Der Geist war willig, aber das Fleisch blieb schwach

Methoden einer Soziologie der Praxis

Ein vitaler Geist in einem trägen Körper. In diesem Zustand verbleibt die Praxissoziologie nach Jahren intensiver theoretischer Debatte, die zwar regelmäßige Plädoyers für die Notwendigkeit eines neuen Blicks auf soziale Zusammenhänge, aber kaum entsprechende methodologische Reflexionen zustande gebracht hat. Die Soziologie der Praxis leidet unter dem Widerspruch, ein zwar konzeptuell gereiftes, jedoch forschungspraktisch noch unterentwickeltes Unternehmen zu sein. Erfreulicherweise versprechen die HerausgeberInnen des Bandes Methoden einer Soziologie der Praxis in ihrer Einleitung die Linderung des Leidens: dem vitalen Geist soll nun ein ebenso leistungsfähiger Methodenkörper angepasst werden. Weil die empirische Praxisforschung »hinter ihren Möglichkeiten zurück« (7) bleibe, sehen sie die Aufgabe der versammelten Beiträge darin, die »Notwendigkeit einer genuin praxissoziologischen Methodendiskussion« (8) zu verdeutlichen. Besagte Notwendigkeit ist auch und gerade nach der Lektüre der Beiträge eindringlicher denn je spürbar.

Der Methodenband ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil des Bandes schicken sich zwei Beiträge der HerausgeberInnen an, »das Methodenproblem einer Soziologie der Praxis« klarer herauszustellen. In diesen allgemein gehaltenen Einführungen – der Band setzt dankenswerter Weise kaum Vorkenntnisse voraus – wird schnell klar, dass das Methodenproblem tatsächlich ein Effekt des revolutionären Gestus dieser sozialtheoretischen Tradition ist. Die Soziologie der Praxis interessiert sich für »das, was sich tatsächlich situativ vollzieht« (7). Ihr zufolge sind »materielle Ereignisse« (28) das Ganze dessen, was Praxis ausmacht. Sie bilden die nicht mehr weiter zerteilbare Substanz, gewissermaßen die Atome des Sozialen. Der situative Vollzug, so die methodologische Hypothese, spricht dabei für sich selbst. Die sozialwissenschaftliche Beobachterin einer Praxis soll und kann sie, anders gesagt, erfassen, ohne auf in der gegebenen Situation gar nicht gegenwärtige Prinzipien, Motive oder Strukturen zu rekurrieren. Praxen sind keine Handlungsaggregate, die dadurch versteh- und erklärbar würden, dass man Motive handelnder Personen zuordnen würde. Vielmehr ist die Zuschreibung von Motiven ihrerseits eine mögliche unter anderen denkbaren Praxen, die zum Gegenstand soziologischer Beschreibung werden können. Auch sind Praxen keine Wirkungen von Diskursen, deren Semantiken und Grammatiken sich aus verschriftlichten Texten ablesen lassen, noch weniger kommen in ihnen stammesgeschichtlich determinierte Verhaltensweisen oder selektierende Grenzziehungen systemischer Operationen zum Ausdruck. Was praktisch wie und warum geschieht, wird als Sinn von Praxis vor Ort immer wieder neu arrangiert, modifiziert und produziert. Wer das Soziale auf diese Weise als jeweils lokale, wiewohl stets liquide Koexistenz von Körpern und Artefakten fasst, der kann folglich auch nicht mehr auf die zwei wohl beliebtesten Methoden qualitativer Sozialforschung zurückgreifen. Weder macht es ohne weiteres Sinn, nachträgliche Rationalisierungen vergangener »materieller Ereignisse« in Interviews zu erheben, noch können Dokumente als schriftliche Repräsentation gelesen und als selbsterklärende Evidenzen einer praxissoziologischen Theorie in Anspruch genommen werden. Zwar stellen persönliche Berichte über Ereignisse ebenso wie die Verfertigung und Lektüre von Texten selbst wieder Formen von Praxis dar, doch können sie nicht umstandslos als Erklärungen oder Beschreibungen jener Praxis verwendet werden, die analysiert, über die also gesprochen oder von der in Texten berichtet wird.

