Alles nur Tausch?

Zu Simmels Tauschkonzept und dessen Grenzen

Für Georg Simmels Soziologie ist die Vorstellung zentral, dass Menschen tauschende Wesen sind. Zwar hebt seine Philosophie des Geldes vor allem auf den monetär vermittelten wirtschaftlichen Tausch ab, doch thematisieren andere Schriften durchaus weiter gefasste Formen des Austausches sowie Praktiken der Gabe. Im Folgenden soll Simmels Tauschkonzept ausführlich vorgestellt werden, um es in einem zweiten Schritt hinsichtlich seiner Grundannahmen zu kritisieren.[1] Simmel sieht nicht, wie sich Werte intersubjektiv konstituieren und folgt zu stark individualistisch-utilitaristischen Annahmen. Die kritische Lektüre von Simmels Überlegungen zum Tausch soll darlegen, dass man eine Sozialtheorie mit generellem Anspruch nicht auf einem Modell individuellen (Äquivalenten-)Tauschs gründen kann. Sie muss um eine Theorie der Gabe und des Raubs ergänzt und erweitert werden.

 

Simmels Tauschkonzept

Dass der Tausch derart zentral für ein Verständnis menschlicher Sozialität ist, verdankt sich Simmel zufolge dem Umstand, dass sie durch den Tausch geradezu konstituiert wird. Dabei lässt sich in seinen Arbeiten, zumal in seiner Philosophie des Geldes, ein weiter gefasster Begriff des Tausches von einem enger gefassten Verständnis des wirtschaftlichen Tausches abgrenzen.[2] Nahezu denkungsgleich mit seinem Begriff der Wechselwirkung, ist die Bedeutung des weiter gefassten Begriffes von Tausch: Zwar sei „Wechselwirkung der weitere, Tausch der engere Begriff“ (S. 60), doch lasse sich beides in den allermeisten Fällen gleichsetzen. Da die meisten sozialen Beziehungen als Tausch verstanden werden könnten, charakterisiert Simmel den Menschen, ähnlich wie schon Adam Smith im Wohlstand der Nationen (1776), als das „tauschende Tier“ (S. 385).

Der Tausch sei die „reinste und gesteigertste Wechselwirkung“ (S. 59), zugleich zeige sich in ihm die Sachwerdung der Wechselwirkung. Durch den Tausch würden die Elemente der Existenz zu „einer sinnvollen Verbundenheit organisiert“ (S. 60) und in ihrer kontinuierlichen Dynamik bewusst gestaltet, wobei der Sinn der Tauschakte für die Perspektive des Einzelnen in der Steigerung der Wertsumme liege.

Der wirtschaftliche Tausch unterscheidet sich laut Simmel von anderen Formen des Tausches dadurch, dass er mit einem Opfer verbunden sei. Während sich bei Austauschbeziehungen wie der Liebe oder beim Austausch geistiger Inhalte in einem Gespräch die Wertsteigerung nicht durch eine Gewinn-Verlust-Rechnung erfassen lässt (etwa, weil schon der Akt des Gebens als ein Gewinn empfunden wird), muss im wirtschaftlichen Tausch ein anders nutzbares Gut weggegeben werden, um zu erlangen, was im Vollzug einer Tauschhandlung begehrt wird (S. 60 f.). Insofern sei Wirtschaft als Wechselwirkung „in dem spezifischen Sinne des aufopfernden Tausches“ zu begreifen (S. 61).

