"Wenn geschrieben wird, bin ich zu Hause"

Renate Mayntz im Gespräch mit Stephanie Kappacher

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zum Schreiben beschreiben?

Ich habe geschrieben, so lange ich zurückdenken kann. Schon in meiner Kindheit war das Schreiben für mich eine natürliche Lebensäußerung. In den alten Unterlagen, die ich habe – was man eben so aufbewahrt –, gibt es noch Dinge aus der Zeit, als ich gerade erst Buchstaben gelernt hatte. Schon damals habe ich angefangen zu schreiben – also nicht nur eine Karte an die Eltern, sondern auch ganze Geschichten. Überhaupt war das ja mein erster Berufswunsch: Ich wollte Romane schreiben.

Vor einiger Zeit habe ich mir mal einen Stapel vollgeschriebener Hefte vorgenommen, die über lange Jahre sozusagen als mein permanentes Poesiealbum fungierten. Das hat außer mir nie jemand angeguckt. Beim Lesen ging mir auf, dass ich mein Leben lang, durch all die Widerfahrnisse hindurch, Zweiter Weltkrieg und so weiter, immerzu geschrieben habe. Irgendwann schrieb ich nicht mehr nur Romane und Novellen, sondern auch wissenschaftliche Texte. Das war dann natürlich eine ganz andere Art des Schreibens, aber es war eben immer Schreiben. Insofern ist das Schreiben für mich eine, sagen wir mal, unproblematische Lebensäußerung.

 

Worum ging es in der belletristischen Produktion der jungen Renate Mayntz?

Neben Gedichten und Novellen schrieb ich richtige Romane. Einer sollte „Stadtmitte“ heißen und handelte – ich komme ja aus Berlin – vom Geschehen in einer Großstadt mit allem, was dazu gehört. Der Titel des Manuskripts, das ich später tatsächlich mal einem Verlag geschickt habe, lautete: „Der Prinz kam nicht zur Hochzeit“.

 

Klingt nach einer Liebesgeschichte ohne Happy End.

Es war die Geschichte einer Hochzeit, gegen die die Braut starke Ambivalenzen hatte. Zu Papier hatte ich die Beschreibung dieser Hochzeit gebracht – mit all ihren Vor- und Nachläufen; allerdings ohne dramatisches Ende. Der Verlag schickte mir das Manuskript mit einem freundlichen Ablehnungsbrief zurück.

Damals wollte ich noch Schriftstellerin werden. Als ich dann meine akademische Laufbahn – wohlgemerkt mit Chemie – begann, änderten sich meine beruflichen Wünsche. Über Chemie wollte ich nicht schreiben, da ging es um Formeln. Erst ein paar Semester später, nachdem ich von Chemie auf Soziologie umgesattelt habe, fing ich an, sozialwissenschaftlich zu schreiben. Und von da an spielte das Verfassen von Belletristik für mich keine Rolle mehr, das fiel komplett weg.

 

Hat dieser Einstieg Ihr wissenschaftliches Schreiben in irgendeiner Weise beeinflusst?

Inhaltlich natürlich überhaupt nicht; aber auch sprachlich nicht. Im Chemiestudium hatte ich mir ein naturwissenschaftliches Denken angeeignet. Das kannte ich schon von zu Hause: Mein Vater war ja Ingenieur, er dachte ausgesprochen naturwissenschaftlich und technisch. Sein kausales Denken habe ich übernommen. Insofern war das wissenschaftliche Schreiben für mich eine Sache – und die Produktion von Literatur eine ganz andere.

 

Kommen wir also zur Praxis Ihres wissenschaftlichen Schreibens. Ringen Sie da mit Schwierigkeiten?

Nein. Ich meine, die Schwierigkeiten, die ich beim Schreiben habe, sind dieselben, die ich auch beim Denken habe. Und nicht selten ist der Versuch, etwas aufzuschreiben, ein Versuch, das eventuell noch etwas konfuse Denken auf den Punkt zu bringen. So war es bei mir aber schon immer: Denken und Schreiben hängen bei mir seit jeher eng zusammen.

 

Wie entstehen die Ideen zu Ihren Texten?

