Im Nachgang

Zu Georg Simmels Theorie der Geschlechter

Was ist Geschlechtertheorie?

Jede politische Ordnung braucht Legitimität, das heißt, sie bedarf der Begründung durch eine Art von Wissensdiskurs: Mythologie, Kosmologie, Religion, Philosophie, Wissenschaft. Jede Theorie zur Erklärung der Welt und zur Rechtfertigung der gesellschaftlichen Verhältnisse enthält auch einen Teil, der die Geschlechterordnung der jeweiligen Gesellschaft erklären und rechtfertigen soll.[1] Von der antiken Kosmologie und Naturphilosophie über die biblischen Schöpfungs- und Sündenfallgeschichten bis zur mittelalterlichen Theologie und Philosophie werden die symbolischen Rangordnungen zwischen den Geschlechtern, die sozialen Arbeitsteilungen, die Bestimmung von individuellen Praxen und Habitus regelmäßig abgehandelt. Aber im Mittelpunkt hat die Geschlechterordnung nie gestanden; nur an den Rändern, so beiläufig wie möglich wurde sie abgefertigt. Als Anfang des 21. Jahrhunderts Philosophinnen eine Sammlung von Texten zu philosophischen Geschlechtertheorien von der Antike bis zur Gegenwart zusammen gestellt haben, mussten sie feststellen: „Das Vorhaben, im Durchgang durch die Geschichte der europäischen Philosophie ein Themenfeld zu rekonstruieren, das sich unter dem Titel ,Geschlechtertheorie‘ rubrizieren läßt, bewegt sich außerhalb der etablierten fachphilosophischen Diskussionslinien.“[2]

Der erste Grund, warum die Geschlechterverhältnisse so nachhaltig aus den philosophischen Gesellschaftstheorien ausgeblendet wurden, dürfte in der Ausgrenzung der Geschlechterverhältnisse in eine außer-gesellschaftliche Sphäre zu suchen sein. Die Gegebenheiten der Kontingenz, die Zufälligkeit und Hinfälligkeit des Daseins wurden allesamt mit Schwäche identifiziert: Gebürtlichkeit (Sexualität & Generativität) und Sterblichkeit (Krankheit & Gebrechlichkeit) sowie die auf der Strecke zwischen Anfang und Ende auftretenden Phänomene von Partikularität und Pluralität von und zwischen Menschen (Nicht-Ganzheit & Nicht-Einheit, Differenz, Streit, Konflikt) wurden in der europäischen Geschichte auf viele verschiedene Weisen negiert und abgewiesen in dem Glauben, die damit verbundenen Probleme durch Herrschaft lösen zu können. Diejenigen, die sich stark machen wollten und konnten, haben die conditio humana von sich abgespalten, die Bewältigung der Kontingenz an andere delegiert und in vor-politische, außer-gesellschaftliche Räume aus- und eingegrenzt. Herrschaftlich organisierte Kontingenzbewältigung impliziert asymmetrische Relationen entlang von drei großen Linien gesellschaftlicher Ungleichheit: Herr/Knecht, Eigen/Fremd und die dritte Linie trennt das eine vom anderen Geschlecht. Das weibliche Geschlecht wurde über weite Strecken der westlichen Geschichte von formellen politischen und ökonomischen Machtpositionen ebenso wie von den diese legitimierenden Wissensproduktionen wenn schon nicht gänzlich ausgeschlossen, so doch an den Rand gestellt. In der westlichen Philosophie wurden Rangordnungen von oben und unten, zwischen innen/eigen und außen/fremd in die Verhältnisse zwischen Kultur und Natur, Geist und Körper, Form und Materie, Vernunft und Gefühl usw. eingeschrieben.

Damit ist der zweite Grund für den marginalen Status von Geschlechtertheorie in der Geschichte des westlichen Denkens bezeichnet. Solange wie das eine Geschlecht das formelle Recht zu denken und zu sprechen für sich beanspruchen und das andere Geschlecht zum „Schweigen in der Gemeinde“ (Bibel, 1. Korinther 14,34) verurteilen kann, solange kann der Status von Geschlechtertheorien marginal bleiben. Zur Begründung der Vorherrschaft des männlichen Geschlechts mussten nicht viele Worte gemacht werden. Im Gegenteil: „Die älteste und klügste Strategie der Ausübung von Macht ist die Verleugnung ihrer Existenz.“[3] Vielleicht ist die Richtigkeit dieser Aussage an keiner gesellschaftlichen Relation offensichtlicher als an den Macht- und Herrschaftsverhältnissen zwischen den Geschlechtern.

Es liegt auf der Hand, dass die Sicherheit der etablierten Machtverhältnisse im tiefen Grund unhinterfragter Selbstverständlichkeit in Perioden grundstürzender gesellschaftlicher Veränderungen brüchig werden muss.

Eine solche Periode liegt in der jüngeren Geschichte in der sogenannten „Sattelzeit“ der Moderne zwischen 1770 und 1830. Im Gefolge der von England ausgehenden industriellen Revolution und der bürgerlichen Revolutionen mit ihren Epizentren in Frankreich und Nordamerika entsteht in der tradierten Geschlechterordnung gegen Ende des 18. Jahrhunderts: Unruhe! Infolge von Industrialisierung und Urbanisierung verändern sich die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen. Damit verliert auch die Geschlechterordnung des Ancien Régime ihre Grundlagen. Rechtlich-politisch basierte diese Ordnung auf den Ehebund im Kontext des Verwandtschaftssystems (Allianzdispositiv); ökonomisch war auf den religiös sanktionierten häuslichen Bereich konzentriert. Mit der ständisch-feudalen Gesellschaftsformation des Ancien Régime in Europa sind auch die sie tragenden Legitimationsdiskurse untergegangen. Theologie und Metaphysik, die darauf basierenden kodifizierten Rechte sowie die alten Überlieferungen, Sitten und Gebräuche verlieren ihre die ge­sellschaftlichen Verhältnisse deutende und legitimierende Kraft.

Seitdem Aufklärung und Revolution die Freiheit und Gleichheit aller Menschen auf ihre Fahnen geschrieben haben, werden alte beziehungsweise alle Arten von Hörigkeit und Ungleichheit entweder in Frage gestellt oder sie müssen auf neue Fundamente gestellt werden. An diesem Punkt scheiden sich die Geister auch in Hinblick auf die Geschlechterverhältnisse. Auf der aufklärerisch-revolutionären Seite werden in verschiedenen westlichen Ländern forderungen erhoben nach dem Ausgang – auch des schönen Geschlechts – aus selbst (oder fremd) verschuldeter Unmündigkeit, wie es Immanuel Kant 1784 in Königsberg formuliert.[4] Unmittelbar im Anschluss an die Deklaration der Menschenrechte (1789) erklärt Olympe de Gouges in Paris die Rechte der Frau (1791). Diese Position hat die Logik auf ihrer Seite: Wenn die Menschenrechte universal gelten und zur Grundlage des modernen Vertragsrechtssystems werden sollen, dann kann und muss das (unter anderem) auch für die Geschlechter gelten. Die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern und Generationen müssen den neuen Gegebenheiten angepasst werden und das bedeutet, dass sie sich tiefgreifend wandeln müssen. Auf der anderen Seite stehen Bestrebungen zur Konservierung oder Restauration der alten Ordnung. Diese Seite steht zwar in einem unlösbaren Widerspruch zur politisch-rechtlichen Semantik der Moderne, dafür fällt hier das ,Gewicht der Welt‘ schwer in die Waagschale.

Mithin entstehen an diesem Punkt zwei, in entgegengesetzte Richtungen weisende Arten von Geschlechtertheorien. Max Horkheimers Unterscheidung zwischen kritischer und traditioneller Theorie ist geeignet, den Unterschied zwischen beiden zu verdeutlichen.[5]

In der Perspektive der an Aufklärung und Menschenrechtsdiskursen in den bürgerlichen Revolutionen anknüpfenden Ansätze erscheint „Geschlecht“ als „ominöse Kategorie“,[6] als „Begriff von durchaus fragwürdiger Valenz“, da die „Kategorie vermeintlich ontologischen Zuschnitts in Wahrheit als ideologisches Konstrukt [fungiert]“,[7] das es im Zuge der Infragestellung aller askriptiven, geburtsständischen Zuordnungen als Grundlage der Gesellschaftsordnung abzuschaffen gilt. Während die Kritik an der Kategorie „Geschlecht“ als ideologischem Konstrukt das Ziel einer kritischen Geschlechtertheorie bildet, gehen die Bestrebungen der anderen Richtung dahin, das bestehende Geschlechterverhältnis zu affirmieren und seinen vermeintlich „ontologischen Zuschnitt“ zu befestigen. Es erscheint sinnvoll, den Theoriebildungen, die in diese zweite Richtung gehen, den Begriff „Geschlechtertheorien“ vorzubehalten und den kritischen Ansatz als „feministische Theorie“ davon zu unterscheiden.

Bis heute hat keine der beiden Richtungen ihr Ziel erreicht: Auf der einen Seite hat die Kritik am Begriff „Geschlecht“ als „ominöser“, ontologisierender Kategorie nicht hingereicht, Geschlecht als Strukturgeber moderner Gesellschaften, stratifizierter Rollenbilder und sozialer Funktionen außer Kraft zu setzen. Das kann nicht gelingen, solange es nur darum gehen soll, einseitig Frauen mit Männern gleichzustellen – und nicht auch umgekehrt Männer mit Frauen. Auf der anderen Seite kann es der traditionelle Theorie nicht gelingen, den Epochenbruch rückgängig zu machen, den die Modernisierung der westlichen Gesellschaften mit sich gebracht hat. Wenn es in der Folge unumgänglich geworden ist, den „ontologischen Zuschnitt“ der Kategorie „Geschlecht“ neu und anders zu konzipieren, dann ist der Weg zurück zu einer unhinterfragbar selbstverständlichen Geltung der männlichen Dominanz in einer asymmetrischen Geschlechterordnung definitiv versperrt. Bis heute ist keiner der beiden Wege ans Ziel gelangt; vielmehr werden beide parallel zu einander mehr oder weniger beharrlich (und vergeblich) weiterverfolgt.

Im Sinn dessen, was mit Max Horkheimer „traditionelle“ Geschlechtertheorie genannt werden kann, entstehen in der Sattelzeit um die Wende des 19. Jahrhunderts Ansätze, die sich unter dem Titel dual-spheres oder separate-spheres-Theorien zusammenfassen lassen. Innerhalb weniger Jahrzehnte – zwischen Rousseaus Pädagogik (1762) und Hegels Rechtsphilosophie (um 1820) – sind solche Konzepte gleichsam am ,Reißbrett‘ entworfen worden und alsbald in eine napoleonische beziehungsweise biedermeierliche Geschlechterordnung umgesetzt worden. Während das personale Herrschaftsprinzip des Patriarchats in Politik und Ökonomie allmählich abdankt, das heißt in dem auf Rechtsverträgen basierenden, von Sachzwängen regierten bürokratischen Staat ebenso wie im kapitalistischen Betrieb seine Geltung verliert, wird ihm im hochbürgerlichen Heim des 19. Jahrhunderts ein Reservat geschaffen. Diese Konstellation wird als „Patriarchalismus im Gegenstoß“, als „Sekundärpatriarchalismus“[8] oder als „neopatriarchale Geschlechterordnung“[9] bezeichnet. Die spezifisch moderne Form der Familie entsteht zeitgleich mit Kapitalismus und Nation(alismus). Dieser „spezifisch bürgerliche Patriarchalismus war nicht einfach eine Fortsetzung traditioneller Privilegien, sondern hat nach der grundsätzlichen Infragestellung hergebrachter Ungleichheiten mit dem Instrument des Familienrechts und einer neuen ‚Ordnung der Familie‘ versucht, wenigstens im Privaten neue Halterungen und Stützen zu finden.“[10]

Diese Neukonfigurierung der Geschlechterordnung funktionalisiert die unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten der sich ausdifferenzierenden Sphären der Gesellschaft und gibt ihrer Diskrepanz einen Sinn: Während die Bereiche von Staat und Wirtschaft, Wissenschaft und Technik usw. zu Systemen mutieren, die a-personal, neutral, objektiv rationalen Prinzipien folgend, den Raum des Öffentlichen bestimmen, bilden die von dieser Dynamik nicht direkt betroffenen psycho-physischen Geschlechter- und Generationenverhältnisse die Lebenswelt der Menschen und der Menschlichkeit. Unter den humanen Leitbildern Freiheit, Liebe, Bildung entfaltet sich eine spezifisch bürgerliche Kultur, die den häuslichen Bereich in die moderne Privatsphäre verwandelt. Solange der Fortschrittsoptimismus überwiegt, erscheint diese Sphäre als Restposten der Vergangenheit. Je mehr sich, besonders gegen Ende des 19. Jahrhunderts, Kulturpessimismus ausbreitet, desto größer wird der Wunsch nach Rückzug und nach Kompensation von ,Modernisierungsschäden‘ im Reich des Privaten. Die Bandbreite der Erwartungen reicht vom alltäglichen Erholungswunsch bis zur veritablen Erlösungshoffnung.

Die Separierung der Sphären des Öffentlichen und Privaten wird nicht nur an eine funktionale soziale Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern gebunden, sondern darüber hinaus durch die „Polarisierung der Geschlechtscharaktere“ (Karin Hausen) befestigt. Zum ersten Mal in der westlichen Geschichte wird die Geschlechterordnung nicht mehr von oben sanktioniert, das heißt aus göttlichem Ratschluss beziehungsweise aus einem in der Transzendenz verankerten Naturrecht abgeleitet, sondern von unten, aus der Tiefe der stofflichen Materie der Körper, wie sie die modernen Naturwissenschaften vom Menschen erforschen. Dieses Konzept der geschlechtsspezifischen Rollen- und Arbeitsteilung entlang der Grenze zwischen den separate spheres von Welt und Haus, Öffentlichkeit und Privatsphäre, wird in den europäischen Rechtssystemen – beispielgebend seit 1804 im Code Civil des nachrevolutionären Frankreich – festgeschrieben und durch die neu entstehenden ,empirischen‘ Naturwissenschaften über den weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts ,bewiesen‘ und bewacht – parallel zur modernen Kategorie der ,Rasse‘. Sexismus und Rassismus werden sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts immer nachdrücklicher auf die modernen Naturwissenschaften stützen.

Diese neue Geschlechterordnung weist heteronormativ genau zwei Geschlechter passgenau den Sphären des Öffentlichen und Privaten zu. Einerseits werden die Domänen des Männlichen und Weiblichen vielleicht rigider segregiert als in irgend einer anderen Geschlechterordnung, andererseits sind die Sphären komplementär auf einander bezogen wie zwei Hälften, die ein Ganzes ergeben sollen; mit einer individualisierten, emotionalisierten, romantischen Form von Liebe als ,Kitt‘ dazwischen. Unbeschadet aller Veränderungen der modernen Gesellschaftsordnung privilegiert diese Struktur die Männer der oberen Klassen des Besitz- und Bildungsbürgertums. Für die Frauen der herrschenden Klasse hält diese Konstruktion zwar zwei attraktive Angebote bereit: erstens nicht selbst erwerbstätig sein zu müssen und – damit verbunden – zweitens die Idealisierung des „haushörigen Weibes“[11] zur Hausherrin, vielleicht zur Domina in einem anderen Weltteil der Kultur oder im Reich der Natur, zur fernen Liebes- und/oder Muttergöttin, zur moralischen Instanz und zur ästhetischen Ikone, zum Kunstwerk. Aber der Preis, die rechtlich-politische Unmündigkeit, die ökonomische Abhängigkeit vom male breadwinner, der Ausschluss aus allen Bereichen der Öffentlichkeit, von formeller Bildung, politischer Partizipation und ökonomischer Selbständigkeit ist hoch und erscheint nur umso höher, je weiter die Frauen zum „angel in the house“ (Coventry Patmore, 1854) hinaufstilisiert werden und auf diese Weise durchaus Macht und Einfluss gewinnen, Handlungsspielräume erobern. Nicht nur im eklatanten Widerspruch zu den Prinzipien moderner Verfassung ungerecht, sondern ungültig ist das dual-spheres-Modell für die Frauen der Gesellschaftsschichten unterhalb des Bürgertums, die mit und neben ihren Männern schuften und sich als ,Rabenmütter‘ beschimpfen lassen müssen, als ,Schlampen‘, weil sie die Sorge um Mann und Kind und den ganzen Haushalt vernachlässigen. Für eine große Mehrheit von Menschen, Frauen, Männer und Kinder ist das Modell komplett dysfunktional; es trägt zur Verelendung (Pauperisierung) der arbeitenden Klasse im 19. Jahrhundert bei.