Unter Wirtschaft versteht Simmel mithin keineswegs die Befriedigung von Bedürfnissen oder die Bearbeitung der Natur durch Arbeit, auch nicht die Herbeiführung rationaler Entscheidungen unter Knappheitsbedingungen, sondern eine Logik, die Gewinne stets an Opfer koppelt. Folglich deckt Simmels Begriff des wirtschaftlichen Tausches nicht nur die Tauschvorgänge zwischen Individuen ab, sondern auch innere Handlungen von Einzelnen. So sei Abwägung und Wertberechnung, das heißt der „subjektive Prozeß von Opfer und Gewinn in der Einzelseele“ (S. 62), gegenüber dem „interindividuellen Tausch“ nichts Sekundäres, sondern vielmehr „die grundlegende Voraussetzung und gleichsam die wesentliche Substanz jedes zweiseitigen Tausches“. Die „Ausgleichungsprozesse“ des Individuums – also die innere Kalkulation von Kosten und Nutzen – bilden die Grundlage sowohl für die „solipsistische“ Naturalwirtschaft als auch für den „zweiseitigen Tausch“ (ebd.).

Offenkundig besteht ein enger Zusammenhang zwischen Tauschakten, zumal den wirtschaftlichen, und allem, was Simmel zufolge als „Wert“ zu verstehen ist. Gleich im ersten Kapitel der Philosophie des Geldes wird Wert – analog zu „Sein“ – als eine universelle Grundbestimmung von Objekten eingeführt. Werte entstehen zunächst durch subjektives Begehren. Ihre Objektivität und Selbstständigkeit gewinnen sie erst mit dem Abstand, der sich zwischen Begehren und aufgeschobener oder versagter Erfüllung auftut. Distanzierung und Annäherung bestimmen unsere Bezugnahme auf diejenigen Dinge, „die wir, subjektiv, unser Begehren, objektiv, ihren Wert nennen“ (S. 49).

Wohlgemerkt verwandelt erst der Tausch die Werte in wirtschaftliche Größen. Und da sich die eingetauschten Dinge gegenseitig in ihrem Wert definieren, macht das Aufeinandertreffen zweier Werte sie zu überindividuellen Größen. Obwohl Simmel die Frage, ob Werte subjektiv oder objektiv seien, als falsch gestellt zurückweist, beschreibt er den Effekt des Tausches auf Werte als deren Objektivierung. Die „Gegenseitigkeit des Sichaufwiegens“ (S. 56) der Objekte führt dazu, dass ihr „Wert in ganz besonderer Weise als eine ihnen selbst objektiv innewohnende Eigenschaft“ (ebd.) erscheint. So kommen übersubjektiv bestimmbare Werte zustande. Sie determinieren sich über die Existenz begehrter Objekte wechselseitig.[3]

An dieser Stelle der Argumentation wird deutlich, dass sich Simmel nicht nur gegen Marxens Konzeption von Wert ausspricht, die von der Vorstellung einer quantifizierbaren objektiv geleisteten Arbeit ausgeht, sondern auch gegen die Grenznutzentheorie seiner Zeit, die Werte in subjektiven Nutzenkalkülen fundiert sieht. Solchen Theorien gegenüber besteht Simmel darauf, dass Werte nur relativistisch und relational zu verstehen seien. Aus diesem Grund spricht Heiner Ganßmann von Simmels methodologischem Interaktionismus, der bei seiner Erklärung des Geldes zum Tragen komme.[4] Zu Anfang des 20. Jahrhunderts finden wir einen solchen methodologischen Interaktionismus im Bereich von Sozialtheorien auch bei Klassikern wie George Herbert Mead und Marcel Mauss. Auf diese Beobachtung wird zurückzukommen sein.

Von einer genuin relationalen Werttheorie aus gelangt Simmel zu seiner Theorie des Geldes. Während beim Naturaltausch Gegenstände unmittelbar „Eins gegen Eins“ (S. 143) ausgetauscht werden, dient das Geld als der ideale Vermittler von Werten. Es fungiert als ein Tauschmittel, das den Tausch durch Abstraktion vereinfacht. Geld ist für Simmel das verallgemeinerte Symbol für Austauschbarkeit, folglich nicht nur die „Verkörperung des Tausches“ (S. 474), sondern auch die „substanzgewordene Relativität“ (S. 134). Also kann die Theorie der modernen Gesellschaft, die Simmel ansteuert, vom Geld ausgehen und nicht von der Analyse der kapitalistischen Produktion wie bei Marx.

