Rekurrenzen

Hans-Jörg Rheinbergers Texte zu Althusser

Hans-Jörg Rheinberger ist heute bekannt als Wissenschaftshistoriker, der sich insbesondere mit der Geschichte der Biologie und des Experiments beschäftigt. Doch seine ersten akademischen Schritte machte er in der Philosophie, deren Studium er 1972 abschloss, um sich dann der Molekularbiologie zuzuwenden (in letzterem Fach wurde er promoviert und habilitiert). Die Textsammlung Rekurrenzen enthält drei seiner frühen Schriften aus den Jahren 1973–1978 sowie ein Interview aus dem Jahr 2011. Letzteres nimmt etwa ein Viertel des Bandes ein und bietet interessante Einblicke in den intellektuellen Werdegang des Autors sowie die theoretischen Debatten in der Bundesrepublik der 1970er-Jahre. Die Einleitung von Henning Schmidgen erläutert die spezifische Tradition der Wissenschaftsgeschichte, an die Rheinberger anknüpft, die „Historische Epistemologie“. Zusammen bilden die beiden Teile des Buches eine interessante Hinführung zu den späteren Arbeiten des Autors. In meiner Besprechung möchte ich diese jedoch außen vor lassen und mich mit der Frage beschäftigen, ob die frühen theoretischen Texte eine bleibende Bedeutung haben.

Die inhaltliche Klammer der sehr unterschiedlichen Texte – neben der ins Detail gehenden Magisterarbeit Rheinbergers „Zur Kritik von Louis Althussers Auffassung der marxistischen Erkenntnistheorie“ finden sich zwei programmatische Essays – ist die Frage danach, was wissenschaftliche Erkenntnisproduktion ausmacht und in welchem Verhältnis sie zu anderen (philosophischen, ideologischen) Praxisformen steht. Als Ausgangspunkt, um diese Verhältnisse von immer neuen Seiten zu betrachten, nimmt Rheinberger die Philosophie des französischen Marxisten Louis Althusser. Dessen Rezeption war im Westdeutschland der 1960er- und 1970er-Jahre mit enormen Schwierigkeiten verbunden, lehnte er doch Kategorien wie „Verdinglichung“ und „Entfremdung“, die in der Debatte gegen den parteioffiziellen „Marxismus-Leninismus“ in Anschlag gebracht wurden, als ideologisch ab. Auch durch seine Interventionen gegen einen sozialistischen „Humanismus“ (insofern er als Grundlage der marxistischen Wissenschaft und nicht als politische Haltung verstanden wurde) geriet er in Verdacht, einen theoretischen Dogmatismus in neuem Gewand verteidigen zu wollen. Rheinbergers Texte sind in diesen Diskursen zu verorten und setzen sich dementsprechend sehr kritisch mit Althusser auseinander. Doch verzichten sie durchweg auf Polemik und lassen sich auf die Argumentation Althussers ein. Damit setzen sie sich von der damaligen, häufig voreingenommenen und oberflächlichen Rezeption angenehm ab und können deshalb immer noch Impulse für das Studium des Althusser’schen Denkens liefern.

Der erste Text des Bandes, Rheinbergers Magisterarbeit, beschäftigt sich mit Althussers Versuch, das Verhältnis von Theorie und Praxis in Form einer marxistischen Philosophie als „Theorie der theoretischen Praxis“ (64) neu zu fassen. Dieser Ansatz zeichnet sich durch die Annahme aus, dass Theoriebildung selbst eine Praxisform ist und als solche streng getrennt von anderen, etwa ökonomischen oder ideologischen, Praxisformen untersucht werden muss. Entsprechend betont Althusser, dass Theorie ihren realen Gegenstand (beispielsweise einer kapitalistischen Gesellschaftsformation) immer konstruiere: „Zwischen dem Erkenntnisobjekt – dem Rohstoff des Denkens, oder, um genau zu sein, seinem Produkt, dem Begriff – und dem Realobjekt – den Dingen selbst – existiert eine ‚absolut unüberschreitbare Grenze‘.“ (57) Althusser stellt daran anschließend die zentrale Frage, wie unter dieser Prämisse die Aneignung der realen Welt durch theoretische Praxis vor sich gehe. Doch seine Antwort beschränkt sich laut Rheinberger auf das Postulat, dass ihr Gelingen durch die Wissenschaftlichkeit der wissenschaftlichen Praxis garantiert werden könne. In dieser abstrakten Form bleibt er bei einem Zirkelschluss stehen: „Eine wissenschaftlich produzierte und wissenschaftlich präsentierte Erkenntnis ist eine wissenschaftliche Erkenntnis.“ (62) Doch auch Rheinberger zieht daraus nicht die Konsequenz, nun die wissenschaftliche Praxis und ihr Verhältnis zu ihren realen Objekten zu ergründen, sondern setzt diese lediglich in einer abstrakten Skizze mit der Entwicklung des „Widerspruchs“ von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen in Beziehung. Obschon er Althussers Programmatik positiv bewertet, sich auf die Untersuchung der Wissenschaften selbst einzulassen, anstatt sie vorschnell auf ihnen äußerliche Verhältnisse zurückzuführen, wird er ihr letztlich nur eingeschränkt gerecht.