Kurzum, aus verschiedenen, teils einander widersprechenden Gründen ist die hochbürgerliche polarisierende separate-spheres-Geschlechterordnung entlang der Grenzen von System und Lebenswelt so problematisch, dass sich bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den sich nun formierenden Arbeiter- und Frauenbewegungen massiver Widerstand dagegen regt. In dieser Periode werden die Prinzipien wieder brüchig, die erst etwa ein Jahrhundert vorher in der „Sattelzeit“ der Moderne aus der durch die Freiheits- und Gleichheitsideen von Aufklärung und Revolution ausgelösten Krise hervorgegangen sind.

 

Georg Simmels Theorie der Geschlechter

Georg Simmels Lebenszeit fällt in die zweite Umbruchsphase um die Wende zum 20. Jahrhundert; und er steht biografisch inmitten ihrer Stürme: Er ist umgeben von Frauen, die sich emanzipieren, wie seine zur Lehrerin ausgebildete Ehefrau Gertrud (geb. Kinel), die in der Jugend malt und später, bis lange nach seinem Tod, unter dem Pseudonym Marie-Luise Enckendorff theoretische Schriften (unter anderem zur Geschlechtertheorie) publiziert.[12] Er ist akademischer Lehrer gern und eifrig bei ihm studierender Mädchen, Freund zahlreicher gebildeter Frauen (zum Beispiel Margarethe Susmann); er ist verbunden mit Kollegenpaaren, die mit neuen Lebensmodellen experimentieren und die Emanzipation des weiblichen Geschlechts propagieren (wie Marianne und Max Weber oder Camilla und Georg Jellinek); er ist langjähriger Liebhaber der promovierten Kunsthistorikerin Gertrud Kantorowicz,[13] die gemeinsame Tochter Angela kommt 1907 zur Welt. Simmel ist aber nicht nur persönlich mit den neuen Bewegungen und Strömungen seiner Zeit verbunden, als Soziologe und Philosoph nimmt er die Herausforderung auch theoretisch an.

In der Überzeugung, dass die zeitgenössische Frauenbewegung „die Zukunft unserer Gattung vielleicht tiefer beeinflussen wird, als selbst die Arbeiterfrage“ (GSG 7, S. 66), befasst sich Simmel über zwei Jahrzehnte hinweg, also fast während seiner gesamten Schaffenszeit, immer wieder mit dem Themenfeld „Geschlecht“: In seiner Psychologie beschäftigt er sich mit den vielfältigen Fragen personaler, individueller Geschlechtsidentität und -differenz; als Soziologe setzt er sich mit den Geschlechterverhältnissen in ihren unterschiedlichen Ausprägungen in den Institutionen von Ehe und Familie auseinander; und als Kulturphilosoph befasst er sich mit diversen, die Geschlechterthematik berührenden Phänomenen, angefangen von Religion und Sitte, über Militarismus und Prostitution, Liebe und Treue bis hin zu Mode und Koketterie. Trotz seiner wiederkehrenden Beschäftigung bildet Simmels Geschlechtertheorie keines seiner Hauptwerke; und trotz seiner weitgehend stabilen Überzeugungen ist es kein konsistentes Dogmengebäude. Es handelt sich um immer wieder neu ansetzende Versuche, die zumeist in kurzen Stücken enden – nur wenige der betreffenden Essays umfassen mehr als dreißig Seiten.[14] Es sind „Bruchstücke“, wie Simmel selbst einen seiner Texte betitelt, Gelegenheitsarbeiten, Feuilletonbeiträge, die verstreut in populären Zeitschriften, Wochen- oder Tageszeitungen und an anderen, ähnlich passageren Orten erscheinen. Dem Autor selbst scheinen sie wichtig zu sein. Es ist bemerkenswert, dass Simmel seine beiden, in gewissem Sinne ,reifsten‘, zeitlich letzten Schriften zum „Geschlechter-Problem“ 1911 nach intensiver Auseinandersetzung, von der die mehrfachen Überarbeitungen zeugen, in die von ihm selbst konzipierte Sammlung seiner bedeutendsten Essays aufnimmt.[15]

Simmels eigenes nachhaltiges Interesse an Geschlechtertheorie hat nichts daran zu ändern vermocht, dass seine Ausführungen zu dieser Thematik „innerhalb der fachwissenschaftlichen Diskussion lange Zeit nicht zur Kenntnis genommen“ wurden.[16] Das änderte sich erst in den 1980er-Jahren. Erstmals nach vielen Jahrzehnten erfolgte 1983 eine Neuauflage von Simmels selbst zusammengestellter Sammlung Philosophische Kultur,[17] die auch seine wichtigsten Schriften zur Geschlechtertheorie enthält. Zwei Jahre später legten Heinz-Jürgen Dahme und Klaus Christian Köhnke eine erste große, wenn auch unvollständige Sammlung von Simmels verstreuten geschlechtertheoretischen Abhandlungen vor (in dieser Gestalt füllen sie einen Band von immerhin knapp dreihundert Seiten im Taschenbuchformat).

 

Zur Psychologie der Frauen

Simmels Beschäftigung mit der Geschlechterthematik beginnt im Jahr seiner Eheschließung (1890) mit der Abhandlung „Zur Psychologie der Frauen“ (GSG 2, S. 66–102). Sofort stößt der Autor auf ein erstes „Problem“,[18] das er so formuliert: Die Frage nach einer „Psychologie der Frauen setzt voraus, dass die Frauen als solche eine Anzahl ihnen gemeinsamer psychischer Eigenschaften besäßen. Dass eine solche Einheitlichkeit einerseits, eine solche Abscheidung andrerseits[19] im strengen Sinne existire, wird niemand behaupten“ (GSG 2, S. 66). Sogleich setzt der Autor diese Einsicht beiseite, um ein relatives Recht zu behaupten, den Frauen, wenn nicht als „Totalität“, so doch als „Majorität“ gemeinsame, das heißt von der Mehrheit der Männer unterschiedene Eigenschaften zuzuschreiben. Simmel schlussfolgert weiter: „Eine objektive Berechtigung, über die Frauen als Ganzes zu urteilen, würde sich unmittelbar dann ergeben, wenn das weibliche Geschlecht unter sich geringer differenzirt, weniger individuell entwickelt wäre, und so das einzelne Exemplar enger im Typus eingeschlossen bliebe“ (GSG 2, S. 67). Ohne Rücksicht auf den hypothetischen Charakter seiner Überlegung erklärt Simmel den „Mangel an Differenzirung“ umstandslos und eindeutig zum „tiefsten Grund dessen, was die Frauen von den Männern unterscheidet“ (GSG 2, S. 87). Diese entschiedene, brüske Art, in der Simmel sich sogleich über die zunächst sensibel und auch mit allerlei Arabesken verzierte[20] Problematik hinwegsetzt und den fein geknüpften gordischen Knoten sogleich zerschlägt, wird für alle seine weiteren Überlegungen charakteristisch bleiben.

Im Essay von 1890 ist die geringere Differenzierung, das Enger-Eingeschlossen-Sein der Frauen „im Typus“ das, was „ihnen die tiefere Stufe anweist“ (GSG 2, S. 87). Alles, was die Frau vom Mann unterscheidet, wird als Mangel und Minder, als Fehlen und Fehler aufgefasst. Um seine Auffassung zu begründen, begibt sich Simmel zuerst auf das „Gebiet des Körperlichen“ (GSG 2, S. 67). Auf einer knappen halben Buchseite eilt er „durch die ganze Natur“. Im Tierreich sind die Weibchen weniger differenziert als die Männchen und den Kindern ähnlicher (Neotenie; vgl. GSG 12, S. 237). Zum selben Resultat wie bei den Tieren gelangen Messungen „bei den verschiedensten Menschenrassen“ und schließlich wiederholt sich der Befund an jedem Individuum: „Die Oberfläche des männlichen Körpers ist mehr differenzirt als die des weiblichen“ (GSG 2, S. 67). Vom Gebiet des Physischen geht Simmel zum Psychischen über: „Ich werde nun auch schwerlich mit der Behauptung weit irren, dass die Mehrzahl der weiblichen Eigenheiten, die man dem psychischen Wesen der Männer gegenüber hervorzuheben pflegt, auf die größere Undifferenzirtheit der Frau zurück geführt werden können, auf die Tatsache, dass ihre Anlagen, Neigungen, Betätigungen enger um einen Einheitspunkt herum gesammelt und aus ihrem ursprünglichen keimhaften Ineinander noch nicht zu selbständiger Existenz spezialisirt sind“ (GSG 2, S. 68). Im Noch-Nicht sieht der sensible Simmel das Potenzial künftiger Entwicklung; allerdings weist er die Frage sogleich wieder brüsk als irrelevant ab: „ob dieser Verfassung [der Frauen, C. K.] eine innere Notwendigkeit und Unabänderlichkeit oder eine mögliche Fortentwicklung durch abgeänderte Lebensbedingungen zuzusprechen ist“, bleibt „für unsre Betrachtung völlig außer Frage“ (GSG 2, S. 68).

In diesem frühen Text gibt Simmel sein Debüt als ,Frauenversteher‘, wenn er die verbreitete Meinung der mangelnden „Logik“ der Frauen entschieden zurückweist (GSG 2, S. 69). Im weiteren Fortgang wird er aus dem von ihm identifizierten zentralen Unterschied zwischen den Geschlechtern jedoch so gut wie alle bekannten Vorurteile und Verurteilungen des Weiblichen zu rekonstruieren und zu restituieren: Von der „Undifferenzirtheit“ gelangt er zum „Ueberwiegen des Gefühlslebens bei den Frauen“ (GSG 2, S. 68; vgl. auch S. 73). Die Polarisierung der Geschlechter nach Differenziertheit vs. Einheitlichkeit übersetzt sich in die übliche Entgegensetzung Vernunft / Rationalität vs. Gefühl / Emotionalität. Verständnisvoll nimmt Simmel sich der weiblichen Neigung zum Lügen an und begründet diese damit, „dass die Frauen durch ihre physiologischen Verhältnisse und die Rücksichten, welche sie auf diese nehmen müssen, vielfach geradezu gezwungen sind, irgend welche Lügen zu sagen“ (GSG 2, S. 70). Das heißt, Frauen lügen „aus der sittlichen Rücksicht des Anstands“ (ebd.) auf die Peinlichkeit, Frau zu sein. Vom Lügen gelangt Simmel „zur allgemein anerkannten Neigung der Frauen zum Uebertreiben“ (GSG 2, S. 71).

Bei dieser läppischen, ohne weitere Begründung aufgeschnappten, aus der Luft gegriffenen Eigenschaft des ,Übertreibens‘ stellt Simmel die Verbindung von Geschlecht und ,Rasse‘ her: „Nach dem, was wir von der Ausdrucksweise der Naturvölker hören, scheint das Uebertreiben der primitiveren Geistesverfassung überhaupt eigen zu sein“ (GSG 2, S. 71). Von hier aus geht es noch weiter hinab: Das „auffallende Ahnungsvermögen der Frauen“ weist „auf die niedrigere Stufe des Spürsinnes hin […], durch den sich Tiere und niedere Völker auszeichnen“ (GSG 2, S. 74). Simmel leitet den von ihm attestierten Mangel der Frauen an Sachlichkeit und Objektivität aus dem Mangel an „Differenzirung im weiblichen Seelenleben“ ab (GSG 2, S. 76). Dann bringt er die allgemeine „Unfähigkeit“ der Frauen zu Sprache, „sich im Denken und Empfinden höheren Abstraktionen anzupassen“ (GSG 2, S. 77). Womit der oben zunächst zurückgewiesene Mangel an Logik durch die Hintertür einer anderen Wortwahl wieder eintritt: „Wo das Vorstellen […] nicht die Bestrebung hat, seine Bestandteile zu sondern und zu verselbständigen, da wird zugleich die Fähigkeit, abstrakte, über die anschauliche Einzelheit hinaushebende Begriffe zu bilden, unentwickelt bleiben" (ebd.). Nach der Nähe von Weiblichkeit zu vermeintlich primitiven Völkern oder Tieren stellt Simmel die Analogie zwischen Frauen und „Massen“[21] her: „Wir bemerken […], daß Frauen und größere Massen – insoweit sie auf niedrigerem geistigen Niveau stehen – sich für eine Idee immer nur durch eine einzelne Person oder ein greifbares Ereigniss oder Symbol hindurch begeistern können“ (ebd.).

Simmel ist keineswegs der einzige, der eine Verbindung herstellt zwischen der Theorie der Evolution der Gattung und einer soziologischen Theorie jener Art von gesellschaftlicher Arbeitsteilung, die erst mit dem modernen Industriezeitalter eintritt. Neben Herbert Spencer gehört auch Simmels französischer Kollege Émile Durkheim zu jenen, die den Versuch unternehmen, die philosophisch im späten 18. Jahrhundert postulierte und im Verlauf des 19. Jahrhunderts evolutionstheoretisch untermauerte Polarisierung der Geschlechter in eine Theorie moderner Arbeitsteilung einzubauen. In seinem als klassisch geltenden Werk Über die soziale Arbeitsteilung von 1893 behauptet Durkheim, die beiden Geschlechter würden sich sowohl biologisch als auch sozial im Verlauf der Entwicklungsgeschichte immer weiter ausdifferenzieren. Konkreter als Simmel stützt sich Durkheim auf die an Charles Darwin anschließende empirische Schädel- und Hirnforschung, die in Frankreich durch die Schule des berühmten Arztes und Anatomen Paul Broca angeführt wird. Namentlich beruft sich Durkheim auf den bis ins 20. Jahrhundert als „Massenpsychologen“ bekannten Gustave Le Bon[22] mit der Behauptung: „Wäh­rend der Durchschnitt der Pariser Gehirne zu den größten bekannten Gehirnen gehört, gehören durchschnittlich die weiblichen Pariser Gehirne zu den kleinsten beobachtbaren Gehirnen."[23] Anders als Simmel scheint Durkheim eine künftige Veränderung, eine „mögliche Fortentwicklung durch abgeänderte Lebensbedingungen“ nicht in Erwägung zu ziehen; vielmehr schließt er sich Le Bons Auffassung an, dass der Fortschritt der Menschheit von der fortschreitenden Ausdifferenzierung der Geschlechter, also „sowohl vom beträchtlichen Wachstum der männlichen Gehirne wie vom Stillstand und sogar von der Regression der weiblichen Gehirne ab[hängt]“.[24] Das ist die naturwissenschaftliche Basis der separate-spheres-Theorie; ihr Kernstück und Ziel bildet der Gedanke der Komplementarität der zwei unterschiedenen Hälften zu einem Ganzen.[25]

Im Essay von 1890 hat Simmel die gängigen Lehrmeinungen seiner Zeit rezipiert.[26] In seinen späteren Schriften wird er die naturwissenschaftliche Fundierung der Polarisierung der Geschlechtscharaktere hinter sich lassen. Anders als der mainstream der Geschlechtertheorien seiner Zeit unternimmt Simmel keinen ernsthaften Versuch, die separate-spheres-Theorie durch die Biologisierung der Geschlechtlichkeit und namentlich mittels der Pathologisierung des weiblichen Geschlechts zu begründen. Weder will er den „physiologischen Schwachsinn des Weibes“ (Paul Möbius) nachweisen, noch stellt er die Frau als ein durch ihre Geschlechtsorgane determiniertes, von Krankheiten nicht nur geplagtes, sondern regelrecht mit Krankheit identifiziertes, deviantes Wesen dar, so wie es üblich geworden ist, seit die Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert zum Leitdiskurs für die Legitimation gesellschaftlicher Ungleichheit geworden sind. Besonders mit der Erfindung der paradigmatischen Frauenkrankheit Hysterie, die „jede Fähigkeit der Seele und der Sinne gefrieren lässt und, indem es die Vernunft zerstört, Frauen auf das Niveau von Wiederkäuern reduziert“,[27] haben die modernen Wissenschaften die wildeste Irrlehre zur Polarisierung der Geschlechtscharaktere, zur Separierung ihrer gesellschaftlichen Positionen und zur Aufrechterhaltung der Herrschaft von ,Medizinmännern‘ über Frauenkörper und -seelen entwickelt – seinen Lehrern Charcot und Breuer folgend, bleibt auch noch der Aufklärer Freud diesem Phantom verhaftet. Simmel dagegen hat zwar dem evolutionstheoretischen und sonstigen natur- und pseudowissenschaftlichen Hokuspokus nirgendwo ausdrücklich widersprochen, vielmehr darf angenommen werden, dass er das alles stillschweigend weiterhin voraussetzt: aber aktiv beteiligt hat er sich an den darum geführten Debatten nicht.

