Wie die Logik der Finanzmärkte das Wissen bedroht

Colin Crouch über „Die bezifferte Welt“

Die bezifferte Welt ist der neueste Beitrag von Colin Crouch zu einer Kritik des Neoliberalismus. Der Untertitel „Postdemokratie III“ markiert das Buch als dritten Teil einer eher essayistisch angelegten Reihe über nachdemokratisches Regieren. Der erste Band der Reihe erschien auf Deutsch unter dem Titel Postdemokratie (2004 im englischen Original, 2008 bei Suhrkamp), der zweite unter dem Titel Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus im Jahr 2011. Wie in den beiden Bänden zuvor beansprucht Crouch auch mit dem dritten Teil nicht, eine im engeren Sinne wissenschaftliche Analyse der Postdemokratie vorzulegen. Das Buch richtet sich stattdessen explizit an eine breite Leserschaft – ebenso wie Wolfgang Streecks Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus (2013 und ebenfalls bei Suhrkamp). Die beiden Publikationen haben neben Zielpublikum und Verlag noch mehr, Inhaltliches nämlich gemeinsam: In ihrem Mittelpunkt steht die Transformation des Verhältnisses von Demokratie und Kapitalismus, wie wir sie seit den späten 1970er-Jahren beobachten. Übereinstimmend sehen beide Autoren die Ausdehnung des Marktes nicht als sachzwangartiges Ergebnis einer gegenüber staatlicher Regulierung und gesellschaftlicher Mitbestimmung effizienteren Logik der Steuerung, ganz im Gegenteil: Es ist gerade die These von der Überlegenheit des Marktes für die Steuerung zentraler Gesellschaftsbereiche, es ist diese neoliberale Kernthese, die beide frontal angehen.

Crouch tut dies sehr plastisch anhand zahlreicher Beispiele, bei denen den Lesern die Haare zu Berge stehen werden. So beschreibt er im vierten Kapitel Kommodifizierungsprozesse wie die Übernahme von englischen Waisen- und Altenheimen durch private Investitionsgesellschaften, die vor allem an der Verfügung über den Grundbesitz dieser Heime interessiert waren und nach der Veräußerung der Anlagen und dem damit möglichen Profittransfer in den Konkurs gingen – „Heuschrecken“ also, die sowohl für die Privatisierung von Gemeineigentum als auch für die Landnahme kapitalistischer Akkumulation und der „bezifferten Welt“ in noch nicht durchmonetarisierte Bereiche stehen. Und er skizziert die systematische Abwendung von Vergewaltigungsvorwürfen gerade durch diejenigen Sondereinheiten der englischen Polizei, die zur Aufklärung solcher Verbrechen eingesetzt wurden, aber zur Erreichung ihrer kennziffernbasierten Zielvorgaben die Opfer dazu brachten, ihre Vorwürfe zurückzuziehen. Gerade der Einsatz von Kennziffern und Rankings als ein Baustein postdemokratischer Verhältnisse führt aus seiner Sicht also dazu, öffentliche Dienstleistungen nicht zu verbessern, sondern neue Manipulationsmöglichkeiten zu eröffnen.

Mit „Postdemokratie“ ist insgesamt ein historisches Stadium einer nur mehr formal demokratischen Regierung gemeint, in dem unter dem Deckmantel von Effizienzsteigerung und Partizipation die Institutionen der Nachkriegszeit ausgehöhlt und die Macht- und Profitinteressen großer Konzerne bedient werden. Zu einer solchen Aushöhlung der Demokratie bedürfe es nach Crouch nicht lediglich einer faktischen Konzentration von Macht und Kapital, sondern vor allem einer überzeugenden Ideologie. Diese stelle der Neoliberalismus zur Verfügung, indem er das Konzept des Marktes gegen die bürokratischen Auswüchse des demokratischen Wohlfahrtsstaates in Stellung bringt. Der Neoliberalismus nimmt aufgrund des spezifischen Charakters des auf Märkten entstehenden Wissens als ein verteiltes und nicht durch einzelne Akteure oder Interessengruppen manipulierbares Wissen für sich in Anspruch, jede Form der Konzentration von Macht verhindern zu können. Der Markt steht damit nicht für Effizienz allein. Crouch zeigt in „Der Markt als Produzent von Wissen“, einem der wenigen eher theoretischen Abschnitte, anhand der Überlegungen des Ökonomen und neoliberalen Mastermind Friedrich August von Hayek, dass der Markt im akademischen Neoliberalismus weit mehr als einen ökonomischen Mechanismus darstellt: Er empfiehlt sich als Gegengift gegen jede Form gesellschaftlicher Asymmetrie, gleichviel ob diese sich nach Ansicht seiner Verfechter im politischen Totalitarismus oder im ökonomischen Staatsdirigismus manifestiert. Im Selbstverständnis der Neoliberalen erscheint er als ein prinzipiell anti-elitäres Instrument gesellschaftlicher Kooperation, das den Missbrauch von Macht zwangsläufig offenlege und bestrafe. Die Kritik des Neoliberalismus am Wohlfahrtsstaat und an staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft lautet insofern, dass die Konsumenten ihrer Wahlmöglichkeiten beraubt und zu Objekten staatlicher Willkür gemacht würden. Im Gegensatz dazu könnten Käufer auf Märkten Wahlentscheidungen treffen: a) aufgrund konkurrierender Angebote und b) weil alle Informationen, die sie benötigen, im Preis eines Gutes abgebildet sind. Der Markt repräsentiere also in der Überzeugung der Neoliberalen „eine überlegene Form des Wissens“ (29) – ein Wissen, das aufgrund der Annahme, dass es von sehr vielen Beteiligten hergestellt und verbreitet wird, unabhängig von Manipulationsversuchen machtvoller Akteure sei (26).

