Soziologisches zur Pandemie V

Eine Wortmeldung aus der Wissenschaft

Vor etwa 45.000 Jahren, so die anthropologische Forschung, fand die sogenannte neolithische Revolution statt. In deren Verlauf gaben die Menschen ihre nomadische Existenz auf und wurden sesshaft. Fortan sicherten Ackerbau und Viehzucht ein Überleben, das durch die selbsterwirtschafteten Erträge agrarischer Arbeit ungleich sicherer und überraschungsärmer gestaltet werden konnte. Zugleich kamen mit der Landwirtschaft auch erste Weisen, Haushalte in Ansiedlungen zu vergemeinschaften, was sich im Rückblick als die Entstehung früher Formen von Staatlichkeit darstellt. Auch deshalb gilt die neolithische Revolution als das entscheidende Kapitel in der Naturgeschichte der Gattung, dessen Folgen bis in unseren heutigen Alltag hineinreichen.

Dieses Narrativ vom zivilisatorischen Fortschritt durch Sesshaftwerdung, agrarische Arbeit und Staatsbildung stellt der Politologie, Sozialanthropologe und Schafzüchter James C. Scott infrage. Seine anarcho-libertär eingefärbte Rekonstruktion der neolithischen Revolution macht die Gegenrechnungen auf und benennt im Lichte beeindruckender archäologischer Funde die massiven Unkosten, die im so hoch gepriesenen Übergang von nomadischer Barbarei zu sesshafter Zivilisiertheit angefallen sind. Scott, 1936 geboren, hat den Großteil seiner akademischen Karriere als Professor of Political Science und Direktor des agrarwissenschaftlichen Programms der Yale University absolviert. Im letzten Jahr ist sein Buch Die Mühlen der Zivilisation erschienen, die von Horst Brühmann besorgte deutsche Übersetzung von Scotts bereits 2017 veröffentlichter Studie Against the Grain. A Deep History of the Earliest States. Soziopolis hatte dieser Veröffentlichung ein eigenes Buchforum gewidmet. Jetzt möchten wir noch einmal auf Scotts Analyse hinweisen, weil sie lange vor dem Ausbruch der jüngsten Pandemie den inneren Zusammenhang von Sesshaftigkeit und Bevölkerungskonzentration herausgearbeitet hat. Ihr zufolge sind nahezu „alle ansteckenden Krankheiten, die sich Mikroorganismen verdanken, die spezifisch an den Homo sapiens angepasst sind, erst in den letzten zehntausend Jahren entstanden, viele davon vielleicht erst in den letzten fünftausend. Es sind im strengen Sinne ‚Zivilisationskrankheiten‘. Diese historisch neuartigen Krankheiten – Cholera, Pocken, Mumps, Masern, Grippe, Windpocken und vielleicht auch Malaria – entstanden erst als Folge der beginnenden Verstädterung.“ (S. 113) Und eben diese Krankheiten stellen bis in die jüngste Zeit, das heißt bis in unsere Tage „die hauptsächliche Todesursache beim Menschen dar“ (ebd.). Will man verstehen, was aktuell geschieht, ist es ebenso paradox wie lohnenswert, sich mit Scott in die Tiefengeschichte der frühesten Staaten zu begeben. Sie macht uns mit den Parasiten und Wirtssystemen, das heißt mit den spezifischen Symbiosen bekannt, die erst mit und durch die neolithische Revolution zustande kommen konnten, um jetzt die Vulnerabilität der zivilisierten Weltgesellschaft mit zu verursachen.

- Die Redaktion

 

„Schon die Sesshaftigkeit schuf, lange vor dem verbreiteten Anbau von kultiviertem Getreide, die Voraussetzungen für die Bevölkerungsverdichtung und damit einen idealen Nährboden für Krankheitserreger. Das Wachstum großer Dörfer und kleiner Städte im mesopotamischen Alluvium stellte eine zehn- bis zwanzigfache Steigerung der Bevölkerungsdichte gegenüber allem dar, was es in der Geschichte des Homo sapiens bisher gegeben hatte. Die Logik von Bevölkerungskonzentration und Krankheitsübertragung ist einfach. Man stelle sich zum Beispiel ein Gehege mit zehn Hühnern vor, von denen eines von einem Parasiten befallen ist, der sich über den Kot ausbreitet. Nach einer Weile – unter anderem von der Größe des Geheges, von der Aktivität der Hühner und von der Leichtigkeit der Übertragung abhängig – wird sich ein weiteres Huhn anstecken. Nun stelle man sich statt zehn Hühnern fünfhundert in demselben Gehege vor, und die Chancen steigen mindestens auf das Fünfzigfache, dass ein anderer Vogel rasch infiziert wird, und so weiter in exponentieller Folge. Zwei Vögel scheiden jetzt den Parasiten aus und verdoppeln so die Wahrscheinlichkeit einer neuen Infektion. Erinnern wir uns, dass wir nicht nur das Federvieh, sondern auch seinen Kot verfünfzigfacht haben, so dass – je kleiner das Gehege ist –, die Wahrscheinlichkeit, dass andere Vögel dem Kontakt mit dem Krankheitserreger entgehen, bald verschwindend gering wird.

Für unsere gegenwärtigen Zwecke wenden wir die Logik von Bevölkerungsdichte und Krankheiten auf den Homo sapiens an, doch wie in dem obigen Beispiel gilt sie gleichermaßen für die Populationsdichte jedes krankheitsanfälligen Organismus, ob Flora oder Fauna. Es ist ein Phänomen, das ebenso auf Vogelschwärme wie auf Schafherden, Fischschwärme, Rentier- oder Gazellenherden und Getreidefelder zutrifft. Je größer die genetische Ähnlichkeit – oder je geringer die Variation –, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie alle für denselben Krankheitserreger anfällig sind. Bevor der Mensch extensiv zu reisen begann, waren vermutlich Zugvögel – die einerseits weite Wege zurücklegten und andererseits, insofern sie zusammen nisteten, eng beieinander lebten – die Hauptschuldigen der Ausbreitung von Krankheiten über große Entfernungen hinweg. Die Verbindung von Infektion und Populationsdichte war lange geläufig, ehe man die tatsächlichen Krankheitsüberträger kannte. Jäger und Sammler wussten genug, um sich von großen Siedlungen fernzuhalten, und Verstreuung galt lange als eine Weise, der Ansteckung mit einer Seuchenkrankheit zu entgehen. Im späten Mittelalter unterhielten die Universitäten Oxford und Cambridge Pesthäuser auf dem Lande, in die Studenten verfrachtet wurden, sobald sie erste Krankheitssymptome zeigten. Zusammenleben auf engem Raum konnte tödlich sein. So lieferten die Schützengräben, Demobilisierungslager und Truppentransporte am Ende des Ersten Weltkriegs ideale Bedingungen für die millionenfach tödliche Grippe-Pandemie von 1918. Wo immer sich in der Geschichte Menschenmengen bildeten – Messen, Feldlager, Schulen, Gefängnisse, Slums oder religiöse Pilgerfahrten wie der Haddsch nach Mekka –, steckten sich Leute mit Infektionskrankheiten an und verbreiteten sie weiter.“

James C. Scott, Die Mühlen der Zivilisation. Eine Tiefengeschichte der frühesten Staaten, übers. von Horst Brühmann, Berlin 2019, S. 112 f.

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Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.