Insofern auch intra-individuelle Prozesse erfasst werden, ist Simmels Rekonstruktion wirtschaftlicher Tauschhandlungen bestimmungsreicher und deutlich umgreifender als das von Marx favorisierte Verständnis. Bei Marx ist Tausch ausschließlich Warentausch, zunächst modellhaft zwischen zwei Akteuren, später bei der Analyse der Zirkulationsprozesse des Kapitals dann als Verkettung mehrerer Tauschakte. Was Simmel als Gleichzeitigkeit von subjektiver und objektiver Wertdimension identifiziert, sucht Marx über den Dualismus von Gebrauchs- und Tauschwert zu beschreiben. Für ihn ist das Geld in der modernen Gesellschaft zudem nicht primär als ein Tauschmittel zu analysieren, sondern in seiner Funktion als Kapital, das heißt als etwas, das akkumuliert werden soll. Während Marx in der Maßlosigkeit dieser Kapitalakkumulation das Kennzeichen der modernen Gesellschaft ausmacht, ist die durch Geld ermöglichte Versachlichung und Objektivierung aller subjektiven Werte für Simmel das Signum der Moderne. Dennoch reklamiert er, Marx nicht widerlegen zu wollen, sondern „dem historischen Materialismus ein Stockwerk unterzubauen“ (S. 13).

 

Vom Tausch zur Gabe

Freilich sind nicht alle sozialen Verhältnisse in der modernen Gesellschaft für Simmels Begriffe geldvermittelt. Der aus dem Jahr 1908 stammende „Exkurs über Treue und Dankbarkeit“ steht exemplarisch für Simmels weites Verständnis von Tausch, damit zugleich aber auch für die Grenzen seiner Interpretation. Der Text leuchtet aus, wie Empfindungen sozialer Verpflichtung aufgrund von Praktiken des Gebens entstehen und dadurch dazu beitragen, dass sich soziale Beziehungen vermittelt über ein Gefühl der Dankbarkeit weit über die Dauer der ursprünglich wirksamen Tauschmotive fortsetzen. Dankbarkeit bringe ein Band der Wechselwirkung und des Hin- und Hergehens von Leistung und Gegenleistung hervor. Ohne ein permanentes Geben und Nehmen „würde überhaupt keine Gesellschaft zustande kommen“.[5] Im Gegensatz zum Markt, wo gerade durch den Tausch gleichwertiger Güter und Leistungen weiterreichende Verpflichtungen im Ansatz neutralisiert werden, werden viele soziale Beziehungen durch Verschuldungen realisiert, die so dauerhaft sind, dass sie zum Fortleben wechselseitiger Verpflichtungsverhältnisse beitragen.

In der Geschichte soziologischer Theoriebildung gilt Simmels weiter gefasstes Konzept von Tauschbeziehungen als der maßgebliche Referenzpunkt für Theorien praktizierter Reziprozität, seien sie nun utilitaristisch, normativistisch oder netzwerktheoretisch ausgelegt.[6] So sind die Bezüge zu Simmel etwa bei Alvin Gouldners Theorie der Reziprozität offenkundig. Vor allem sind Simmels diesbezügliche Überlegungen jedoch in die Entwicklung der Austauschtheorie eingegangen. Für eine utilitaristische Soziologie der Reziprozität waren zunächst die Arbeiten Peter Blaus von entscheidender Bedeutung. Wie für Simmel so stellt sozialer Austausch auch für Blau eine elementare Form von Vergesellschaftung dar. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass Menschen ein naturwüchsiges Interesse aneinander haben – nicht zuletzt deshalb, weil sich viele individuelle Zwecke nur in und dank sozialer Kooperation verwirklichen lassen.[7] Ein Austausch zwischen Personen wird in der Regel dann zustande kommen, wenn die Interaktion jeweils mit Gratifikationen für beide Beteiligten verbunden ist. Blau definiert sozialen Austausch deshalb als ein freiwilliges Handeln von Individuen, das durch die erwarteten Erwiderungen anderer motiviert ist. Damit avanciert das Eigeninteresse (an materiellen Gütern, aber auch an immateriellen wie etwa Anerkennung) zum eigentlichen Motiv und Motor sozialer Austauschbeziehungen. Blau und mit ihm die Austauschtheorie insgesamt begreift Reziprozität allerdings ebenfalls als einen Mechanismus zur Herstellung von Machtungleichheiten, die entstehen, sobald sich zwischen Interaktionspartnern dauerhafte Ungleichgewichte des Gebens und Nehmens einstellen, weil die jeweils verfügbaren Ressourcen variieren.

