kino reden. Trotz mieser Sprachkenntnisse konnte ich gut folgen und habe mir dann, seit Anfang der 1990er, das Privileg erarbeitet, ein paar seiner Bücher zu übersetzen. Im Grunde war das ein Glücksfall und der richtige Kurs: die Begegnung mit einem Denken und einer intellektuellen Pädagogik, die die Anschlüsse zu den weiteren Attraktionen herstellte, zum Film, zu Nietzsche und vor allem zu Kafka.

 

Um Ökonomie und Literatur zu analogisieren, wird häufig auf die Idee der Fiktion Bezug genommen – etwa mit Blick auf theoretische Modelle, mit denen die Wirtschaftswissenschaft operiert, oder auf fiktionale Narrative, die in Märkten eine Rolle spielen und dort zirkulieren. Halten Sie diese Analogie für sachdienlich?

Das Gerede über Fiktionen in der Ökonomie hat viele Missverständnisse erzeugt, vor allem das Missverständnis über den Gegensatz zwischen einer sogenannten Realwirtschaft und den Exzessen des ‚fiktiven‘ Finanzsektors – als ob Kapitalakkumulation und Finanzkapital nicht der Motor des kapitalistischen Wirtschaftens wären. Aber natürlich ist die ökonomische Dogmatik nie ohne Erzählungen, Legenden oder Bildeinfälle ausgekommen, seien es die Geschichten vom fleißigen und frommen Robinson auf seiner einsamen Insel, vom guten und treuen Kaufmann oder vom bösen Wucherer, sei es das Bild jener fabelhaften ‚unsichtbaren Hand‘, die alle geschäftlichen Bösartigkeiten ins Gute wenden soll. Während allerdings die Ökonomik wenig Interesse an der Selbstaufklärung ihrer eigenen Fiktionen hatte, wurden umgekehrt die Literatur und der ästhetische Sinn immer wieder von den Mirakeln des Wirtschaftsgeschehens angezogen. Die unbegreiflichen Reichtümer des frühen Handelskapitalismus etwa kehrten in der Magie eines unerschöpflichen ‚Glückssäckels‘ im ersten deutschen Prosaroman, im „Fortunatus“ von 1509, wieder. Und gerade das Getriebe auf Börsen- und Finanzmärkten hat sich mit seinen abenteuerlichen Seiten als besondere Herausforderung für die Literatur erwiesen – wohl nicht zuletzt deshalb, weil in den dortigen Turbulenzen weniger die Tatsachen, als die Erwartung von Tatsachen zählen. So hat man im spekulativen Geist und im Spiel mit dem Nicht-Vorhandenen eine gewisse Verwandtschaft gesehen, wie Goethe, der seinen Faust – unter heftiger Mitwirkung Mephistos – einmal Papiergeld herstellen ließ, das Ganze mit poetischen Flügeln ausstattete, mit flatterhaften, luftigen, unirdischen Bewegungen, und darin eine Nähe zum Genius der Poesie erkannte. Ähnlich ist bei Émile Zola vom Börsenspekulanten als Poeten erhabener Geldsummen die Rede – und noch bei Don DeLillo, in „Cosmopolis“, ist das fahrende Büro des Spekulanten 'geproustet', also wie Prousts Schreibzimmer mit Kork gegen die Restwelt abgedichtet. Ein ästhetisches Universum. Überhaupt kommt dabei immer wieder eine Ästhetik des Erhabenen ins Spiel: angesichts unvorstellbarer Geldsummen, denen kein Pendant in der Anschauung entspricht und mit denen die Schwerfälligkeit der materiellen Welt, das Reich der Körper und Gebrauchswerte, verlassen wird. In solchen Zusammenhängen hat Marx den Prozess der Kapitalisierung mit der Bildung „fiktiven Kapitals“ gleichgesetzt; und wahrscheinlich ist gerade die Ökonomie ein gutes Anschauungsfeld, um die Wirksamkeit, die Effizienz von Fiktionen überhaupt (im Unterschied zu Fantasiegebilden) vorzuführen: wo nämlich bloße Erwartungen, nicht vorhandene Dinge und imaginierte Zukünfte unmittelbar Systemeffekte produzieren. Also ja, es gibt wohl Analogien zwischen Literatur, Ästhetik und Ökonomie, aber die liegen vor allem in der Frage, was man mit Fiktionen und Zeichen tun kann. Wie Mallarmé einmal schrieb: „Tout se résume dans l’Esthétique et l’Économie politique“, alles läuft auf Ästhetik und politische Ökonomie hinaus.

 

Ist es, wenn ich Sie recht verstehe, Ihre Lektüre von Musil und Foucault gewesen, die Sie dazu gebracht hat, auf die Unterscheidung zwischen der Lektüre literarischer Prosa, ökonomischer Texte und – in gewissem Sinne – der Ökonomie selbst zu verzichten?