Der zweite Abschnitt des Bandes schickt sich an, die mit einem solchen Ansatz aufkommenden Dilemmata zu spezifizieren, um methodologische Leitlinien und Bestände der Praxissoziologie auszuweisen. Anne Brake beginnt diesen Teil mit einer Erinnerung an die Leistungen Pierre Bourdieus, der auch vom Mitherausgeber Frank Hillebrandt einleitend als Lichtgestalt der Praxissoziologie gewürdigt wird. Ebenso überraschend wie bedauerlich ist in diesem Zusammenhang freilich, dass eine Auseinandersetzung mit Theodore Schatzki ausbleibt, der sein Verständnis von Praxeologie eher in Abgrenzung zu Bourdieu entwickelt und dabei den bisher wahrscheinlich elaboriertesten Ansatz einer methodisch reflektierten Praxissoziologie vorgelegt hat.1 Brake hält Bourdieu für wichtig, weil er »wie kein anderer [sic!] systematisch in seiner empirischen Analysen die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit wissenschaftlicher Erkenntnis integriert« (59) habe. Ob Leser von methodologisch derart reflektierten Texten wie etwa denjenigen von Niklas Luhmann oder Anthony Giddens eine solche Behauptung unterschreiben würden, sei dahingestellt. Aber selbst wenn man Brakes steile These für einen Moment gelten lässt, ist es einigermaßen ungewöhnlich, was die Autorin eines Beitrages, der Methodenfragen thematisiert, an dem französischen Theoretiker bemerkenswert findet: Bourdieu sei die Einsicht zu verdanken, »dass wichtiger als alle Festlegung eines streng methodisierten Vorgehens die Frage nach den epistemologischen […] Voraussetzungen eines konkreten Forschungszugriffs« (59) sei. Das mag ein wichtiger Hinweis auf Grundlagenprobleme aller Forschung sein, doch torpediert diese Bemerkung bei Lichte besehen das Programm eines Bandes, der sich vornimmt, Verfahrensfrage sozialwissenschaftlicher Empirie zu klären. Offenbar wird damit ein erstes systematisches Problem der Praxissoziologie handgreiflich, das man als basalen Methodenskeptizismus bezeichnen könnte. Die starke Prämisse der Praxissoziologie, wonach sich die Bedeutung situativer Ereignisse (Praxis) nicht nur erst durch den jeweiligen konkreten Vollzug hervorgebracht findet, sondern sich im Geschehen selbst auch verändern kann, scheint eine Beobachtung, die auf Systematisierung zielen muss, soll sie wissenschaftliche Beobachtung sein, tatsächlich infrage zu stellen. Wer vergleichsweise vollmundig für ontologischen und semantischen Indeterminismus plädiert, wird sich naturgemäß Schwierigkeiten einhandeln, sollen die Erhebungsmittel einer solch fluiden Wirklichkeit vorab festgelegt werden. Wenn alles fließt und der Fluss der Ereignisse nach praxissoziologischer Voraussetzung für sich selber spricht, kann der methodologische Rat wohl nur lauten, möglichst genau und unvoreingenommen hinzusehen. Aber ist damit eine Einstellung definiert, die soziologische Forschung ermöglicht? Genau diese Frage zu beantworten – und nicht nur noch einmal neu aufzuwerfen – hat sich der Sammelband ja zur Aufgabe gemacht.