Im Wesentlichen sind es aktuelle Ereignisse, die mein Interesse für bestimmte Themen und Fragen wecken. Ich verfolge die Nachrichten, lese viel Zeitung und beobachte die politischen Vorgänge sehr genau, nicht nur in Deutschland. Dabei drängen sich mir selbstverständlich Fragen auf, die es anzugehen gilt. Zum Beispiel haben die Terroranschläge – 9/11 und die folgenden – eine ganze Arbeits- und Forschungsphase ausgelöst, in der ich mich mit Terrorismus befasst habe. Das Thema hatte ich vorher nie angerührt. Und so gab es eine ganze Reihe unterschiedlicher politischer Ereignisse, die mich zu bestimmten Fragen gebracht haben.

Allerdings stoße ich nicht immer so auf meine Themen. Zum Beispiel habe ich das Thema meiner Promotion nach ganz anderen Kriterien ausgewählt. Dem Thema bin ich nachgegangen, weil ich keine akademische Karriere einschlagen, sondern nach dem Studium unbedingt in die Praxis gehen wollte. Mein fester Entschluss war es, in einer Firma zu arbeiten. Entsprechend habe ich meine Dissertation über Firmenorganisationen geschrieben. Anschließend habe ich über viele, viele Jahre – und bekanntlich auch in der Akademia – weiter zu Themen gearbeitet, die im Wesentlichen mit Arbeitsorganisation zu tun hatten, also mit formalen und informalen Organisationen, mit Teamwork und so weiter.

 

Wie viel steht bei Ihnen gedanklich bereits fest, wenn Sie sich hinsetzen, um Dinge auszuformulieren und schriftlich festzuhalten?

Am Anfang stehen eher Hauptgedanken, Perspektiven. Die halte ich natürlich fest. Aber im Prozess des Schreibens stellen sie sich oft als eine Fehlinterpretation oder so was in der Art heraus – dann schreibe ich den Text neu und völlig anders. Wenn ich meine Gedanken aufschreibe, merke ich überhaupt erst, wo logische Fehler sind, was funktioniert und was nicht und wo ich nacharbeiten muss. Und dann wird noch mal neu gedacht und wieder neu geschrieben.

Es gibt aber auch Zeiten, in denen ich einfach sage: „Da ist noch nichts reif, was ich hinschreiben will.“ Und jetzt, im fortgeschrittenen Alter, denke ich manchmal, dass es sich nicht mehr lohnt, gewisse Dinge aufzuschreiben. Es ist gut, wenn ich dieses oder jenes mal durchdacht habe, doch muss es nicht unbedingt festgehalten oder gar veröffentlicht werden. Da ich kein Missionar bin, der Menschen von seiner Meinung überzeugen will, reicht es mir, meine eigene Analyse gemacht und mir meine Meinung gebildet zu haben.

 

Haben Sie Routinen oder Rituale, die Ihr Schreiben begleiten?

Das einzige Ritual, von dem ich berichten kann, besteht darin, dass ich eigentlich nie im Institut schreibe, sondern immer nur zu Hause. Und da ist es übrigens egal, welches zu Hause das ist. Ich habe in unserem Haus in Italien geschrieben, in unserem Haus in der Eifel. Ich schreibe jetzt in meiner Wohnung in Köln. Wenn geschrieben wird, bin ich zu Hause.

 

Wie sieht Ihr Schreibplatz aus?  

Ich brauche eigentlich nichts Besonderes zum Schreiben. Auf meinem Schreibtisch liegen mehrere Stapel Bücher und Unterlagen herum. Die sind links und rechts verteilt, und in der Mitte ist Platz für den PC. Vor dem Computer kann ich gerade eben noch ein Blatt Papier hinlegen, auf das ich meine letzten Gedanken skizziert habe. Und dann sitze ich dort und schreibe. Mehr brauche ich nicht, den PC und einen Bleistift, um mir nebenbei Notizen zu machen. Ich höre auch keine Musik beim Schreiben. Das tue ich aber auch nicht, wenn ich Bücher lese.

 

Apropos: Welche Rolle spielt das Lesen überhaupt für Ihr Schreiben?

Selbstverständlich spielt Lesen eine zentrale Rolle. Ich kann natürlich vom Computer irgendwelche Tabellen auswerfen lassen und die dann kommentieren, aber in der Sozialwissenschaft, wie ich sie betrieben habe und jetzt in meinem hohen Alter auch noch betreibe, geht es eher um qualitative, nicht um quantitative Forschung. Also lese ich viel, Aufsätze, Bücher, oft lese ich mich natürlich auch in neue Themengebiete ein.

