Auf der Suche nach dem Nordischen Menschen

Thomas Etzemüller über die deutsche Rassenanthropologie in der modernen Welt

Der Umgang mit den anthropologischen Sammlungen an deutschen und österreichischen Universitätsinstituten ist symptomatisch für das Dilemma bei der historischen Aufarbeitung der rassenanthropologischen Forschung. Die in ehemaligen Kolonien geraubten wie erworbenen Schädel und Gebeine werden seit der Entkolonialisierung zunehmend von den aus den einstigen Kolonien hervorgegangenen Staaten zurückgefordert. Wegen Ungenauigkeiten in der Erhebungsarbeit, immer wieder stattfindender Umverzeichnungen der Sammlungen oder aufgrund des Verlusts der schriftlichen Unterlagen ist häufig allerdings gar nicht klar, welcher „Ethnie“ die einzelnen Exemplare überhaupt zuzuordnen wären. Die Situation erscheint, wie der Historiker Thomas Etzemüller am Ende seines Buches deutlich macht, paradox: Menschliche Überreste, die im 19. und 20. Jahrhundert gesammelt worden sind, um damals weit verbreitete Rassentheorien zu belegen, müssen in einer Zeit, in der ‒ abgesehen von einigen Autoren im Umfeld der umstrittenen Zeitschrift Mankind Quarterly1 ‒ kaum noch Wissenschaftler einer Rassentheorie anhängen, ausgerechnet mit Methoden der Rassenanthropologie bestimmt werden, um festzustellen, an welche Länder man sie vermutlich zurückgeben sollte (238).

Aber vermutlich ist das eines der ganz wenigen Anwendungsfelder, in denen die Rassenanthropologie als eine Art ‚Zombie‘ – als eine „untote Wissenschaft“ (235) – heutzutage noch eine Rolle spielt. Gemeinhin ist sie, so Etzemüller, „klanglos von der Bildfläche verschwunden“. In Darstellungen über die Anthropologie tauche sie nicht einmal mehr als „Irrweg“ auf (7). Die Fragen der Rassenanthropologie – wie kann man Rassen bestimmen, um „genetisch schädliche Vermischungen“ zu verhindern, und wie kann man die Fortpflanzung der Menschen beeinflussen, sodass sich die weißen „wertvollen“ Mittelschichten vermehren – seien in der Forschung nicht mehr von Belang. Die Geschichte der Rassenanthropologie, die aus der bereits im 19. Jahrhundert entstandenen Anthropologie hervorging und die im Nationalsozialismus ihre Glanzzeit erlebte, beschreibt vor allem den Niedergang einer wissenschaftlichen Disziplin. Etzemüller interessiert sich allerdings insbesondere für die Objektivierungstechniken, dank derer eine Weltanschauung zunächst zu einer allseits anerkannten Wissenschaft werden konnte. Für seine Begriffe ist die als unpolitische Naturwissenschaft daherkommende Disziplin „eine Gesellschaftslehre im Gewande der Biologie“. Unter diesem Blickwinkel versteht er Aufstieg und Fall der Rassenanthropologie auch als „Lehrstück für die Gegenwart“ (8).

Das Ende der Rassenanthropologie lässt sich freilich keineswegs auf das Ende des Zweiten Weltkrieges datieren. „Die Rassenanthropologie“, so Etzemüller in Übereinstimmung mit der neueren Forschung, „kapitulierte nicht am 9. Mai 1945.“ Stattdessen bescheinigten sich die Rassenanthropologen, im NS-Staat den Standards wissenschaftlichen Arbeitens gefolgt zu sein, und nutzten so die Unterscheidung zwischen einer sich streng an ihre Prinzipien haltenden Wissenschaft und einer an Opportunitäten ausgerichteten Politik, die auch in vielen anderen Bereichen in Deutschland nach 1945 die gängige Verteidigungsstrategie war. Faktisch verschwand die Rassenanthropologie aus den Universitäten erst in den 1960er- und 1970er-Jahren, als ihr der Brückenschlag zur Humangenetik nicht gelang. Die „rassenanthropologische Maus“ habe sich, berichtete Ilse Schwidetzky, Professorin an der Universität Mainz und in der Nachkriegszeit so etwas wie die letzte Mohikanerin der Rassenanthropologie, vom Blick der „humangenetischen Schlange“ paralysieren lassen.

Das Buch argumentiert überzeugend, dass Historiker und Sozialwissenschaftler es sich mit der Beschreibung der Rassenanthropologie als „Pseudowissenschaft“ zu leicht gemacht haben. Obwohl die Rassenanthropologie im NS-Staat zu einer Leitwissenschaft aufgestiegen war, sei sie „keine NS-Wissenschaft“, sondern lange Zeit eine „methodisch streng seriöse Disziplin“ gewesen. Zwar sei sie seit ihrem Entstehen im 19. Jahrhundert „weltanschaulich imprägniert“ gewesen, aber selbst die Gegner dieser Variante der Anthropologie hätten „sie seinerzeit als Wissenschaft“ ernstgenommen. Von einem heutigen Standpunkt könne man der Rassenanthropologie deswegen weder mit einer „schlichten Form der Ideologiekritik“ noch mit dem „Fälschungsvorwurf“ noch mit dem „Falsifikationsmodell“ zu Leibe rücken (9). Vielmehr sei interessant, dass die Rassenanthropologen ihre Forschungen immer wieder mit dem Verweis auf fehlende wissenschaftliche Standards bei bisherigen Arbeiten über Rassen gerechtfertigt hätten. So zeigte sich der Rassenanthropologe Eugen Fischer bei seinen Forschungen über „Rehobother Bastards“ im damaligen Deutsch-Südwestafrika2 damit unzufrieden, dass sich Forschungsreisende lange Zeit damit begnügt hätten, Schädel zu vermessen und diese Messungen zu notieren, ohne die einzelnen Merkmale zu „wirklichen Rassenbildern“ zu kombinieren (103f.). Auch Ilse Schwidetzkys Habilitationsvater, der Rassenanthropologe Egon Freiherr von Eickstedt, habe in seinen Studien über „Rasse, Volk, Erbgut in Schlesien“3 durch vergleichsweise ausgefeilte Methodik und hohe Fallzahlen versucht, „die seriöse Spielart der Rassenanthropologie“ gegen die Trivialisierungen der Rassenkunde nach dem Ersten Weltkrieg zu etablieren (165).

