"Mit der Anzahl von ersten Sätzen wächst auch das Selbstvertrauen"

Ute Frevert im Gespräch mit Stephanie Kappacher

Was am Schreiben fällt Ihnen schwer und wie gehen Sie mit diesen Schwierigkeiten um?

Am schwersten fällt mir der berühmt-berüchtigte erste Satz. Egal ob es der erste Satz eines längeren Buches, eines kurzen Artikels oder eines Zeitungsfeatures ist. Daran werkele ich sehr lange herum, weil er buchstäblich den Ton angibt – und der muss sitzen.

Am zweitschwersten ist der erste Satz eines jeden neuen Tages für mich. Aber dafür habe ich mittlerweile einen Trick gefunden: Ich schreibe ihn schon am Abend vorher auf. Das ist dann immer ein Satz, nach dem es sich sozusagen wie von selbst weiterschreibt. In der Regel freue ich mich meist schon beim Aufstehen auf das Weiterschreiben… Was mir überhaupt nicht guttut, ist, wenn ich am Abend den sprichwörtlichen Griffel an einer Stelle fallen lasse, an der ich nicht mehr weiter weiß oder mich irgendwie verrannt habe. Darauf zu hoffen, dass es am nächsten Morgen einfach ‚fluppt‘, ist illusorisch. Das funktioniert nicht. Deshalb verlasse ich einen Text nur, wenn ich mich auf sicherem Gelände wähne.

Meiner Erfahrung nach wächst mit der Anzahl von ersten Sätzen auch das Selbstvertrauen. Rückblickend war für mich persönlich die Arbeit an meiner Dissertation am schwierigsten, da fehlten mir sowohl Erfahrung wie auch Selbstvertrauen. Klar, vor der Diss gab es eine Staatsexamensarbeit, davor unzählige Hausarbeiten. Trotzdem war die Doktorarbeit für mich so etwas wie eine finale Mutprobe – sozusagen der ultimative Härtetest, ob ich überhaupt zur Wissenschaft tauge. Die Nerven lagen oftmals blank, die Selbstzweifel wuchsen schier in den Himmel.

Ich erinnere mich daran, dass ich damals, in den frühen 1980er-Jahren, mit einem etwas älteren Freund und Kollegen über unsere jeweiligen Schreibprozesse sprach. Er beschrieb seinen wie folgt: Das gesamte Buch – mit Kapiteln und Unterkapiteln – entwarf er angeblich schon im Kopf. Dann setzte er sich an den Schreibtisch und schrieb alles in einem Ruck herunter. Ich war baff – und dachte mir, so müsse es wohl sein. Diese Stringenz, Struktur und Disziplin – das sei eben Wissenschaft. Alles ist streng durchdacht, voneinander abgeleitet, theoretisch durchdekliniert. Der Kopf regiert, sortiert und gewichtet. Meine eigene Arbeitsweise erschien mir dagegen völlig mangelhaft, chaotisch, ungeordnet. Sicher, ich hatte ein Argument und eine organisierende Idee – oder das, was man, mit einem dieser furchtbaren Substantive, Fragestellung nennt. Es gab auch eine grobe Gliederung und ich hatte Berge von Material angesammelt – wahre Schätze, von denen nicht unbedingt alles zu meinen Argumenten passte.

Denn genau darin bestand für mich die Herausforderung: These und Material aufeinander beziehen und abgleichen, notfalls, wenn sich das Material gegen die These sträubte, die These abändern. Genau das passierte beim Schreiben und es passiert immer noch. Schließlich praktiziere ich kein einfaches Auf-Schreiben, kein Nieder-Schreiben oder Fest-Schreiben. Ich praktiziere sozusagen die allmähliche Verfertigung von Gedanken beim Schreiben – ein ungemein kreativer Prozess, dessen Ende am Anfang nicht wirklich absehbar ist.

