Die Open-Access-Politik des Plan S

Eine Chance für Publikationsmodelle im Dienst der Wissenschaft

Die Transformation wissenschaftlichen Publizierens hin zu Open Access zielt darauf, die Ergebnisse öffentlich finanzierter Forschung uneingeschränkt zugänglich zu machen. Aktuell gibt es vor allem in Bezug auf Fachzeitschriften intensive Bestrebungen, die Abkehr vom Subskriptionsmodell hin zu Open Access zu beschleunigen. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang etwa die Förderung von Publikationsfonds durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die DEAL-Verhandlungen mit den Wissenschaftsverlagen Wiley, Springer Nature und Elsevier sowie schließlich der so genannte Plan S, dessen Kernbotschaft lautet, dass alle Publikationen, die aus mit öffentlichen Geldern geförderter Forschung resultieren, ab 2021 in Open-Access-Zeitschriften, auf Open-Access-Plattformen oder Open-Access-Repositorien publiziert werden müssen.[1] Was aber bedeutet diese Plan-S-Initiative für Soziolog_innen, die Forschungsbeiträge veröffentlichen und sich darüber hinaus im Bereich wissenschaftlichen Publizierens engagieren?

Den nun folgenden Ausführungen zur Entwicklung von Open Access und den zu erwartenden Folgen von Plan S für die Finanzierung wissenschaftlichen Publizierens sei eine Beobachtung vorangestellt: Fragt man Wissenschaftler_innen nach ihrer Haltung zu Open Access, wie wir es im Projekt „Open Gender Platform“ derzeit tun, offenbart sich in aller Regel breite Zustimmung zu dem Ziel, freien Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen weltweit zu ermöglichen. In der alltäglichen wissenschaftlichen Praxis wird Zugang von den Befragten dagegen kaum als Problem wahrgenom­men. Schließlich erhalten an Hochschulen mit gut ausgestatteten Bibliotheken beschäftigte Wissenschaftler_innen üblicherweise problemlos die von ihnen benötigte Literatur. Vielmehr problematisieren die befragten Wissenschaftler_innen hohen Publikationsdruck und mangelnde Zeit für redaktionelle, herausgeberische oder gutachterliche Tätigkeiten. Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass die aktuell forcierte Veränderung des Publikationssystems eher als zusätzliche Belastung wahrgenommen wird, als ein weiteres Thema, mit dem man sich „irgendwann einmal“ näher befassen sollte. Fest steht: Das Publikationssystem wird sich unter anderem durch die Politik des Plan S in den nächsten Jahren stark verändern. Dieser Transformationsprozess eröffnet Spielräume, in denen über die Frage des Zugangs und der Nachnutzbarkeit hinaus strukturelle Defizite des wissenschaftlichen Publizierens adressiert werden können. Ob aber das Publikationssystem der Zukunft wieder stärker an den Bedürfnissen der Wissenschaft ausgerichtet sein wird, hängt, wie der folgende Beitrag zeigt, entscheidend davon ab, ob Wissenschaftler_innen ihre Interessen insbesondere bei der Diskussion um Finanzierungswege für Open Access geltend machen.

 

Der lange Weg zu universellem Open Access

Die Plan-S-Erklärung markiert, ebenso wie die DEAL-Verhandlungen, die aktuelle Phase der Open-Access-Transformation, in der es darum geht, Open Access zum Regelfall des wissenschaftlichen Publizierens zu machen. Dem ist eine mehr als zwanzigjährige Entwicklung vorangegangen, in der Open Access als Anliegen von Aktivist_innen startete, zum Gegenstand von breit unterstützten Manifesten und Absichtserklärungen wurde und schließlich in den Kernbereich der Wissenschafts- und Forschungspolitik vorgedrungen ist. Den Ausgangspunkt dieser Entwicklung bilden in den 1990er-Jahren zum einen durch das Internet entstandene neue Möglichkeiten der Organisation und Distribution wissenschaftlicher Publikationen, zum anderen bestimmte Entwicklungen auf dem Publikationsmarkt. Ab Mitte der 1990er-Jahre führten Verlagsfusionen und -übernahmen zu einer immer stärkeren Marktkonzentration im Bereich der wissenschaftlichen Fachverlage, zahlreiche Fachzeitschriften wechselten im Zuge dessen in den Besitz großer Verlagshäuser.[2] Steigende Sub­skriptionspreise für Zeitschriften, die vermehrt nur noch in Abonnementpaketen angeboten wurden, lösten die so genannte Zeitschriftenkrise aus, in deren Folge immer größere Anteile der Bibliotheksetats in den Bezug von kostspieligen Zeitschriften flossen – und viele Abonnements schließlich gekündigt werden mussten. Dadurch wurde die Preisspirale weiter angetrieben. Unter anderem in Reaktion auf diese Entwicklung begannen Akteur_innen innerhalb der wissenschaftlichen Community, alternative Publikationsorte zu entwickeln. Es entstanden erste Preprint-Server wie arXiv.org sowie Repositorien und frei zugängliche Online-Journals, durch die wissenschaftliche Beiträge digital veröffentlicht und distribuiert werden konnten.