Nein. Denn natürlich macht es einen großen Unterschied, Literatur zu lesen, und es wäre verrückt, Romane mit wissenschaftlichen Traktaten zu verwechseln. Ich glaube aber, zweierlei gelernt zu haben. Einerseits scheint es einen Versuch wert zu sein, Abhandlungen (wie ökonomische) nicht als, sondern wie Literatur zu lesen, also auf alle – rhetorischen, medialen, institutionellen – Verfahren zu achten, die bei der Produktion von ‚Wahrheiten‘ mitwirken. Nur so lässt sich der historisch singuläre Status von Wissensordnungen erfassen. Es gibt keine ‚Gegebenheiten‘ oder ‚Referenten‘, die in einem zeitlosen und ungerührten Außen darauf warten, von Diskursen, von Aussagen, von Existenzbehauptungen bezeichnet, erweckt und sichtbar gemacht zu werden. Jede Bezeichnung, jede Fassung eines Wissensobjekts vollzieht zugleich eine diskursive Bewerkstelligung desselben Objekts, eine Verfertigung, in der sich die Kodes und die Wertsetzungen einer Kultur, die Systematik und die Praxis eines Wissensbereichs reproduzieren. Andererseits mag es hilfreich sein, literarische Texte nicht immer nur als mysteriöse Dokumente zu lesen, die Kommentare und Auslegungen benötigen, um endlich besser oder wirklich verstanden zu werden. Man könnte die Perspektive verkehren: Literarische Texte sind selbst Interpretationen und Deutungen, und Literaturgeschichte wäre eine Geschichte unterschiedlicher Interpretationstechniken, die die Texte selbst darstellen. Damit gäbe es zwei gegenläufige hermeneutische Blickrichtungen: eine gleichsam ‚theologische‘, in der vergangene Texte auf eine Art Erlösung durch den heutigen Interpreten warten; und eine eher ‚materialistische‘, mit der man sich die eigentümlichen Schauspiele und Mächte vergangener Sinnproduktionen ansieht. Damit ergibt sich vielleicht auch die Möglichkeit, literarische und zum Beispiel ökonomische Texte zusammen-zu-lesen, ohne ihre Unterschiede zu ignorieren.

 

Die Geschichte ökonomischer Ideen – hierzulande manchmal immer noch „Dogmengeschichte“ genannt – ist in Deutschland nicht gerade fest etabliert. Sie führt eher eine Randexistenz an den Außengrenzen unterschiedlicher Disziplinen. Doch im Ganzen gesehen erweist sie sich als Überlappung verschiedener lebhafter fachwissenschaftlicher Gemeinschaften – mit ihren je eigenen Problemsensibilitäten, Spezialisierungen und Fragestellungen. Haben Sie während Ihrer Arbeit an „Kalkül und Leidenschaft“ oder später an dem Buch über „Das Gespenst des Kapitals“ daran gedacht, auch diese Leute zu adressieren, also Historiker*innen, Soziolog*innen und Philosoph*innen, die sich etwa mit David Hume, Vilfredo Pareto oder Herbert Simon beschäftigen? Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu dieser Literatur, Ihre Reisen durch diese Texte, beschreiben?

Ich habe nicht an solche Leser gedacht, nicht an die diversen Experten unterschiedlicher Fächer. Hätte ich das getan, hätte ich den Mut verloren. Denn der Experte hat ja naturgemäß einen bösen und erbarmungslosen Blick auf die Dilettanten. In ihrem Kern waren die Bücher eher ein Selbstexperiment: Mit welchen Mitteln, Quellen, Schreibweisen und Lektüretechniken kann ich mich selbst davon überzeugen, dass manche meiner Vermutungen und Hypothesen – über ökonomische Zusammenhänge, über den Status und die Gestalt ökonomischer Theorien – richtig sind? Nur in dieser Hinsicht gab es ein imaginiertes, aber völlig unspezifisches Publikum. Denn die Selbstüberzeugung funktioniert ja nur, wenn man sich mitlesende Augen hinter dem eigenen Rücken vorstellt, die zwar nicht die eigenen, aber doch irgendwie sympathetisch sind. Selbstkritik hat man immer mehr als genug, aber die imaginierten, gütigen Leseraugen dienen dazu, die Blockaden der Selbstkritik zu lockern. Ich habe also einen egoistischen Umgang mit den Experten der Dogmengeschichte – also mit den Vertretern eines mir unvertrauten Wissens – versucht: Ich lese alle ihre Dinge und lege sie wie Munition bereit, vermeide aber, sie mir als Leser meiner eigenen Sachen vorzustellen.

 

Im Anschluss dazu noch eine Frage: Verändert sich Ihre Art, zu lesen, sobald Sie von traditioneller politischer Ökonomie auf die Wirtschaftswissenschaft der Gegenwart umschalten? Glauben Sie also, dass die Auseinandersetzung mit dem ökonomischen Wissen nach derart vielen Transformationen seit der Aufklärung einen radikalen Neuansatz verlangt, eine neue Hermeneutik?

Das Lesen ökonomischer Texte ging stets in zwei Richtungen, vorwärts und zurück. Bei den Texten aus dem 18. Jahrhundert etwa – von Kameralisten über Physiokraten bis zu den englischen Liberalen – bestand das Problem darin, sie nicht als alte und veraltete Bekannte zu lesen. Denn wenn man genau hinsah, fingen solche Texte zu vibrieren an, sie steckten voller Aufregung über allerhand Neuigkeiten: Eine ökonomische Wissenschaft gab es noch nicht, man experimentierte mit einem Sammelsurium aus unterschiedlichen praktischen, juristischen, theologischen, anthropologischen, geschäftlichen, politischen Kenntnissen, erfand die Marktmechanismen als bewundernswertes Ei des Columbus in der Sozialtheorie. Es war schlicht ein abenteuerliches Wissen mit den seltsamsten Vertretern – Schriftstellern, Moralphilosophen, Juristen, Sekretären, Kaufleuten, Projektemachern, Glücksspielern, Scharlatanen... Es ging um die umständliche Geburt eines Wissens, um die Geburt von Sachverhalten, die vorher nicht da waren. Umgekehrt verhält es sich mit den gegenwärtigen Vertretern des ökonomischen Fachs. Hier half, glaube ich, der historische Blick, um sie ein wenig zu verfremden. Ist es wirklich so selbstverständlich, von ‚der‘ Wirtschaft und ihren ‚Gesetzen‘ zu sprechen? Was passiert, wenn man die Thesen und Theorien der gegenwärtigen Makroökonomik als vergangene, historische Dokumente liest? Wenn man in die Gegenwart die Differenz des Historischen einführt? Dadurch wird dieses Wissen sozusagen entdiszipliniert, es verliert seine gesicherten akademischen, institutionellen, dogmatischen Verankerungen und wird zugänglich für den Streit, für die politische Auseinandersetzung. Was mich an der gegenwärtigen Ökonomik interessierte, war die folgende Frage: Wie formiert sich darin eine spezifische Auslegung von Welt derart, dass sich die Welt nach dieser Auslegung programmieren lässt? Wie geht man mit einer Wissenschaft um, die sich damit beschäftigt, die von ihr selbst geschaffenen Sachverhalte zu deuten? Wie interpretiert man ein Wissen, das sich der Verwirklichung seiner Interpretationen und Weltdeutungen verschreibt? Das war eine der hermeneutischen Fragen, um die es mir ging.