Es hat gedauert, bis ich das begriffen und akzeptiert habe. Die geschilderte Herangehensweise des Kollegen schien mir die überlegenere, ja, intellektuellere. Meine hatte etwas von hausfraulichem Experimentieren oder einem pragmatischem Trial-and-Error-Verfahren. Darauf war ich nicht stolz, ganz im Gegenteil. Es kam mir unwissenschaftlich vor. Deshalb habe ich es beispielsweise auch für mich behalten, als ich beim Schreiben der Dissertation plötzlich merkte, dass die Gliederung nicht funktionierte und ich ein neues (zweites) Kapitel brauchte, bevor ich den nächsten Schritt in Angriff nehmen konnte. Das hat zwar das Gesamtargument nicht grundlegend verändert, führte aber zu einer anderen Architektur des Textes.

Was ich mit all dem sagen will: Mein Neid auf den Kollegen war nicht von langer Dauer. Während der Arbeit an meiner Dissertation habe ich erlebt, dass meine eher inkrementalistische Art des Schreibens, die im intensiven Dialog mit dem Material stattfindet, schöpferisch ist – und darüber hinaus ausgesprochen lustvoll. Ich mache am laufenden Band Entdeckungen, die mir zu Beginn des Schreibprozesses noch nicht klar sind. Das hat etwas Überraschendes, Aufregendes und sehr Befriedigendes.

 

Das klingt sehr positiv. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Sprache beschreiben?

Ich liebe es, mit Sprache umzugehen und einen sprachlichen Ausdruck für einen Sachverhalt zu finden, der ihn nicht unter sich begräbt und Zwang ausübt. Deshalb vermeide ich Passivkonstruktionen und einen substantivischen Stil, wie ihn etwa Juristen, aber auch viele Soziologen pflegen. Sprache scheint mir bei solchen Autoren etwas Verdinglichtes zu haben, sie ähnelt einer Betonhülle. Ich mag es, wenn sie atmet, klingt und fließt. Ich suche nach Sprachbildern, die dem Geschilderten entsprechen, statt es einzusargen. Das klappt nicht immer – und es klappt vor allem nicht sofort. Aber es bereitet mir Freude, nach dem Richtigen zu suchen.    

 

Haben Sie bestimmte Routinen und Rituale entwickelt, die Ihnen dabei helfen, dass „es klappt“? Anders gefragt: Unter welchen Bedingungen schreiben Sie am liebsten?

Ich brauche Unmengen von heißem Tee, Ruhe und viel Zeit, die nicht unterbrochen wird. Das war nicht immer so, man passt sich ja an die Umstände an. In der „Familienphase“, als die Kinder noch klein waren und mittags nach Hause kamen, war die Zeit immer begrenzt und wurde oft „gestört“. Aber ich habe relativ rasch gelernt, damit umzugehen. Ich fand sofort nach der „Störung“, die keine war, zurück in den Text. Ich musste mich einfach anders organisieren als später, als ich wieder Herrin meines Lebens war – was ja auch jetzt nur bedingt stimmt, denn das Leben als Max-Planck-Direktorin besteht auch nicht allein aus Forschen (No complaints!). Aber ich versuche, mir jeweils Tage oder zumindest halbe Tage zu reservieren, an denen ich ungestört am Schreibtisch sitzen und das tun kann, was ich am allerliebsten tue: Schreiben.

Und dieses Schreiben funktioniert am besten in meinem Sommerhaus an der Ostsee, mit Blick auf eine große Wiese mit Staudengarten und in einen endlosen Himmel. An Tagen ohne Verabredungen und Termine, unterbrochen nur vom Schwimmen, Gärtnern und ausgedehnten Abendessen auf der Terrasse. Aber es geht auch in meiner Berliner Wohnung, allerdings nicht im Institut. Dort ist es viel zu trubelig. Es geht auch nie auf Bahnfahrten, Flughäfen oder im Café. Manche aus dem Kollegium schaffen das ja, aber ich kann das nicht.  

 

In dieser Tasse werden "Unmengen von heißem Tee" serviert, die das Schreiben begleiten. (Quelle: privat)

 

Welche Rolle spielt Lesen für Ihr eigenes Schreiben?

Ich lese viel, aber meist auf das bezogen, was mich gerade interessiert und woran ich arbeite. Und ich lese, allerdings nicht durchgängig, auch viel Belletristik. Ob das gut für den eigenen Stil ist – keine Ahnung. Es sensibilisiert meiner Ansicht nach jedenfalls für Jargon und Ungenauigkeit.

