Die Deutsche Forschungsgemeinschaft und Plan S

Open Access ist als wissenschaftspolitisches Ziel in Europa spätestens seit 2012 fest verankert. Mit den im Mai 2016 veröffentlichten »Coun­cil Con­clu­sions on the transition towards an Open Science system« wurde die Zielmarke vorgegeben, dass bis 2020 Open Access der Standardmodus wis­sen­schaft­­lichen Publizierens sein solle. 2018 wurde der so genannte Plan S durch den damaligen Open-Access-Sondergesandten der Europäischen Kom­­­mis­sion, Robert-Jan Smits, ins Leben gerufen. Er kam insbesondere des­halb zustande, weil erkennbar wurde, dass das bereits 2012 formulierte Ziel nicht er­reicht werden kann. Schließlich lag die Quote von unmittelbar zu­gäng­lichen Publikationen in reinen Open-Access-Zeitschriften (so ge­nann­ter gol­de­ner Open-Access) in den großen entwickelten Ländern Euro­pas (Deutsch­land, Großbritannien, Frankreich, Italien) im Jahr 2017 le­dig­lich zwischen 12 und 16 Prozent. Selbst wenn man alle Ar­tikel be­rück­sich­tigt, die 2019 im Open Access verfügbar waren (goldener, hybrider, grüner Open Access) liegt die Quote global betrachtet bei nicht mehr als circa 31 Prozent.[1]

Während auf europäischer Ebene Aspekte der Wirtschaftsförderung eine Rolle bei der Open-Science-Agenda spielen, unterstützt die DFG Open Ac­cess bereits seit 2003 aus der Überzeugung heraus, dass es die logische Kon­se­quenz in der Entwicklung wissenschaftlichen Publizierens im digitalen Zeit­­­alter darstellt. Open Access dient der Wissenschaft dadurch, dass der wis­­­­senschaftsinterne Austausch potenziell befördert wird, indem For­schungs­­ergebnisse und neue Erkenntnisse unmittelbar für alle frei zugäng­lich sind. Wissenschaftliche Informationen stehen, wenn nicht unbedingt und per se schneller – je nach Verfahren der Qualitätsüberprüfung –, so doch ohne Zugangsschranken zur Verfügung und sind im Idealfall, also dem Open Access entsprechend der Definition in der Berliner Erklärung, um­fas­­send und rechtlich abgesichert nachnutzbar, wenn die Urheber Nut­zungs­­lizenzen (CC-BY-Lizenzen) vergeben. In dieser die Wissenschaft be­för­­dernden Funktion unterstützt die DFG Open Access, nicht jedoch als Selbst­­zweck. Daher sollte – nach Ansicht der DFG – die Open-Access-Trans­­­for­mation für alle Fächer und Disziplinen in den an ihre je spezifischen tra­­dier­ten Publikationspraktiken angepassten Formen, Formaten und auch Ge­schäfts­modellen umgesetzt werden.[2] Schließlich bestehen in einzelnen Fä­chern besondere Hindernisse (etwa im Feld der Kunstgeschichte, wo un­ver­­hält­nismäßig hohe Verbreitungskosten aufgrund von Lizenzzahlungen bei Dritt­rechten an Inhalten, insbesondere Bildern und Abbildungen, an­fal­len), die Beachtung finden müssen. Letztlich gibt es daher legitime Grün­de, im Ein­­zelfall auch gegen eine Open-Access-Publikation zu ent­scheiden.

Das zentrale und erste Prinzip des Plan S ist die Verpflichtung der För­der­nehmer beziehungsweise der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zur Open-Access-Publikation ab 2021. Die unterzeichnenden Or­ga­ni­sa­tio­nen streben an, eine solche Verpflichtung in ihren Regularien einzuführen. Die DFG verpflichtet mit Stand Ende 2019 ihre Fördernehmer, also die in DFG-Projekten geförderten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht dazu, die Ergebnisse aus DFG-geförderter Forschung im Open Access zu publizieren. Daher ist die DFG auch kein Mitglied der cOAlition S. Sie fordert aber dazu auf, im Modus des Open Access zu veröffentlichen.[3] Da­r­über hinaus hat sie in ihrem Kodex zur Guten Wissenschaftlichen Praxis aus dem vergangenen Jahr festgehalten, dass die Herstellung eines öffentlichen Zu­gangs zu den Ergebnissen wissenschaftlicher Arbeit ein Standard guter wis­senschaftlicher Praxis ist.[4] Ein die DFG von anderen na­tio­nalen Fördereinrichtungen unterscheidendes Merkmal ist ihre Ver­fasst­heit als Selbstverwaltungsorganisation der Wissenschaft. Diese Be­son­derheit führt dazu, dass strategische Entscheidungen, wie etwa die Ver­pflich­tung zur unmittelbaren Open-Access-Publikation, im Senat getroffen werden müs­sen. Bislang hat der Senat keine diesbezügliche Diskussion ge­führt.