Die gesellschaftliche Rosskur des Neoliberalismus ist also daran gebunden, auch im Feld öffentlicher Dienstleistungen erstens entsprechende Marktangebote zu schaffen und zweitens Informationen bereitzustellen, damit als Konsumenten aufgefasste Bürger echte Wahlentscheidungen treffen können. Dies aber sei reine Ideologie, so Crouch, denn in beiden Aspekten versage der Neoliberalismus. Er versage erstens in der Bereitstellung des Angebots, weil in Komplizenschaft zwischen Staat und großen Unternehmen keine echte Konkurrenz zugelassen werde. Stattdessen werden regional- und funktionsspezifische Monopole (in der Gesundheitsversorgung, im Schul- und Transportwesen, vor allem auch im diesbezüglichen Aufsichtswesen) geschaffen, zu deren Geschäftsmodell es gehöre, die ihnen übertragenen gesellschaftlichen Werte zu veräußern, die Profite an ihre Eigentümer zu transferieren und sodann entweder den Bankrott zu erklären (und das Leistungsangebot ganz einstellen) oder die Leistungen zu differenzieren und zu rationieren (mit dem Effekt, dass zahlungsfähige Kunden ein Premiumangebot bekommen, während nicht zahlungsfähige Kunden gezwungen werden, „inferiore Güter“ zu konsumieren). Der Neoliberalismus versage zweitens in der Bereitstellung von Informationen, weil die Instrumente, die er einführt, zu einer Korruption und Degeneration des Wissens führten. Denn anders als in der Theorie behauptet, lieferten Kennziffern, Benchmarking, Ratings und Rankings systematische Anreize zur Manipulation. Dieses Argument verdeutlicht Crouch an zahlreichen Beispielen aus verschiedenen Feldern, von der Manipulation von Basiszinssätzen wie des Libor und des Euribor über die Einflussnahme auf und die Manipulation von Forschungsergebnissen, zum Beispiel bei der Bekämpfung der Malaria, an der die Kungelei zwischen Großunternehmen und staatlichen Aufsichtsbehörden besonders deutlich werde, bis zu der These, dass Finanzkennzahlen eine Art „Autoimmunerkrankung“ des Wirtschaftssystems beförderten: Katastrophen wie die durch den BP-Konzern zu verantwortende Ölpest nach der Explosion der Bohrplattform Deepwater Horizon verdeutlichten, dass Finanzkennzahlen systematisch zu einer Entwertung fachlichen beziehungsweise professioneller Wissens führten, zu einem finanzökonomischen override halbwegs solider Risikokalkulationen also, sowie letztlich zur Erosion der moralischen Grundlagen ökonomischen Handelns.

Empirisch ist das alles nicht neu. Crouch versteht es aber, die aus allen möglichen gesellschaftlichen Handlungsbereichen stammenden Beispiele auf ein Argument zulaufen zu lassen. Dieses zentrale Argument des Buches ist, dass der Neoliberalismus nicht nur den Staat und die Vielfalt gesellschaftlicher Anspruchsgruppen direkt attackiert, sondern dass er hierzu auf eine Perversion des ursprünglichen Marktkonzeptes und eine Verzerrung entscheidungsrelevanter Informationen setzt. Neoliberalismus bedeutet eben nicht die Schaffung freier Märkte, die sowohl wirtschaftliche Wohlfahrt als auch bürgerliche Freiheit ermöglichen. Die neoliberale Praxis streife sich diese mit den Werken des klassischen Liberalismus verbundene Idee lediglich über wie einen Tarnmantel, um einen Pseudomarkt mit Pseudokunden zu schaffen, der sich durch Marktabschottung und -konzentration sowie durch die Komplizenschaft zwischen staatlichen Akteuren und Konzernen auszeichne. Diese neoliberale Schrumpfform des Marktes setzt sich in der Gesellschaft gewissermaßen wie ein AIDS-Virus durch, das sich als Antikörper (gegen Bürokratie, gegen die Arroganz der staatlichen Verwaltung, gegen Verschwendung und Erstarrung) tarnt, um sein zerstörerisches Werk durchzuführen und die existierenden Institutionen mittels bestimmter Wissenstechnologien wie Kennziffern, Benchmarking und Rankings von innen her neu zu programmieren. Postdemokratie beruht damit auf einer Gleichzeitigkeit der Ausdehnung marktanaloger Steuerungsformen einerseits, der Korrumpierung von Information und Wissen durch diese Steuerungsformen andererseits.