 

Die Art von Fragestellung und Lektüre, die Sie vorschlagen, ist sicherlich provokativ. Aber laufen wir da nicht Gefahr, eine Gelegenheit zu verpassen, die Besonderheit der Jetztzeit zu erfassen und die qualitativen Veränderungen nachzuzeichnen, die Marktwirtschaften heutzutage gewärtigen? Stichwort „Finanzialisierung“. Oder glauben Sie, dass der Gegensatz ganz woanders liegt, also gar nicht zwischen einer gerade entrückten Vergangenheit und der radikal neuen Gegenwart verläuft? Wie also wäre der Wandel der kapitalistischen ökonomischen Ordnung am besten begreiflich zu machen?

Wahrscheinlich lohnt es sich, eine gewisse Sensibilität für unterschiedliche zeitliche Dauern zu entwickeln, ein Gespür dafür, dass wir nicht in einem gleichmäßigen Strom der Zeit dahintreiben, sondern gleichzeitig in mehreren Zeitschichten existieren. Das betrifft gerade die Gegenwart kapitalistischer Marktwirtschaft. Manche Erfindungen und Wirklichkeiten, die auf die frühe Neuzeit zurückdatieren, gelten noch heute, da ist wenig Zeit vergangen: Aktiengesellschaften, Unternehmensformen, Geschäftsmodelle, Profitideen, Börsenhandel, Kapitalakkumulation, Ausnutzung oder Ausbeutung von Arbeitskräften – in dieser Hinsicht sind Geschichten des Kapitalismus, wie sie seit Marx erzählt werden, Nachrichten aus einer Vergangenheit, die nicht vergehen will. Andererseits sind es gerade diese Beharrungskräfte und ihre ‚lange Dauer‘, die selbst wiederum – mit Marx und Engels gesagt – Geschichte machen, das „Ständische und Stehende“ verdampfen lassen, Gewissheiten aushöhlen, einen Takt von Modernisierungen und Innovationen vorgeben, ja überhaupt so etwas wie einen für alle spürbaren Fahrtwind der Veränderung produzieren. Was den großen Dynastien und Territorialstaaten seit dem 16. Jahrhundert nicht gelungen ist, nämlich veritable ‚Weltreiche‘ herzustellen, wurde dann von einer kapitalistischen Weltwirtschaft bewerkstelligt, die den Titel eines ‚Weltsystems‘ (nach Wallerstein u. a.) rechtfertigte. Das Zusammenspiel von Neuheit und Immergleichem macht also das Spezifische dieser Geschichtserfahrung aus und lässt einen misstrauisch werden gegenüber der Lärmentfaltung des ‚letzten Schreis‘. Ich würde den historischen Sinn, die historische Witterung weniger auf die Bedeutung des Neuesten und Aktuellen, sondern auf etwas anderes lenken: auf die Frage, auf welche Weise sich die Geschichte kapitalistischer Ökonomie als Veränderung von Macht- und Regierungstechnologien fassen lässt. Das Beispiel der ‚Finanzialisierung‘: Diese ist ja nicht bloß durch den take off der Finanzmärkte, durch neue Finanzinstrumente oder den Umbau von Unternehmensstrukturen charakterisiert, sondern dadurch, dass die Reproduktion von Finanzkapital alle anderen – sozialen, ökonomischen – Reproduktionsprozesse diktiert. Also: Ökonomie, Markt, Kapital als politische Kräfte, als Instrumente von Regierungsmacht begreifen – nur auf diese Weise lassen sich Brüche und Veränderungen in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung registrieren, bis hin zur heutigen Abhängigkeit aller Lebensbereiche von Finanzmärkten.

 

Würden Sie der These zustimmen, es sei diese von Ihnen erwähnte ‚Politisierung‘ der Wirtschaftswissenschaften – derart greifbar in den vielen Varianten, unten denen sie augenblicklich die politische Agenda infiltriert – die dafür sorgt, dass das ökonomische Wissen so ‚verletzlich‘ und rechtfertigungsbedürftig geworden ist? Oder sehen Sie andere Konsequenzen, die sich aus diesem Prozess der Politisierung der Ökonomik ergeben?