Je älter ich werde und je mehr ich schreibe, desto allergischer reagiere ich auf name dropping und interne Referenzen: Wer zitiert wen? Wer ‚schreibt sich‘ in welche Diskurse ‚ein‘? Wer immunisiert sich dadurch gegen Kritik, dass er bestimmte Begriffe verwendet und andere wiederum scheut wie der Teufel das Weihwasser? Als ich meine „Qualifikationsarbeiten“ schrieb, habe ich das auch gemacht, das Spiel mitgespielt, um mich klar zu positionieren und abzuschirmen. Mittlerweile empfinde ich diese Spielereien als lästig. Vorbilder sind für mich jene Historiker und Historikerinnen, die ihre eigene Sprache gefunden haben, die nah an ihren Quellen ist, gleichzeitig aber auch nah an denjenigen, die sie mit ihren Erzählungen erreichen wollen – und ohne Kotau vor der Disziplinargewalt der Sprache, die ihnen ihre eigene wissenschaftliche Disziplin – egal ob Geschichte oder Soziologie – aufzwingen will.   

 

Wie organisieren Sie – zur Vorbereitung und Begleitung des Schreibens – Ihre Gedanken und die gelesene Literatur?

Ich habe mir in den letzten Jahren angewöhnt, ausführliche Dateien mit Exzerpten zu bestimmten Themen anzulegen. Das sind Exzerpte von Quellen aus Archiven und Bibliotheken, ein wahrer Schatz. Aber er ist nicht gerade „fein gegliedert“, sondern eher grob nach Themen und Schlagworten organisiert. Außerdem gibt es noch eine Zettelwirtschaft mit Gedankensplittern – meist das, was mir unter der Dusche einfällt.

Zum Sortieren meiner Gedanken beginne ich vor dem Schreiben übrigens immer mit einer Art Einleitung, in der ich das Thema definiere, die These entwickele, die Methodik erläre und den geplanten Argumentationsgang skizziere. Die stecke ich mir dann metaphorisch hinter den Spiegel, damit ich mich nicht im Dickicht der Quellen verliere und ungefähr die Richtung halte. In der Regel muss ich die Einleitung später trotzdem radikal umschreiben, weil sich eben während des Schreibens so einiges geändert hat. Aber auch diese Überarbeitung ist spannend und zeigt an, was man hinzugelernt hat.  

 

Das klingt nach einem eingeübten Verfahren. Oder wie verläuft ein typischer Schreibprozess bei Ihnen?

Den typischen Schreibprozess gibt es bei mir eigentlich nicht, jedes Buch entsteht auf eine andere Weise. Mal sind es aufeinander aufbauende Vorträge, die zu einem Buch weiterentwickelt werden wollen (oder sollen); mal ist es eine Idee, die Jahre zurückliegt, die ich immer wieder aus den Augen verloren habe, ohne dass sie völlig verschwunden wäre, und die dann peu à peu Gestalt annimmt. Das Buch, an dem ich im Moment arbeite, geht auf eine Ausstellung zurück, die meine Tochter Bettina und ich im letzten Jahr kuratiert haben. Da ist vieles vorgedacht, aber eben nur ganz knapp, was ich jetzt gründlicher analysieren und ausführlicher erläutern kann.

Dennoch gibt es eine Konstante: Mein Mann, Soziologe, ist immer mein erster und kritischster Leser. Nicht bei einzelnen, kürzeren Aufsätzen, aber bei Büchern. Oft reden wir schon während der Inkubationszeit darüber. Dann liest er das gesamte Manuskript – und gibt es mir mit Randbemerkungen zurück, die eine zarte Seele schon erschüttern können. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und spart nicht an ebenso scharfen wie scharfsinnigen Kommentaren. Ab und zu lobt er auch, aber das ist eher selten. Umso glücklicher bin ich dann, wenn es mal passiert… Nein, im Ernst: Es ist nicht immer leicht, das auszuhalten. Aber es hilft mir enorm – und er hat fast immer Recht.

 

Pflegen Sie weiteren Austausch mit anderen im Entstehungsprozess Ihrer Texte?