Christian Meyer weist in seinem an Brake anschließenden Beitrag wohl nicht zufällig auf die enge Verwandtschaft von Praxissoziologie und Enthnomethodologie hin, eine Familienähnlichkeit, die auch schon in den einleitenden Beiträgen angeklungen war. Beide Traditionen verbindet eine gewisse Skepsis gegenüber nur verbalen Repräsentationen sozialer Geschehnisse, weil sie unterstellen, der Sinn von Praxis werde in lokalen Situationen öffentlich.2 Dieser methodologische Situationismus verpflichtet, wie Meyer schlussfolgert, sowohl die Praxissoziologie wie die Ethnomethodologie auf teilnehmende Beobachtung als Methode erster (und womöglich einziger) Wahl. Sie kann und sollte eventuell auch durch die Analyse von Videoaufzeichnungen und Transkriptionen ergänzt werden, ohne dadurch ihre Eigenart einzubüßen. Meyer demonstriert die Praktikabilität dieser Methode umgehend, indem er sich der visuellen Aufzeichnung und Transkription einer Podiumsdiskussion zuwendet, in der es um die Leitlinien des Mensaessens geht. Tatsächlich führt seine Analyse erfolgreich vor Augen, wie sozialer Sinn (etwa die Beziehungen zwischen den Diskutanten usw.) im Geschehen selbst generiert wird. Er zeigt empirisch, dass es so etwas wie Praxis gibt, dass, um es mit seinen Worten zu sagen, »die soziale Wirklichkeit ‚Podiumsdiskussion an der Universität‘ als im Hier und Jetzt situativ gültige und plausible Realität produziert wird« (114). Aber würde jemand einen solchen, vergleichsweise trivialen Befund ernsthaft bestreiten? So bleibt fraglich, ob der nicht geringe deskriptive Aufwand einer solchen mikroskopischen Körperbeschau den Ertrag lohnt. Insofern fördert Meyers Beitrag unwillkürlich ein zweites Problem praxissoziologischer Forschung zutage, das als marginale Erkenntnisrendite zu bezeichnen wäre. Auch der sich anschließende Beitrag von Daniel Wrana bestätigt dieses Unbehagen an den Ernteerträgen praxissoziologischer Empirie. Dass sich trotz der Prominenz des Körperkonzepts auch in der Praxissoziologie Sprechakte als situative »Produktion von Bedeutung, Wahrheit und Subjektivität« (129) untersuchen lassen, führt Wrana überzeugend vor. Augenscheinlich lassen sich Diskursanalyse und Praxissoziologie miteinander vermitteln. Exemplarisch analysiert Wrana drei Sätze, die ein Dozent an einen seiner Schüler richtet, um darzulegen, wie die Äußerungen verschiedene Bedeutungselemente erzeugen, mit denen Unterscheidungen (und damit letztendlich auch Machtasymmetrien) reproduziert werden. Solche Mikrosituationen würden sich, so Wrana, durch »Kette[n]« (139) weiterer Sprechakte zu »sozialer Ordnungen, kultureller Hegemonien und […] Macht-Wissens-Systemen« (138) zusammenfügen. Selbst wenn man keinen Anlass hat, diese generalisierende Behauptung für unbegründet zu halten, drängt sich dennoch die Frage auf, wie die Einsicht in die durch einzelne Sprechakte schließlich erzeugten Sozialordnungen auf der Basis eines mikroskopischen Blicks eigentlich gewonnen werden soll. Singuläre Ereignisse wie Podiumsdiskussionen oder von Lehrern geäußerten Satzgruppen möglichst dicht zu beschreiben, führt trotz des beachtlichen Aufwands nur zu vergleichsweise bescheidenen Erkenntnisgewinnmargen.

Mit Sascha Barks Beitrag über das fehlende Konfliktverständnis der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) wird zum Abschluss des zweiten Teils der Raum methodologischer Überlegungen in gewisser Weise verlassen. Bark diskutiert die These, die ANT könne sich Ordnung (»stabile Akteur-Netzwerke«) nicht als »‘institutionalisierte Konflikte‘« (148) vorstellen. Das wäre, wenn es denn stimmt, mit Sicherheit ein Makel der ANT, lenkt von der Methodenfrage einer Soziologie der Praxis jedoch ab. Zwar erinnert Bark noch einmal – wiederum nützlich für LeserInnen ohne Vorkenntnisse der ANT – an die »drei Forschungsregeln« (150) oder »methodologische[n] Prinzipien« (148) dieser Theorie, doch kauft er sich damit auch deren Unklarheiten ein. Bruno Latours Empfehlungen für Forschende lauten erstens), stets unparteilich zu sein, also die angebotenen Deutungen des Feldes so lange ernst zu nehmen, wie es geht. Zweitens sollen sie dem »Prinzip der freien Assoziation« (149) folgen, also »keine vorab gebildeten soziologischen Kategorien« verwenden, sondern es den Akteuren überlassen, wie und »mit welchen Mitteln sie das Soziale herstellen« (ebd.).3 Drittens sollen sie stets auf ein symmetrisches Vokabular zurückgreifen, also auf eine Begrifflichkeit, in die ontologische Unterscheidungen zwischen natürlichen, künstlichen oder sozialen Phänomenen nicht schon eingeschrieben sind. Aus solchen Vorgaben eine tragfähige Brücke zu praktikablen Methoden zu bauen, bleibt freilich der Imagination der Leserschaft überlassen. Es müsste im Übrigen wohl eine Brücke sein, die ihren Nutzern das Kunststück erlaubt, begriffslos (nämlich ohne die Verwendung von Unterscheidungsgewohnheiten) zu beobachten. Hier hätte ein überzeugendes Beispiel wahrlich geholfen, einmal unterstellt, eine Praxis unterscheidungsfreien Beobachtens ließe sich überhaupt zweifelsfrei exemplifizieren.