Zwei Dinge, was diese ‚Politisierung’ betrifft. Natürlich steht hier zunächst die Übermacht der Ökonomie in den Sozialwissenschaften auf dem Spiel, eine Dominanz, die sich mit dem Begehren paart, ‚reine‘ oder ‚objektive‘ Wissenschaft wie die Physik zu sein, und sich im Anspruch aufs ‚Wahr-Sagen‘ unmittelbaren Zugang zum Machthaber bahnt. Jede Regierung hat im engsten Umkreis die ökomischen ‚Experten‘ sitzen – die in Deutschland nicht von ungefähr den ernst gemeinten Spitznamen von ‚Wirtschaftsweisen‘ erhalten haben und die wirtschaftspolitische Richtung vorgeben. Im Kern geht es dabei um die Berufung auf sogenannte Marktgesetze. Die Fixierung auf spontane und quasi natürliche Marktordnungen hat den Blick dafür verstellt, dass es sich im ökonomischen Wissen stets darum handelt, welche Interessen mit welchen Gründen gegen welche Widerstände Priorität genießen. Die ‚Politisierung‘ wäre also mit der Rücknahme der Unschuldsvermutung gegenüber politischen Entscheidungen verknüpft, die sich auf scheinbar zwingende Marktmechanismen berufen. Wirtschafts-, Finanz- und Fiskalpolitik sind nicht von prozesspolitischer Verantwortung dispensiert; und die übliche Zuflucht zu jenen angeblichen Determinismen, die etwa einen gesetzmäßigen Zusammenhang zwischen Staatsquote und Wachstum, Preisniveau und Geldmenge, Wettbewerb und Gemeinwohl, Lohnverzicht und Beschäftigung unterstellen, verhehlt nur die Macht des darin verkörperten Entscheidungspotenzials. Politisierung bedeutet hier Distanzierung von den vorgeblichen Gesetzmäßigkeiten des Marktes und lässt die Ökonomik als jenes umkämpfte Feld erscheinen, das sie immer schon war und auf dem sich ökonomische Erkenntnisweisen nicht von der Definition politischer Zielsetzungen oder Präferenzen abtrennen lassen. Man sollte in Erinnerung rufen, dass die Ökonomik ein Bündel von konfligierenden Auslegungen sozialer und historischer Sachverhalte liefert. Auf der anderen Seite wäre, wie schon angedeutet, an die genealogische oder ‚gouvernementale‘ Perspektive zu denken, die Michel Foucault vorgeschlagen hat. Aus diesem Blickwinkel ist die Ökonomie seit dem 17. Jahrhundert als spezifisches Regierungswissen – mit einer Nähe zur Staatsräson – entstanden, verknüpft mit der Frage, wie sich Territorien, Bevölkerungen und der Verkehr zwischen Leuten und Dingen besser, sicherer, reibungsloser, effizienter regieren oder kontrollieren lassen. In die Entstehung der ökonomischen Wissenschaft wäre demnach immer schon ein regierungstechnischer, das heißt politischer Leitfaden eingewebt.

 

Welche Rolle hat die Finanzkrise des September 2008 für Sie gespielt? Hat der Crash Ihre Themenstellung beeinflusst, bestätigt oder verändert? Reagierte „Das Gespenst des Kapitals“ auf die Ereignisse oder saßen Sie bereits vorher an der Arbeit?

Ausgangspunkt war wohl eine dreifache Verwunderung. Zunächst die Verwunderung so vieler Fachvertreter darüber, dass der Crash von 2008 tatsächlich passieren konnte. Kaum einer hatte es geahnt, und man hatte hier sogar von einer intellektuellen Katastrophe für die ökonomische Wissenschaft gesprochen. Dann die Verwunderung über verwunderte Experten, da ja im Grunde genommen solche oder ähnliche Finanzcrashs seit dem Ende der 1980er-Jahre am laufenden Band passierten. Schließlich die Verwunderung darüber, dass die gängigen finanzökonomischen Lehrmeinungen die globale Finanz- und Wirtschaftskrise fast unbeschadet überstanden. Das war bereits 2009 erkennbar, als ich am „Gespenst des Kapitals“ zu arbeiten begann. Eigentlich habe ich mir eine Frage aus Voltaires „Candide“ gestellt: Wie wäre es, wenn man das Finanzbeben von 2008 analog zum Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755 verstehen würde? Damals sind die älteren Versuche des Gottesbeweises und der Theodizee hinfällig geworden und haben nur als satirische, ‚panglossische‘ Gestalten überlebt. Wäre Ähnliches nicht für manche Wirtschafts- und Finanztheorien denkbar, die sich immer die beste aller ökonomischen Welten, also etwa Märkte voller Ausgleichsmechanismen und Harmonien, zurechtlegen? Wie sähe eine finanzökonomische Satire aus? Wann wird Wissenschaft unfreiwillig komisch? Nachträglich gesagt: Ich habe wohl den Dr. Pangloss – und seine Varianten – in der ökonomischen Dogmatik zu finden versucht, also einen, der Optimismus und Determinismus predigt, aber auch mal mit einem Dienstmädchen in der Hecke verschwindet.

 

In Ihrem jüngsten Buch „Der Souveränitätseffekt“ haben Sie den Begriff der Souveränität aus der klassischen politischen Philosophie wieder aufgegriffen und einem „Kollektiv-Kapitalisten“ zugeschrieben. ‚Souveränität‘ wird dabei als das Vermögen definiert, eigene Risiken in ‚Gefahren‘ für andere zu verwandeln, um sich zu entschulden und ein Gläubiger letzter Instanz zu werden. Doch kann es in der Welt moderner Märkte, in der jeder Akteur mit allen anderen in Verbindung steht und also abhängig von ihnen ist, überhaupt einen solchen Kreditgeber letzter Instanz geben? Was für eine Identität hätte – anders gefragt – ein solcher ‚absoluter‘ Souverän?