Gleichwohl bleibt der in der frühen Schrift „Zur Psychologie der Frauen“ festgestellte Unterschied zwischen der Differenziertheit des Männlichen und der Geschlossenheit des Weiblichen der zentrale Punkt in Simmels Geschlechtertheorie! Von der ersten bis zur letzten Auseinandersetzung mit der Thematik bildet jener Hauptsatz den Ausgangspunkt, den er in den 1890er-Jahren aufgrund seiner „psychologischen Gesamtbeobachtungen über die Frauen“ als das „Grundmotiv“ entdeckt hat (GSG 8, S. 76 u. S. 77).[28] Dieser Grundsatz „ist doch wohl der, dass die Frau das einheitlichere Wesen ist, der Mann das vielspältigere; die einzelnen Männer sind nicht nur untereinander differenzierter, von der Arbeitsteilung in höherem Maße ergriffen als die Frauen, sondern auch innerhalb des einzelnen [Mannes, C. K.] führen die verschiedenen Triebe, Interessen, Gedanken ein gesondertes, selbständigeres Leben." (GSG 8, S. 76) Nicht der Inhalt der Aussage wird sich ändern, umso mehr aber ihr Sinn.

Erste Anzeichen dieses Sinneswandels finden sich in den wenige Seiten umfassenden „Bruchstücken zu einer Psychologie der Frauen“ von 1904 (GSG 7, S. 289–294). Simmel wiederholt darin den von ihm als „Kernpunkt aller Psychologie der Frauen“ (GSG 7, S. 291) bezeichneten „Differenzierungsmangel“. Sehr verkürzt und nur andeutungsweise werden alle Elemente rekapituliert, die bereits im früheren Text im Vordergrund standen: die grössere Erregbarkeit, der Hang zu Übertreibung, „die persönliche Schwäche“ (GSG 2, S. 81). Aber es fällt ein Wechsel in Wortwahl und Ton auf, wenn „Schwäche“ nun als „Verletzlichkeit“ und „Zartheit“ angesprochen wird. Durchgängig betont Simmel in seinen späteren Auseinandersetzungen mit dem Thema Geschlecht die andere, die schönere und edlere Seite der Undifferenziertheit und postuliert: Die Frauen seien „die einheitlicheren und ganzeren Wesen […], das heißt diejenigen, bei denen die Elemente des inneren Daseins enger miteinander verknüpft sind" (GSG 7, S. 291 f.). Frauen stehen hier nicht so sehr in der Nähe von Tieren oder primitiven Völkern, sondern sie sind „Seelen, deren Peripherie noch mit ihrem Mittelpunkt verschmolzen ist“ (GSG 7, S. 291; meine Hervorhebung, C. K.). Simmel spricht mit fast ehrfürchtiger Zurückhaltung, aber höchst beredt „vom schwer ausdrückbaren, innigeren Eingewachsensein in die dunkle Einheit aller Natur“ (GSG 7, S. 292), von der „Wurzelschicht der Seele“ (GSG 7, S. 294), von der „Eingesenktheit in den Urgrund des Seins“. An die Stelle des Undifferenzierten tritt das „Unpersönliche“,[29] das jede Frau „gewissermaßen zur Vertreterin des Gattungstypus“ werden lässt (GSG 7, S. 293). Der Naturzustand, dem die Frauen näher sein sollen, wird nicht mehr als primitiv abqualifiziert, sondern erscheint als „Urgrund des Seins“. In der gleichzeitig in den Mittelpunkt gerückten Beziehung der Frau zum Kind „vor und nach seiner Geburt“, streift Simmel zwar wiederum den Urschlamm und Urschleim des Niederen in der Behauptung, dass dieses nicht individuelle, sondern „typischste aller Verhältnisse“ „tief ins Untermenschliche hinabreicht“ (GSG 7, S. 294; vgl. auch GSG 12, S. 241 – Ontogenese rekapituliert Phylogenese). Aber zugleich weist Simmel über die Gebiete des Biologischen und Sozialen hinaus auf das Feld der Kultur und gleich noch weiter hinauf in die Sphäre der Kunst.

Die Frage, wie es möglich ist, dass Simmel von der Herabsetzung des Weiblichen – hart am ,Wilden‘ vorbei – bis hinunter zum Tier, dann abrupt die Richtung wechseln und zur Frau als höherer Seele und Kunstwerk aufsteigen kann, lässt sich leicht beantworten. Zum einen handelt es sich um alten gender wisdom; Simmel rekapituliert die alte Dualisierung von Eva und Maria, Hure und Heiliger, dem schrecklich abstoßenden und zugleich mächtig anziehenden Fremden im Allgemeinen und dem anderen, fremden Geschlecht im Besonderen.[30] Zum anderen ist die separate-spheres-Theorie von Anfang an als Hoch-Tief-Bauprojekt angelegt. Unter dem Druck der politischen Semantik der Moderne und den daraus entspringenden Forderungen von Frauen nach Freiheit und Gleichheit erhält der alte gender wisdom eine neue Funktion: Er dient zur Legitimation des Ausschlusses aus den Domänen und von den Geschäften des Mannes, die sich im Zuge des Modernisierungsprozesses so mächtig entfalten. Als Fernhaltestrategie ist das Hoch- und Wegloben allemal viel wirksamer als alles Abwerten und Ausgrenzen, das Widerstand hervorruft.

 

Weibliche Kultur

Um die Wende zum 20. Jahrhundert verliert die separate-spheres-Theorie ihre Basis in der rigiden sozialtopologischen Einteilung zwischen den sich ausdifferenzierenden männlich besetzten Feldern des Öffentlichen[31] und einer diffus ganzheitlich privaten Lebenswelt, in der die menschliche Gattung reproduziert und in die das weibliche Geschlecht sekludiert wird. Simmel akzeptiert den Aufbruch und die Bewegung der Frauen als vermutlich unumkehrbare historische Gegebenheit. Bereits 1890 spekuliert er, dass aus der, „dem jetzigen Zustande gegenüber erweiterte[n] Erwerbs- und sonstige[n] Tätigkeit der unverheirateten Frauen“ Veränderungen „von ganz unberechenbaren Folgen […] hervorgehen“ könnten (GSG 2, S. 74). Der selbstreflexive Denker konzediert wiederholt, dass diese Möglichkeiten den Horizont seines Denkens übersteigen, dass er „nur tastend und beweislos darauf hinweisen“ (GSG 12, S. 271 sowie GSG 14, S. 441) könne, dass vielleicht eines fernen Tages ganze neue „Welttheile der Kultur“ auftauchen könnten (GSG 7, S. 78).

Besonders ausführlich setzt er sich mit diesen neuen Erscheinungen und Aussichten in seinem Essay über „Weibliche Kultur“ auseinander, der zuerst 1902 (GSG 7, S. 64–83) und – in zwei geringfügig voneinander abweichenden überarbeiteten Fassungen (GSG 12, S. 251–289 beziehungsweise GSG 14, S. 417–459) – nochmals 1911 veröffentlicht wird.[32] Trotz der eingestandenen Unsicherheit oder sogar Unfähigkeit des sensiblen Simmel, sich diese weiblich gestaltete Zukunft vorzustellen, verteidigt der Geschlechtertheoretiker Simmel apodiktisch alle männlich besetzten Felder gegen die als bloß subjektiv abqualifizierten Anliegen und Ambitionen der Frauen mit Nachdruck.

Bereits im ersten Satz des Essays von 1902 konfrontiert er die Frauenbewegung mit dem Vorwurf, dass sie „jede Bedeutung abzulehnen [scheine, C. K.], die über einzelne Personen, ihr Glück, ihre Ausbildung, ihre Freiheit hinausginge“ (GSG 7, S. 64). „Für einzelne Menschen, und seien es auch viele Millionen, wird hier gerungen, nicht für etwas, was an sich über alles Einzelne und Persönliche hinausginge“ (GSG 7, S. 64). Dagegen nimmt sich Simmel vor, eben jene einzig relevante Frage zu stellen: „nach dem überpersönlichen und übersozialen Kulturwerth“, nach der nicht bloß millionenfach subjektiven, sondern nach der „objektiven Kulturbedeutung“ der Frauenbewegung, „nach ihren eigentlich schöpferischen, den Bestand der geistigen Werthe vermehrenden Energien“ (ebd.).

Von dem, was Simmel im Gegensatz zum bloß subjektiven Interesse als objektiv verstanden wissen will, gibt er eine genaue Definition: „das, was man die objektive Kultur nennen kann, [ist] in seinem[33] Inhalt und Sinn […] ganz unabhängig von […] seiner Darstellung an Individuen: die Sprache und das Recht, die Sitte und die Kunst, die Berufsarten und die Religion, die Möbel und die Trachten – alles sind geprägte Formen, die […] in ihrer inneren sachlichen Bedeutung über sie [die Individuen, C. K.] hinausragend objektiv gewordene Ergebnisse geleisteter Kulturthätigkeit und Normen der künftigen“ bilden (GSG 7, S. 65; vgl. auch GSG 12, S. 253). Im nächsten Schritt schlüpft dann die Katze aus dem Sack: Simmel setzt zwischen objektiv und männlich das Gleichheitszeichen: „unsere Kultur ist, mit Ausnahme ganz weniger Provinzen, durchaus männlich. Männer haben die Industrie und die Kunst, die Wissenschaft und den Handel, die Staatsverwaltung und die Religion geschaffen“ (GSG 7, S. 66).

Zur Begründung der Behauptung greift Simmel auf seinen ersten Grundsatz zurück. Also noch einmal: Die männliche „Art“ liegt in der Differenziertheit des männlichen Wesens, die mit der Evolution beginnt, mit der sozialen Differenzierung im Modernisierungsprozess ihre lineare Fortsetzung in der Arbeitsteilung und Spezialisierung der Berufe findet und mit der Ausbildung von Sachlichkeit beziehungsweise Objektivität einhergeht: Es ist „die tiefste psychologische Eigenart des männlichen Geistes: sich zu einer ganz einseitigen Leistung zuzuspitzen“ (GSG 7, S. 67). Simmel überschlägt sich förmlich in der Betonung des männlichen Charakters der objektiven Kultur: „Die Art, nicht nur das Maaß unserer Kulturarbeit wendet sich an specifisch männliche Energien, männliche Gefühle, männliche Intellektualität“ (GSG 7, S. 66 f.).

Wenn die Claims so klar abgesteckt sind, wenn Simmel das gesamte Terrain der objektiven Kultur männlich besetzt, während er den weiblichen Geist „in solcher Sonderung, der Einzelbewährung von dem Ich in seinen Gefühls- und Gemüthszentren nicht existiren“ lässt (GSG 7, S. 68), dann fragt sich, worin die objektive Kulturbedeutung der Frauenbewegung liegen könnte, nach der er sich auf die Suche begeben hat. Simmels Anordnung der Figuren Mann und Frau auf dem nun von beiden zu teilenden Schachbrett von Gesellschaft und Kultur lässt sein Vorhaben, die „objektive Kulturbedeutung“ der Frauenbewegung zu erkunden, von Anfang an aporetisch erscheinen. Simmel hat sich die Frage, ob der Begriff einer weiblichen Kultur nicht überhaupt eine „contradictio in adiecto“ bedeute, auch selbst gestellt (GSG 12, S. 287 sowie GSG 14, S. 457). Das fest gesetzte Gleichheitszeichen zwischen objektiver Kultur und Männlichkeit – samt der strikten Ablehnung jedweder vorgängigen Gemeinsamkeit oder künftigen Verbindung der Geschlechter jenseits ihrer Differenzen – lässt die Bewegungen von Frauen beziehungsweise Frauenbewegung in Richtung Teilhabe zwangsläufig als „Einbruch in die Thätigkeitskreise der Männer“ (GSG 7, S. 77) erscheinen. Ein Einbruch ist eine strafbare und obendrein gefährliche Handlung: Auf der einen Seite sehen die Männer sich mit (noch dazu billigerer) Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt bedroht (GSG 7, S. 69 f.); auf der anderen Seite droht den Frauen ,Vermännlichung‘, indem „sie in ein Schema von Differenzirtheit gezwängt [werden], in dem ihre tiefsten Wesenskräfte sich gar nicht äußern können“ (GSG 7, S. 68). Vom „Standpunkt des sachlichen Kulturinteresses aus“ […] „wiederholen sie […] immer ein schon Gegebenes“ und zwar „mit untauglichen Mitteln, weil sie den Formen […] nicht gewachsen sind“ (GSG 7, S. 68).

Trotzdem unternimmt der Denker den Versuch, die separate-spheres-Theorie und -praxis des 19. Jahrhunderts an die veränderten Verhältnisse des beginnenden 20. Jahrhunderts zu adaptieren. Kurzerhand verlegt er den Komplementaritätsgedanken in die Felder des Öffentlichen hinein und will innerhalb von Wirtschaft und Gesellschaft wiederholen, was zuvor zwischen Politik und Ökonomie auf der einen Seite und der häuslichen Privatsphäre auf der anderen geschieden war. Zu diesem Zweck experimentiert er mit dem Gedanken einer „weitere[n] Arbeitstheilung“, in deren Folge „die Gesammtleistungen eines Berufes von Neuem vertheilt werden und diejenigen Elemente […], die der weiblichen Leistungsart specifisch angemessen sind, zu besonderen, differenzirten Theilberufen zusammengeschlossen werden.“ (GSG 2, S. 69)

Damit verschiebt sich die Frage, „ob die erstrebte Freiheit der Frauen neue Kulturqualitäten würde entstehen lassen“ (GSG 7, S. 69), zu der Frage, ob die Frauen „etwas leisten [könnten]“, „was die Männer nicht können“ (GSG 7, S. 69; Hervorhebung im Original). Dieses Problem wird für Simmel zum Leitfaden seines Nachdenkens: „Das ist der Kern der ganzen Frage, der Drehpunkt des Verhältnisses zwischen der Frauenbewegung und der objektiven Kultur“ (GSG 12, S. 261 sowie GSG 14, S. 431). Damit eröffnet sich zwar die Aussicht auf eine eventuelle Unvollkommenheit der zunächst als so vollkommen und unbedingt gültig aufgebauten objektiven Kultur, aber dafür kann die Füllung von kleinen Lücken, die Behebung von peinlichen Mängeln nun zum Telos der Frauen(bewegung) werden. Von nun an wird „jene objektive Kulturforderung an die Frau [erhoben]: zu leisten, was der Mann nicht kann“, aber braucht (GSG 12, S. 274 sowie GSG 14, S. 444). Anders gesagt: Die große moderne Idee der Komplementarität von zwei gänzlich verschiedenen Hälften, die nur zusammen ein Ganzes ergeben, wie es das two sex model vorsieht,[34] das in Sprüchen von Topf und Deckel oder Liedzeilen wie horse and carriage besungen wird, reduziert sich auf die Supplementarität der Frau als „Gehilfin des Mannes“ im one sex model wie seit Adam und Eva.[35]

Wenn aus dem Mängelwesen Frau der Ausputzer für die männlich dominierte Kultur wird, dann bekommt die Sache unweigerlich jenen ,Drall‘, den sie in den Geschlechtertheorien mit ihrer funktionalisierenden Perspektive auf die Frau seit jeher hatte und die der sensible Simmel scharf zurückweist: „Fast alle Erörterungen über die Frauen stellen nur dar, was sie in ihrem […] Verhältnis zum Manne sind; keine fragt, was sie für sich sind“ (GSG 12, S. 234).