Der letzte und umfangreichste Teil des Sammelbandes wendet sich programmatisch den »neue[n] methodischen Zugängen und Anwendungen einer Soziologie der Praxis« zu. Er beginnt mit dem wiederholten Hinweis auf den bereits vorliegenden, reichhaltigen Fundus ethnographischer Forschung durch Diana Lengersdorf. Erneut lesen wir einen Beitrag, der das erklärte Programm des Sammelbandes insofern herausfordert, als auch Lengersdorf »für ein Vorgehen« votiert, »das es ermöglicht, Praktiken selbst anzeigen zu lassen, was die geeigneten Methoden ihrer Erforschung je sind« (183). Aus diesem verblüffenden Plädoyer folgt, »dass wir [die Forschenden, A.S] auch immer wieder bereit sein müssen, Grenzziehungen innerhalb und zwischen Erkenntnistheorien in Frage zu stellen« (ebd.). Solche Bereitschaften werden propagiert, »damit die Praktiken überhaupt eine Chance haben, etwas anzuzeigen« (ebd.). Offenbar besitzen Praktiken als Gegenstände soziologischer Forschung das okkulte Vermögen, von sich aus dafür zu sorgen, dass sie in angemessener Weise zu Forschungsgegenständen werden. Was unter einer solchen geradezu esoterischen Axiomatik einen wissenschaftlichen Zugriff auf Wirklichkeit noch von einem nichtwissenschaftlichen unterscheidet, bleibt angesichts der Auskunft, am besten verzichte man gleich auf Methoden, Kriterien und Grenzziehungen, gelinde gesagt schleierhaft. Eine derart kühne Behauptung lässt den Rezensenten ratlos zurück. Ihm kommen jetzt doch Zweifel, ob sich die Autorinnen und Autoren freiwillig zur Mitwirkung an einem Methodenband zusammengefunden haben. Wohlmeinend verstanden, läuft Lengersdorfs Beitrag wohl auf ein neuerliches, vorsichtiges und innerhalb des Bandes bereits triviales Votum für teilnehmende Beobachtung hinaus – also die Methode, bei der gerne und häufig, allerdings fälschlich, suggeriert wird, sie könne auf theoretische Vorannahmen und den Einsatz begrifflicher Unterscheidungen verzichten. So verfestigt sich der Eindruck, die Praxissoziologie halte Beobachtung für einen kognitiven Akt, bei dem gegebene Sinneswahrnehmungen idealerweise ohne die Intervention begrifflicher Strukturierungen von einem Subjekt, das keine Welt hat, rezipiert werden.

Im Anschluss an Lengersdorf stellt Göde Both einen methodischen Ansatz vor, den Adele E. Clarkes aus der „Grounded Theory“ abgeleitet hat. Clarkes Situationsanalyse ist in erster Linie ein Ordnungsverfahren, mit dem »Übersicht und Kontrolle« (200) über das in qualitativen Forschungen häufig ausufernde Datenmaterial hergestellt werden kann. Vorgeschlagen wird ein mehrstufiger Prozess, bei dem Elemente einer Situation aus den Daten zusammengetragen und zu »Karten« (schematischen Skizzen, die wie Mindmaps aussehen) zusammengestellt werden, die den Kontext sozialer Aktivitäten darstellen sollen. Akteure, Dinge und Beziehungen zwischen Akteuren und Dingen, die von Teilnehmern in Interviews oder Gesprächen benannt oder von Forschenden beobachtet werden, sollen aufgeschrieben und durch Striche verbunden werden. Dabei obliegt es den anzufertigenden Karten, »alle Elemente, die einen Unterschied […] innerhalb der Situation machen«, (204) zu verzeichnen – was immer diese Forderung im Einzelnen bedeutet. Auch wenn diese Technik in der Kürze von Boths Beitrag schwer nachzuvollziehen ist, animiert der Beitrag zur Lektüre der Originaltexte von Clarke. Diese Bereitschaft trübt allerdings Boths abschließender Hinweis, die clark‘sche Situationsanalyse sei bedauerlicherweise »im strengeren Sinne keine Praxistheorie« (212). Wie ärgerlich.