Crouch präzisiert seine Fundamentalkritik des Neoliberalismus in seinem dritten Buch also in theoretischer und empirischer Hinsicht. Theoretisch fokussiert er auf die Degeneration des Fachwissens, empirisch auf die Reorganisation des Öffentlichen Dienstes. Unter Wissen versteht er vor allem das Wissen professioneller Akteure, das ein durch Könnerschaft und Erfahrung geprägtes, also durchaus auch implizites Wissen sei. Dessen Korrumpierung und Degeneration untersucht er empirisch am Beispiel des New Public Management. Seine These ist, dass die zentralen Instrumente, mittels derer der Neoliberalismus unsere Gesellschaften umbaut und die gewohnten Formen demokratischer Beteiligung zerstört, auf der Entwertung fachlichen Wissens und der Substitution dieses Wissens durch Instrumente wie Kennziffern, Benchmarking und Rankings beruht. Insbesondere der Titel der englischen Originalausgabe The Knowledge Corrupters weist auf diese zentrale Rolle der Deformation des Wissens hin. Der Neoliberalismus ist nicht nur ein Vehikel zur Bereicherung, er ist, so formuliert Crouch in Übereinstimmung mit Philip Mirowski1, „ein Feind des Wissens“ – und das inmitten der vielzitierten „Wissensgesellschaft“. Wie aber können gesellschaftliche Konflikte demokratisch gelöst werden, wenn Informationen über gesellschaftliche Prozesse von vornherein durch Kennziffern und Rankings verzerrt oder aber – siehe den Fall der Patentierung von Gemeingütern wie den Keimbahnen von Nutzpflanzen – monopolisiert werden? Crouch kommt daher zu dem Schluss, dass die „tiefgreifenden Beschädigungen unseres Lebens – insbesondere in Hinsicht auf unsere Bemühungen um eine moralische Lebensführung – aus der Neigung des Neoliberalismus resultieren, die Manipulation von Informationen und die Diskreditierung von Fachwissen zu befördern“ (13). Der Neoliberalismus – vor allem in seiner akademischen Prägung durch von Hayek – beanspruche zwar, das Problem der Informations- und Machtasymmetrie zu lösen, indem er die Anbieter öffentlicher Dienstleistungen der Kontrolle durch den Markt unterwerfe. Die neoliberale Wirklichkeit jedoch sehe ganz anders aus. An die Stelle einer durchaus vorhandenen, aber nach Crouch im Rahmen einer professionellen Ethik des Fachhandelns gewissermaßen eingehegten Asymmetrie zwischen Staat und Bürgern setze der Neoliberalismus nur eine andere: Die Menschen werden entweder als zahlungskräftige Kunden oder aber – und dies gelte für die breite Masse der Menschen – als Objekte behandelt, die aufgrund ihrer geringen Kaufkraft „inferiore Güter“ konsumieren müssten (190 ff.).

Ein Vorzug des Buches ist sicherlich, dass Crouch nicht auf der Ebene einer allgemeinen Kritik des Neoliberalismus stehenbleibt. Seine zahlreichen Beispiele verdeutlichen, wie die Zersetzung und Korrumpierung fachlichen Wissens konkret vor sich gehen und dass die Bezifferung der Welt, einmal losgetreten, zu einer Spirale des institutionalisierten Misstrauens führt, in deren Verlauf das Fachwissen und die professionelle Ethik der Beteiligten immer weiter zersetzt werden. Auf der anderen Seite führen die Entwertung des Wissens und der evaluative Wahnsinn nicht zum versprochenen Abbau von Informationsasymmetrien und gleicheren Teilhabechancen, im Gegenteil: Die meisten Betroffenen des neoliberalen Umbaus finden sich in einer Situation wieder, in der sie „weder Bürger noch Kunden“ sind, sondern „das Schlechteste aus beiden Welten bekommen“ (204).

Fußnoten

1 Philip Mirowski, Untote leben länger. Warum der Neoliberalismus nach der Krise noch stärker ist, Berlin 2015.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.