Seine Reformulierung der ,Frauenfrage‘ erlaubt Simmel in weiterer Folge zwei in entgegengesetzte Richtungen weisende Züge und schließlich einen Rückzug. – Die hier vor uns liegende Strecke ist nicht nur mühsam, sondern in ihrer Vergeblichkeit quälend:

 

Nach unten – Kärrnerarbeit

Abgesehen von einer Spezialisierung der Frauen zu „bestimmten, ihren Körperkräften und ihrer Geschicklichkeit adäquaten Funktionen“ auf dem Tätigkeitsgebiet der „Baumwollweber und Strumpfwirker“ (GSG 7, S. 69),[36] also in der Textilindustrie, nennt Simmel als Beispiele für Gebiete, auf denen „eine neue Theilung und Nuancirung der Berufe“ sinnvoll und begrüßenswert wäre: Zuerst die Medizin, die auf das Einfühlungsvermögen von Frauen, „das feinere Vorgefühl für die richtige Behandlung des einzelnen Falles“ (GSG 7, S. 70) rekurrieren könnte; sodann die Geschichtswissenschaft, die von der „nachbildenden Phantasie“ (GSG 7, S. 71) profitieren könnte: „So zeigen die Erfahrungen der Praxis, daß Frauen manche Seiten der männlichen Seelen besser und mit sichererem Instinkt erkennen, als andere Männer es vermögen. Mir ist kein Zweifel, daß diese Fähigkeit für die Geschichtsforschung ausgenutzt werden könnte.“ (ebd.) Simmel eröffnet für „die weibliche Seele mit ihren besonderen Wahrnehmungs- und Nachfühlungsorganen“ weite Betätigungsfelder: „von dem Verständniß dumpfer Volksbewegungen bis zur Entzifferung von Inschriften“ (GSG 7, S. 72). Neben der funktionalistischen Perspektive ist der marginale Charakter und sekundäre Status der Frauenarbeit beziehungsweise der herablassende Gestus der Platzanweisung wieder so deutlich wie bei Simmels in der „Psychologie der Frauen“ dargelegter Auffassung, dass die Frauen „es in der Kunst des Reproduzirens zur höchsten Meisterschaft gebracht haben, während ihnen eigene Produktion nicht gelingt“ (GSG 2, S. 78).

Neuigkeitswert können Simmels ,Erkenntnisse‘ nicht beanspruchen. Die Polarisierung zwischen männlicher Produktion und weiblicher Reproduktion, männlicher Schöpferkraft und weiblicher Anwendungspraxis findet sich bereits beim Klassiker der separate-spheres-Theorie, bei Jean-Jacques Rousseau. Ähnlich wie Simmel um 1900 die Fortschritte der Frauenbewegung in Rechnung stellt, hat Rousseau 1762 den Ideen der Aufklärung seine Reverenz erwiesen, indem er die Gleichheit zwischen Frau und Mann in allen Hinsichten anerkennt, die nicht mit dem Geschlecht zusammenhängen. In weiterer Folge bringt Rousseau so gut wie alles mit dem Geschlecht in Zusammenhang und gelangt im fünften Buch seines bahnbrechenden erziehungsromans (der allein den Namen des männlichen Protagonisten „Emil“ trägt), zur Komplementarität der Geschlechterrollen und zur Aufgabenzuweisung an Emils Ehefrau „Sophie“: Beide sind laut Rousseau mit Vernunft begabte Menschenwesen. Aber: „Die Vernunft der Frauen ist eine praktische; sie verhilft ihnen, auf geschickte Weise, die Mittel zu finden, ein gesetztes Ziel zu erreichen, aber nicht das Ziel selbst zu finden.“[37] „Die Erforschung der abstrakten und spekulativen Wahrheiten, die Prinzipien und Axiome der Wissenschaften, alles, was auf die Verallgemeinerung der Begriffe abzielt, ist nicht Sache der Frauen. Ihre Sache ist es, die Prinzipien anzuwenden, die der Mann gefunden hat.“ „Alle Überlegungen der Frauen […] müssen auf das Studium der Männer und auf die [den Männern, C. K.] angenehmen Kenntnisse gerichtet sein […],[38] denn die Werke des Genies überschreiten ihre Fassungskraft.“[39] Rousseaus Motiv ist die Furcht vor einem Geschlechterkrieg: „Wenn die Frau wie ein Mann bis zu den Prinzipien zurückgehen könnte und wenn der Mann wie sie den Sinn für die Einzelheiten hätte, so würden sie […] im ewigen Streit leben". Die unhintergehbaren Bedingungen der Kontingenz, das heißt Differenz in sich (Partikularität) und von anderen (Pluralität), tragen den Keim zu Dissenz, zu Konflikt und Krieg. Der Königsweg der westlichen Theoriegeschichte macht Über- und Unterordnung, Hierarchisierung und Stratifizierung, kurzum, Herrschaft zum Mittel der Pazifizierung und Kontingenzbewältigung. Während Rousseau wohl in erster Linie an die Vermeidung von „Streit“ zu Hause denkt, erweitert Simmel dessen Strategie zur Vermeidung von Konkurrenz zwischen den Geschlechtern auf den Arbeitsmarkt, wo das „Zurückbleiben in der geistigen Differenzirung“ und der „Mangel an Abstraktionsvermögen" (GSG 2, S. 78) die Frauen genauso auf die nachgeordneten Plätze verweist, wie Rousseau es für Sophie in der Ehe mit Emil vorsieht. Wie bereits Rousseau lässt Simmel die Frauen trotz des längst erbrachten Beweises des Gegenteils immer noch scheitern „an der Wissenschaft, an den höheren politischen Idealen, an derjenigen Sittlichkeit, die das Nähere und Kleinere vernachlässigt" (GSG 2, S. 83).

 

Nach oben – viel Luft

Wenn Simmel sich anschließend auf das „Gebiet der Kunst“ begibt (GSG 7, S. 72) und auf die Literatur, namentlich auf die weibliche Lyrik zu sprechen kommt, wird nicht nur der Ton persönlicher, subjektiver, gefühlvoller, sondern dann geht sein Blick hinaus in die Zukunft und hinauf zu dem Punkt, an dem er kein quantitatives Weniger, sondern etwas qualitativ Anderes an der Produktion von Frauen/Künstlerinnen zu ahnen beginnt, dann kommt wiederum Simmels sensibles Problembewusstsein zum Zuge; es zeigt sich ihm „das ungeheure Problem – wenn auch nur aus der Ferne – […], ob eine Kulturthätigkeit ebenso organisch aus dem weiblichen Wesen, wie die bisherige aus dem männlichen erwachsen könne" (GSG 7, S. 77).

An der Herablassung und Abwertung ändert das nichts und auch die Verbindung der weiblichen Kultur mit den ,primitiven‘, noch unentwickelten Kulturstufen bleibt bestehen. Auf „der Stufe des Volksgesanges [sind] die Frauen […] mindestens ebenso produktiv wie die Männer" (GSG 7, S. 73). „So lange die kulturellen Formen noch nicht speziell und fest geprägt sind, können sie auch noch nicht entschieden männlich sein" (ebd.). Unter den modernen Literaturformen scheint der Roman der weiblichen Produktion geringere Schwierigkeiten darzubieten, aber am Ende scheint Simmel „auch die Romanform dem Rhythmus der weiblichen Seele nicht zu entsprechen“ (GSG 7, S. 73). Auf dem Gebiet der bildenden Kunst sind dem sensiblen Kunstrichter immerhin „leise Ansätze zu einer spezifisch weiblichen Note bemerklich“ (GSG 7, S. 74). Ausnahmsweise fallen hier sogar Namen von Künstlerinnen: „In einigen Bildern von Dora Hitz, in Radirungen von Käthe Kollwitz und einigen frühen von Kornelie Wagner ist eine Gesammtstimmung, die ich nie an einer männlichen Produktion gefühlt habe [...] hier ist wirklich, wenn auch nur in ersten Schritten die unermeßliche Unterschiedenheit des weiblichen von dem männlichen Lebensprinzip aus der Form des fließenden Erlebens in die des objektiven kulturellen Gebildes getreten." (GSG 7, S. 74 f.)

Diese, sich in „Weibliche Kultur“ von 1902 schemenhaft abzeichnenden Konturen des ganz anderen Weltteils rücken in den gleichnamigen Überarbeitungen des Essays von 1911 nicht klarer in den Mittelpunkt, sie werden nur lebhafter beschworen. Ähnlich wie in der ersten Fassung hebt Simmel das „Gebiet der Kunst“ als dasjenige hervor, auf dem „die Objektivierung des weiblichen Wesens in Kulturproduktionen“ am „annehmbarsten“ erscheint, „wo schon gewisse Ansätze dazu bestehen“ (GSG 12, S. 267). Erneut entwickelt er die Utopie einer vollkommenen Alterität des Weiblichen: „Führte die neu erstrebte Bewegungsfreiheit der Frau zu einer Objektivation des weiblichen Wesens, wie die bisherige Kultur eine solche des männlichen Wesens ist, und nicht zu inhaltsgleichen Wiederholungen der letzteren durch die Frauen (den spezifischen Wert hiervon diskutiere ich nicht) – so wäre damit freilich ein neuer Weltteil der Kultur entdeckt“ (GSG 12, S. 285).

In der harten Wirklichkeit scheinen die Dichterinnen und Künstlerinnen Simmels Vision „einer spezifisch weiblichen Wesensdokumentation“ (GSG 12, S. 268) auch zehn Jahre später kaum näher gekommen zu sein. Obwohl es in dieser Zeit und in der nächsten Umgebung um ihn herum von schreibenden, dichtenden und philosophierenden Frauen, ,Malweibern‘ und Fotografinnen geradezu wimmelt, gehören für Simmel „spezifisch weibliche Dichtungsformen […], obgleich sie vielleicht möglich sind, vorläufig in die Utopie“ (GSG 712, S. 267). „[I]n einigen Veröffentlichungen der letzten Jahre“ sieht er „die Bildung eines lyrischen Stiles […] wenigstens von fern angebahnt“ (GSG 12, S. 268). Vor lauter vagen Vorahnungen scheint Simmel die Erinnerung verloren zu haben: Die Namen der drei Künstlerinnen aus der ersten Fassung seines Essays nennt er nicht mehr. Das einzige Gebiet, auf dem „sich das Spezifische der weiblichen Leistung […] ganz unzweideutig offenbart“ ist das „der Schauspielkunst“ (GSG12, S. 272). Dagegen versagt „das geschlossene, von strenger Grenze umzirkte Wesen“ Frau auf Gebieten wie dem „Drama, in der musikalischen Komposition, in der Architektur“, „wo die strenge Geschlossenheit der Form prävaliert“ (GSG 12, S. 280).

Zwar versagt dem Philosophen vor dieser Vision jedes Mal die Vorstellungskraft; aber seinen noch von den ersten Anfängen seiner Auseinandersetzung mit dem Geschlechterproblem bekannten Beharrungsbeschluss schreibt er in alle Zukunft fort: Die Schaffung jenes „neuen Welttheiles der Kultur“ müsste sich allerdings „der großen sozialen Entwicklungsformel fügen; an die Stelle der Konkurrenz gleichartiger Leistungen das Sich-Ergänzen arbeitstheiliger Verschiedenheiten zu setzen“ (GSG 7, S. 78 f.). Vor allem hält Simmel am zentralen Punkt seiner Frage fest, das heißt, es geht weiterhin um einen Gewinn, den die männliche Kultur aus der Frauenbewegung ziehen könnte. Diese Frage führt notwendigerweise in allen Punkten zu den bereits ein Jahrzehnt zuvor gegebenen Antworten zurück.[40] Und das sind eben jene marginalen, sekundären Lückenfüll- und Hilfsarbeiten in allen schon früher angeführten Bereichen: „Unter den Künsten sind die reproduktiven ihre eigentliche Domäne […]; in den Wissenschaften fällt ihre Sammler und ,Kärrner‘fähigkeit auf und dieses Arbeiten mit Aufgenommenem steigert sich zu ihren großen Leistungen als Lehrerinnen“ (GSG 12, S. 260) – mit bestem Gruß an die Frau Gemahlin. Auch die Gebiete der Medizin und der Geschichtswissenschaft[41] werden wieder genannt. Nicht zum ersten Mal, aber mit neuem Nachdruck verweist Simmel auf die Psychologie. Das Spektrum der Frauenberufe führt weiterhin „von dem Verständnis dumpfer Volksbewegungen“ über die Erfassung von „uneingestandenen Motivierungen in [männlichen, C. K.] Persönlichkeiten“ bis zur „Entzifferung von Inschriften“ (GSG 12, S. 267).

Kurzum, der Weg nach oben, hinaus in die Zukunft, in die komplette Alterität der weiblichen Kultur führt zu – nichts. Simmel produziert viel heiße Luft und verläuft sich in kaltem Nebel, so dass der Entdecker noch jedes Mal zurückkehrt in die Tiefe. Simmels Experiment der Übertragung der separate-spheres-Theorie in die moderne Wissensgesellschaft und Berufswelt darf als gescheitert angesehen werden – er selbst sagt es zwar nicht ausdrücklich, aber er sieht es so und: er rudert zurück.

 

Coda 1 – Poulain de la Barres Erkenntnis

Bereits in seinen kurzen „Bruchstücken zu einer Psychologie der Frauen“ (1904) stellt Simmel lapidar fest: Man kann „sich nicht auf den Stuhl des Richters setzen und zwei Wesensformen als tiefere und höhere rangieren, von denen jede eine in sich vollendete Welt ist, und aus deren Miteinander erst die Geschichte der Menschheit entsprungen ist“ (GSG 7, S. 291). Das ist eine fast wortgetreue Übersetzung des Merksatzes, den der Cartesianer Poulain de la Barre schon in den 1670er-Jahren allen späteren Geschlechtertheoretikern ins Stammbuch geschrieben hat: „Tout ce qui a été écrit par les hommes sur les femmes doit être suspect, car ils sont à la fois juge et partie.“[42]

Es ist kein Zufall, dass dieser Gedanke im 17. Jahrhundert im Umkreis desjenigen Philosophen entstanden ist, der das Ego des Denkens zum Prinzip erhoben und damit einen entscheidenden Schritt im Säkularisierungsprozess vollzogen hat. Wenn das Ich sich als Subjekt setzt, geht auf lange Sicht die dritte Position des Richters zwischen zwei Parteien verloren. Über weite Strecken der westlichen Geschichte bildete die Verankerung in einer höheren, transzendenten Dimension – sei es in der personalen Autorität eines väterlichen Gottes beziehungsweise in der sinnhaften, von Gott intelligent entworfenen Ordnung der Natur (Schöpfung), sei es in einer reinen, die Geschlechtlichkeit transzendierenden Vernunft, einer neutralen Rationalität – die Legitimationsgrundlage für die Vorherrschaft des männlichen Geschlechts. Die Legitimationsgrundlage der gravierenden Asymmetrien zwischen den Geschlechtern liegt in der traditionellen patriarchalen Geschlechterordnung jenseits der Geschlechterdifferenz ,m/w‘ in der vorgängigen und übergeordneten Allwissens- und Allmachtstellung des Vaters mit Bart, zu dem eine exklusiv männliche Priesterschaft beziehungsweise die erbberechtigten (erstgeborenen) Söhne ein besonderes Naheverhältnis beanspruchen, aus dem sie ihre Dominanzansprüche ableiten.

Spätestens an der Wende zum 20. Jahrhundert geht die dritte Dimension in Gott oder ersatzweise in höherer Vernunft beziehungsweise geschlechtsneutraler Humanität/Menschheit/Menschlichkeit verloren, ja sie wird nun vehement bestritten. Besonders unter Nietzsches Einfluss räumt die Philosophie die traditionelle, unter modernen Voraussetzungen zwar bereits modifizierte, aber anfänglich noch einmal bekräftigte Position eines die Bedingungen der Kontingenz transzendierenden gottebenbildlichen, souveränen Subjekts. Für Nietzsche bedeutet das Leib-Sein des Ich sein Tier-Sein;[43] und mit derselben Konsequenz, mit der sich Nietzsche zum „Tier Mensch“ bekennt, erinnert er auch an seine Geschlechtlichkeit: „Grad und Art der Geschlechtlichkeit eines Menschen reicht bis in den letzten Gipfel seines Geistes hinauf.“[44] Nietzsches Postulat bedeutet jedoch keineswegs ein bescheidenes Bekenntnis zur Partikularität und Begrenztheit geistiger Leistungen.[45] Die neue Wendung dient vielmehr dazu, die Forderungen eines egalitären Feminismus ins Leere laufen zu lassen. Gegen die Gottvater-Instanz waren Frauen ziemlich machtlos, aber auf die geschlechtsneutrale höhere Vernunft und auf Menschheit/Menschlichkeit jenseits der Geschlechterdifferenz konnten sie Anspruch erheben – und haben das getan: von Poulain de la Barres Sentenz la raison n'a point de sexe bis hin zu Charlotte Perkins Gilmans Feststellung the brain is no organ of sex[46] haben Frauen und Frauenbewegung die dritte geschlechtsneutrale Stellung bezogen.