Diese auf Nutzenmaximierung zugeschnittene Erklärung sozialer Kooperation verkürzt Simmels Ansatz empfindlich, geht dessen Text über Treue und Dankbarkeit doch ausgesprochen gründlich auf das Phänomen der „ersten Gabe“ ein, das jeden utilitaristischen Erklärungsrahmen sprengt. Simmel stellt heraus, dass die für eine Gabe – etwa eine spontane größere Hilfeleistung – entbotene Gegengabe niemals die Schuld zu tilgen vermag, die durch die erste Gabe entstanden ist. Während für den primären Akt der Gabe der Charme völliger Freiwilligkeit zu Buche schlägt, kann sich keine Erwiderung von dem Makel befreien, womöglich eine reaktive Geste gewesen zu sein, das heißt, der Verpflichtung zu entspringen, etwas zurückgeben zu müssen. Die Empfindung überwiegt, dass „wir eine Gabe gar nicht erwidern können; denn in ihr lebt eine Freiheit, die die Gegengabe, eben weil sie Gegengabe ist, nicht besitzen kann“.[8]

Hier klingt ein Motiv aus Kants Kritik der Urteilskraft an, das die Spontaneität und Freiheit des Gebens betont, die nicht kraft einer Logik gleichwertigen Tauschs egalisiert werden kann. Es korrespondiert im Übrigen mit Simmels spätromantischer und lebensphilosophischer Tendenz, Phänomene unverstellter Unmittelbarkeit, der Kreativität, Lebendigkeit und Größe herauszustellen – man denke nur an Simmels Monografie über Kant und Goethe. Solche genuin ästhetischen Motive hätten durchaus auch in Simmels Wert- und Wirtschaftstheorie einfließen können – nach meinem Dafürhalten sogar einfließen sollen.

 

Kritik des Tauschbegriffs

Simmel fundiert seine Theorie des Tausches in einer Werttheorie. Sie verankert Werte wiederum in Wechselwirkungen. Warum Werte zugleich subjektiv und objektiv sind, soll damit greifbar und sinnfällig werden. Doch gelingt es ihm meines Erachtens nicht, beide Dimensionen adäquat zu vermitteln. Die Subjektivität der Werte ergibt sich daraus, dass sie in einem stets subjektiv eingefärbten Begehren gründen, das die „treibende Kraft hinter alledem“ sei (S. 56). Ausgehend von Prämissen des Neukantianismus bekommt Simmel die intersubjektive Konstitution auch des subjektiven Begehrens überhaupt nicht in den Blick. Bemerkenswerterweise interessiert sich Simmel nicht für die Frage, wie sich Begehren intersubjektiv formiert, also für die Problemstellung, wie und warum etwas mehreren Akteuren als begehrenswert erscheint. Er bleibt als Neukantianer einem methodologischen Individualismus derart verhaftet, dass er das logische wie genetische Primat eines immer schon individuierten Begehrens ohne den leisesten Anflug von Irritation postuliert.