Fragen nach dem Ort und dem Status politischer Souveränität sind in den letzten Jahren noch einmal besonders akut geworden, sie bestimmten Wahlkämpfe, sie haben neue Nationalismen mobilisiert und Varianten des Ubu Roi in Präsidentenämter gebracht. Das hängt wohl damit zusammen, dass man vor dem Hintergrund der sogenannten Globalisierung, internationaler Verträge und Verbindlichkeiten staatliche Souveränität nur noch als Restposten, als ‚eingeschränkt‘, ‚geteilt‘, ‚gepoolt‘, ‚fragmentiert‘, ‚erodiert‘ oder ganz ‚abgeschafft‘ wahrnehmen wollte. Das ist nicht falsch, sollte aber in Erinnerung rufen, dass Souveränität stets nur auf dem Papier, in der politischen Theologie, in Theorien von Bodin bis Carl Schmitt monolithisch, kompakt, absolut und also wirklich ‚souverän‘ gewesen war. Einerseits wurde der Souverän dabei als eine Art höchster oder letzter Gläubiger angesehen, andererseits hat sich gerade das Fiskal-, Münz- und Finanzwesen schon in der frühen Neuzeit als ein Bereich herausgestellt, der eine Art trading zone zwischen Staatsmacht und Privatleuten eröffnete: von undeutlichen Zuständigkeiten, Partikularinteressen und Rücksichten, von Ämterhandel und Privilegien, von Zwischenträgern aller Art, von Pächtern, Agenten und Treuhändern geprägt. Später hatte man versucht, solche Unübersichtlichkeiten durch die Einrichtung von Zentralbanken zu ordnen, die zunächst die Aufgabe der Staatsfinanzierung, später eigene Souveränitätsrechte wie Münzmonopol, Notenausgabe, Liquiditätsbeschaffung und die Aufsicht über die umlaufende Geldmenge erhielten. Im Zeichen der ‚Finanzialisierung‘ der Weltwirtschaft sind solche Prärogative – etwa die Kontrolle von Liquidität und Geldmenge – schließlich von Staaten und Zentralbanken zu den Finanzmärkten abgewandert. Man hat es heute mit dem Übergang von einem ‚regierungsgesteuerten’ zu einem ‚marktgesteuerten’ Finanzsystem zu tun. Das hat zwei Konsequenzen. Einerseits haben Zentralbanken die Übersicht über systemische Risiken, aber auch die Kontrolle über zirkulierende Geldmengen verloren. Geldschöpfung passiert auf den Märkten, jüngste Finanzinstrumente haben die Differenz zwischen Geld und Finanzvermögen gelöscht, und die Idee einer bestimmten und bestimmbaren Geldquantität muss nun als historische Kuriosität erscheinen. Selbst mit Unmengen billigen Geldes hatte etwa die EZB in den letzten Jahren einige Mühe, deflationäre Tendenzen zu bekämpfen. Andererseits sind Finanzmärkte zum ‚Gefängnis’ für Regierungen, Volkswirtschaften, Gesellschaften geworden. Das meine ich mit der Rolle des Kollektiv-Kapitalisten, der sich im Anlage- und Finanzkapital verkörpert: Mit der Androhung von Kapitalflucht, Zinsnachteilen und Investitionsverzicht sind die Finanzmärkte selbst zu einer ‚monetativen’ Regierungsmacht geworden, zu einem Gläubiger letzter Instanz.

 

Obwohl sich Ihre Arbeiten allen gängigen disziplinären Einteilungen entziehen, würde mich doch interessieren, wie Sie selbst deren Ort charakterisieren – neben einer kritischen Historiografie ökonomischen Wissens und ökonomischer Praktiken (um die es in dem Buch über den „Souveränitätseffekt“ geht) auf der einen und einer politischen Philosophie, die sich mit den Formen des gegenwärtigen Kapitalismus befasst, auf der anderen Seite? Was würde Ihre Analysen und Argumente, wenn überhaupt, von einer Gegen-Geschichte unterscheiden, in der die ‚Geschichte‘ der ökonomischen Diskurse zu einer ‚Theorie‘ des modernen Kapitalismus wird, die diesen Diskursen die Stirn bietet?

Ich würde die letzte Frage gerne in den Indikativ zurück übersetzen und somit Dank und Zustimmung wiederholen: Ja, es ging mir um eine Art Gegenerzählung, in der die Geschichte des ökonomischen Wissens Elemente für eine Theorie liefert, die sich als kritisches Werkzeug gegen ebendieses Wissen und die von ihm produzierten Sachverhalte verwenden lässt. Etwas ratlos habe ich den „Souveränitätseffekt“ darum einen „historisch-spekulativen Versuch“ genannt. Dahinter steckt erstens die Annahme, dass sich historische Gegenstände – wie ökonomische Wissensformen – nicht mit einer rabiaten oder robusten, also vorweg gesetzten Theorie oder Methode erfassen lassen. Dass zweitens eine ‚Theorie‘ solcher Gegenstände fähig sein muss, deren konkreten historischen Ort sichtbar zu machen, also nur lokale Reichweite hat. Und dass drittens dieser Ort im Falle der Ökonomie in der Verhandlung von Machtfragen besteht. Vor diesem Hintergrund würde ich meinen Versuch als Versuch in kritischer Theorie (mit klein geschriebenem ‚k‘) verstehen, wenn Kritik Machtkritik bedeutet: also eine Auseinandersetzung mit jenen Verfahren, die Ereignisse ermöglichen und beeinflussen, Verhaltensweisen und Äußerungsformen zu bahnen vermögen. Dafür gab es wohl zwei Leitplanken. Die eine wurde von einer ‚Kritik der politischen Ökonomie‘ im Sinne von Marx gezogen, wenn man davon die dialektische Theorie vom Naturgesetz einer „Negation der Negation“ im Geschichtsprozess subtrahiert; die andere von Foucaults Studien zur ‚Gouvernementalität‘, wenn man damit zugleich die Unbequemlichkeit übernimmt, auf eine einheitliche, umfassend anwendbare ‚Theorie der Macht‘ verzichten zu müssen. Gerade im „Souveränitätseffekt“ kam eine weitere Schwierigkeit hinzu: Um die Geschichte des Finanzwesens oder des Finanzregimes in den Blick zu bekommen (das für mich in einer Indifferenzzone zwischen politischen Praktiken und ökonomischen Prozessen entstand), konnten kanonische Theorien der Politik oder der Ökonomie, die meist von einer Ausdifferenzierung beider Systeme ausgehen, nicht wirklich helfen.