Ja, manche Texte lasse ich auch im Forschungsbereich diskutieren. Dort herrscht ein kritisch-konstruktiver Stil, jedoch sanfter und höflicher als zu Hause. Schließlich weiß jeder aus eigener Erfahrung, wie empfindlich und verletzbar man im eigenen Schreibprozess ist.

Meine Empfehlung lautet, Texte ganz am Anfang ihrer Entstehung vorzustellen, also noch im Programmmodus: Das und das habe ich aus diesen und jenen Gründen vor, das sind meine Argumente. Und dann noch einmal, nachdem das Material beisammen und mit den anfänglichen Thesen ins Benehmen gesetzt worden ist. Diese Stationen sind meines Erachtens die wichtigsten Momente, in denen eine klug kommentierende oder nachfragende Kritik von Kolleginnen und Kollegen wahre Wunder wirken kann. Wenn alles unter Dach und Fach ist, noch schlimmer wenn das Buch, der Artikel, schon gedruckt ist, lässt sich nichts mehr ändern und ein Austausch darüber macht fürs Schreiben keinen Sinn mehr. 

 

Welche Rolle spielt Schreiben Ihrer Meinung nach für die Sozialwissenschaften und was bedeutet Schreiben für Sie in Ihrer Arbeit als Wissenschaftlerin?

„Die Sozialwissenschaften“ – das ist mir zu weit. Es gibt solche und solche. Manche politikwissenschaftlichen und soziologischen Texte erinnern mich an intellektuelle Schlachtfelder, jedes Wort ein Argument, jeder Begriff eine Theorie, jede Fußnote eine Freund- oder Feinderklärung: mit dem ja, mit der nicht, auf keinen Fall. Dahinter steckt auch ein bestimmtes Verständnis von Theorie: Man schreibt, überspitzt gesagt, um die Theorie zu entfalten und zu bestätigen, nicht um einen Sachverhalt mittels der Theorie zu klären.

 

Welche Rolle spielt die Theorie für Ihr Schreiben?

Ich bin in Bielefeld wissenschaftlich sozialisiert worden, dort – und auch anderswo – entwickelte man die Vorstellung von Geschichte als einer historischen Sozialwissenschaft. Das war in den 1970er-Jahren, als die Sozialwissenschaften, vor allem die Soziologie, auf dem Höhepunkt ihrer akademischen Macht waren. Für Studentinnen und Doktorandinnen war es selbstverständlich, sich auf dem Feld soziologischer Theorien auszukennen und sie für die eigene Arbeit „fruchtbar zu machen“ – wieder so ein grauenhafter Ausdruck. Dennoch war Theorie kein Selbstzweck, sondern ein Hilfsmittel, um das, was man als Forschungsproblem oder Forschungsgegenstand definiert hatte, möglichst umfassend und komplex beschreiben zu können. Es ging nicht um die Subsumtion bestimmter Sachverhalte unter eine Theorie, sondern um die Erklärungskraft der Theorie.

Das hat Folgen für das Schreiben. Denn was ich erklären will, muss ich zunächst einmal darstellen und begreifen. Hier wird die narrative Dimension relevant, die bei jeder Form von Geschichtsschreibung eine Rolle spielt. Bei „klassischen“ Historikern steht sie im Mittelpunkt, aber auch bei sozialwissenschaftlich informierten Kolleginnen ist sie präsent und notwendig. Wie ich erzähle, welches „Narrativ“ ich wähle, ist logischerweise theoriegeleitet. Es ergibt sich nie aus dem Stoff, aus dem Material, aus den Quellen, sondern immer aus dem Blickwinkel, aus dem heraus ich den Stoff betrachte und lese. Dennoch ist der Stoff, die Quelle da, und will nach allen Regeln der geschichtswissenschaftlichen Kunst erschlossen und kontextualisiert werden. Dabei kommt es neben anderen Kompetenzen ganz entscheidend auf die „schriftstellerischen“ Qualitäten der Historikerin an. Sie kann das nervtötend dröge und langweilig tun, ihre Leserschaft geradezu quälen, etwa indem sie über Worte und durch Sätze stolpert. Aber sie kann auch lebendig erzählen, Spannung aufbauen, Paradoxien aufzeigen oder Widersprüche auflösen.