Mit Beginn seines Biologiestudiums wendet sich der Autor der experimentellen Praxis einer Naturwissenschaft zu, wobei für ihn, wie er im Interview berichtet, das Verhältnis von Philosophie und Wissenschaft „eine drängende Frage“ (135) bleibt. Diese versucht er mit Rückgriff auf Althusser zu klären, und zwar in Auseinandersetzung mit dessen Vorlesung „Philosophie und spontane Philosophie der Wissenschaftler“, die im Jahre 1969 vor Geistes- wie auch Naturwissenschaftler_innen gehalten und 1974 veröffentlicht wurde.1 Althussers Verständnis von Philosophie hatte sich nunmehr verändert: „Philosophieren heißt, auf der Ebene der Theorie in Form von Thesen Position zu beziehen; Philosophie ist nicht allgemeine Theorie der Praxis, sondern selbst eine Praxis, politische Praxis in der Theorie.“ (so Rheinberger, 80) Diese These beruht auf der Annahme, dass Wissenschaftler_innen in ihrer konkreten Tätigkeit eine spontane Philosophie ausbilden. Besagte Tätigkeit bringe sie in einen grundsätzlichen Konflikt idealistischer Tendenzen, welche die wissenschaftliche Praxis hemmen, mit materialistischen Neigungen, welche sie fördern würden. Während erstere aus ideologischen Verstrickungen herrühren würden, entsprängen letztere der wissenschaftlichen Praxis selbst. Aufgabe marxistischer Philosophie sei es nun, der materialistischen Tendenz innerhalb der „spontanen Philosophie der Wissenschaftler“ zur Entfaltung zu verhelfen. Auch hier bemängelt Rheinberger die merkwürdige Distanz, die Althusser zur realen Praxis der Wissenschaften halte, zumal er für sich beanspruche, die produktiven theoretischen Effekte ihrer eigenen Arbeit herauszustellen und zu verteidigen. Wieder weiche Althusser der konkreten Untersuchung der Praxis, die doch eigentlich der Prüfstein seiner eigenen Thesen sein müsste, aus.

Rheinberger selbst wendet sich im zweiten Essay des Bandes der Wissenschaftsgeschichte zu, um zu einem adäquaten Verständnis der theoretischen Praxis zu gelangen. Dabei greift er wieder auf eine Kategorie Althussers zurück, nämlich dessen Bestimmung der Geschichte als „Prozeß ‚ohne Subjekt‘“ (97). Diese Formulierung benennt laut Rheinberger eine Vorstellung von „Entwicklung“, die im 19. Jahrhundert von Karl Marx und Charles Darwin für unterschiedliche Gegenstände entwickelt wurde und die „zu einer umfassenden Historisierung des Weltbildes“ (106) führte. Auf dieser Grundlage definiert der Autor Anforderungen an eine „Geschichte des gesellschaftlichen Erkenntnisprozesses“ (108), in der Erkenntnis nicht als Beziehung eines Subjekts zu einem Erkenntnisobjekt verstanden werde, sondern als eine historisch gewordene und durch gesellschaftliche Verhältnisse determinierte Struktur. Am Ende dieser Skizze steht die Forderung nach einer Wissenschaftsgeschichte, die „ihren Platz im Rahmen des historischen Materialismus einnimmt“. (112) Damit ruft Rheinberger ausdrücklich dazu auf, die Lücke zu schließen, die er in den vorigen Arbeiten bei Althusser herausgearbeitet hat: mit einer Untersuchung der konkreten Praxis der Wissenschaften und ihrer Genese.