Würde eine solche Diskussion geführt, gäbe es verschiedene Ebenen zu be­rücksichtigen: Zum einen wäre da die verfassungsrechtliche Ebene, die unter anderem zu beachten hat, welche Funktion der DFG aktuell im Wis­sen­schaftssystem zukommt und zu welchem Anteil ihre Dritt­mittel­för­de­rung faktisch in die Grundfinanzierung von Forschungsvorhaben eingreift.[5] Zum anderen wäre die Ebene der Disziplinengerechtigkeit zu bedenken. Darüber hinaus gehört zu dieser Debatte ebenso die Frage, mit welchen ökonomischen Konsequenzen unter den gegenwärtigen Be­din­gun­gen eine solche Verpflichtung einhergehen würde. In Großbritannien et­wa hatte die Verpflichtung zu Open-Access-Publikationen gekoppelt mit der Bereitstellung von Mitteln eine Erhöhung der Publikationskosten zur Fol­ge. Letztlich sind auch andere bereits in Gang gekommene Diskussionen von Be­lang, etwa dazu, welche Bewertungsmaßstäbe und -praktiken be­züg­lich Publikationen aktuell im Wissenschaftssystem gelten und inwiefern da­durch auch Dysfunktionalitäten des Publikationswesens verfestigt werden.

All diese Ebenen werden implizit durch die Vorschläge des Plan S be­rührt. Darüber hinaus enthält Plan S in seinen weiteren zehn Maßnahmen ebenso Aspekte, die durch die Verfügbarmachung geeigneter Pub­li­ka­tions­orte sowohl Disziplinengerechtigkeit herstellen als auch auf die Veränderung der aktuellen ökonomischen Situation im Publikationswesen abzielen und eine höhere Transparenz in puncto Publikationskosten ermöglichen sollen.[6]

Die DFG trägt viele dieser Ziele des Plan S mit und hat einige schon vor der Ausformulierung des Plan S umgesetzt.[7] Insbesondere ermöglicht die DFG seit über einem Jahrzehnt den Aufbau von Open-Access-Infra­struk­tu­ren, etwa in Form von Repositorien oder Zeitschriften. Bereits 2009 initi­ier­te sie zudem ein strukturbildendes Programm, über das Hochschulen den gol­denen Weg des Open Access verankern konnten (Open Access Publizieren). Seit 2010 gilt bei dieser DFG-Förderung eine Kappungsgrenze in Höhe von 2.000 € (inklusive Mehrwertsteuer) für die Kosten der Publikation eines Ar­tikels im goldenen Open Access, die auch im Rahmen der Selbst­ver­pflich­tung mancher Einrichtungen für deren eigene Mittel eingehalten wird.[8] Im Rahmen von Plan S werden aktuell Studien und Pilotvorhaben[9] in Auftrag gegeben, die untersuchen, wie Kostentransparenz für Verlagsdienst­leis­tun­gen hergestellt werden kann. Das Ziel muss sein, die Preise für eine Pub­li­ka­tion adäquat zu den dafür anfallenden Dienstleistungen zu gestalten.

Die ebenfalls im Plan S vorgeschlagene enge Koordination von Kon­sor­tien, wissenschaftlichen Einrichtungen und Förderorganisationen ist in Deutsch­land schon lange institutionalisiert und auf verschiedenen Ebenen an­ge­siedelt, beispielsweise bei der Allianz der Wissenschaftsorganisationen. So ist die Förderung von überregionalen Lizenzen mit den dazugehörigen wis­senschaftsfreundlichen Grundsätzen im Rahmen der Allianz entstanden. Auch DEAL ist ein Projekt der Allianz der Wissenschaftsorganisationen.  Nicht nur über den Aufbau von Infrastrukturen, sondern auch über die   För­de­rung von Lizenzverträgen im Programm Überregionale Lizenzierung un­­ter­stützt die DFG seit Langem neben dem goldenen ebenso den grünen Open Access. Aktuell fördert sie zudem den Neuabschluss von Open-Access-Trans­formationsverträgen, mit denen auch kleine und mittel­stän­di­sche Ver­la­ge ihr Angebotsportfolio in den Open Access überführen können. Bis Ende 2024 sollen dem gegenwärtigen Stand zufolge Inhalte auch unter Plan S als kompatibel gelten, die über solche Verträge in den Open Access ge­langt sind. Ziel der Verträge ist es, eine Doppelzahlung auszuschließen, die beim »Frei­kauf« einzelner Artikel in ansonsten zugangsbeschränkten Zeit­schriften nicht ausgeschlossen werden kann.