 

Apropos „Ausdifferenzierung“: Wie schwierig oder leicht ist es für Sie, heterogene Forschungskulturen – etwa Medientheorie, Ideengeschichte und Wirtschaftswissenschaft –, die doch je eigenen Epistemologien gehorchen, miteinander zu verbinden? Sind Sie bei Ihrer Arbeit auf produktive Verknüpfungen oder Missverständnisse zwischen diesen und anderen Fächern gestoßen, mit denen Sie im Gespräch sind?

Abgesehen davon, dass sich unterschiedliche Forschungskulturen, auch wenn sie neu und erfrischend sind, im akademischen Raum sehr schnell durch Grenzziehungen, Definition von Arbeitsfeldern, Reproduktion von Anhängern, Methodendebatten, engmaschige Kommunikationen, Bildung von Zentren und Distinktionsgesten stabilisieren müssen, lassen sich über die Disziplinen und Forschungskulturen hinweg doch ‚stilistische‘ Unterscheidungen erkennen, also unterschiedliche Denkstile, mit denen man Quer- oder Schnittlinien ziehen kann. Die eine Differenz hat einmal der Neukantianer Wilhelm Windelband geliefert, der „nomothetische“ Wissenschaften – ausgerichtet auf die Suche nach allgemeinen Gesetzmäßigkeiten – von „ideographischen“ unterschied, die sich auf die Singularität ihrer Gegenstände beziehen. Die andere Differenz stammt von Deleuze und Guattari, die „deterministischen“ Wissenschaftstypen „nomadische“ Wissenschaften gegenüberstellten. Wenn man mit diesen Unterscheidungen etwas frei umgeht (und sie also aus ihren philosophiehistorischen Kontexten löst), so böten sie Perspektiven und Instrumente, mit denen man durch verschiedene Gebietsansprüche und Territorien hindurch Gemeinsames versammeln kann, eine epistemologische Spur, in der etwa medientheoretische, diskurs- und wissenshistorische Fragen zusammentreffen. Gemeinsam wäre all diesen Perspektiven die Frage, wie man sich von Determinismen in der Beschreibung von Geschichtsprozessen lösen kann. Es ist durchaus verwunderlich, dass sich die Ökonomik mit ihrer Neigung zur Physik nie sonderlich für eine Physik interessierte, die sich mit Ordnungsstrukturen ausgehend von völlig unerwarteten Verhaltensformen jenseits von Gleichgewichtszuständen beschäftigt. Die „dissipativen Strukturen“ des Physikochemikers Ilya Prigogine wären ein Beispiel dafür: Strukturen, die aus kontingenten Umständen entstehen und sich dann zu einem System ausbilden oder wieder vergehen. Kurz: Für mich wäre das mit der Aufgabe verbunden, die Singularität von (historischen) Gegenständen so zu erfassen, dass sie in ihrer Formierung, in ihrem Werden, in ihren dynamischen und kontingenten Aspekten kenntlich werden. Das ist recht hoch gegriffen; aber das war die Frage ja auch.

 

Glauben Sie, dass eine neue ökonomische Theorie des Kapitalismus notwendig ist? Und lassen sich die Konturen einer solchen, sich formierenden neuen Theorie bereits erkennen?

Ich würde gegenüber dem Begriff der ‚Theorie‘ den der ‚Analyse‘ bevorzugen. Denn anders als Theoriekonzepte suggeriert ‚Analyse‘ oder ‚Analytik‘ keine Abgeschlossenheit, auch keine vorläufige: Die analytische Arbeit ist niemals beendet, die Phänomene quellen stets nach, man kann die Baustelle nicht verlassen. Das heißt nicht, dass eine theoretische, also begriffliche Durchmusterung des gegenwärtigen Kapitalismus sinnlos wäre; oder dass man nicht neue Begriffe für neue Sachverhalte erfinden müsste, etwa für den ‚Finanzmarktkapitalismus‘, für den ‚Plattformkapitalismus‘, für den ‚autoritären‘ Kapitalismus, für den ‚linguistischen‘ Kapitalismus von Suchmaschinen, für die neuen Charaktermasken der ‚influencer‘ usw. Aber nicht zu vergessen: die Archive und Bibliotheken sind voll von hilfreichen Analysen und Theorien, es spricht gar nichts gegen einen ungezwungenen Eklektizismus.

Vielleicht gibt es zwei allgemeine Kriterien für die theoretische Ausrichtung von Kapitalismusanalysen, nämlich die Suche nach Darstellungsverfahren, welche die Lage erstens etwas weniger erträglich und zweitens veränderbar erscheinen lassen. Um ein Beispiel zu nennen: Liest man Hyman Minskys Überlegungen zur Instabilität von Finanzmärkten, dann lautet die Schlussfolgerung nicht, dass man alles zu deren Stabilisierung tun müsse – sie sind ja strukturell instabil und der nächste Crash kommt bestimmt –, sondern dass man die Abhängigkeit von Volkswirtschaften, Staaten, Gesellschaften, Lebensläufen von Finanzmärkten reduzieren sollte. Und ja, daraus ergeben sich neue Perspektiven und Arbeitsfelder, die bereits erkennbar sind: Der Finanzmarktkapitalismus ist kein Wirtschaftssystem, sondern die Formation einer globalen Governance, die sich eigene Regeln, Gesetze und Institutionen schafft, sich von Territorien und Nationalstaaten löst, eine geopolitische in eine geoökonomische Ordnung verwandelt, Akkumulationszentren und Ausbeutungszonen einrichtet und sich gegen belanglos werdende Volkssouveränitäten immun macht. Das sind neue Konfliktlinien und also theoretische Attraktoren.