Erst im Akt des Tausches erwirbt der Wert für Simmel seine überindividuelle Natur, weshalb die Werte als ökonomische Größen „mehr oder weniger vollständig von [ihrem] subjektiv-personalen Unterbau gelöst“ sind (S. 55). Allerdings beschreibt Simmel diese Metamorphose, den Übergang des Subjektiven ins überpersönlich Objektive, an keiner Stelle wirklich zufriedenstellend. So stellt er zwar heraus, dass die Grundbeziehung der Dinge zum Menschen und seinem Gefühlsleben „in die Dinge sozusagen hineingewachsen“ sei (S. 56), doch verrät schon die Metaphorik der Formulierung, dass Simmels Befund nötigen theoretischen Ansprüchen nicht standhält. Viel plausibler wäre es, für eine adäquate Soziologie des Werts und Tausches eine Konstitutionstheorie des Sozialen heranzuziehen, die auch die Genese subjektiver Werte (etwa im Anschluss an G. H. Mead) konsequent aus Interaktionsverhältnissen rekonstruiert, also aus dem, was bei Simmel unter Wechselwirkung firmiert.

Augenscheinlich geht Simmel im Übrigen davon aus, dass Akteure generell über Eigentum verfügen. Die Differenz zwischen „mein und dein“ setzt er völlig unhinterfragt voraus, womit sich Simmels Sozialtheorie unmissverständlich in die Tradition des liberalen Besitzindividualismus einreiht. Aber wie verhält es sich dann mit Werten, die gar nicht getauscht werden können? Historisch gesehen, darauf hat Karl Polanyi hingewiesen, ist nicht der Tausch die typische wirtschaftliche Aktivität gewesen, sondern die Versorgung des Haushalts, wozu letztlich alles Teilen gehört und gehörte. Auch die wirtschafts- und kulturanthropologische Forschung hat für eine Vielzahl von Kulturen die Existenz von als wertvoll geltenden Dingen nachgewiesen, die allen gehören und in einer Gemeinschaft untereinander geteilt werden können.[9] Dann existieren die Dinge, durch die sich andere herausgefordert fühlen, weil sie in der Erwartung einer Erwiderung weggegeben respektive angenommen werden. Und schließlich finden sich in jeder Kultur Dinge von geteiltem Wert, die weder gegeben noch genommen werden dürfen.[10] Das Ensemble derartiger Gegenstände konstituiert – mit Durkheim gesprochen – das Heilige einer Gesellschaft. Also ergeben sich Werte mitnichten ausschließlich durch Tausch. Viel eher wäre der Tausch als ein Sonderfall der Wertbildung anzusehen. Tausch findet nur dort statt, wo Dinge unter Knappheitsbedingungen, die für Rivalisierung und Ausschluss sorgen, verteilt werden. Und dieser Modus von Distribution setzt augenscheinlich eine Institution wie die des Privateigentums voraus.

Noch eine zweite Problematik schließt sich an: Wie passt Simmels Behauptung, dass gleiche Werte ausgetauscht werden, mit derjenigen zusammen, der Sinn von Tausch sei Wertgewinn? Den Widerspruch zwischen Gleichheit und Ungleichheit im Tauschakt sucht Simmel aufzulösen, indem er die Unterscheidung zwischen subjektivem und objektivem Wert ins Spiel bringt. Zwar gehe es den Tauschenden subjektiv um einen Gewinn, doch werde objektiv Gleiches getauscht, denn unter der Perspektive eines dritten Beobachters gleichen sich die subjektiven Gewinne von A und von B gegeneinander aus. Der Preis zeige den objektiven Wert an, selbst wenn er nach Maßgabe des Wertgefühls eines am Tausch beteiligten Einzelnen nicht von seiner „subjektive[n] Zugabe“ (S. 79) unterschieden werden könne. Diese Behauptung klingt freilich wenig überzeugend, bleibt bei Simmel doch schon der Zusammenhang zwischen subjektiver und objektiver Wertdimension im Dunklen.