Seitdem sie diese forderungen mit Nachdruck geltend machen, sehen sie sich allerdings mit dem Argument konfrontiert, dass alle Felder von Kultur und Gesellschaft männlich besetzt sind und es auch bleiben sollen. Diesem Argumentationsstrang folgend, lehnt Simmel den „schöne[n] Gedanken einer menschlichen Kultur, die nicht nach Mann und Weib fragt“ (GSG 7, S. 66), kategorisch ab. Die „Kultur der Menschheit“ ist demnach „nichts Geschlechtsloses“ und steht auch „keineswegs in reiner Sachlichkeit jenseits von Mann und Weib“ (ebd). Bei Simmels jüngerem Kollegen Max Scheler wird die damit implizierte Frontstellung gegen die bürgerliche Frauenbewegung noch deutlicher. Offensiver als der ,Frauenversteher‘ Simmel polemisiert Scheler gegen jene „Bildungs-Damen“, die ihr Geschlecht verleugnen und „sich das pure Menschentum zum Ziel [machen]“.[47] Im Ton schärfer, in der Sache ähnlich wie Simmel hält Scheler dem entgegen, dass die Bedeutung des Wortes Mensch „nie eine völlig neutrale sein“ kann, „da es eben zum Wesen des Menschen selbst gehört, immer entweder männlich oder weiblich zu sein. [...] Ein Weib, das ein ,prachtvoller Mensch‘ sein will, [...] wird faktisch immer ein Affe des Mannes sein“, denn „[a]uch die Idee eines Menschen, der Mann und Weib umfassen soll, ist nur eine männliche Idee.“[48]

Als Strategie zur Abwehr der forderungen von Frauen nach Zutritt zu den männlichen Domänen und Privilegien mag das ein handliches Argument sein, aber es ist eine Waffe, die nach hinten losgeht. Ohne Absicherung in einer höheren, die Geschlechter transzendierenden Dimension verliert Männerherrschaft den Rückhalt in einem dritten, höheren Standpunkt und macht sich in der unmittelbaren Konfrontation auf derselben Ebene angreifbar. Das „Weib“ wurde seit jeher als „Affe des Mannes“ betrachtet: la femelle de l'homme. Aber nun kommt der Mann als Tier auf gleicher Augenhöhe, auf derselben Ebene der Natur an. Ironisch hat die frühe Feministin Helene von Druskowitz von der „Affentragödie des Mannes“ gesprochen.[49]

Es scheint, dass in den Jahren zwischen der ersten Fassung des Essays „Weibliche Kultur“ von 1902 und der zweiten Version von 1911 trotz aller Übereinstimmung in den Aussagen ein Prozess des Umdenkens stattgefunden hat. Jedenfalls definiert Simmel Kultur nun anders als früher: „So ist Kultur eine einzigartige Synthese des subjektiven und des objektiven Geistes, deren letzter Sinn freilich nur in der Vervollkommnung der Individuen liegen kann.“ (GSG 12, S. 251) Simmel lockert das Gleichheitszeichen zwischen Neutralität/Objektivität/Sachlichkeit und Männlichkeit: „Daß die Sachgehalte unserer Kultur statt ihres neutralen Charakters in Wirklichkeit einen männlichen tragen“ (GSG 12, S. 254), hat hier seinen Grund nicht in einem unveränderlichen Wesenskern, sondern erscheint kontingent, „gründet sich in einer vielgliedrigen Verwebung historischer und psychologischer Motive“ (GSG 12, S. 254). Noch einen Schritt weiter geht Simmel, wenn er es bedauert, dass „die Individuen […] mit ihren Interessen, ihrer Entwicklung, ihrer Produktivität“ aufgrund der Verbreiterung des Sachlichen „immer länger auf diesem Durchgangsgebiet“ verweilen. Nun klingt ein gewisses Bedauern an, dass objektive Kultur als Kultur überhaupt erscheint „und ihre Ausmündung in Subjekten nicht mehr als ihr Ziel und Sinn, sondern als eigentlich irrelevante Privatangelegenheit“ (GSG 12, S. 255; vgl. auch GSG 7, S. 67). Simmel kritisiert die „Tendenz, den Aktions- und Wertakzent der Kultur vom Menschen weg auf die Vervollkommnung und autonome Entwicklung des Objektiven zu rücken." (GSG 12, S. 255) Die früher als Grundlage von Fortschritt und als Vorrecht des Mannes gepriesene Differenzierung und Spezialisierung erscheint ihm jetzt als circulus vitiosus: „Hätte in unserer Kultur nicht das Sachelement eine so entschiedene Prärogative vor dem Personalelement, so wäre die moderne Arbeitsteilung garnicht durchzuführen, und umgekehrt, bestände diese Arbeitsteilung nicht, so könnte es nicht zu jenem objektivistischen Charakter unserer Kulturinhalte kommen." (GSG 12, S. 255) Anders als im Essay von 1902 lässt er es ausdrücklich „dahingestellt [sein], ob dieser maskuline Charakter der Sachelemente unserer Kultur aus dem inneren Wesen der Geschlechter hervorgegangen ist oder nur einem, mit der Kulturfrage nicht eigentlich verbundenen Kraft-Übergewicht der Männer“ geschuldet ist (GSG 12, S. 253; vgl. hingegen auch GSG 7, S. 66).[50] Hatte Simmel 1902 noch die „häufige Opposition von Frauen […] gegen das männliche Recht“ an der Feststellung abprallen lassen, dass „wir allein [dieses männliche Recht] haben […], das uns deshalb als das Recht schlechthin erscheint“ (GSG 7, S. 67), so vertritt er 1911 eine fast differenzfeministische Position: „Das vielfach vom männlichen abweichende ,Gerechtigkeitsgefühl‘ der Frauen würde auch ein anderes Recht schaffen.“ (GSG 12, S. 254) Simmel gelangt auch zu einer milderen Beurteilung des weiblichen Mängelwesens (GSG 12, S. 256),[51] von dessen Einheitlichkeit „wir vielleicht nur deshalb mit so negativen Begriffen, wie Undifferenziertheit, Mangel an Objektivität etc.“ sprechen, „weil die Sprache und Begriffsbildung in der Hauptsache auf männliches Wesen eingestellt ist“ (GSG 12, S. 257), so dass „man von vornherein nicht eine neutrale, sondern die männliche Wertidee über den Wert von Männlichem und Weiblichem entscheiden läßt.“ (GSG, S. 259) Noch einmal kritisiert Simmel wie Poulain die Anmaßung der neutralen Richterposition durch die männliche Partei und bezweifelt den Vorrang der männlichen Perspektive: „Aber dies [die männliche Sachlichkeit, C. K.] ganz selbstverständlich als das Vollkommnere anzusehen und das Leben in der Ungeschiedenheit des Einzelnen vom Ganzen als das Schwächere und ,Unentwickeltere‘ – das ist nur durch einen circulus vitiosus möglich, indem man von vornherein nicht eine neutrale, sondern die männliche Wertidee über den Wert von Männlichem und Weiblichem entscheiden lässt.“ (GSG 14, S. 429) Am Ende bestätigt Simmel „zwar die Gleichung: objektiv = männlich“, allerdings nur, „um die andere männlich = menschlich um so fundamentaler aufzuheben“ (GSG 12, S. 288).

Ob diese Veränderungen in einem Zusammenhang stehen könnten mit Simmels wichtiger und für sein Denken zentraler Entdeckung der „Tragödie der Kultur“? Auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Simmels Kritik am Auseinanderdriften von objektiver und subjektiver Kultur und seiner Problematisierung der männlichen Dominanz lässt sich nur hinweisen,[52] nachweisen lässt er sich nicht. Denn Simmel verweist in seinen Schriften zur Geschlechtertheorie kaum jemals auf seine sonstigen Werke, noch weniger stellt er in anderen Kontexten irgendeine Beziehung zu seinen geschlechtertheoretischen Ansätzen her. In gewissem Sinn hat Simmel für seine Erörterung des Geschlechterproblems so etwas wie einen ,Frauenturm‘ errichtet, in dem dieser Teil seines Denkens und Schaffens gleichsam hermetisch abgeschlossen bleibt.

 

Der Rückweg

Simmels zwischen Kärrnerarbeit und Utopie vagierende und nicht allzu erfolgreiche Suche nach einer spezifisch weiblichen Kultur, genauer: nach dem Beitrag der Frauen zur objektiv-männlichen Kultur, findet in beiden diesem Thema gewidmeten Texten eine selbstverständliche und naheliegende lösung auf dem Rückweg ins Haus: „Einen […] Beruf, von höchster kultureller Bedeutung und zugleich der weiblichen Natur völlig autochthon, hat es nun freilich gegeben und giebt es teilweise noch: die Hauswirthschaft. Die häusliche Wirthschaftsführung mit ihrer gar nicht abzusehenden Bedeutung für die Gesammtheit des Lebens ist die große Kulturleistung der Frau, das Haus trägt ganz ihr Gepräge. Hier haben ihre besonderen Fähigkeiten, Interessen, Gefühlsweise und Intellektualität, die ganze Rhythmik ihres Wesens ein nur durch sie mögliches Gebilde geschaffen.“ (GSG 7, S. 77; vgl. auch GSG 12, S. 277 ff.)

Dabei schlägt der als Theoretiker der Moderne, der Mode, des Abenteuers und des urbanen Lebensstils oft so hoch gelobte Autor überraschend reaktionäre Töne an. Fast gleichlautend äußert Simmel in beiden Essays sein Bedauern über den Substanzverlust des Hauses: „die Arbeitstheilung, die Expatriirung unzähliger Herstellungen aus dem Hause heraus, die steigende Ehelosigkeit, […] die ebenso steigende Beschränkung der Kinderzahl in den höheren Schichten.“ (GSG 7, 78 sowie GSG 12, 285) Seine positive Bewertung des traditionellen Haushalts begründet der Philosoph mit „der ungestörten Arbeitstheilung zwischen den Geschlechtern“ (GSG 7, S. 77), das heißt mit der vermiedenen Konkurrenz und – besonders nachdrücklich in der späteren Fassung des Essays – mit der „Kategorie des Lebens überhaupt“ (GSG 12, S. 277). Das Haus ist der Ort, an dem „die gesamten Lebensinhalte gestaltet werden, es gibt – wenigstens innerhalb der entwickelteren europäischen Kultur – kein Interesse […] äußerer und innerer Art, kein von den Individuen irgend berührtes Gebiet, das nicht […] in die einzigartige Synthese des Hauses einströmte, keines, das nicht irgendwie in ihm abgelagert wäre. Es ist ein Teil des Lebens und zugleich eine besondere Art, das ganze Leben zusammenzubringen, abzuspiegeln, zu formen. Dies nun zustande gebracht zu haben, ist die große Kulturleistung der Frau. Hier ist ein objektives Gebilde, dessen Eigenart mit nichts anderem verglichen werden kann, durch die besonderen Fähigkeiten und Interessen Gefühlsweise und Intellektualität der Frau, durch die ganze Rhythmik ihres Wesens geprägt worden." (GSG 12, S. 278)

So wie der männliche Geschlechtscharakter und die Differenzierung der öffentlichen Bereiche zusammenpassen sollen, so sollen die Bestimmungen der Frau und des Hauses in ihrer Einheitlichkeit und Geschlossenheit harmonieren: „Indem die Frauen die Trägerinnen der Kultur des Hauses wur­den, erwuchs an ihnen das seelische Wesen, dessen Symbol das Haus im Gegensatz zu den hinausführenden, nach allen Seiten ausstrahlenden Berufen ist: Stetigkeit, Geschlossenheit, Ein­heit, in der die Mannigfaltigkeit und Gegensätzlichkeit des äußeren Lebens zur Ruhe kommt.“ (GSG 7, S. 289) Mit der Konjunktion „indem“ umgeht der Autor eine Antwort auf die Frage „seit wann?“, die sich aufgedrängt haben würde, wenn Simmel die Konjunktion „seitdem“ verwendet hätte. Nirgendwo setzt er sich mit der historischen Tatsache auseinander, dass ausschließlich die bürgerlichen Frauen zu „Trägerinnen der Kultur des Hauses“ werden, und zwar erst, seitdem die Männer das Haus verlassen – infolge des Urbanisierungs- und Industrialisierungsprozesses, im Zuge der Ausbildung von Verwaltung zum bürokratischen (Staats-)Apparat und der wirtschaftlichen Produktion im Industriebetrieb.

Während Simmel über die radikalen Veränderungen im Verhältnis von Haus und Welt, die im Verlauf des 19. Jahrhunderts eintreten und einen bedeutsamen Wandel im Herrschaftsprinzip Patriarchat mit sich bringen, offenbar nichts zu sagen hat,[53] beobachtet sein Kollege Max Weber den Modernisierungsprozess genauer: „Der kontinuierlich gewordene kapitalistische Erwerb wurde ein gesonderter ,Beruf‘, ausgeübt innerhalb eines ,Betriebes‘, der sich im Wege einer Sondervergesellschaftung aus dem hausgemeinschaftlichen Handeln zunehmend in der Art aussonderte, daß die alte Identität von Haushalt, Werkstatt und Kontor, wie sie der ungebrochenen Hausgemeinschaft und auch dem [...] ,Oikos‘ des Altertums selbstverständlich war, zerfiel.“[54] Webers Vorstellung von der „ungebrochenen Hausgemeinschaft“ nach Art des oikos ist allerdings kaum ,geschichtsgetreu‘, sondern floriert erst im Kontrast zur zentrifugalen Dynamik der modernen Gesellschaft und fungiert bald als nostalgische Re-Utopie. Namentlich im Anschluss an August Wilhelm Riehl und Otto Brunner wird die Idee und Ideologie des „Ganzen Hauses“ populär; auch in Ferdinand Tönnies Entgegensetzung von Gemeinschaft und Gesellschaft ist der Dualismus präsent. Dieser Vergangenheitserfindung des patrimonial-patriarchalen oikos als ungebrochener Einheit wird eine weitere Geschichtsklitterung hinzugefügt, wenn dem oikos als „ungebrochener Hausgemeinschaft“ die „ungebrochene Frau“ als Repräsentantin zugeordnet wird. Solange das Haus das Zentrum der politisch-administrativen und ökonomischen Funktionen war, ist es die Domäne des Herrn, des oikos-Despoten. Erst im Zuge des Modernisierungs- und Ausdifferenzierungsprozesses kann die – nach dem empfindlichen Verlust ihrer politischen und wirtschaftlichen Bedeutung – ,gebrochen‘ zurückbleibende häusliche Sphäre zur Privatsache werden, um nunmehr als Gegenpol zur zentrifugalen Differenzierungsdynamik des Gesellschaftssystems zu fungieren und damit auch als Domäne der vom ,Betrieb‘ ausgeschlossenen, als in sich geschlossen imaginierten Weiblichkeit.

Während es Simmel mit der Behauptung einer Wesensverwandtschaft von Haus und Hausfrau ernst meint, legt Robert Musil in seinem Roman Der Mann ohne Eigenschaften diese Idee mit feiner Ironie einer weiblichen Figur in den Mund, der schönen Salonière „Diotima“, welche die ästhetisierte Häuslichkeit, die ,Schöner-Wohnen-Lebenswelt‘ (re)präsentiert: „,Das Leben ist heute viel zu sehr von Wissen belastet‘, pflegte sie zu sagen, ,als dass wir auf die ,ungebrochene Frau‘ verzichten dürften.‘ Sie war überzeugt, dass nur die ungebrochene Frau noch jene Schicksalsmacht besitze, die den Intellekt mit Seinskräften zu umschlingen vermöge, was dieser ihrer Ansicht nach zu seiner Erlösung offenbar sehr nötig hatte. Diese Auffassung von der umschlingenden Frau und der Kraft des Seins wurde ihr übrigens auch von dem männlichen jungen Adel, der bei ihr verkehrte, [...] hoch angerechnet; denn das unzersplitterte Sein ist nun einmal etwas für den Adel"[55] – womit auch Musil auf den Epochenwandel und die Ausdifferenzierung von Wert- oder Sachsphären als Spezifikum des bürgerlichen Zeitalters anspielt. Von Adam Müller bis Lou Andreas-Salomé wird immer wieder eine symbolische Kontrastierung von Adel und Weiblichkeit als Verkörperungen der Vergangenheit sowie Bürgertum und Männlichkeit als Trägern von Gegenwart, Fortschritt und Zukunft vorgenommen.