Die Motive und Ziele der Open-Access-Bewegung sind in einer Reihe von Manifesten formuliert, darunter die „Budapest Open Access Initiative“[3] und die „Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen“[4]. In der Budapester Erklärung etwa heißt es, dass Forschungsergebnisse „kostenfrei und ohne Zugangsbeschränkunken für Forschende, Lehrende und Studierende und für alle anderen, die an den Ergebnissen der Wissenschaft interessiert sind,“[5] zugänglich gemacht werden sollen, was dem Öffentlichkeitsprinzip der Wissenschaft entspricht. Um dieses Prinzip im digitalen Zeitalter zu erfüllen, verlangt die Berliner Erklärung:

„Die Urheber und die Rechteinhaber […] gewähren allen Nutzern unwiderruflich das freie, weltweite Zugangsrecht zu diesen Veröffentlichungen und erlauben ihnen, diese Veröffentlichungen – in jedem beliebigen digitalen Medium und für jeden verantwortbaren Zweck – zu kopieren, zu nutzen, zu ver­breiten, zu übertragen und öffentlich wiederzugeben sowie Bearbeitungen davon zu erstellen und zu verbreiten, sofern die Urheberschaft korrekt angegeben wird.“[6]

Die Open-Access-Bewegung setzt sich dafür ein, dass Nutzungsrechte nicht wie bisher üblich exklusiv an einen Verlag abgetreten werden, sondern Autor_innen freie Lizenzmodelle zur Verfügung stehen, um Zugang, Verbreitung und Nachnutzung im Sinne der Berliner Erklärung zu ermöglichen.

Trotz der genannten Manifeste, fortschreitender technischer Entwicklungen und einer zunehmenden Zahl an Open-Access-Zeitschriften[7] konnten die oben genannten Entwicklungen auf dem Publikationsmarkt jedoch nicht gestoppt werden. In den Geistes- und Sozialwissenschaften erschienen 2013 mehr als 50 Prozent der Zeitschriftenartikel bei den fünf großen Publishern Elsevier, Taylor & Francis, Wiley-Blackwell, Springer und Sage Publications.[8] Im Jahr 2015 gingen an deutschen Universitäten 58 Prozent der Ausgaben für Fachzeitschriften an Elsevier (28 %), Springer (17 %) und Wiley (13 %).[9] Damit lassen sich hohe Gewinnmargen erzielen. Im Falle von RELX, der Dachgesellschaft von Elsevier, betrug der Gewinn im Zeitschriftenbereich 2018 erstaunliche 31,3 Prozent bei Einnahmen von 9,8 Mrd. US-$. Der Anteil der Verlagsgeschäfte von Elsevier daran liegt bei circa 40 Prozent.[10] Derartige Prozesse sind der Grund, aus dem die politischen Bemühungen um Open Access in den letzten Jahren deutlich verstärkt worden sind.

 

Beschleunigung der Transformation durch Plan S

Ein Beispiel für das politische Vorantreiben dieser Entwicklung ist der bereits angeführte Plan S. Hinter dieser Initiative steht die so genannte cOAlition S, ein Zusammenschluss verschiedener Organisationen der nationalen Forschungsförderung mit Unterstützung der Europäischen Kommission und des Europäischen Forschungsrates. Hierzu gehören unter anderem der österreichische Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), das Research Council of Norway (RCN), die Agence nationale de la recherche (ANR) in Frankreich, das National Science Centre Poland (NCN) und mehrere schwedische Förderer. Darüber hinaus haben auch wohltätige und internationale Förderorganisationen wie der Wellcome Trust, die Bill & Melinda Gates Foundation sowie die Weltgesundheitsorganisation Plan S unterzeichnet. Die Deutsche Forschungsgesellschaft unterstützt Plan S zwar, gehört aber nicht zu seinen Unterzeichnerinnen.

