Der Unvergängliche

Zum 100. Todestag von Max Weber. Einleitung zum Schwerpunkt

Ernst Bloch schreibt  im April 1964 an Theodor W. Adorno: "Lieber Teddy, aus unserem Baden-Baden schönste Grüße, Dir und Gretel. Meinen kurzen Aufenthalt möchte ich doch nicht wegen des Soziologiekongresses unterbrechen, auch nicht um des hochgespielten Webers willen. Bitte das nachzusehen, obwohl ich hier das aufs Tapet brachte (über das Thema des Kongresses nicht im Bild.) Wie prächtig aber könnten wir uns hier weiter unterhalten, neu Gefundene (was mich zufrieden und vergnügt macht, symbolisch genommen). Dir und Gretel sehr herzlich Ernst"

Bildquelle: Theodor W. Adorno Archiv, Frankfurt a. M. 142/33

Textauszug aus: Ernst Bloch, Briefe 1903–1975. Herausgegeben von Karola Bloch, Jan Robert Bloch, Anne Frommann, Hanna Gekle, Inge Jens, Martin Korol, Inka Mülder, Arno Münster, Uwe Opolka und Burghart Schmidt. Gesamtredaktion: Uwe Opolka. Zwei Bände. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1985. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.

 

Die Antwort Thedor W. Adornos vom 23. April 1964.

Quelle: Theodor W. Adorno Archiv, Frankfurt a. M. 142/34

 

Der besagte Soziologentag, der im Jahr 1964 in Heidelberg anlässlich des 100. Geburtstags des „hochgespielten“ Max Webers stattfand, ist aus heutiger Perspektive sowohl ein soziologiehistorisches Ereignis, als auch Anfangspunkt einer bemerkenswerten Karriere, die Weber zwar erst posthum antrat, die aber umso länger andauern sollte. So lang, dass seine disziplinäre Relevanz auch heute, 100 Jahre nach seinem Ableben, vollkommen außer Frage steht. Dass der Heidelberger Soziologentag zum Schlüsselereignis für die Weber-Rezeption wurde, ist nicht nur der Liste der namhaften Teilnehmer (die von Talcott Parsons über Max Horkheimer bis Wolfgang Mommsen reichte), sondern vor allem auch dem Nachhall des Kongresses zuzuschreiben. Es war die insbesondere in den USA ausgetragene, in Teilen hitzige Debatte um die auf dem Kongress – vor allem von Vertretern der Frankfurter Schule – vorgetragene Kritik an Weber sowie die Kritik an dieser Kritik, die eine intensive Weber-Rezeption einleitete und ihn zum soziologischen Klassiker beförderte.[1]

Zwar spielte Heidelberg bereits zu Webers Lebzeiten eine wichtige Rolle für seine Person wie für sein Schaffen, wie Hubert Treiber in seinem Text „Max Weber in Heidelberg (1897–1918)“ ausführt, jedoch war es erst der Heidelberger Soziologentag, der Weber zu nachhaltigem Ruhm verhalf. Der zeigt sich einerseits in einer bis heute anhaltenden regen Publikationstätigkeit (die zumindest in den letzten zehn Jahren so rege auch wieder nicht war, wie Christian Marty in seinem Rezeptionsessay „Weber und die Weberei“ zeigt) und andererseits in einer festen Verankerung Webers im Kanon der deutschen Soziologie, die unter anderem in der soziologischen Lehre Ausdruck findet, wie unsere Weber-Statements eindrücklich dokumentieren. Für sie haben wir renommierten Soziolog*innen und Historiker*innen drei Fragen zu ihrem persönlichen Bezug zu Weber und seinem Werk gestellt. Fast ausnahmslos fand die Erstbegegnung mit Weber-Texten in einer Einführungsvorlesung im Studium statt – und gänzlich ausnahmslos wird die bis heute währende Aktualität des Klassikers Weber betont. Diese Zeitnähe ist in drei Umständen begründet: dass auch die exegetische Arbeit noch nicht an ihr Ende gekommen ist, zeigt Hartmut Tyrell in seinem Text „Rationalität, Rationalisierung, Rationalismus“, dass Webers Konzepte auch für die Analyse rezenter Phänomene nutzbar gemacht werden können. wird in Insa Pruiskens Text „Max Weber und die Digitalisierung der Religion“ deutlich und dass Webers theoretische Arbeit auch dort noch produktiv ist, wo sie längst empirisch widerlegt ist, illustriert Tobias Eule in seinem Essay „Vom Idealtypus zum Ideal“ am Beispiel der Weber’schen Bürokratiekonzeption.

Kurzum, es erscheint müßig, fast überflüssig, an dieser Stelle eine Lanze für die Aktualität von Webers Denken zu brechen. Ähnlich redundant mutet es an, einen Überblick über Webers vielschichtiges, aber eben doch sehr bekanntes Œuvre zu geben, die Schlüsselwerke aufzuzählen oder noch einmal aufzugreifen, wie aus einer religiös begründeten innerweltlichen Berufsethik eine spezifische moderne Wirtschaftsgesinnung werden konnte. Da liegt es nahe, dass Gangolf Hübinger eine Beobachtung zweiter Ordnung vornimmt und seinen Essay der Kulturbedeutung der Max Weber-Gesamtausgabe widmet, die zwischen 1984 und 2020 herausgegeben wurde und ein in ihrer Art wohl einzigartiges Publikationsprojekt darstellt.

Und so sind auch die Beiträge des vorliegenden Schwerpunkts Ausdruck davon, dass Weber zu den wenigen Denkern gehört, die einem bis ins Innerste antipathisch sein mögen „und denen man doch die Bedeutung nicht absprechen kann.“

– Die Red.

Fußnoten

[1] Uta Gerhardt, Der Heidelberger Soziologentag 1964, in: dies. (Hg.), Zeitperspektiven 2003, S. 232– 266.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.