Noch weiter auf dem Weg zur Idealisierung des Weiblichen via Ästhetisierung geht Simmel, wenn er die Frau nicht nur – wie Musil – als schöne Dame in den häuslichen Salon setzt, sondern sie selbst zum Kunstwerk stilisiert. Während er mit seinen Forschungen nach spezifisch weiblichen Ausdrucksweisen von Dichterinnen und Gestaltungsformen von Künstlerinnen im Dunklen tappt, ist Simmel wieder auf sicherem Grund, wenn er von den Künstlerinnen als Subjekten zur Frau als schönem Objekt, als Kunstwerk gelangt: „Diese Geschlossenheit, die die Kulturrolle der Frau auf ihre Innerlichkeit übertragen oder die von dieser aus jene geschaffen hat – gibt ihr [...] etwas vom Charakter des Kunstwerks.“ (GSG 7 S. 289 f.). „Ähnlich wie das Kunstwerk in der undurchbrechlichen Begrenztheit durch seinen Rahmen sich von der vielfältigen Zerstreutheit der Dinge scheidet […], so stellt die Frau eine Einheit dem Manne gegenüber dar, der in die Vielheit des zersplitterten Lebens verflochten ist.“ (GSG 14, S. 252). „Wie das Kunstwerk, obgleich ein Teil der Welttotalität, doch durch seine Geschlossenheit wie ein Gegenstück zu ihr ist und damit auf ein nicht aussprechbares Metaphysisches hinweist […], so wird es auch diese Geschlossenheitsform des weiblichen Wesens sein, die von jeher einen Hauch von kosmischer Symbolik über die Frau gelegt hat – als hätte sie über alle greifbaren Einzelheiten hinweg eine Beziehung zu dem Grund und dem Ganzen der Dinge überhaupt." (GSG 14, S. 253)[56]

Aber auch hier ist Simmel nicht der ,Vater des Gedankens‘, vielmehr handelt es sich um einen locus communis der Zeit. In seinem 1908 erschienenen Buch Die Frau und die Kunst schreibt der heute vergessene Kunstkritiker Karl Scheffler: „Während der Mann mit sei­ner ein­seitigen Erkennt­nisarbeit beschäf­tigt ist, bedarf er von Zeit zu Zeit eines Blickes auf eine Har­monie, damit er nicht die Zuversicht verliere, seine Ar­beit zwecke in ir­gendeinem Be­zug zu einem Ganzen. Er braucht Gleichnisse, woran er sich aufrichten, in dessen Anblick er seine Iso­lierung vergessen kann. Zu solchen Sym­bolen werden ihm das Kunstwerk und die Frau.“[57] Scheffler bringt nicht nur den für Simmel so wichtigen funktionalen Bezug von Weiblichkeit für den Mann deutlich zum Ausdruck; er stellt zwischen Kunstwerk und Frau auch die Oben-Unten beziehungsweise die Kultur-Natur-Relation sorgfältig her: „Das Kunstwerk ist ihm sym­bolisch für die ideale, be­wußt er­strebte Harmo­nie [...]; die Frau wird dem Manne symbo­lisch, weil sie ihm die Naturein­heit verkörpert. Wenn er die Frau erhebt und vergöttert, so wen­det er sich rückwärts der schönen Ruhe zu, woraus er her­vorgegangen ist und worin er ein Gegenbild seines, das heißt: des allgemeinen End­ziels erblickt.“[58]

Eine besondere Ironie der Geschichte liegt freilich darin, dass eben in diesen Jahren um 1900 nicht nur die Kulturrolle der häuslichen Diotima-Domina dahinschwindet. Auch die Kunst verliert ihre analoge Funktion als Religions- beziehungsweise Metaphysikersatz in der Revolution der ästhetischen Formensprache durch die Avantgarden und wohl noch nachhaltiger durch den Eintritt des Kunstwerks in das Zeitalter seiner technischen (Re-)produzierbarkeit, in dessen Folge die Einheitlichkeit der handwerklichen Produktionsweise auch für die Kunst ein Ende findet.

 

Coda 2 – Kurt Breysig oder: Der indirekte Kultureinfluss der Frauen

Wenn die Frau als Alleinherrin im Haus erscheint und das Haus so zu ihrer „große[n] Kulturtat“ (GSG 12, S. 281) erhoben und überhöht wird, liegt der nächste gefährliche Gedanke nahe: Die Frauen haben Macht über „die Produktion und das Aufziehen der nächsten Generation“ (GSG 7, S. 79 Fußnote). An dieser Stelle, in einer Fußnote wird Simmel ungewohnt konkret und lebhaft. Er beruft sich auf „Herr[n] Professor Breysig“[59], der „in einer mündlichen Diskussion“, von „einer populären Ueberzeugung“ ausgehend, den Gedanken geäußert habe „daß die männliche Seele zum großen Theil von ihnen [den Frauen, C. K.] gestaltet wird“ (ebd.). Mit dem Herrn Kollegen weiß sich Simmel darin einig, dass die Frauen nicht nur als Mittel zur Hervorbringung der nachfolgenden Generation anzusehen sind, die sich in der Sorge für andere selbst aufgeben und „überhaupt nur für die Männer da sind“, sondern dass sie sich in ihrem Werk, also in Mann und Kind, erhalten, so „wie sich der Künstler in seinem Werk erhält“ (ebd.). Im späteren Essay erklärt Simmel rundheraus: „Das Werk der Frau […] ist der Mann.“ (GSG 12, S. 281)

Der gänzlich unvermittelt auftauchende „Herr Prof. Breysig“ dürfte fast so etwas wie eine ,Deckerinnerung‘ darstellen für die „populäre Ueberzeugung“, auf die Simmel an dieser Stelle ebenfalls anspielt. In einem anderen Zusammenhang nennt Simmel ohne Namensnennung „[j]ene Lehre von der ,indirekten Kulturbedeutung‘ der Frau“.[60] Diese Auffassung, dass die Frau durch ihre dominante häusliche Stellung einen bedeutenden Einfluss auf die Einstellung ihrer Männer und noch mehr auf die Bildung ihrer Kinder ausübe, ist die These des mächtigen anderen, des nicht-egalitären Zweiges der frühen Frauenbewegung. Unter der Devise the world is only a large home wird der sogenannte häusliche, bürgerliche, positiv an den Geschlechterdifferenzen ansetzende Feminismus um die Wende des 20. Jahrhunderts ebenfalls für politische Rechte (Wahlrecht) und höhere Bildung (Hochschulzugang) für Frauen kämpfen. Für weitere Informationen aus dieser Richtung der Frauenbewegung seiner Zeit hätte sich Simmel nur in seiner nächsten Umgebung umhören müssen. Statt mit Prof. Breysig hätte er besser mit Marianne Weber, der Gattin des geschätzten Kollegen Max, diskutieren können,[61] die sich mit seinen Versuchen zur „Weiblichen Kultur“ intensiv und mehrfach auseinandergesetzt hat.[62]

Simmel tritt vielmehr den Rückweg vom Rückweg ins Haus an und kanzelt ab: „Jene Lehre von der ,indirekten Kulturbedeutung‘ der Frau begeht eine tiefe kategoriale Verwechslung: zwischen dem Übergeben eines substanziell-geistigen Inhalts […] und einer unmittelbaren Einwirkung auf dieses Leben selbst“ (GSG 12, S. 282). Von der mit Prof. Breysig geteilten Auffassung vom „Sich-Erhalten“ (GSG 7, S. 79 Fußnote) der Frau in ihrem Werk rudert Simmel zurück und differenziert: Im Verhältnis vom Künstler zum Kunstwerk wird „ein Inhalt des Lebens übergeben“, den der Gebende gemacht hat und besitzt; im anderen Fall handelt es sich nur um eine unmittelbare „Wirkung des Lebens“, so wie „Sonnenschein oder […] Sturm auf die Pflanze“ [wirkt], also einen Erfolg hervorrufend, der in dem Bewirkenden selbst in keiner Weise vorgebildet ist“ (GSG 12, S. 282, hier in Paraphrase). Zwar mag eine solche Wirkweise „oft die tiefere sein, [sie] mag die Geheimnisse der letzten Erschütterungen und Lebensumbildungen zwischen Mensch und Mensch tragen; aber die eigentlich kulturelle ist die andere; sie macht den Menschen zum historischen Wesen, zum Erben der Schöpfungen seines Geschlechtes, sie offenbart es, daß der Mensch das objektive Wesen ist“ (GSG 12, S. 282 f.). Mit anderen Worten: Der Mensch ist Mann – die Frau ist Naturressource: „Was die Frauen geben ist […] ein Unmitteilbares, ein in ihnen verbleibendes Sein, das, indem es den Mann berührt, in ihm etwas auslöst, was phänomenologisch mit jenem [Sein] gar keine Ähnlichkeit hat; erst in ihm wird es ,Kultur‘.“ (GSG 12, S. 284)[63] An diesem Punkt mag Simmel den Frauen nicht einmal den ihnen herkömmlicherweise zugeschriebenen allgemeinen Einfluss auf die „Milderung der Sitten“ als Kulturleistung zuerkennen (GSG 12, S. 283).

Den unvermeidlich gewordenen Einbruch der Frauen in die Männerwelt hat Simmel auf die untersten Ränge zurückgestuft; die Hochlobung der ihrem Wesen einzig adäquaten häuslichen Frauenrolle zur autochthonen Kulturtat und Kunst endet mit der Restituierung der Zuordnung Männlichkeit : Kultur vs. Weiblichkeit : Natur. Am Ende steht die Legitimation der herrschenden Geschlechterordnung. Allen Ansätzen zur Kritik, allen utopischen Visionen zum Trotz ist Simmel der Verfasser einer traditionellen beziehungsweise affirmativen Geschlechtertheorie. Simmel ist am Ende – aber er gibt noch immer nicht auf. In den beiden Varianten seines letzten großen Essays „Das Relative und das Absolute im Geschlechter-Problem“[64] setzt er noch einmal neu an und versteigt sich noch höher hinauf: in eine lebensphilosophisch gefärbte Metaphysik.

 

Das Relative und das Absolute im Geschlechter-Problem

Die Darstellung der geschlechtertheoretischen Essays ist schwierig, weil sie von Anfang bis Ende in seine Widersprüche, in sein Hin und Her zwischen (In)Fragestellung und (Beharrungsbeschluss)Antwort, Aufbruch und Rückzug, (Selbst)Kritik und Affirmation eingespannt ist. Während die feinfühligen Progressionen jedes Mal im Nebel verschwinden, erscheinen die Regressionen ebenso regelmäßig apodiktisch, monolithisch, ja geradezu monoman. Eine Dialektik ergibt sich daraus nicht; denn zwischen Simmels hochtönender Anerkennung der Frauen(bewegung) und seinem Beharren auf dem Vorrang und den Vorrechten des Mannes findet er keine Synthese. Die Probleme und Paradoxien seines Projekts stoßen vielleicht in keiner anderen Schrift so direkt aufeinander wie hier.

In keinem anderen Text geht Simmel so weit in der Anerkennung des „Relativen im Geschlechter-Problem“, das heißt, in der Einsicht in die Bedingtheit von historisch gewordenen und folglich veränderbaren, also relativen Herrschaftsverhältnissen: „Drückt man das geschichtliche Verhältnis der Geschlechter einmal kraß als das des Herrn und des Sklaven aus, so gehört es zu den Privilegien des Herrn, daß er nicht immer daran zu denken braucht, daß er Herr ist, während die Position des Sklaven dafür sorgt, daß er seine Position nie vergißt. Es ist gar nicht zu verkennen, daß die Frau außerordentlich viel seltener ihr Frau-Sein aus dem Bewußtsein verliert als der Mann sein Mann-Sein.“ (GSG 12, S. 225; vgl. auch GSG 8, S. 80)[65] Simmel geht noch einen Schritt weiter und dekuvriert die von ihm selbst propagierte männliche Usurpation der geschlechtsneutralen Position: „Von jeher hat jede auf subjektiver Übergewalt beruhende Herrschaft es sich angelegen sein lassen, sich eine objektive Begründung zu geben, das heißt: Macht in Recht zu transformieren. Die Geschichte der Politik, des Priestertums, der Wirtschaftsverfassungen, des Familienrechts ist voll von Beispielen. Insofern der Wille des pater familias, der dem Hause auferlegt ist, als ,Autorität‘ erscheint, ist er nicht mehr willkürlicher Ausnutzer der Macht, sondern der Träger einer objektiven Gesetzlichkeit, die auf das Überpersönlich-Allgemeine der Familieninteressen geht.“ (GSG 12, S. 226) Das Geschlechterverhältnis „ist einer der typischesten unter den Fällen, in denen ein subjektives Machtverhältnis durch die bloße Tatsache seines Bestehens die realen Grundlagen beschafft, die es objektiv rechtfertigen.“ (GSG 8, S. 81)

Als säße ihm Poulain de la Barre im Nacken reflektiert Simmel in einem dritten Schritt schließlich noch einmal die Problematik seines eigenen Projekts: „Daß so das Männliche zu dem schlechthin Objektiven und sachlich Maßgebenden verabsolutiert wird – […] das hat für die Beurteilung der Frauen verhängnisvolle Folgen. Hier entsteht auf der einen Seite die mystisierende Überschätzung der Frau.[[66]] Sobald man nämlich dennoch zu dem Gefühl gelangt ist, daß hier, trotz allem, eine Existenz auf völlig selbständiger, normativer Basis vorliegt, fehlt nun jedes Kriterium für sie, die Möglichkeit zu jeder Übersteigerung und jedem Respekt vor dem Unbekannten und Unverstandenen ist eröffnet. Auf der andern Seite aber, näherliegend, erheben sich alle Mißverständnisse und Unterschätzungen daraus, daß ein Wesen nach Kriterien beurteilt wird, die für ein entgegengesetztes kreiert sind.“ (GSG, 12, S. 226 f.). Die „Selbständigkeit des weiblichen Prinzips [kann] gar nicht anerkannt werden, insofern als die höhere Instanz [der Beurteilung, C. K.] selbst wieder männlich ist“ (GSG 12, S. 227). Es „ist nicht abzusehen, wie die weibliche Wesensart zu einer Beurteilung nach Normen kommen soll, die auf sie anwendbar wären“ (ebd.). Spätestens hier hätte Simmel den Stift aus der Hand legen und mit den Frauen in seiner Umgebung sprechen, ihnen zuhören sollen.

Nach den fünf ersten Seiten des Textes wechselt die Richtung: „Die mit alledem angedeutete äußere und kulturgeschichtliche Entwicklung ist doch wohl das Phänomen einer in der überhistorischen Basis des Geschlechtsunterschiedes wurzelnden Bestimmtheit.“ (GSG 12, S. 229). Ab hier schwingt sich der Autor auf der Suche nach dem „Absoluten im Geschlechter-Problem“ weiter hinauf in die Höhen des Metaphysischen als irgendwo sonst in seinen Schriften zur Geschlechtertheorie: „auf der einen Seite steht das Männliche als Absolutes, das mehr als Männliches ist, das die Objektivität, die um den Preis des Dualismus gewonnene normative Höhe über aller Subjektivität und aller Gegensätzlichkeit bedeutet – auf der andern [Seite steht] das Weibliche als Absolutes, das die Einheit des menschlichen Wesens, gleichsam noch vor der Trennung in Subjekt und Objekt, in substantieller, ruhender Geschlossenheit trägt.“ (GSG 12, S. 249 f.) Damit gelangt Simmel zu einer Art Mutterkult, obgleich ihn das Thema Mutterschaft in seinen geschlechtertheoretischen Schriften bis dahin kaum interessiert hat. Er versteigt sich zu einer Art lebensphilosophischer Offenbarungsreligion eines in oben und unten geteilten Kosmos: „Auf diese prinzipielle Möglichkeit kommt uns hier alles an: daß die metaphysische Einheit der Natur in uns und der Idee über uns sich als innere Harmonie unserer Willenshandlungen offenbare. Der Wege zu dieser Offenbarung sind zwei; man kann sie den überdualistischen oder männlichen und den vordualistischen oder weiblichen nennen.“ (GSG 14, S. 243) „Wie das Tun und Werden dort den Dualismus vorzeichnet, in dessen Form der Mensch über sich selbst hinausgeht und der spezifisch männlich ist, so das Sein hier die Einheit, in deren Form der Mensch gewissermaßen unter sich selbst hinuntergeht in die ungeschiedene Möglichkeit aller Entwicklungen. Gewiß ist dieses Sein […] ein weibliches. Aber seine letzte Tiefe enthebt sich jeder Relation, die es durch den Gegensatz zur Männlichkeit bestimmen könnte, und läßt das Weibliche, dessen erstes und unmittelbares Phänomen die Mutterschaft ist, als ein Absolutes empfinden, von dem das Männliche und das Weibliche im Relationssinne erst getragen ist.“ (GSG 14, S. 251) Bei der Ur-mutter und bei allerlei „Sibyllen und Hexen, als Wesen, durch die hin ein Segen oder ein Fluch aus dem sonst unberührbaren Schoß der Dinge“ (GSG 14, S. 254) wabert, endet Simmel im mystischen Nebel, um den Männern die ganze irdische Macht zusprechen zu können – ohne die Frauen zu ,diskriminieren‘. In den zeitgleich florierenden Rassentheorien sind die verheerenden Konsequenzen solcher Einteilungen in Übermensch und Untermensch vielleicht offensichtlicher; in der Geschlechtertheorie sind sie nicht weniger problematisch.