Welche Option eine Autorin wählt, hat etwas damit zu tun, für wen sie schreibt. Dem engeren Fachkollegium kann sie eher mehr und Schlimmeres zumuten als einem breiteren Publikum. Für den Kollegen reicht oft die Verwendung eines bestimmten Begriffs oder ein bestimmter Literaturhinweis, um ihn wissen zu lassen, wo die Autorin herkommt, wo sie steht und wohin sie mit ihrer These will. Bei einem größeren Publikum kann davon nicht so leicht ausgegangen werden. Eine breite Leserschaft fordert eine stringente Argumentation ohne Kürzel und Jargon, leserinnenfreundliche Prosa also. Das Publikum will der Autorin bei ihren Denkbewegungen folgen, ohne überwältigt zu werden. Es will über alternative Deutungen in Kenntnis gesetzt werden, mitsamt den Gründen, warum sie nicht oder weniger überzeugen. Es will, in drei Worten, Diskursivität und Transparenz.

 

Welchen Adressatenkreis, was für ein Publikum haben Sie beim Schreiben im Hinterkopf?

Als Historikerin habe ich immer eine größere Öffentlichkeit vor Augen, für die ich schreibe, die ich mit meinen Büchern erreichen möchte. Selbstverständlich sind mir auch die Aufmerksamkeit und Meinungen der Fachkollegen wichtig, aber das ist längst nicht alles, was für mich zählt. Ich betreibe Geschichte immer noch in erster Linie als Aufklärungsarbeit und Orientierungshilfe für die Gesellschaft, in der ich lebe. Dafür ist es wichtig, mit dieser Gesellschaft zu kommunizieren – in Form von Vorträgen und Interviews, durch Ausstellungen und Podcasts, aber auch und nicht zuletzt in schriftlichen Formaten. Die Themen wähle ich mir selber, aber in der Art und Weise meines Schreibens bemühe ich mich um Verständlichkeit, Anschlussfähigkeit und Resonanz.

 

In welchem Format, in welchem Textgenre äußern Sie sich am liebsten?

Ich favorisiere ganz klar das Buch vor dem Artikel, vom Sammelband mal ganz zu schweigen. Innerhalb eines Buches kann ich ein Argument ‚in epischer Breite‘ entfalten, in einer komplexen Architektur, mit Vor- und Rückverweisen – je nach Belieben und Bedarf. Ich kann mir begründete Abwege erlauben und auf vielen Wegen zum Ziel gelangen. Das Narrativ muss nicht stromlinienförmig organisiert werden wie in einem Artikel, dessen verdichtete Form mich in ein enges argumentatives Korsett zwingt. Erscheint ein solcher Artikel in einem Sammelband, Seite an Seite mit anderen, ebenso verdichteten und im eigenen Saft schwimmenden Beiträgen zu einem übergeordneten Thema, steht er ohnehin auf verlorenem Posten.

Etwas anderes ist es, wenn all diese gemeinsam arrangierten Artikel in einem wirklich engen diskursiven Zusammenhang stehen, also aufeinander Bezug nehmen, miteinander sprechen. In meinem Berliner Forschungsbereich haben wir das versucht, bereits drei Mal. Derzeit arbeiten wir an einem vierten und fünften solcher Projekte. Wir nennen die Bücher, die aus dieser Zusammenarbeit entstehen, „co-authored volumes“. Es handelt sich um Bücher mit mehreren Autoren, die den jeweiligen Band beziehungsweise seine Kapitel gemeinsam schreiben. Konkret bedeutet eine solche Kooperation, dass die Autorschaft eines Kapitels zwar markiert ist, der Text aber vier oder fünf Mal in Reaktion auf Kritik um- und neugeschrieben wurde. Und zwar so lange, bis er dasjenige zum Argument des Ganzen beiträgt, was er beitragen sollte. Bisher sind solche co-authored volumes Ausnahmen im wissenschaftlichen Publizieren – und werden konstant falsch zitiert. Ohne klar markierte Herausgeberin kann ein Buch offenbar nicht leben.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer und Wibke Liebhart.