Es ist mittlerweile in der Tat deutlich, dass fast 20 Jahre nach der Berliner Er­klärung Open Access zu einem Thema von allgemeiner Relevanz ge­wor­den ist und eine klare wissenschaftspolitische Präferenz dafür existiert.[10] Den­noch steigt die Open-Access-Quote bislang nur langsam und die mög­li­chen Arten des Publizierens via Open Access werden immer vielfältiger. In dieser Land­schaft sind die rechtlichen und ökonomischen Konsequenzen der ver­schie­de­nen Publikationsoptionen für einzelne Wissenschaftlerinnen und Wis­sen­schaft­ler nicht mehr unbedingt sofort offensichtlich. Jedoch soll­te für jede Auto­rin und jeden Autor aus den Publikationsoptionen er­sicht­lich sein, wel­che Personen und Pro­zesse hinter dem Publika­tions­organ[11] stehen (etwa in Be­zug auf die Seriosität und Qua­li­tät). Zudem kommt auch den Bi­b­liotheken auf­grund ihrer his­to­ri­schen Funk­tion und Expertise für die Li­te­ratur­ver­sor­gung eine wichtige Rolle da­­bei zu, Open Access-Angebote auch in wirt­schaft­li­cher Hinsicht zu prüfen, Open Access auf eine wis­sen­schafts­dienliche Art zu or­ganisieren und sicher­zu­stel­len sowie dazu Bera­tungs­­dienstleistungen an­zu­bieten. In Deutschland ge­schieht das schon sehr umfassend. Zu diesen Auf­ga­ben gehört auch, die Daten­in­tegrität zu schüt­zen[12] und die Datenmündigkeit der Wis­sen­schaftlerinnen und Wissenschaftler zu be­för­dern: Jede*r Pub­li­zie­ren­de sollte wissen kön­nen, was mit den eigenen Nut­zungs- und Zugriffsdaten pas­siert, un­ab­hängig davon, ob er oder sie im Open Access liest oder nicht. Die ins­be­son­de­re bei kommerziellen Verlagen ge­ne­rier­ten Daten sind in den Zeiten des In­for­­ma­tions­­kapitalismus als Big Data bares Geld wert. In die­sem Zusam­menhang sind bereits erste Fälle bekannt geworden, in denen die Da­ten wis­sen­schaft­li­cher Aktivität zu Überwachungs­zwecken von staat­lichen Organen ange­for­dert beziehungsweise Daten an In­ter­essierte ver­kauft worden sind.[13] (Lamdan 2019).  Vor diesem Hintergrund kön­nen auch die Vorgaben des jeweiligen Pu­b­li­kationsorgans hinsichtlich der Art seiner Da­ten­verwertung ein Aspekt wer­den, der bei der Auswahl des Pub­li­­ka­tions­ortes entscheidend von Belang ist.

Aktuell wird auch der Stellenwert monografischer Werke im Open Access ein zunehmend wichtigeres Thema, da auch hier Dis­zi­pli­nen­ge­rech­tig­keit her­ge­stellt werden soll. Darüber hinaus sollen einschlägige Pub­li­ka­tions­mög­lich­kei­ten offeriert und genutzt werden, und zwar derart, dass eine nach­haltige In­­frastruktur entsteht. Entsprechende Empfehlungen wurden kürz­lich von Scien­ce Europe[14] vorgelegt. Mit den Universitätsverlagen hat Deutsch­land eine hervorragende, schon lange aktive Basis für die frei zu­gäng­liche Buch­pro­duk­tion, auch weitere Verlage machen inzwischen der­ar­ti­ge Angebote. Aktuell über­arbeitet die DFG ihre Richtlinien zur Förderung der »Pub­li­ka­tions­bei­hilfe« für wissenschaftliche Monografien. Plan S hin­ge­gen vertagt die The­ma­tik der Monografien, hat sie aber bisher nicht aus­geklammert.