Gerade weil Etzemüller seinen Blick auf die Produktion wissenschaftlicher Evidenzen richtet, wirkt die regelmäßige Rede von der rassenanthropologischen „Profession“ in diesem Buch freilich unglücklich (z.B. 7 oder 12). Es wird nicht klar, ob der Autor den Begriff lediglich als Synonym für die weitaus plausibler erscheinende Bezeichnung ‚wissenschaftliche Disziplin‘ nutzt oder ober er damit darauf aufmerksam machen will, dass die Rassenanthropologie sich ähnlich wie die Medizin, die Juristerei oder die Theologie von einer theoretischen Wissenschaft zu einer angewandten Profession entwickelte. Letzteres würde suggerieren, dass die Rassenanthropologen ihren Anspruch nicht nur darin gesehen hätten, wissenschaftliche Erkenntnisse über Rassenunterschiede herauszuarbeiten, sondern mit ihrem Wissen konkrete praktische Hilfestellungen hätten geben wollten. Natürlich geschehen bisweilen solche interessanten Verschiebungen von einer wissenschaftlichen Disziplin zu einer an individueller Dienstleistung orientierten Profession. Man denke zum Beispiel an die Humangenetik, die ursprünglich fast ausschließlich an den Universitäten angesiedelt war, in den letzten beiden Jahrzehnten jedoch durch die Pränataldiagnostik immer mehr zum Teil des Leistungsangebotes der medizinischen Profession geworden ist. Für die Rassenanthropologie erscheint eine solche Beschreibung jedoch wenig plausibel, weil es den Rassenanthropologen kaum gelungen ist, aus ihren Wissensbeständen konkrete Beratungsleistungen für Individuen zu generieren.

Deutlich ist an dem Buch zu erkennen, dass der in der Wissenschaftssoziologie populäre Sozialkonstruktivismus auch in die Wissenschaftsgeschichte Einzug gehalten hat. Auch wenn in dem Buch immer wieder gut lesbare, auf einzelne Wissenschaftler und ihre Arbeiten fokussierte Kapitel eingestreut sind – beispielsweise über Otto Ammons Anthropologie der Badener4, über Eugen Fischers Studie der „Rehobother Bastards“ oder Walter Scheidts Studie über die Elbinsel Finkenwerder5 – geht es Thomas Etzemüller in seinem Buch um weit mehr als um Biografien oder die Darstellung rassenanthropologischer Arbeiten. Die Lebensläufe der Rassenanthropologen und die Darstellung zentraler rassenanthropologischer Werke sind für ihn lediglich Aufhänger, um die „Praxis wissenschaftlicher Arbeit“ und die „fatale Erzeugung von Evidenz“ zu untersuchen (19). Besonders innovativ sind dann auch die Kapitel, in denen gezeigt wird, wie Rassenanthropologen Daten erhoben und diese dann in Balken-, Linien-, Kreis-, Kurven- und Flächendiagrammen so aufbereiteten, dass sie visuelle Überzeugungskraft erlangten. Gerade wegen dieses wissenschaftssoziologisch interessierten Zugangs stellt das Buch eine hilfreiche Erweiterung zu den klassischen Studien über Rassenanthropologie beispielsweise von Benoît Massin und Robert Proctor dar.6

Fußnoten

1 Besagte Vierteljahrsschrift wurde 1961 von der International Association for the Advancement of Ethnology and Eugenics in Edinburgh gegründet und wird seit 2015 vom Ulster Institute for Social Research in London herausgegeben.

2 Eugen Fischer, Die Rehobother Bastards und das Bastardierungsproblem beim Menschen. Anthropologische und ethnographische Studien am Rehobother Bastardvolk in Deutsch-Südwest-Afrika, Jena 1913.

3 So lautete der Titel der von Eickstedt gemeinsam mit Ilse Schwidetzky herausgegebenen Schriftenreihe.

4 Otto Ammon / Heinrich Ernst Ziegler, Zur Anthropologie der Badener. Bericht über die von der anthropologischen Kommission des Karlsruher Altertumsvereins an Wehrpflichtigen und Mittelschülern vorgenommenen Untersuchungen, mit 24 in den Text gedruckten Figuren und 15 Tafeln in Farbendruck, Jena 1899.

5 Walter Scheidt / Hinrich Wriede, Die Elbinsel Finkenwärder [sic], München 1927.

6 Vgl. etwa Benoît Massin, Anthropologie und Humangenetik im Nationalsozialismus oder: Wie schreiben deutsche Wissenschaftler ihre eigene Wissenschaftsgeschichte?, in: Heidrun Kaupen-Haas (Hrsg.), Wissenschaftlicher Rassismus. Analysen einer Kontinuität in den Human- und Naturwissenschaften, Frankfurt am Main 1999, S. 12–64; Robert N. Proctor, Racial Hygiene. Medicine under the Nazis, Cambridge, MA, 1988.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.