Die ,Tragödie‘ dieser Geschlechtertheorie liegt darin, dass Simmel sich gleich mit zwei grundlegenden Thesen in seiner eigenen Geschlechtsposition verrennt: Von Anfang an mit der Usurpation aller Gebiete von Kultur und Gesellschaft als männliches Terrain und später, ausgerechnet indem er die Grenzen seiner These reflektiert, noch darüber hinaus mit der Verabsolutierung des Dualismus zur Formel des menschlichen Wesens schlechthin. „Die Formel des menschlichen Wesens ist der Dualismus“ (GSG 8, S. 74). Da es jedoch laut Simmel kein geschlechtsneutrales menschliches Wesen jenseits der Geschlechterdifferenz geben kann, ist der Dualismus lediglich die Formel des männlichen Wesens. Das Weibliche kann nicht als anderer Pol in einem Geschlechterdualismus betrachtet werden, es ist das sich jedem Gegensatz entziehende Ganze, das ganz Andere. Ausdrücklich distanziert sich Simmel von der communis opinio, die Frau als bloß subjektives Wesen gegenüber der männlichen Objektivität abzuwerten; vielmehr sei die Frau ein Wesen, „für das die Scheidung des Subjektiven und Objektiven nicht besteht“ (GSG 12, S. 273). Dessen ungeachtet versucht Simmel den Geschlechterdualismus zum Urdualismus aufzubauen, der allen anderen zugrunde liegen soll: „Es möchte scheinen, als ob diese fundamentale Zweiheit nicht nur ihre Form, sondern noch einen stärkeren oder schwächeren Abglanz ihrer besonderen Färbung all den großen Gegensatzpaaren vererbt hätte, die das Leben unter sich aufteilen“ (GSG 8, S. 74), wie zum Beispiel Sein vs. Werden; Rezeptivität vs. Produktivität, konservatismus und Treue vs. Variabilität und rücksichtlos fortschreitende Entwicklung (vgl. GSG 8, S. 74 f.). Seit dem Transzendenzverlust, den die westliche Moderne in ihrem Säkularisierungsprozess erfährt, bricht eine regelrechte Dualismenbesessenheit aus, die nicht selten am Dualismus der Geschlechter ansetzt.

Ein harmonisches Verhältnis zwischen den Geschlechtern lässt sich auf diese Weise jedenfalls nicht herstellen, sondern eher so etwas wie ein Gleichgewicht des Schreckens: während die Frauen real weiterhin in der Furcht ihrer irdischen Herren leben und sich dienend ihren „Kärrnerpflichten“ unterwerfen sollen, werden die Männer von den Furien ihrer eigenen Phantasien und Phantasmen gehetzt, in Angst und Schrecken vor Sexualität und Erotik als „kosmisches Prinzip“ (GSG 14, S. 226), das dem Weiblichen als adäquates Absolutes zugeordnet wird, vor der numinosen, irrealen Macht der „umschlingenden Frau“ (Musil) und dem dunklen Muttermund des Seins.

 

Nach dem Nachgang: What Am I Doing Here?

Zur Darstellung gebracht, sind die Absurditäten und Aporien, die Irrwege und Sackgassen, in die Simmel sich mit seiner Geschlechtertheorie verrennt, so offensichtlich, dass sich retrospektiv die Frage stellt, ob es der Mühe wert war, sie aus der Versenkung der Vergangenheit heraus und wieder ans Licht geholt zu haben. Ob diese Frage sich uneingeschränkt positiv beantworten lässt, kann dahingestellt bleiben.

Kein Element in Simmels Geschlechtertheorie ist vollkommen neu oder originell. So gut wie alle seine Vorstellungen und Konzepte sind etwa ein Jahrhundert früher erfunden und im Verlauf des 19. Jahrhunderts weiterentwickelt worden: Die Polarisierung der Geschlechtscharaktere; die asymmetrische Komplementarität der Geschlechterrollen, die auf weibliche Supplementarität und allfällige Kompensation durch häusliche Sorge- und/oder berufliche Kärrnerarbeit hinausläuft; die Idealisierung der Frau zur Erlöserin, einmal hinauf zum ewig Weiblichen und wieder hinab zu den Müttern; die Ästhetisierung der Frau zum Kunstwerk sowie die Besessenheit, mit der die Geschlechterdifferenz zum Grunddualismus des Seins erhoben wird – alle diese Bestandteile beziehungsweise Versatzstücke seiner Geschlechtertheorie findet Simmel vor. In seiner Lebenszeit sind alle Elemente der Geschlechtertheorie – vor allem durch Nietzsche – radikaler und origineller umgewertet worden. Einige seiner männlichen Zeitgenossen haben sich mit größerer Entschiedenheit für die nach Recht und Freiheit strebenden Frauen engagiert. Nicht wenige andere haben die bestehenden Verhältnisse aggressiver verteidigt als Simmel. Aber wohl kein Vertreter der dual-spheres-Theorie, kein Verfechter der etablierten Geschlechterordnung hat einen so klaren Blick und so viel Sensibilität für die Probleme der Geschlechterordnung entwickelt wie Simmel. Umgekehrt hat gewiss niemand, die oder der die Geschlechterverhältnisse so genau studiert und gut verstanden hat wie Simmel, die asymmetrische Ordnung so hartnäckig verteidigt wie er. Dennoch oder vielleicht eben deswegen kann Simmels Ansatz als Summe der von männlichen Autoren verfassten Geschlechtertheorien seiner Zeit gelesen werden.

Tatsächlich sind die beinahe unerträglichen Diskrepanzen das Interessanteste und Wichtigste an seinen Schriften zur Geschlechtertheorie. Denn die Geschlechterverhältnisse stecken bis heute in den Zwie-Spalten und Zwickmühlen, die Simmel so präzise beschrieben hat. Dass es sich damit so verhält, ist nun weder Simmels Verdienst noch seine Schuld; de facto ist die Einteilung des gesellschaftlichen Raumes in eine männliche und eine weibliche Sphäre das ganze 20. Jahrhundert hindurch bestimmend geblieben und wirkt bis in die Gegenwart fort. So wie es Simmel nicht bloß vorausgesehen, sondern an der Bruchstelle der Jahrhundertwende normativ vorgesehen hat, ist nach dem „Einbruch“ der Frauen „in die Thätigkeitskreise der Männer“ ein geschlechtsspezifisch segregierter Arbeitsmarkt entstanden, ebenso wie eine geschlechtsspezifische Aufteilung von Politikfeldern, Interesenssphären und Lebensstilen. Die Geschlechter-Asymmetrien spiegeln sich in den symbolischen Rangordnungen von Produktion und Reproduktion, in den Hierarchien zwischen verschiedenen Berufsfeldern und in den Karrierezügen der jeweiligen Berufe ebenso wider wie in Lohn- und Gehaltsunterschieden. Auf der einen Seite findet die Zuschreibung von „Kärrnerarbeit“ ans weibliche Geschlecht noch immer statt. Auf der anderen Seite ist die Ästhetisierung von Weiblichkeit zum Kunstwerk – als Künstlerin „Madonna“ oder als trophy-wife „Melania“ – massenwirksam geworden.

„Und genau hierin liegt denn auch die Aktualität der Simmelschen Schriften zur Philosophie und Soziologie der Geschlechter begründet: im fortwährenden Ungenügen der Wirklichkeit.“[67] Dieses von Heinz-Jürgen Dahme und Klaus Christian Köhnke bereits in den 1980er-Jahren gezogene Resümee trifft auch heute noch zu. Und solange die Wirklichkeit der Geschlechterverhältnisse ungenügend bleibt, solange haben wir Grund, uns dafür zu interessieren, wie sie so geworden und gewesen sind.

Fußnoten

[1] Teile dieses Textes sind bereits erschienen in Cornelia Klinger, Simmels Geschlechtertheorie zwischen kritischer Beobachtung und Metaphysik, in:   Hans-Peter Müller / Tilmann Reitz (Hg.), Simmel-Handbuch. Begriffe, Hauptwerke, Aktualität, Berlin 2018, S. 828 – 843.

[2] Sabine Doyé / Marion Heinz / Friederike Kuster, Einleitung, in: dies. (Hg.), Philosophische Geschlechtertheorien. Ausgewählte Texte von der Antike bis zur Gegenwart, Stuttgart 2002, S. 7–66, hier S. 7.

[3] John Kenneth Galbraith, Wirtschaft für Staat und Gesellschaft, übers. von Norbert Wölfl, München u. Zürich 1974, S. 21.

[4] Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? [1784], in: Akademie Ausgabe Bd. VIII: Abhandlungen nach 1781, Berlin 1968, S. 33–42.

[5] Vgl. Max Horkheimer, Traditionelle und kritische Theorie [1937], in: ders.: Traditionelle und kritische Theorie. Vier Aufsätze, Frankfurt am Main 1970, S. 12–64; wiederabgedruckt in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 4: 1936–1941, hrsg. von Alfred Schmidt u. Gunzelin Schmid Noerr, Frankfurt am Main 1988, S. 162–225.

[6] Paula-Irene Villa, Feministische und Geschlechtertheorien, in: Georg Kneer / Markus Schroer (Hg.), Handbuch Soziologische Theorien, Wiesbaden 2009, S. 111–132, hier S. 111.

[7] Doyé / Heinz / Kuster, Einleitung, S. 7.

[8] Vgl. René König, Familie und Autorität: Der deutsche Vater im Jahre 1955, in: ders., Materialien zur Soziologie der Familie, Köln 1974, S. 218.

[9] Ilse Lenz, Geschlechterkonflikte um die Geschlechterordnung im Übergang. Zum neuen Antifeminismus, in: Erna Appelt / Brigitte Aulenbacher / Angelika Wetterer (Hg.): Gesellschaft – Feministische Krisendiagnosen (= Reihe Forum Frauen- und Geschlechterforschung der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie Bd. 36), Münster 2013, S. 204–226, hier S. 212.

[10] Ute Gerhard, Frauenbewegungen und Recht. Frankreich und Deutschland im Vergleich, in: Françoise Berger / Anne Kwaschik (Hg.), La „condition féminine“ (= Schriftenreihe des Deutsch-Französischen Historikerkomitees), Stuttgart 2016, S. 25–41, hier S. 40.

[11] Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Herrschaft, Studienausgabe, Bd. I/22,4, hrsg. v. Edith Hanke, Tübingen 2009, S. 46.

[12] Ohne den Wert der heute vergessenen Schriften der Marie Luise Enckendorff beurteilen zu können oder zu wollen, fällt doch auf, wie kurz und schroff, pauschal und ohne jeden Beleg Heinz-Jürgen Dahme und Klaus Christian Köhnke, die beiden Herausgeber der verdienstvollen Sammlung, Gertrud Simmels Werk abfertigen. Über immerhin vier ihrer Bücher [ein Schlüsseltext, die nach Simmels Tod verfasste Erzählung Carlo Ottsen, liegt wohl bis heute im Marburger Literaturarchiv im Nachlass Pannwitz unter Verschluss] heißt es dort, sie böten „kaum mehr als einen verbrämenden zweiten Aufguß manches Gedanken ihres Gatten“ (Heinz-Jürgen Dahme / Klaus Christian Köhnke, Einleitung, in: Georg Simmel, Schriften zur Philosophie und Soziologie der Geschlechter, hrsg. u. eingel. von Heinz-Jürgen Dahme und Klaus Christian Köhnke, Frankfurt am Main 1985, S. 7–25, hier S. 12). Ohne dem Gatten zu nahe treten zu wollen: So überaus originell sind dessen Überlegungen nun auch wieder nicht; zum Teil basieren sie auf älteren Vorlagen, zum Teil liegen die betreffenden Themen und Gedanken um 1900 gewissermaßen in der Luft, werden von vielen geteilt und sind teilweise bis in die Konversationslexika hinein verbreitet.

[13] Vgl. Barbara Paul, Gertrud Kantorowicz (1876-1945) – Kunstgeschichte als Lebensentwurf, in: Barbara Hahn (Hg.), Frauen in den Kulturwissenschaften. Von Lou Andreas-Salomé bis Hannah Arendt, München 1994, S. 96–109.

[14] Wenn ich richtig gezählt habe, sind es drei Essays, die dieses Kriterium erfüllen: „Zur Psychologie der Frauen“ von 1890 (GSG 2, S. 66–102); „Weibliche Kultur“ (in den beiden Fassungen von 1911; siehe GSG 12, S. 251–289, bzw. GSG 14, S. 417–459) sowie die beiden Varianten von „Das Relative und das Absolute im Geschlechter-Problem“ (in der Fassung von 1911 in: GSG 12, S. 224–250 und – deutlich verändert und etwa 10 Seiten länger – in der Version von Ende 1911 in: GSG 14, S. 219–255).

[15] Philosophische Kultur. Gesammelte Essais (1911). Ein Teil dieser Sammlung steht unter dem Titel „Zur Philosophie der Geschlechter“. Neben dem Essay „Das Relative und das Absolute im Geschlechter-Problem“ gehört in diesen Teil der Essay „Die Koketterie“ (auch dieses Thema hat Simmel bereits früher zum Gegenstand eines Aufsatzes gemacht). Der Text „Weibliche Kultur“ bildet zusammen mit „Der Begriff und die Tragödie der Kultur“ den letzten Teil der Sammlung unter dem Titel „Zur Philosophie der Kultur“ (GSG 14, S. 159–459).

[16] Dahme/Köhnke, Einleitung, S. 13.

[17] Siehe Georg Simmel, Philosophische Kultur. Über das Abenteuer, die Geschlechter und die Krise der Moderne. Gesammelte Essais, Vorwort von Jürgen Habermas, Berlin 1983.

[18] Vorgreifend sei angemerkt, dass sich Simmels Auseinandersetzung mit dem Themenfeld durch ein stark ausgeprägtes ,Problembewusstsein’ auszeichnet.

[19] Das „andrerseits“ dürfte sich auf die hier elidierten, nicht explizit genannten Männer beziehen.

[20] Dieselbe Aussage stellt Simmel seiner zweiten, der Psychologie der Frauen gewidmeten Schrift nach Art einer rhetorischen Bescheidenheitsformel als galantes Motto voran: „Wer über die ,Schönen im Plural‘ spricht, wird sich bescheiden müssen, im besten Falle eine bloße Majorität als Totalität zu behandeln.“ Georg Simmel, Bruchstücke zu einer Psychologie der Frauen (1904), in: GSG 7, S. 289–303, hier S. 289.

[21] Neben der Verbindung zwischen Sexismus und Rassismus ist die Analogie zwischen Frauen und Massen ein Motiv, das in modernen Geschlechtertheorien häufig wiederkehrt. Herders klar und kühn formulierter Satz: Das Frauenzimmer „ist am meisten Volk“ zielte noch auf eine künftige Emanzipation von Volk und Frauen. Johann Gottfried Herder, Wie die Philosophie zum Besten des Volks allgemeiner und nützlicher werden kann (1765), in: ders., Werke in zehn Bänden, Bd. 1: Frühe Schriften 1764–1772, hrsg. von Ulrich Gaier, Frankfurt am Main 1985, S. 103; vgl. auch S. 130). Nicht nur bei Simmel trifft Frauen und Massen später die gleiche Verachtung. Siehe Andreas Huyssen, Mass Culture as Woman: Modernism's Other, in: Tania Modleski (Ed.), Studies in Entertainment: Approaches to Mass Culture, Bloomington, IN 1986, S. 188–207.