Spricht man wie Simmel vom Äquivalententausch wird damit in der Regel gemeint, dass ein Gut A objektiv genauso viel wert ist wie ein Gut B. Diese Äquivalenz gilt unter der Voraussetzung, dass Werte unabhängig von subjektiven Präferenzen und Wertungen zustande kommen, also auch unabhängig davon gelten, wer die zu tauschenden Güter besitzt. Da dem offenbar nicht so ist – Werte bestehen eben nicht unabhängig von Präferenzen und Eigentumsverhältnissen – vertritt die ökonomische Theorie gewöhnlich die Überzeugung, dass es sich beim Problem der Bestimmung von Werten genau genommen um das Phänomen der Preisbildung auf Wettbewerbsmärkten handle. Und da gilt, dass kein Marktteilnehmer unter Bedingungen eines idealen Wettbewerbs den Marktpreis einer angebotenen Ware zum eigenen Vorteil bestimmen kann. Folglich kann auch niemand, gemessen an Marktpreisen, ein Tauschgeschäft zum eigenen Vorteil herbeiführen. Vielmehr sorgen Wettbewerbsmärkte dieser Beschreibung zufolge nicht nur für Effizienz in der Allokation von Waren, Gütern und Dienstleistungen, sondern auch für Tauschgerechtigkeit im aristotelischen Sinne.[11]

Doch sind Märkte in Wahrheit niemals perfekt, weshalb die Annahme, dass es beim Tausch um Wertgleichheit gehe, schlicht irreführend ist. Zu fragen, welchen Wert das getauschte Gut eigentlich besitzt, führt nur zu Spekulationen. Da Machtasymmetrien, Netzwerkstrukturen und soziale Einbettungen auf Märkten keine „Verunreinigungen“ sind, die einen an sich reinen Idealtypus kontaminieren, sondern jeden nur erdenklichen Markt kennzeichnen, sollte die Anerkennung dieser Marktwirklichkeiten eigentlich der Ausgangspunkt für jede realistisch eingestellte Wirtschaftssoziologie sein.[12]

Wäre die Nivellierung von Preisdifferenzen durch eine Vielzahl von Märkten folglich die Lösung des Problems des Äquivalententauschs? Auch wenn sich dadurch eine Annäherung der unterschiedlichen Preise ergäbe, muss für einzelne Akteure dennoch der Anschein entstehen, es bestünde ein Unterschied zwischen subjektiver und objektiver Bewertung. Und was geschähe, wenn man angesichts dieses Eindrucks die Idee der Gleichheit objektiver Werte einfach fallen ließe? Dann könnten zwei im Tausch interagierende Parteien die subjektive Empfindung hegen, im Akt ihres Tausches mehr zu erhalten als zu geben. Doch auch diese Deutungsvariante beseitigt das Problem der Wertgleichheit nicht, da Akteure auf die Vorstellung eines objektiven oder objektiv gerechten Werts durchaus Bezug nehmen können: „Wenn ein Verhungernder seine wertvolle Uhr gegen ein Stück Brot eintauscht oder wenn jemand sein Haus und sein Vermögen aufgeben muss, um als politisch Verfolgter eine Ausreisegenehmigung zu bekommen, halten wir dies für ungerecht, auch wenn alle willentlich und wissentlich gehandelt haben.“[13] Diese Beispiele von Tauschhandlungen in Notlagen belegen zweifelsohne, dass in der Tat keine wertgleichen Güter getauscht werden. Zudem unterfüttern sie die plausible Vermutung, dass auf jedem Markt mehr oder weniger starke Informations- und Machtasymmetrien wirksam sind, die verhindern, dass das theoretisch postulierte Äquivalenzprinzip faktisch zum Tragen kommt. Ist Handlungsmacht ungleich verteilt, kann weder subjektive noch objektive Wertgleichheit zustande kommen. Also ist es nicht nur radikaler, sondern schlicht plausibel, die Äquivalenzannahme für Tauschhandlungen zu verabschieden. Es ist nicht nur so, dass die Gabe keine Äquivalenz der Werte kennt, sie fehlt auch beim Tausch.