In den zehn Prinzipien und weiteren Umsetzungsbestimmungen des Plan S sind die Bedingungen festgelegt, unter denen die von den unterzeichnenden Organisationen geförderten Projekte ihre Ergebnisse künftig publizieren werden. Deutlich wird, dass die cOAlition S den Schritt hin zu universellem Open Access sehr ernst meint. Wo die Forschungsförderer bislang vergleichsweise sanften Druck in Form von Soll-Bestimmungen ausgeübt haben, werden derlei Spielräume und Ausnahmen im Plan S vermieden. Vielmehr werden klare Kriterien formuliert, die Open-Access-Services erfüllen müssen. Um den potenziellen Impact des Plan S zu verdeutlichen, sind drei Punkte hervorzuheben: (1) der Abschied von der Embargofrist, (2) die schrittweise Abschaffung von Hybridmodellen und (3) die Festlegung von Bedingungen für die Transformation von Zeitschriften. Bislang bieten viele Verlage an, Beiträge nach einem, zwei oder gar vier Jahren öffentlich zugänglich zu machen, oder erlauben den Autor_innen die Selbstarchivierung nach Ablauf einer gewissen Frist. Plan S geht hier deutlich weiter, indem er vorschreibt, dass Veröffentlichungen unmittelbar frei und nachnutzbar zugänglich sein müssen. Beiträge müssen entweder auf dem sogenannten goldenen Weg direkt in einer Open-Access-Zeitschrift publiziert werden oder – auf dem sogenannten grünen Weg – parallel in einem Repositorium abgelegt werden. Solche Repositorien, wie etwa das Social Science Open Access Repository (SSOAR), kümmern sich um die Langzeitarchivierung von Beiträgen. Bisher war diese Art der Open-Access-Publikation in der praktischen Umsetzung meist mit einer Embargofrist verbunden – eine Lösung, die Plan S nun ausdrücklich ausschließt. Zudem sieht Plan S Mechanismen vor, die verhindern sollen, dass sich sogenannte hybride Zeitschriften dauerhaft etablieren. Zeitschriften, die im Subskriptionsmodell erscheinen und lediglich einzelne Beiträge – etwa aufgrund der Förderbedingungen – gegen die Zahlung einer Autorengebühr frei zugänglich anbieten, sollen nur unter strengen Bedingungen als Publikationsorte infrage kommen. Um zu ver­hindern, dass sich die Wissenschaftsverlage doppelt an öffentlichen Geldern bedienen, sieht Plan S vor, Hybridmodelle ausschließlich im Rahmen von Transformationsverträgen zu unterstützen, die einen fixen Zeitrahmen für den vollständigen Umstieg auf Open Access festlegen.[11] Hierzu definiert die cOAlition S einen ausführlichen Kriterienkatalog. Die Möglichkeit, in hybriden Zeitschriften zu veröffentlichen, besteht damit nur noch bis zum 31. Dezember 2024 und nur unter der Bedingung, dass die Zeitschrift sich nachweisbar auf dem Weg zu einem Open-Access-Modell befindet.[12]

In der Konsequenz sind Wissenschaftsverlage aufgefordert, ihre Geschäftsmodelle zügig auf Open Access umzustellen und freie Lizenzen anzubieten. Plan S spricht sich für die Lizenz Creative Commons Attribution 4.0 International (CC BY 4.0) aus, die der Berliner Erklärung entspricht. Verlage, die ihren Autor_innen in der Vergangenheit engere Lizenzmodelle wie die Creative-Commons-Lizenz Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0) – im eigentlichen Sinne keine Open-Access-Lizenz – angeboten haben, müssen hier nachbessern. Die genannten Punkte betreffen primär wissenschaftliche Fachzeitschriften. Monografien und Sammelbände sind davon jedoch nicht ausgeklammert. Zwar sind sich die Unterzeichner des Plan S darüber im Klaren, dass die Verwirklichung von Open Access in diesem Bereich länger dauern wird und zudem ein gesondertes Verfahren erfordert, kündigen jedoch bereits Implementationsrichtlinien für Monografien und Buchkapitel für Ende 2021 an.