In der letzten Zeit habe ich mich zum Beispiel vermehrt mit bestimmten Strömungen in der Sozialwissenschaft befasst, dem Process Tracing und der Relational Sociology. Diese Ansätze sind mir beim Lesen immer wieder untergekommen und gehen im Kern auf ein Thema zurück, das mich schon lange beschäftigt, nämlich die Frage, inwieweit man in den Sozialwissenschaften, die es ja mit historisch geformten Gegenständen zu tun haben, überhaupt generalisieren kann.

Da kommt die Methodologie ins Spiel, etwas, das uns am Institut natürlich dauernd beschäftigt. Erst vorhin hatten wir eine Diskussion, an der die alten Direktoren und nur einige wenige Wissenschaftler teilgenommen haben. Da wurde intensiv über die Frage diskutiert, wie wir mit der Historizität unseres Gegenstandes fertig werden. Zwei Positionen treffen aufeinander: Auf der einen Seite stehen Sozialwissenschaftler, die versuchen, zu generalisieren – natürlich aus einer bestimmten theoretischen Perspektive. Auf der anderen Seite sind diejenigen, die Generalisierungen kritisieren und behaupten: „Wir können Ereignisse überhaupt nur beschreiben.“ Noch ein weiterer Punkt kommt hinzu, den ich methodologisch sehr interessant finde. Er betrifft den Unterschied zwischen Methode und Ontologie. Man muss beide Ebenen im eigenen Denken scharf unterscheiden. Auf der einen Seite operieren wir mit Begriffen, andererseits beziehen viele Begriffe sich gar nicht mehr auf eine direkt erfahrbare Realität. Es gibt viele Sozialwissenschaftler, die sich im Grunde genommen nur auf der konzeptuellen Ebene bewegen und sich gar nicht mehr fragen, welche Realität eigentlich angesprochen wird, wenn sie bestimmte Begriffe benutzen. Sie haben eine eher intuitive, nicht verbalisierte Vorstellung von dem, was sie meinen, wenn sie Begriffe wie Deutschland oder globales Unternehmen verwenden. Fordert man sie dazu auf, ihre Begriffe in klaren Worten zu definieren, bleiben sie eine Antwort schuldig. Diese Spannung interessiert mich seit Langem, und zurzeit lese ich dazu auch sehr viel.

 

Wie verarbeiten Sie Gelesenes?

Ich mache Notizen und exzerpiere. Bei mir zu Hause liegen überall Stapel von Exzerpten, aus Büchern und all den Sachen, die ich gelesen habe. Es gibt ein großes Regal und überall Haufen von Notizen. Oben drauf liegt ein Zettel mit einem Stichwort, zum Beispiel Global Governance oder Complexity oder irgendetwas, damit ich weiß, um was es in den Notizen geht.

 

Und wie organisieren Sie Ihre Gedanken zu einer Fragestellung, um sie dann aufzuschreiben?

Das weiß ich ehrlich gesagt nicht so genau. Es scheint so etwas wie eine Organisationsfunktion im Gehirn zu geben. Ich merke jedenfalls sehr oft, dass ich früh morgens – wenn ich schon wach und aufgestanden bin, aber noch nicht gefrühstückt habe – anfange zu formulieren. Ich formuliere also Sätze, von denen ich meine, sie könnten für etwas wichtig sein, worüber ich gerade nachdenke. Die schreibe ich zum Teil direkt auf. Und danach frühstücke ich eventuell. Manchmal, drei Tage später oder so, gucke ich mir das Aufgeschriebene wieder an; mitunter denke ich dann: „Nein, da bist du auf dem Holzweg. Das war keine gute Idee, ein falscher Gedanke. Das kannst du wegwerfen.“

 

In meiner Vorstellung liegen im Hause Mayntz nun an mehreren Stellen haufenweise Zettel voller Notizen herum, die noch vor dem Frühstück entstanden sind. Ist das eine Art kreatives Chaos?

Nein. Auf andere mag das chaotisch wirken, aber ich weiß ganz genau, was wozu gehört und was noch abgearbeitet, eingeordnet oder eben weggeworfen werden muss. Ich bin da nicht so schön taxonomisch geordnet. Ich habe diese Haufen von Materialien zu Teilthemen, und manchmal verschieben sich Fragen oder die Themen ändern sich, also muss umsortiert, vielleicht auch weggeworfen werden.

 

Und welche Rolle spielt der Austausch mit anderen für Ihr Schreiben?