 

Sehen Sie irgendwelche Verbindungen zwischen den Weisen, in denen Ökonom*innen über Zeit und Ungewissheit nachdenken, und den Modalitäten, unter denen Zeit zu dem wird, was Sie eine temporale Ressource von Souveränität nennen, das heißt zu etwas, das kontrolliert, verteilt und mit dem gehandelt wird?

Seit man über ökonomische Dinge nachdachte, war die Zeit ein kritischer Posten. Bei Aristoteles etwa wurde die natürliche Zeit des Zyklus, des Werdens und Vergehens durch die Zeit des Geldhandels ‚pervertiert‘, das heißt durch eine Zeit, die mit Geldvermehrung, mit Zins und Zinseszins aus den Fugen geraten ist, aus ihrer Krümmung, aus ihrer Unterordnung unter den Naturkreislauf. Und in der Scholastik wurden Wucherverbote nicht zuletzt damit gerechtfertigt, dass die in der Zinsnahme arbeitende Zeit in Konkurrenz zur Schöpfungszeit, zum speziellen Eigentum Gottes treten würde. Heute könnte man den Umgang mit Zeit folgendermaßen beschreiben. Wenn Finanzgeschäfte den Handel mit Ungewissheit und Risiken und dieser ein Geschäft mit Zeit, also mit Investitionen, Vorschüssen, und Zukunftserwartungen bedeuten, so haben gerade jüngste Finanzierungstechniken ein höchst laszives Zeitmanagement beansprucht. Das betrifft insbesondere die sogenannte securitization oder den Derivathandel, perfekt finanzkapitalistische Geschäfte also, bei denen Risiken mit Risiken versichert, mithin ausgelagert, verstreut und auf unterschiedliche Zeithorizonte verteilt werden. Es werden Preisrisiken mit der Streuung von Preisrisiken, spekulative Geschäfte mit spekulativen Geschäften ‚gehedged‘, neue Risikomärkte geschaffen, um Risiken abzusichern, es werden gegenwärtige Risiken mit künftigen und diese mit den Risiken künftiger Zukünfte verrechnet. Gegenwärtige Märkte werden also vom Danach dieser jeweiligen Zukünfte bewegt und Zeit als eine unendliche wie unerschöpfliche Ressource vorausgesetzt. In den dazugehörigen finanzökonomischen Theorien und Modellen berechnet man dementsprechend künftige Wahrscheinlichkeiten nach dem Muster der vergangenen; man hat die Zeit, dieses Wechselgeschöpf und den Sensenmann, scheinbar gebändigt, das Ende der Geschichte programmiert. Man könnte darin durchaus das Verlangen des Kapitals nach ewigem Leben erkennen. Souverän ist, wer sich die Zeit unterwirft. Dennoch lässt sich nicht verhindern, dass Zeiträume endlich sind, Fristen ablaufen, Termine eintreffen, Zahlungen fällig werden. Künftige Gegenwarten müssen nicht unbedingt gegenwärtigen Zukünften entsprechen, und was man Krise oder Crash nennt, ist ein Hereinbrechen von Endlichkeit: Die Zukunft ist da schlicht zu teuer geworden, die Ressourcen der Zeit sind verbraucht. Hier wird schließlich das Machtgefälle, die Rolle der Kapital-Zeit konkret. Wenn nämlich Gerechtigkeitsfragen heute an den Fragen nach der sozialen Verteilung von ökonomischen Risiken hängen, so lässt sich hier eine fatale Asymmetrie beobachten. Während – wie nach dem letzten Crash – die Verantwortlichen und Entscheider auf diesem Gebiet, also das Management der Groß- und Investmentbanken, keinerlei Haftung für die eingegangenen Risiken übernehmen mussten, haben andere – Hausbesitzer in den USA, Rentner in Griechenland etc. – für Risiken gehaftet, die sie nicht übernommen haben. Für sie hat sich das System somit als gefährlich erwiesen. In seinem letzten Buch Skin in the Game hat Nassim Taleb solche Asymmetrien beschrieben: Gerade im Finanzsystem – aber auch in Großunternehmen überhaupt – werden Incentives (wie etwa Boni) zur Übernahme von Risiken gesetzt, deren Folgen nur die anderen tragen. Spätestens an dieser Stelle hat sich beim Handel mit Risiken, Ungewissheit und Zeit ein tyrannischer Zynismus im System manifestiert.

 

Mittlerweile gibt es eine riesige, ständig wachsende Literatur zum Begriff und zu den Praktiken des Neo-Liberalismus. Es fehlt weder an historischen noch an kritischen Untersuchungen. Was halten Sie von diesem Begriff? Und welche Analysen finden Sie brauchbar oder nützlich unter diesen Studien zum Neo-Liberalismus?