 

Geschäfts- und Finanzierungsmodelle für Open Access

Es ist zu erwarten, dass Verlage bei der Umsetzung von Open Access vielfach auf das bereits etablierte Modell der Artikelgebühren setzen werden. Die sogenannten Article Processing Charges (APC) werden in der Regel der Korrespondenzautorin in Rechnung gestellt und können zum Beispiel aus Drittmitteln oder Publikationsfonds finanziert werden. So sieht es auch Plan S vor: “[P]ublication fees are covered by the Funders or research institutions, not by individual researchers; it is acknowledged that all researchers should be able to publish their work Open Access”[13]. In Deutschland verfügen mittlerweile viele Universitätsbibliotheken über Publikationsfonds zur Finanzierung der APC. Ihr Aufbau wird noch bis Ende 2020 von der DFG mitfinanziert. Künftig müssen die Publikationsfonds jedoch mit Eigenmitteln finanziert werden. Strittig ist derzeit insbesondere die angemessene Höhe der APC.[14] Die DFG deckelt aktuell Artikelgebühren bei 2.000 €, viele Zeitschriften verlangen jedoch deutlich höhere Gebühren, wie etwa die Zahlen des Open Access Monitor[15] zeigen. Eine Studie von Walt Crawford belegt, dass die durchschnittlichen Artikelgebühren zwischen den Wissenschaftsbereichen stark variieren. Während in den Lebenswissenschaften durchschnittlich 1.849 US-$ und in den STEM-Disziplinen 1.510 US-$ pro Artikel verlangt werden, fallen im Bereich Humanities and Social Sciences lediglich durchschnittliche Artikelgebühren von 558 US-$ an.[16]

Das APC-Modell dominiert derzeit die Diskussion um mögliche Finanzierungskonzepte für Open-Access-Zeitschriften. Dabei ist dieses Modell weder das einzig denkbare noch frei von Risiken. Wo es in erster Linie gilt, „das Subskriptionssystem mit seinen Barrieren zu überwinden“[17], liegt es nahe, die Akteurskonstellation weitestgehend unverändert zu lassen, jedoch das zu bezahlende Produkt zu verändern. Statt des Zugangs zu Artikeln via Subskription wird heute für den Service der Veröffentlichung gezahlt – aus Erwerbungsetats werden Publikationsfonds. Angesichts der zum Teil hohen Artikelgebühren, aber auch der Ergebnisse der erfolgreichen DEAL-Verhandlungen mit Wiley und Springer Nature steht jedoch zu befürchten, dass die Entwicklung hin zu Open Access zwar für den freien Zugang zu wissenschaftlicher Literatur sorgt, aber nichts gegen die zunehmende Preissteigerung auszurichten vermag. Eine Lösung dieses Problems erhoffen sich einige Akteur_innen von robusten Transparenzanforderungen: Verlage werden aufgefordert, die Kostenzusammensetzung konkret zu belegen. So sieht Plan S vor:

“When Open Access publication fees are applied, they must be commensurate with the publication services delivered and the structure of such fees must be transparent to inform the market and funders potential standardisation and capping of payments of fees.”[18]

Zu befürchten steht natürlich, dass Transparenz allein nicht geeignet ist, um weitere Preissteigerungen zu verhindern. Schließlich sind insbesondere börsennotierte Verlage darauf angewiesen, weiter zu wachsen. Um das zu realisieren, müssen die Preise steigen, weitere Marktanteile gewonnen (was wiederum die Konzentration verstärken würde) oder aber neue Geschäftsfelder erschlossen werden.[19]