Beide Problemstellungen – dass sich Werte durch Tausch konstituieren und der Tausch stets Äquivalententausch ist – ergeben sich aus einem Begriff von Wert, der ursprünglich rein subjektiv ist. Ihm liegt einerseits die Vorstellung zugrunde, es würden Kosten entstehen respektive Opfer zu erbringen sein und andererseits die Vorstellung, wir hätten immer mit einem irreduzibel subjektiven Begehren zu tun, dem es ausschließlich aufs Nehmen und den Gewinn ankomme, aber nie darauf, freiwillig zu geben. Es sind solche latent utilitaristisch-individualistischen Voraussetzungen, die Simmels Tauschtheorie belasten.[14] Würde man umgekehrt mit der sozialen Konstitution von Bedürfnissen des Nehmens und Gebens rechnen, legte sich eine alternative Sichtweise nahe: Sie würde sowohl in systematischer wie historischer Hinsicht davon ausgehen, dass die Sorge um andere, das heißt die Bereitschaft, ihnen zu geben und miteinander zu teilen, mindestens so grundlegend für jede Formierung von Sozialität ist wie das eigennützige Nehmen.[15]

Faktisch gehen unzählige Akte des Gebens in die Erzeugung von Werten ein. Es sei nur daran erinnert, dass sich die Arbeitskraft bis auf den heutigen Tag nicht zuletzt durch Sorge- und Haushaltsarbeit reproduziert. Nicht-monetäre Gaben, die so gut wie unbezifferbar sind und auch nicht im Geringsten auf Tausch beruhen, fließen fast immer in Prozesse der Wertbildung ein. Eine Äquivalenzrechnung kann bei solchen Vorgängen nie vorgenommen werden. Folglich sollten wir Gaben möglichst trennscharf von Praktiken des Tauschs abgrenzen. Während sich zwei Parteien beim Tausch bereits im Vorfeld darüber einigen, welche Güter ausgetauscht werden, ist die Gabe anfänglich selbst dann unilateral, wenn sie letztendlich auf Reziprozität abzielt. Es besteht nämlich grundsätzlich eine Unsicherheit darüber, ob die Gabe überhaupt erwidert wird, was genau und im Einzelnen erwidert werden wird und wann die mögliche, wiewohl niemals als notwendig zu erwartende Erwiderung erfolgt.[16] Das Spektrum etwaiger Reaktionen liegt allein in der Hand (und der Souveränität) der Empfängerin. Da Simmel die Größe und Freiheit der ersten Gabe gesehen und betont hat, ließen sich seine neokantianischen und lebensphilosophischen Motive unter den Vorzeichen einer elaborierteren Theorie der Intersubjektivität also durchaus aufgreifen und weiterentwickeln. Da sein methodologischer Interaktionismus aber nicht so weit gegangen ist wie derjenige von Mead oder Mauss, bedarf Simmels Konzeption von Tausch der Ergänzung.