Wahrscheinlich ist darüber alles gesagt worden. Schon Thorstein Veblen hat von der „teleologischen Metaphysik“ liberaler Wirtschaftstheorie gesprochen, Alexander Rüstow wollte im Liberalismus die Fortsetzung einer „deistischen Theologie“ sehen – also eine Lehre, die einmal als Propaganda bürgerlicher Freiheiten begann und dann zum Marktidealismus verkam. Der moderne Liberalismus ist wohl aus einem Konglomerat aus Morallehre, politischer Theorie, Marktideologie und Sozialtechnik hervorgegangen. Und der heutige, der sogenannte Neo-Liberalismus hat diese Dinge seit den 1970er-Jahren radikalisiert: die Verteilung von Wettbewerb über das Gewebe der Gesellschaft, die Durchsetzung von Mikromärkten in allen Nischen des Lebens, die Elogen auf das unternehmerische Selbst, die Behauptung formaler Gleichheit, um materielle Ungleichheiten zu rechtfertigen. Und dann hat sich der Neo-Liberalismus in einer politischen Antinomie festgefressen, die ihn intellektuell unattraktiv macht: in der Gegenüberstellung von Staat und Politik einerseits, Markt und Ökonomie andererseits. So werden endlos dieselben Argumente wiederholt, mit unterschiedlicher Bewertung. Man beruft sich auf die Kräfte des Markts, um Staatsmacht zu begrenzen, man beruft sich auf einen starken Staat, um Marktexzesse zu bekämpfen. Dabei wird übersehen, dass der Liberalismus in unterschiedlichen Varianten stets an der Verfeinerung und Vermehrung von Kontroll- und Regierungsmechanismen interessiert war, was man heute ‚Governance‘ nennt und sich beispielsweise in einer Multiplikation öffentlich-privater Partnerschaften niederschlägt, ist einer der Effekte davon. Wahrscheinlich ist das Denken des Liberalismus deshalb so unvermeidlich geworden, weil es sich bis zur Kenntlichkeit verwirklicht hat, in Gesetzgebungen und Institutionen, in Geschäftsmodellen und akademischen Disziplinen – ein wenig kohärentes, aber effizientes theoretisch-praktisches Gebilde, das einen wesentlichen Beitrag zur Stützung kapitalistischer Wirtschaftsweisen liefert. Und wahrscheinlich lässt sich darum behaupten, dass heute der Neo-Liberalismus derart viele Antworten geliefert hat, dass ihm die Fragen ausgegangen sind, oder genauer: dass er Antworten auf Fragen wiederholt, die er selbst nicht mehr stellen kann.

 

Kommen wir zum Schluss noch einmal auf die Kritik an der Ökonomik zurück, wie sie in Ihrer Arbeit laut wird. Die gängigen Verteidigungsstrategien von Ökonom*innen nach der Finanzkrise 2008 bestehen darauf, dass (1) die Wirtschaftswissenschaft heute so ‚realistisch‘ wie eben möglich sei; (2) die Ökonom*innen hätten den Anspruch, die Welt als Ganzes zu erklären, aufgegeben und sich stattdessen auf Verbesserungen in kleinerem Maßstab konzentriert und auf Stückwerk-Modellierungen, die mit elaborierten, häufig geradezu experimentellen, empirischen Techniken operieren; (3) Ökonomik sei wie Medizin, sie könne die Leute zwar nicht gesund machen, aber doch bescheidene Verbesserungen anstoßen. Was halten Sie von derartigen Rechtfertigungen? Und wie würden Sie den Status der heutigen Wirtschaftswissenschaften einschätzen?

Zunächst war es recht auffällig, wie man gängige Marktmodelle und ihre prognostische Kraft nach 2008 gerechtfertigt hat. Einige Beispiele: Ben Bernanke etwa, der frühere US-Notenbankchef, meinte, dass der Crash von 2008 auf das Konto unverantwortlicher Akteure gehe und nicht dazu nötige, „die Wirtschafts- und Finanzwissenschaft von Grund auf zu überdenken“. Der Nobelpreisträger Robert Lukas formulierte es noch schärfer: Die Modelle und Simulationen liefern keine Information über mögliche Krisen, sondern allenfalls eine „Prognose darüber, was unter der Bedingung des Ausbleibens einer Krise zu erwarten ist“. Und in einer anderen Expertise hieß es schlicht, pessimistische Sichtweisen waren vor 2008 eine Minderheitenposition unter den Wirtschaftswissenschaftlern und konnten schon deshalb keine besondere Glaubwürdigkeit für sich beanspruchen. Der Wirtschaftshistoriker Philip Mirowski hat in diesem Zusammenhang von einer „kognitiven Dissonanz“ gesprochen, das heißt vom Problem, dass in der herrschenden ökonomischen Dogmatik ein fundamentaler Widerspruch zwischen Sachlagen und Überzeugungen nicht auflösbar ist. Auch wenn man heute ein wenig bescheidener geworden ist, darf man wohl nicht vergessen, dass die Wirtschaftsprognose zum Stolz der ökonomischen Wissenschaft und ihrer Modellbildung gehört. Das gilt auch für die jüngeren Paradigmen wie Mikro- oder Verhaltensökonomik. Sie lösen sich zwar von Vereinfachungen wie ‚rational choice‘, setzen aber immer noch voraus, dass Marktprozesse irgendwie gesetzmäßig verlaufen und Märkte irgendwie effizient sein müssten. Ich würde es hier sogar mit Friedrich Hayek halten, der einmal nach dem epistemologischen Status von Marktmodellen fragte und gleich einräumte, dass deren Gültigkeit gerade „für jene Fälle, in denen sie interessant ist, nie empirisch nachgeprüft werden“ kann. Es sind stets idealbildliche Abstraktionen im Spiel, zwangsläufig. Und das heißt: Nur wenn ökonomische Theorie samt Modellbildung ihre Grenzen reflektiert, also die Bedeutung von unvollständigem Wissen, Ungewissheit und Unvorhersehbarkeit, von offenen, nicht erwartbaren Zukünften, nur wenn sie die Luft des Historischen an ihre Konserven lässt, verdient sie den Titel einer Theorie.

Fußnoten

[1] Dieses Interview ist zuerst auf Englisch erschienen als: Joseph Vogl, (History of) Economic Knowledge Freed from Determinism, in: Erasmus Journal for Philosophy and Economics 12 (2019), 1, S. 73–92. Wir danken der Zeitschrift für die Erlaubnis, eine deutsche Fassung zu veröffentlichen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.