Zu den Zielen des Plan S gehört jedoch nicht nur, dass nun, 20 Jahre nach der Berliner Erklärung, wissenschaftliche Erkenntnisse ausschließlich frei zu­gäng­lich sind. Ebenso zielt er darauf ab, die Kräfteverhältnisse im wis­sen­schaft­lichen Publikationswesen so zu gestalten, dass das Wis­sen­schafts­system die Dysfunktionalitäten beseitigen kann, die sich durch Fehl­an­reize für zu viele oder ausschließlich an bibliometrischen Indikatoren orien­­tierte Publikationen auf das wissenschaftliche Verhalten niederschlagen (insbesondere hoher Pub­li­­kationsdruck und die daraus folgende Flut an Ver­öf­­fentlichungen): Die Ver­brei­tung von Erkenntnissen ist der zentrale As­pekt von Wissenschaft, daher soll­te die Verbreitung und Wahrnehmung von Er­kenntnissen – gerade im digi­ta­len Zeitalter – so wenig wie möglich be­schränkt, aber auch nicht durch ex­trin­sische Faktoren künstlich befördert wer­den. Übermäßige Zahlungen so­wohl für den Zugang als auch für die Pub­likation sind schlichtweg nicht ge­recht­fertigt.

Vor diesem Hintergrund kann die freie Zugänglichkeit zu For­schungs­er­geb­nissen allerdings auch nicht das angestrebte Ziel sein, sondern nur ein Schritt auf dem Weg hin zu einem Wissenschaftssystem, das der Qualität wis­senschaftlicher Arbeit mehr Aufmerksamkeit schenkt als der Anzahl von Ein­trägen in einer Publikationsliste. Die Dysfunktionalitäten, welche das heu­tige Publikationssystem prägen und zugleich Open Access behindern, sind zum Teil hausgemacht und werden im Wissenschaftssystem per­pe­tuiert.

In diesem Zusammenhang sind zwei Maßnahmen des Plan S her­vor­zu­he­ben, die zur Erreichung dieses Zwecks als zentral gelten können: Einmal die For­derung, dass die (einfachen) Verwertungsrechte wissenschaftlicher Bei­träge bei den Autorinnen und Autoren verbleiben sollen (Plan S, Grund­satz 1); zum anderen die Verpflichtung von Fördereinrichtungen dazu, den in­trinsischen Wert einer Publikation, also den Stellenwert der in der Pub­li­ka­tion vorgestellten wissenschaftlichen Erkenntnis, bei Be­gut­ach­tungs­ver­fah­ren in den Vordergrund zu stellen, und Aspekte wie Publikationsort, Zeit­schriftentitel, Verlag und Metriken (etwa den Journal Impact Factor) außer Acht zu lassen (Plan S, Grundsatz 10).

Beide Maßnahmen könnten potenziell revolutionäre Effekte nach sich zie­hen. Die erste Maßnahme zielt darauf ab, die Wurzel zahlreicher Pro­ble­me im Publikationswesen, die mit der großflächigen Monetarisierung wis­sen­schaftlicher Inhalte[15] (Buranyi 2017) eingesetzt haben, zu entfernen und Wis­senschaftlerinnen wie Wissenschaftlern wieder zu mehr Selbst­be­stim­mung bezüglich der Verbreitung und Verwertung ihrer Beiträge zu verhelfen (wo­mit im Übrigen nicht gesagt ist, dass aus bestimmten Gründen nicht auch auf die Ausübung dieses Rechts verzichtet werden kann).

Die zweite Maßnahme adressiert den Kern zahlreicher Dys­funk­tio­na­li­tä­ten im Gesamtzusammenhang des Systems, nämlich den systeminternen Pub­li­kationsdruck, der sich nicht nur ökonomisch negativ auswirkt (Pub­li­ka­tions­flut, Verteuerung, Überproduktion, Rezeptionsgau), sondern gleich­zei­tig kaum zum Erkenntnisgewinn beiträgt. Vielmehr geht er aus Fehl­an­rei­zen her­vor, die von der Wissenschaft selbst, allen voran von Beru­fungs­kom­missionen und Begutachtungsgremien, angegangen werden müssen. Bei der Leis­tungs­be­wertung sollte der cOAlition S zufolge der Wert wis­sen­schaft­licher Er­kennt­nisse im Vordergrund stehen, nicht etwa die Anzahl an Pub­likationen oder bestimmte Metriken, die mit dem Publikationsorgan ein­hergehen.

Dieser Thematik widmet sich die DFG aktuell wieder sehr intensiv, nachdem sie bereits 2010 mit der Maßnahme Qualität statt Quantität versucht hatte, derartigen Missständen entgegen zu wirken.[16] Vor die­sem Hintergrund verspricht 2020 ein spannendes Jahr zu werden: Auch wenn von 100%iger Open-Access-Publikation noch nicht die Rede sein kann, so sind doch international weitreichende Entwicklungen zu erwarten.