Aktuelle Zahlen belegen, dass APC in Relation zum Publikationsaufkommen „für natur- und lebenswissenschaftliche, international sichtbare und in einschlägigen bibliometrischen Datenbanken indexierte Open-Access-Zeitschriften das dominierende Geschäftsmodell sind.“[20] In den Geistes- und Sozialwissenschaften dagegen sind 78 Prozent der zwischen 2013 und 2018 erschienenen Open-Access-Artikel in gebührenfreien Zeitschriften publiziert worden.[21] Das Directory of Open Access Journals verzeichnet darüber hinaus einen sehr hohen Anteil von fast 73 Prozent an APC-freien Journals (Stand 16. September 2019).[22] Diese Befunde sprechen für bereits existierende Alternativen zum APC-Modell. Wie können solche Modelle aussehen? Avisiert sind Konsortiallösungen, die institutionelle finanzielle Unterstützung für Open-Access-Publikationen bündeln. Im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften ist neben anderen die Open Library of Humanities (OLH) aktiv. Diese gemeinnützige Organisation unterstützt Zeitschriften beim Wechsel vom Subskriptions- auf ein Open-Access-Modell. Etwa 300 Institutionen und Organisationen finanzieren gemeinsam die 27 Open-Access-Zeitschriften der OLH. Die teilnehmenden Bibliotheken ermöglichen den Zugang zu diesen Zeitschriften als Gemeingut, denn die Inhalte sind im Gegensatz zu anderen digitalen Lizenzen nicht exklusiv für Angehörige der Einrichtung, sondern für alle Interessierten weltweit frei zugänglich. Einen ähnlichen Weg geht derzeit der Non-Profit-Verlag Annual Reviews mit dem Subscribe-to-Open-Modell. Bestehende Beziehungen zu Bibliotheken, die die Annual Reviews abonnieren, sollen genutzt werden, um den Zugang zu aktuellen wie vergangenen Ausgaben für alle zu öffnen:

“Institutions that already know and value Annual Reviews content simply continue to subscribe - there are no APCs or other additional costs - and as long as subscription revenues are maintained, the year’s volume will be published open access and the back volumes made freely available.”[23]

Beide Modelle eignen sich vorrangig für Zeitschriften, die vom Subskriptionsmodell zu Open Access wechseln.

Anders sieht es bei Zeitschriften aus, die als Open-Access-Zeitschriften gegründet wurden und damit von Beginn an frei zugänglich waren. Für diese Zeitschriften leistet die DFG im Rahmen ihres Programms „Infrastruktur für elektronische Publikationen und digitale Wissenschaftskommunikation“ zeitlich begrenzte Aufbau- und Expansionshilfe. Diese Open-Access-Zeitschriften erscheinen häufig verlagsunabhängig mit Hilfe von Infrastruktur- und Serviceangeboten, die unter anderem von Bibliotheken zur Verfügung gestellt werden. So hostet etwa das Center für digitale Systeme (CeDiS) an der Universitätsbibliothek der FU Berlin mehr als 30 Open-Access-Zeitschriften, darunter das Forum Qualitative Sozialforschung.[24] Wie neben dem technischen Betrieb auch die redaktionelle Ar­beit dieser Zeitschriften nachhaltig finanziert werden kann, ist aufgrund fehlender Förderstrukturen über die Anschubphase hinaus in vielen Fällen offen.[25] Aktuell sind Zeitschriften dieser Art zumeist auf sporadische institutionelle Zuschüsse durch Lehrstühle, Universitäten, Forschungsverbünde oder Fachinformationsdienste angewiesen. Denkbar wäre es, solche Zeitschriften dauerhaft unter dem Dach von Universitätsverlagen zu publizieren und auf diese Weise direkt mit öffentlichen Mitteln zu finanzieren. Eine kollektive Finanzierung qualitativ hochwertiger verlagsunabhängiger Open-Access-Zeitschriften könnte auch im Rahmen eines Bibliothekskonsortiums erfolgen, das Förderkriterien festlegt und Zeitschriften unter Einbezug von Fachwissenschaftler*innen evaluiert. Nicht zuletzt können sich auch Fachgesellschaften an der Finanzierung von Open-Access-Zeitschriften beteiligen. Wohin eine solche Entwicklung im positiven Fall gehen kann, zeigen Open-Access-Plattformen wie journal.fi in Finnland, das kroatische HRČAK-Portal oder das lateinamerikanische SciELO-Projekt. Plattformen dieser Art ermöglichen bereits heute die kostengünstige Distribution von Forschungsergebnissen insbesondere mit regionalen und angewandten Schwerpunkten. Darüber hinaus engagieren sie sich in der Entwicklung von offenen Standards und Open-Source-Software für das wissenschaftliche Publizieren.


Open Access im Interesse wissenschaftlicher Communities

Die Unterzeichner von Plan S sprechen sich – auch mit Blick auf derzeit im Open-Access-Bereich noch vorhandene Angebotslücken – für eine Unterstützung vielfältiger Geschäftsmodelle aus. Wissenschaftler_innen sind in dieser Situation aufgefordert, sich über ihre Interessen in Bezug auf die Gestaltung der wissenschaftsinternen Kommunikation zu verständigen und diese auch geltend zu machen. Schließlich leisten Wissenschaftler_innen gegenwärtig einen großen Teil der Arbeit im Publikationsgeschäft selbst. Sie engagieren sich in Redaktionen, als Herausgeber_innen und Gutachter_innen, planen Ausgaben, lesen und redigieren Texte, organisieren die Begutachtung und redaktionelle Workflows. Die Unterstützung durch die Verlage wird dabei oftmals als unzureichend empfunden.