Nachdem Christiane Schürkmann noch einmal daran erinnert hat, dass das Material nicht nur in der bildenden Kunst, sondern generell für die Praxissoziologie wichtig sei und deswegen unbedingt mitbeobachtet gehört, betont Yannik Porsché ein weiteres Mal die Verwandtschaft von Praxissoziologie und Ethnomethodologie. Inzwischen hat der aufmerksame Leser jedoch schon verstanden, dass eine Beschreibung dessen, was situativ passiert, aus einer Beobachtung verbaler und nonverbaler Akte gewonnen werden kann. Porsché untersucht die im Kontext einer Ausstellung ermittelten Gesprächsausschnitte detailgenau, »um dem ‚Wie‘, dem ‚Wann‘ und den ‚Wirkungen‘ von sozialen Praktiken empirisch nachzugehen« (258). Wie schon in anderen Beiträgen zuvor kann er überzeugend zeigen, dass sich lokale Bedeutung als emergentes Produkt der Interaktionen selber verstehen lässt. Was ein solcher Nachweis soziologisch erbringt, ist die neuerlich unbeantwortet bleibende Frage. Zwar strotzt der Sammelband von wiederholten Bekenntnissen zu Grundannahmen solcher Art, doch gerade in diesem Fall wäre ein erweiterter Blick spannend gewesen. So hat etwa der Ansatz Schatzkis das Problem der situativen Selbstgenügsamkeit zu vermeiden versucht, indem er eher makroskopische Beobachtungen von Praxis zulässt.4 Das Zerstückeln von großformatigen Aktivitätszusammenhängen in lokale Mikrosituationen, wie es die auch in diesem Band favorisierte »Multi-Sited-Ethnography« (294) vorschlägt, kann aus naheliegenden Gründen nicht das letzte Wort einer Praxissoziologie sein. Man mag Schatzkis Thesen für falsch, diese Lesart für absurd oder allgemeine Bedenken gegen mikrosoziologischen Situationismus überhaupt für Unfug halten – was sich nicht wegdiskutieren lässt, ist der Umstand, dass hier in der Tat eine methodologische Debatte nötig wäre.

Der Band schließt mit einer begrüßenswerten Ermahnung von Marian Füssel an die Kolleginnen und Kollegen der Geschichtswissenschaft, etwas von dem erkenntniskritischen und methodologischen Elan der praxissoziologischen Debatte zu übernehmen, und einem zweiten Beitrag der beiden Herausgeberinnen Franka Schäfer und Anna Daniel. Darin versprechen die Autorinnen, eine Theorie des Rock und Pop als »Praxisformation« (289) vorzulegen, indem sie Veranstaltungen (Festivals), die Rezeptionsgeschichte solcher Ereignisse und auch »die Karrieren spezifischer Artefakte« (306), zum Beispiel der E-Gitarre, aufarbeiten, kartographieren und Zusammenhänge herstellen. Die Ansage klingt interessant, bleibt allerdings rein programmatisch, weshalb sich der Text nur bedingt für einen Methodenband eignet. Das Versprechen der Autorinnen, sie würden »über klassische Erhebungsmethoden der Ethnomethodologie und Ethnografie hinausgehen« (298), weil nun auch Videoaufzeichnungen ausgewertet würden, lässt sich selbst mit viel Wohlwollen nicht als eine Initiative zu methodologischer Aufklärung verstehen.

Die eher bescheidenen Erkenntnisgewinne, der weitgehend unreflektierte Beobachtungsbegriff, der allem Anschein nach vornehmlich als »begriffsfreie« sinnliche Wahrnehmung definiert wird, und die Fetischisierung des Mikroskopischen offenbaren, dass die Praxissoziologie in der Tat Grund hat, ihre methodischen Voraussetzungen kritisch zu thematisieren. Insofern ist der Ausgangsthese der Herausgeber, eine intensivierte praxissoziologische Methodendiskussion sei überfällig, nicht zu widersprechen. Einen lebensfähigen Methodenkorpus für den Geist der Praxissoziologie hat der Band allerdings noch nicht bereitgestellt.

Fußnoten

 1  Theodore R. Schatzki, Social Practices, A Wittgensteinian Approach to Human Activity and the Social, Cambridge 1996; Ders., Practices and Actions: a Wittgensteinian Critique of Bourdieu and Giddens, in: Philosophy of the Social Sciences 27 (1997), 3, S. 283–308.

2  Vgl. dazu Robert Schmidt / Jörg Volbers, Öffentlichkeit als methodologisches Prinzip, Zur Tragweite einer praxistheoretischen Grundannahme, in: Zeitschrift für Soziologie 40 (2011), 1, S. 24–41.

3  Auch hier zeigt sich das systematische Problem der basalen Methodenskepsis.

4  Theodore R. Schatzki, A New Societist Social Ontology, in: Philosophy of the Social Science 33 (2003), 2, S. 174–202; Ders., Where the Action is, On Large Social Phenomena Such as Sociotechnical Regimes, Sustainable Practices Research Group Working Paper 1, 2011.

 

 

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.