Ich bin dauernd im Kontakt mit anderen. Sei es direkt mit Menschen hier im Institut oder sei es vermittelt über Bücher und die darin vertretenen Meinungen. Wenn Sie sich einen Text anschauen, nachdem ich ihn gelesen habe, würden Sie sehen, was ich meine. Da steht am Rand, „Das ist nicht so.“ oder „Unsinn!“. Sie finden aber auch: „Ja!“ oder ein Häkchen, das bedeutet: „ Sehe ich auch so.“ Also, der ganze Text ist kommentiert. Im Grunde rede ich mit jedem Text, den ich lese: Jemand sagt mir etwas, darauf reagiere ich und notiere mir die Reaktion in der Regel am Rand der Seite.

 

Und die Kolleginnen und Kollegen aus Fleisch und Blut, in welchem Zustand kriegen die Texte von Ihnen zu sehen?

Den ersten groben Entwurf zeige ich nicht. Ich gebe Texte eigentlich erst an Kollegen, wenn ich meine das könnte man eventuell publizieren. Und dann frage ich aber auch explizit: „Sind da Denkfehler drin? Stimmt irgendetwas nicht? Sagt mir bitte eure Meinung.“

 

Wie gehen Sie mit Feedback oder Kritik um?

Manchmal ist eine zweite Meinung unwahrscheinlich hilfreich, weil sie einen auf gedankliche Fehler aufmerksam macht. So etwas hatte ich neulich erst mit Fritz Scharpf, meinem ehemaligen Co-Direktor, der hier nebenan sitzt. Dem hatte ich einen Text von mir gegeben und als wir über ihn sprachen, hat er mich auf einen bestimmten Punkt aufmerksam gemacht, den er „völlig unklar“ fand. Darüber habe ich dann nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass er vollkommen Recht hat. Also muss ich das jetzt noch mal durchdenken – und anders formulieren.

 

Welchen Stellenwert hat das Schreiben Ihrer Ansicht nach generell für die Sozialwissenschaft?

Zunächst ist es natürlich für die Karriere von Relevanz. Schließlich gibt es die obligatorischen Publikationslisten, auf denen steht, was man alles wann und wo veröffentlicht hat. Der Schreibzwang, der dadurch entsteht und dem ich mich nun schon seit einiger Zeit nicht mehr unterworfen fühle, ist sehr stark, will man in der Wissenschaft Karriere machen.

Auf der anderen Seite ist das Geschriebene immer auch eine Art Rohmaterial, mit dem andere sich beschäftigen und worauf man reagieren muss. Und zwar genau in der Weise, wie sie auf alles reagieren, was sie in der Realität beobachten und für forschungsrelevant erachten. Damit geht Geschriebenes sofort wieder in den Wissenschaftsprozess ein, egal, ob es bestätigt oder beanstandet wird. Besonders produktiv ist dieses Rohmaterial selbstverständlich, wenn es nicht in Grund und Boden kritisiert wird. Diese Art der Kritik ist nicht gut und für gewöhnlich wenig hilfreich. Viel eher funktioniert Kritik in Form einer gewissen Abweichung, das heißt, wenn etwa bestimmte Aspekte gestärkt oder neue Akzente hervorgehoben werden. Was man publiziert hat, ist also für das Publizieren anderer Kollegen wichtig, aber auch als Humus für die eigene Produktion.

 

Herrschte eigentlich schon immer ein solcher Druck, Texte zu publizieren? Wie haben Sie das als junge Wissenschaftlerin empfunden?

Da ich, wie gesagt, ja gerne schreibe und das immer schon so war, habe ich diesen Druck nie wahrgenommen. Ich weiß, dass es ihn gibt und dass viele darunter leiden. Aber für mich persönlich haben solche Anforderungen keine große Rolle gespielt.

 

Was bedeutet Schreiben für Ihr Selbstverständnis als Wissenschaftlerin?

Es gehört zu den ganz zentralen Aspekten meines Wissenschaftlerdaseins. Wenn ich irgendwann nicht mehr schreiben könnte – einen Zustand, den ich mir mittlerweile gut vorstellen kann –, bin ich keine Wissenschaftlerin mehr. Dann ist meine wissenschaftliche Existenz vorbei. Schreiben ist eben zentral, genau wie das Lesen. Lesen und Schreiben sind die wesentlichen Voraussetzungen dafür, überhaupt Wissenschaft betreiben zu können.

 

Wenn ich Sie so sprechen höre, würde ich denken, dass als Voraussetzung auch eine gewisse Affinität oder gar Liebe zum Schreiben dazu gehört.

Ja, für mich ist Schreiben tatsächlich eine natürliche Lebensäußerung – von jeher gewesen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer und Wibke Liebhart.