Wie Rheinberger selbst treffend zusammenfasst, „zeigen die Texte den Weg von der Marx-Exegese des Philosophiestudenten über die Auseinandersetzung des Studenten der Biologie mit dem Verhältnis von Wissenschaft und Philosophie bis zur abschließenden Wende von der Kritik zur Geschichte“ (163). Doch sind diese theoretischen Arbeiten, außer als Zeitdokumente zur bundesdeutschen Althusser-Rezeption, noch von wissenschaftlichem Interesse? Seit einigen Jahren zeigt sich in der internationalen Diskussion ein vermehrtes Interesse an Althussers Theorien, das sich jedoch meist auf dessen Philosophiekonzeption und insbesondere seine Spätschriften konzentriert.2 Seine Bemühungen, die epistemologischen Grundlagen des „historischen Materialismus“ herauszuarbeiten, stehen hingegen nicht mehr im Zentrum des Interesses. Die Entwicklung einer Epistemologie der wissenschaftlichen Praxis sowohl von Marx als auch der an ihn anschließenden Arbeiten steht weiterhin aus.3 Ein wichtiges Verdienst der vorliegenden Textsammlung besteht darin, an Althussers kontrovers diskutierte Beiträge zu dieser Problematik zu erinnern und dabei klar ihren unerfüllten Anspruch zu artikulieren. Hier lässt sich anschließen, auch wenn Rheinbergers Überlegungen auf die poststrukturalistischen Diskussionen bezogen werden sollten, die sich im Anschluss an sowie in Opposition zu Althusser entfalteten. Im Gegensatz zu vielen philologischen Rekonstruktionen von Marx' Denken kann man Althussers Vorstoß zugutehalten, dass er radikale Thesen wagte und Kontroversen in Kauf nahm, wenn er etablierte Vorstellungen (wie den Bezug auf ein „Subjekt der Geschichte“4 oder die Basis-Überbau-Metapher5) kritisierte. Damit trieb er die theoretische Debatte immer wieder voran. Auf der Grundlage einer Lektüre der neu herausgegebenen Schriften Louis Althussers und insbesondere der ersten vollständigen deutschen Ausgabe von Das Kapital lesen6 bietet es sich an, gerade an deren Leerstellen anzusetzen und neue Forschungen in Gang zu bringen. Dabei „bleibt festzuhalten, was wir Althusser schulden und was er selbst uns schuldig bleibt.“ (91) Will man sich an einem solchen Projekt versuchen, können die hier versammelten Texte Rheinbergers einen Beitrag leisten.7

Fußnoten

1 Louis Althusser, Philosophie et philosophie spontanée des savants, Paris 1974; deutsche Ausgabe: Philosophie und spontane Philosophie der Wissenschaftler, Schriften, Bd. 4, übers. von Frieder Otto Wolf, Berlin 1985.

2 Siehe etwa Mikko Lahtinen, Politics and Philosophy. Niccolò Machiavelli and Louis Althusser's Aleatory Materialism, Leiden u.a. 2009. Siehe für den deutschsprachigen Raum Marc Berdet / Thomas Ebke (Hrsg.), Anthropologischer Materialismus & Materialismus der Begegnung. Vermessung der Gegenwart im Ausgang von Walter Benjamin und Louis Althusser, Berlin 2013.

3 Ein anregender Versuch dieses Problem unter Rückgriff auf den Critical Realism zu bearbeiten findet sich bei Urs Lindner, Marx und die Philosophie. Wissenschaftlicher Realismus, ethischer Perfektionismus und kritische Sozialtheorie, Stuttgart 2013.

4 Louis Althusser, Antwort an John Lewis, in: Horst Arenz / Joachim Bischoff / Urs Jaeggi (Hrsg.), Was ist revolutionärer Marxismus? Kontroverse über Grundfragen marxistischer Theorie zwischen Louis Althusser und John Lewis, Westberlin 1973, S. 35–76, hier S.48ff..

5 Louis Althusser, Ideologie und ideologische Staatsapparate. 1. Halbband, übers. von Frieder Otto Wolf und Peter Schöttler, Hamburg 2010, bes. S. 45ff.

6 Louis Althusser / Étienne Balibar / Roger Establet / Pierre Macherey / Jacques Rancière, Das Kapital lesen, hrsg. von Frieder Otto Wolf unter Mitwirkung von Alexis Petrioli, übers. von Frieder Otto Wolf und Eva Pfaffenberger, Münster 2015 (Originalausgabe: Lire le Capital, Paris 1968).

7 Einen knappen Überblick über die Thesen von Das Kapital lesen und mögliche aktuelle Anknüpfungspunkte bietet Alex Demirovič, „Anders denken, anders sprechen“. Ein Besprechungsessay zu „Das Kapital lesen“, in: PROKLA 180 (2015), S.469–482. Zahlreiche Aufsätze zu unterschiedlichen Aspekten von Althussers Denken finden sich in Katja Diefenbach u.a. (Hrsg.), Encountering Althusser. Politics and Materialism in Contemporary Radical Thought, London u.a. 2013. Eine aktuelle Einführung in die von Althusser entwickelte Theorie des Lesens bietet Ingo Kramer, Symptomale Lektüre. Louis Althussers Beitrag zu einer Theorie des Diskurses, Wien 2014.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Tilman Reitz.