Bei all dem auch noch an der Gestaltung von neuen Finanzierungsmodellen mitzuwirken, verlangt ein hohes Maß an Engagement. Mit Blick auf notorisch überfüllte To-Do-Listen erscheint es verlockend, das Thema Finanzierung den Wissenschaftsverlagen zu überlassen beziehungsweise darauf zu setzen, dass Bibliotheken gut mit ihnen verhandeln. Das im Zuge der Open-Access-Transformation vorhandene Gestaltungspotenzial könnte aber ebenso dazu genutzt werden, die Interessen von Wissenschaftler_innen in den Prozess einzubringen. Das betrifft beispielsweise die Frage nach den Arbeitsverhältnissen in der Wissenschaft. Nachhaltige Finanzierungsmodelle für Open Access könnten mit dem Ziel der Verbesserung von Arbeitsverhältnissen im Wissenschaftsbereich verbunden werden. Derzeit wird weitestgehend akzeptiert, dass Wissenschaftler_innen einen großen Teil des Publikationsgeschäftes „nebenbei“ erledigen, in der Freizeit, unbezahlt und unter Inkaufnahme damit verbundener Ungleichheitsmechanismen etwa mit Blick auf Sorgearbeit. Das Wissenschaftssystem könnte faire Open-Access-Modelle nutzen, um redaktionelle Arbeit stärker als Teil wissenschaftlicher Beschäftigungsverhältnisse zu berücksichtigen. Das wäre nicht nur für einzelne Wissenschaftler_innen entlastend, sondern könnte zusätzlich Vorteile hinsichtlich der Qualitätssicherung mit sich bringen, denn sorgfältige Qualitätssicherung erfordert Zeit. Ein weiteres Defizit, das eine stärkere Selbstorganisation des wissenschaftlichen Publizierens langfristig adressieren könnte, ist der Publikationsdruck und die Fixierung auf Zitationsmetriken im Wissenschaftsbetrieb. Diesbezüglich verpflichten sich die Unterzeichner von Plan S, Forschungsleistungen nach dem intrinsischen Wert von Beiträgen und nicht anhand von Metriken wie dem Impact-Faktor zu bewerten.[26]

In der aktuellen Situation sind die Fachgesellschaften gefragt, Diskussionsprozesse zu initiieren, die Interessen ihrer Mitglieder zu bündeln und sich ggf. selbst bei der Organisation, Finanzierung und Koordination neuer Publikationsmodelle zu engagieren. Einige Fachgesellschaften sind hier be­reits aktiv, etwa die European Geosciences Union oder die Österreichische Gesellschaft für Politikwissenschaft. Die Fachgesellschaft Geschlechterstudien unterstützt gezielt Projekte wie die Open Gender Platform, die die Gender Studies mit den Diskussionen der Open-Access-Community vernetzt. Die Expertise der Open-Access-Community sollte für die jetzt anstehenden Diskussionen um die Transformation von Zeitschriften und mögliche neue Modelle genutzt werden. Gute Anlaufpunkte sind die bestehenden Open-Access-Projekte oder die Open-Access-Beauftragten der Hochschulen.

Aber auch Verlage kommen als Bündnispartner_innen für neue Finanzierungs- und Organisationsmodelle infrage. Mehr Ressourcen in die Arbeit von Wissenschaftler_innen zu investieren, setzt jedoch voraus, dass ein größerer Teil des Publikationsbudgets in der Wissenschaft verbleibt, was deutlich im Widerspruch zu den Profitzielen der großen Wissenschaftsverlage steht. Kleinere und mittlere Verlage, darunter auch solche, die sich bereits auf Open-Access-Services spezialisiert haben, sind diesbezüglich anders zu bewerten. Fest steht: Der Plan S wird die Etablierung von Open Access zum Regelfall beschleunigen. Ob sich die Publikationsmodelle im Zuge dessen stär­ker an den Bedürfnissen der Wissenschaft ausrichten werden als bisher, hängt davon ab, dass Wissenschaftler_innen ihre Interessen auch engagiert in den Transformationsprozess einbringen.