Im Zwielicht

Streifzüge durch das Forschungsfeld der Schattenökonomie

Seit ihren Anfängen hat sich die Soziologie immer wieder für ökonomische Fragestellungen und Zusammenhänge interessiert und dabei mit einer Vielzahl an Wirtschaftsfeldern und -aktivitäten befasst. In einer Hinsicht ist die Disziplin ihren Klassikern wie Max Weber, Karl Polanyi oder Joseph Schumpeter dabei trotz aller Unterschiede zwischen den Ansätzen bis heute treu geblieben: Sie konzentriert ihren forschenden Blick überwiegend auf die Ordnungsprinzipien und Funktionsweisen einer legalen Wirtschaftspraxis. Dass die weltweite Rentabilität von Steueroasen, Schattenmärkten oder Copyright-Piraterie jährlich schätzungsweise Summen in Milliardenhöhe freisetzt, gerät der Mehrzahl der soziologischen Arbeiten aus dem Blick. So führt eine Soziologie der Schattenökonomie als eigenständiges Forschungsfeld selbst ein Dasein im Schatten.

Mit dem vorliegenden Schwerpunkt wollen wir etwas mehr Licht auf die Sache werfen und ausgewählte Facetten der Thematik näher beleuchten. In einer mehrteiligen Reihe wollen wir sowohl die Reichweite des Themas umreißen als auch die damit verbundenen Potenziale und Impulse für eine an ökonomischen Zusammenhängen interessierte Sozialwissenschaft sondieren. Für dieses Vorhaben haben wir eine Reihe von Autorinnen und Autoren aus Sozialwissenschaft und -philosophie um Beiträge gebeten.

Entlang ihrer Antworten wird nicht nur die Vielfalt der Schauplätze und Theorieansätze sichtbar, die derzeit unter dem Begriff der „Schattenökonomie“ verhandelt werden. Die Beiträge nötigen auch zur kritischen Einsicht, dass die soziale Realität sehr viel komplexer ist, als es die verbreitete Redeweise von „schwarzen“ und „weißen“ Märkten suggeriert. Stattdessen werden im Licht der Analysen die Umrisse einer politischen Ökonomie mit fließenden Übergängen und zahlreichen Schnittstellen zwischen Legalität und Illegalität erkennbar, die von der gelegentlichen Übertretung von Vorschriften über die Unterwanderung staatlicher Kontrollen bis hin zur systematischen Nutzung regulatorischer Schlupflöcher – selbst durch staatliche Institutionen – reichen.

Wir werden mehrere Streifzüge durch das Forschungsfeld unternehmen, die verschiedene Formen ökonomisch relevanter Aktivitäten erhellen, mit denen zwar (auf legale oder illegale Weise) Einkommen erzielt und Profit erwirtschaftet wird, die jedoch keiner staatlichen Regulierung oder Besteuerung unterliegen. Von der Welt der Schattenbanken und Steueroasen bis hin zu klassischen Feldern wie etwa der Gang- und Drogenökonomie wollen wir schlaglichtartig ausgewählte Perspektiven gleichsam zusammen- wie gegenüberstellen.

Zum Auftakt nehmen wir die Schattenökonomie der Freiwilligenarbeit in den Blick. Dabei wird schnell klar: Auch das Lieblingskind der sozialpolitisch umworbenen Zivilgesellschaft hat seine dunklen Seiten. Die politische Ökonomie der Sorge, so zeigt Tine Haubner in ihrem Essay, stellt ebenfalls ein Feld der Schattenwirtschaft dar. Das gilt nicht nur für das Outsourcing staatlicher Sorgeleistungen an eine privatisierte Industrie professioneller Dienstleistungsanbieter, sondern für eine ganze informelle Ökonomie der Freiwilligenarbeit. Etwa wenn Ehrenamtliche „Demenzlotsen“ da einspringen, wo die Facharbeit im Stakkato der Minutenpflege Versorgungslücken hinterlässt. Als Ausfallbürgen einer konservativen Pflegepolitik gehen Freiwillige dabei nicht selten über die Grenzen ihrer körperlichen und seelischen Belastbarkeit hinaus.

Ganz ähnliche Entwicklungen lassen sich, wie Silke van Dyk und Emma Dowling in einem Interview berichten, auch in anderen Feldern bürgerschaftlichen Engagements beobachten. Erste Eindrücke aus ihrem Forschungsprojekt zu Engagement und Schattenwirtschaft weisen auf zunehmend durchlässige Grenzen zwischen monetarisiertem und quasi-professionalisiertem Engagement und Niedriglohnsektor hin. Eine Schattenökonomie des freiwilligen Engagements führt gerade in Bereichen wie der Pflege, der Kinderbetreuung oder der Unterstützung von Geflüchteten zu einer Informalisierung und Deprofessionalisierung von Dienstleistungen.

Im sozialstaatlichen Sorgekatalog sind Freiwillige für einige der bedeutsamsten und sensibelsten Aufgabenbereiche verantwortlich. Gleichzeitig stellen sie eine rentable Größe dar, ohne die eine erhebliche Lücke in der wohlfahrtsstaatlichen Fürsorge klaffte. Wer in diesem Zusammenhang an Ausbeutung denkt, für den ist die Besprechung des Buches Die Ausbeutung der sorgenden Gemeinschaft von Interesse, in dem sich Tine Haubner am Beispiel der informellen Laienpflege um eine sozialwissenschaftliche Rehabilitierung des Begriffs bemüht. In ihrer Rezension des Buches plädiert Barbara Thiessen für eine stärkere Berücksichtigung von Formen der Sorgearbeit im Feld der Arbeits- und Ungleichheitssoziologie, da sie zu einem besseren Verständnis gegenwärtiger Sozialverhältnisse beitragen könne. Darüber hinaus werde in der Analyse das analytische Potenzial feministischer Denktraditionen offenbar.

Im nächsten Teil der Reihe wollen wir Schattenbanken, Steueroasen und informelle Märkte in den Fokus rücken und der Frage nachgehen, welche ökonomischen Aktivitäten die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung überhaupt erfassen kann und wo beziehungsweise wie sich einige Wirtschaftsakteure der staatlichen Regulierung und Besteuerung bewusst entziehen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher und Karsten Malowitz.