Um unser Bild in angemessener Weise zu vervollständigen, müsste auch noch das Phänomen des Raubs in die Betrachtung von Wertbildungen einbezogen werden, werden im Akt der Beraubung doch Werte angeeignet, ohne dass irgendetwas gegeben würde. Wer raubt, nimmt, ohne zu zahlen. Damit treten Sachverhalte ins Licht wie beispielsweise historische Konstellationen des (Post-)Kolonialismus, ungleiche Tauschverhältnisse aufgrund gegebener Machtasymmetrien oder die Ausbeutung von Natur ohne Rücksichtnahme auf Nachhaltigkeit. Selbstverständlich lassen sich aber auch Vorgänge wie die ursprüngliche Akkumulation, die Marx identifiziert hat, oder die neo-imperialistische Akkumulation durch Enteignung, die David Harvey kritisiert, als Modalitäten von Wertbildung durch Raub fassen, für die irgendwelche Wertäquivalenzen offenkundig völlig ohne Belang sind. Dabei werden gerade solche Akte der Beraubung ebenso häufig unsichtbar gemacht wie die Akte der Gabe und Beschenkung.[17] Im Grunde sorgt erst die Invisibilisierung von Gabe und Raub für die Illusion, Tausch sei angemessen begriffen, wenn man ihn als Äquivalententausch konzipiert. Mithin erweist sich die Idee, stets werde Gleiches gegen Gleiches getauscht, in Wahrheit als eine vor allem für die Selbstthematisierungen der bürgerlichen Gesellschaft wesentliche Fiktion. Ihr ist auch Simmel aufgesessen, obwohl er tauschtheoretisch doch viel tiefergraben wollte als Marx es getan hatte.

Fußnoten

[1] Der Beitrag beruht in wesentlichen Teilen auf einem schon publizierten Aufsatz: Frank Adloff / Leo Roepert, Tausch, in: Hans-Peter Müller / Tilman Reitz (Hg.), Simmel-Handbuch, Berlin 2018, S. 544–549.

[2] Alle Zitate stammen im Folgenden, wenn nicht anders vermerkt, aus: Georg Simmel, Philosophie des Geldes, in: ders., Gesamtausgabe, hrsg. von Otthein Rammstedt, Frankfurt am Main 1989.

[3] Vgl. Axel T. Paul, Wert und Wertphilosophie, in: Hans-Peter Müller / Tilman Reitz (Hg.), Simmel-Handbuch, Berlin 2018, S. 596–603.

[4] Heiner Ganßmann, Geld, in: Hans-Peter Müller / Tilman Reitz (Hg.), Simmel-Handbuch, Berlin 2018, S. 224–230.

[5] Georg Simmel, Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Frankfurt am Main 1992, S. 663.

[6] Frank Adloff / Steffen Mau (Hg.), Vom Geben und Geben. Zur Soziologie der Reziprozität, Frankfurt am Main / New York 2005.

[7] Siehe Peter Blau, Exchange and Power in Social Life, New York 1964.

[8] Georg Simmel, Soziologie, S. 668.

[9] Karl Polanyi, The Great Transformation, Frankfurt am Main 1978. Vgl. zum Thema Teilen vs. Tauschen auch David Graeber, Schulden. Die ersten 5000 Jahre, Stuttgart 2012.

[10] Vgl. Maurice Godelier, Das Rätsel der Gabe. Geld, Geschenke, heilige Objekte, München 1999.

[11] Wolfgang Hinsch, Die gerechte Gesellschaft, Stuttgart 2016, S. 33.

[12] Vgl. dazu Neil Fligstein / Luke Dauter, The Sociology of Markets, in: Annual Review of Sociology 33 (2007), S. 105–128.

[13] Wilfried Hinsch, Die gerechte Gesellschaft, S. 35 f.

[14] Simmel geht beispielsweise auch von der Primordialität des Naturaltausches aus, was historisch mehr als zweifelhaft ist, denn frühe Gemeinschaften haben, wie oben schon unter Bezug auf Polanyi erwähnt, vor allem im Modus der Haushaltung und des Teilens gewirtschaftet.

[15] Vgl. dazu Alain Caillé / Frédéric Vandenberghe, Neo-classical sociology: The prospects of social theory today, in: European Journal of Social Theory 19 (2015), 1, S. 1–18.

[16] Zu dieser an Marcel Mauss anschließenden Gabentheorie vgl. vor allem Alain Caillé, Anthropologie der Gabe, Frankfurt am Main / New York 2008.

[17] Vgl. hierzu ausführlicher Frank Adloff, Politik der Gabe. Für ein anderes Zusammenleben, Hamburg 2018.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.