[22] Vgl. Gustave Le Bon, L'homme et les sociétés, leurs origines et leur histoire, Paris 1881, II, S. 154.

[23] Émile Durkheim, Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften, 2. Aufl., Frankfurt am Main 1988, S. 107.

[24] Ebd.

[25] Siehe die entsprechenden Ausführungen in dem Abschnitt „Was ist Geschlechtertheorie?“ weiter oben.

[26] Diese Sexismus mit Rassismus kombinierenden Theorien sind am Ende des 19. Jahrhunderts so weit verbreitet, dass sie in die zeitgenössischen Konversationslexika Eingang finden. Im Brockhaus von 1893 heißt es etwa: „Der geschlechtliche Dimorphismus ist bei den niedern Menschenrassen, bei welchen beide Geschlechter sich denselben Verrichtungen widmen, geringer als bei den kultivierten Rassen, bei welchen sich eine entwickeltere Arbeitsteilung herausgebildet hat.“ Brockhaus' Konversations-Lexikon, 14. Aufl., Bd. 7, Leipzig 1893, S. 896; hier zitiert nach Ute Frevert, Mann und Weib und Weib und Mann. Geschlechterdifferenzen in der Moderne, München 1995, S. 19.

[27] Walter Johnson, The Morbid Emotions of Women: Their Origin, Tendencies and Treatment, London 1850; zitiert bei Tuana, S. 100 (meine Übersetzung, C. K.).

[28] Vgl. dazu den Eintrag „Geschlecht“ in Müller/Reitz (Hg.), Simmel-Handbuch, S. 241–245.

[29] Das „Unpersönliche“ des Weiblichen erwähnt Simmel auch in Zusammenhang mit den Themen Erotik, Koketterie und Liebe so auffallend oft, dass es fast als Korrelat zur männlich konnotierten Objektivität, Sachlichkeit aufgefasst werden könnte. Es scheint, als habe Simmel eine Umkehrung der den Geschlechtern zugeordneten Eigenschaften auf den ihnen jeweils eigenen Feldern intendiert. Während die Frauen in Bezug auf die Bereiche, die sich im Modernisierungsprozess ausdifferenzieren, als undifferenziert dargestellt werden, lässt Simmel das männliche Geschlechtskollektiv in Hinblick auf die in der Moderne verfeinerten Felder des Ästhetischen und Erotischen merkwürdig ,ungeschlacht‘ erscheinen. Ungeachtet seiner Individualität und Kulturleistungen, erscheint der Mann in seinem sexuellen Verlangen als primitiv und undifferenziert. In dem frühen Essay über die Verwandtenehe gilt Simmel die Undifferenziertheit des Mannes noch als Signum von „Rohheit“: „Solange die Begierde in ihrer ursprünglichen Roheit den Mann beherrscht, ist ihm jede Frau gleich jeder Frau, insoweit sie nicht allzu alt oder seinen Begriffen nach häßlich ist.“ (GSG 5, S. 29) Allerdings scheint es, als würde der Mann diese Rohheit auch auf den fortgeschritteneren Stufen der Kulturentwicklung nicht verlieren, denn „was den durchschnittlichen Mann an den Frauen zu interessieren pflegt, ist ungefähr das gleiche an der Schneiderin und an der Prinzessin“ (GSG 14, S. 247), so dass „die eine für die andere vikariieren“ kann (GSG 7, S. 293). In der sich überkreuzenden Zuordnung von Differenzheit vs. Undifferenziertheit an die Geschlechter setzt Simmel den Mann als tumben Toren in seinem Gefühlsleben und in seinen zentralen menschlichen Beziehungen genauso herab wie er die Frau in allen Sachbereichen als unfähig oder nachrangig disqualifiziert. Solche Überkreuzungen sind allgemein charakteristisch für den gender wisdom der Zwei-Sphären-Ideologie und machen deutlich, dass der Schaden, den diese in den Geschlechterverhältnissen anrichtet, beide Geschlechter beziehungsweise Gesellschaft und Kultur in ihrer Gesamtheit trifft.

[30] Übrigens findet sich eine ähnliche Doppelung zwischen Geringschätzung und Überhöhung auch beim Rassendiskurs in der Figur des „edlen Wilden“.

[31] Das sind grob zusammengefasst die beiden großen Handlungssysteme Staat/Politik und Markt/Ökonomie sowie die beiden großen Wissenssysteme von Wissenschaft und Kultur/Kunst. Mit Simmel gesprochen geht es hier um die Sphäre der objektiven Kultur.

[32] Simmel befasst sich eher beiläufig mit den Konsequenzen der Partizipation von Frauen in Arbeits- und Berufswelt (Textilindustrie), etwas ausführlicher mit den Feldern Wissenschaft und Medizin. Sein hauptsächliches Interesse richtet sich auf den Bereich der Kultur, namentlich auf die Gebiete der Literatur und Kunst. Die Folgen der Partizipation von Frauen am politischen Prozess nimmt er dagegen kaum in den Blick, obwohl – neben dem Streben nach Zugang zur Berufstätigkeit auf dem Weg über höhere, formelle Bildung und Ausbildung (Hochschulzugang) – der Kampf der Frauen um das aktive und passive Wahlrecht in diesen Jahrzehnten in vollem Gang ist und in Deutschland in Simmels Todesjahr 1918 gewonnen wird.

[33] Meine Hervorhebung, C. K. Simmel setzt hier das männliche Personalpronomen – „seinem“ (sic!) – vor die grammatisch in jedem Fall weibliche Kultur.

[34] Vgl. Thomas Laqueur, Making Sex: Body and Gender From the Greeks to Freud, Cambridge, MA 1990.

[35] Katharine M. Rogers, The Troublesome Helpmate: A History of Misogyny in Literature, Seattle, WA u. a.

[36] Ganz ähnlich heißt es bei Freud: „Man meint, daß die Frauen zu den Entdeckungen und Erfindungen der Kulturgeschichte wenig Beiträge geleistet haben, aber vielleicht haben sie doch eine Technik erfunden, die des Flechtens und Webens. Wenn dem so ist, so wäre man versucht, das unbewußte Motiv dieser Leistung zu erraten. Die Natur selbst hätte das Vorbild für diese Nachahmung gegeben, indem sie mit der Geschlechtsreife die Genitalbehaarung wachsen ließ, die das Genitale verhüllt. Der Schritt, der dann noch zu tun war, bestand darin, die Fasern aneinander haften zu machen, die am Körper in der Haut staken und nur miteinander verfilzt waren. Wenn Sie diesen Einfall als phantastisch zurückweisen und mir den Einfluß des Penismangels auf die Gestaltung der Weiblichkeit als eine fixe Idee anrechnen, bin ich natürlich wehrlos.“ Sigmund Freud, Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Frankfurt am Main 1991, S. 130.

[37] Jean-Jacques Rousseau, Emil oder über die erziehung, Paderborn 1971, S. 409.

[38] Vgl. dazu auch Immanuel Kant, Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen [1764], in: Akademie Ausgabe Bd. II: Vorkritische Schriften II. 1757–1777, Berlin 1968, S. 205–256.

[39] Rousseau, Emil, S. 420 f.

[40] Die Wiederholungen des zweiten Essays sind so ausgeprägt, dass in die maßgebliche Sammlung der Schriften zu Simmels Philosophie und Soziologie der Geschlechter nicht etwa die zweite, sondern die erste Fassung von 1902 Eingang gefunden hat.

[41] Hier verweist Simmel auf seine inzwischen geschriebenen „Probleme der Geschichtsphilosophie“, was jedoch nichts an den weiblichen Aushilfsfunktionen ändert.

[42] Hier zitiert nach Simone de Beauvoir, Le deuxième sexe 1: Les faits et les mythes, Paris 1949, S. 24.

[43] Vgl. dazu Freuds Ausführungen über die biologische Kränkung der Menschheit, die von Charles Darwin nachgewiesene Abstammung des Menschen vom Affen. Vgl. Sigmund Freud, Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse, Leipzig u. Wien 1917.

[44] Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, in: Kritische Studienausgabe, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Bd. 5, München u. Berlin 1980, S. 9–243, hier S. 87 (Viertes Hauptstück: Sprüche und Zwischenspiele, Nr. 75).

[45] „Die Zusammenführung von Geschlechtstrieb und Wissensordnung geschieht einerseits durch physiologische Theorien wie die von Charles Darwin und andererseits durch psychologische Erklärungsmuster wie die von Sigmund Freud. Beide theoretischen Schulen begründen die ,Überlegenheit‘ männlicher Geistigkeit […] entweder mit der ,Überlegenheit‘ des männlichen Sexualtriebs oder mit der ,Männlichkeit‘ des Geschlechtstriebs selbst. Auffallend an der physiologischen Begründung ist die Berufung auf das Tierreich und die Natur. Waren bis hierher Wissenschaft und Wissensfähigkeit mit der Unterscheidung von Kultur und Natur begründet worden, so wird nun die Ähnlichkeit von ,Männlichkeit‘ mit den Trieben der Tiere und Primaten betont, um die ,geistige Überlegenheit‘ zu erklären.“ Christina von Braun / Inge Stephane (Hg.), Einführung Gender@Wissen, in: dies., Gender@Wissen. Ein Handbuch der Gender-Theorien, 2. Aufl., Köln 2009, S. 9–46, hier S. 18 f.

[46] Siehe Charlotte Perkins Gilman, Women and Economics: A Study of the Economic Relation Between Men and Women as a Factor in Social Evolution, Boston, MA 1898. In Abschnitt VIII heißt es: „The change in education is in large part a cause of this, and progressively a consequence. Day by day the bars go down. More and more the field lies open for the mind of woman to glean all it can, and it has responded most eagerly. Not only our pupils, but our teachers, are mainly women. And the clearness and strength of the brain of the woman prove continually the injustice of the clamorous contempt long poured upon what was scornfully called ,the female mind’. There is no female mind. The brain is not an organ of sex. As well speak of a female liver.“

[47] Max Scheler, Zum Sinn der Frauenbewegung (1913/1914), in: ders., Gesammelte Werke, Bd. 3: Vom Umsturz der Werte, hrsg.v. Maria Scheler, 4. Aufl., Bern 1955, S. 195.

[48] Ebd.

[49] Helene von Druskowitz spielt auf die Darwinsche Kränkung an, wenn sie 1905 in ihren pessimistischen Kardinalsätzen folgendes Fazit zieht: „Infolge einer wahrhaft göttlichen Ironie des Schicksals ist es gelungen, ihn [den Mann, C. K.] so zu stellen, daß er auf dem Höhepunkt der Bildung befindlich sich selbst für einen Affensprößling hält. Was würden frühere Generationen zu dieser Erkenntnis gesagt haben? Nun ist das gesamte Leben zur Affentragödie des Mannes geworden!“ Helene von Druskowitz, Der Mann als logische und sittliche Unmöglichkeit und als Fluch der Welt. Pessimistische Kardinalsätze, hrsg. von Traute Hensch, Freiburg i. Br. 1988, S. 35 f.

[50] In „Das Relative und das Absolute im Geschlechter-Problem“ (1911) führt Simmel die Dominanz des Mannes eindeutig auf ein „Kraft-Übergewicht“ und auf die daraus resultierende „Machtstellung der Männer“ zurück: „Daß das männliche Geschlecht nicht einfach dem weiblichen relativ überlegen ist, sondern zum Allgemein-Menschlichen wird, das die Erscheinungen des einzelnen Männlichen und des einzelnen Weiblichen gleichmäßig normiert – dies wird, in mannigfachen Vermittlungen, von der Machtstellung der Männer getragen.“ (GSG 12, S. 225; Hervorhebung im Original) 

[51] Noch ausführlicher und am entschiedendsten verteidigt Simmel die Frauen gegen den Vorwurf des Mangels an Entwicklung auf einigen Seiten derjenigen Version des Essays, die Eingang in die Sammlung Philosophische Kultur gefunden hat und die in der anderen Fassung fehlen (vgl. GSG 14, S. 422–427).

[52] Ein Hinweis mag in der Positionierung von Simmels Texten in der Essay-Sammlung Philosophische Kultur von 1911 zu finden sein. Hier geht der Essay „Der Begriff und die Tragödie der Kultur“ dem Text über „Weibliche Kultur“ unmittelbar voran. Unter dem gemeinsamen Obertitel „Zur Philosophie der Kultur“ beschließen diese beiden Aufsätze den Band.

[53] Es fällt auf, dass Simmel, der als Soziologe und Theoretiker der Moderne hoch geschätzt wird, in seiner „Soziologie der Familie“ (GSG 5, S. 75–91) die Familienform seiner Gegenwart nicht thematisiert. Stattdessen befasst er sich mit den „primitiven Ehe- oder Uneheverhältnissen“ (GSG 5, S. 83) bei den entlegensten Stämmen und „Naturvölkern“ Afrikas, Asiens und Amerikas. Ein ähnlicher Punkt fällt auf an Simmels interessantem Essay „Der Militarismus und die Stellung der Frauen“ von 1894 (GSG 5, S. 37–51). Auch hier treibt sich Simmel „im Turkmenenlande“ (GSG 5, S. 39), bei den Germanen, den Brahmanen und „an den verschiedensten Punkten der Welt“ (GSG 5, S. 43) herum. Auf die naheliegende Idee, nach dem Zusammenhang zwischen dem preußischen und europäischen Militarismus seiner Zeit und der Stellung der Frauen zu fragen, kommt er hingegen nicht.

[54] Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Herrschaft, Studienausgabe I/22,1, hrsg.v. Wolfgang Mommsen, Tübingen 2009, S. 35.

[55] Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, hrsg.v. Adolf Frisé, Reinbek bei Hamburg 1981, S. 100 f.

[56] Hierbei handelt es sich um eine genaue Replikation der Komplementaritätskonzeption der Geschlechtertheorie in Anwendung auf die gesellschaftliche Funktion der Kunst.

[57] Karl Scheffler, Die Frau und die Kunst, Berlin 1908, S. 22 f.

[58] Ebd.

[59] Gemeint ist der Berliner Historiker Kurt Breysig (1866–1940).

[60] Übrigens hat bereits Rousseau die Rute des später so genannten indirekten Kultureinflusses der Frau ins Fenster gestellt. Zwar hatte er die Aufstellung von „Prinzipien“ als Vorrecht des Mannes bezeichnet, aber hinzugefügt: „Sie [die Frauen, C. K.] müssen die Beobachtungen machen, die den Mann dahin führen, Prinzipien aufzustellen.“ Rousseau, Emil, S. 409.

[61] Den vielen Frauen um ihn herum mag Simmel sein Ohr geliehen haben, aber zur Sprache bringt er sie nicht: Mit keinem Wort erwähnt er die in seinem Umfeld entstehende Theoriebildung und Literatur von Frauen. Simmels einseitiger Perspektive folgt die Forschungsliteratur von männlichen Kollegen bis in die Gegenwart. So konstatiert Klaus Lichtblau den Einfluss Simmels auf die Theoretikerinnen der Frauenbewegung: „Seine Schriften zur modernen Geschlechterproblematik haben […] ganz wesentlich die theoretischen Anschauungen der führenden Repräsentatinnen der bürgerlichen Frauenbewegung in Deutschland wie Helene Lange, Getrud Bäumer und Marianne Weber mitbeeinflußt.“ Klaus Lichtblau, Georg Simmel, Frankfurt am Main u. New York 1997, S. 99. Ja – und umgekehrt?

[62] Siehe etwa Marianne Weber, Die Frau und die objektive Kultur (1913) sowie Die besonderen Kulturaufgaben der Frau (1918), beide in: dies., Frauenfragen und Frauengedanken. Gesammelte Aufsätze, Tübingen 1919, S. 95–133 und S. 238–261.

[63] Siehe dazu auch Freuds Anmerkungen zur ,weiblichen‘ Erfindung der Techniken des Webens und Flechtens und deren anschließende Zurücknahme in die Natur in Fußnote 36.

[64] Es ist Simmels letzte größere geschlechtertheoretische Schrift; sie erscheint 1911 in zwei Fassungen: GSG 12, S. 224–250 und erweitert in der von Simmel selbst konzipierten Sammlung seiner Aufsätze, GSG 14, S. 219–255.

[65] Wiederum ist es Rousseau, der für die Formulierung dieses wohlbekannten Dogmas traditioneller Geschlechtertheorien weniger Worte braucht: „Le mâle n'est mâle qu'en certains instants, la femelle est femelle toute sa vie, ou du moins toute sa jeunesse; tout la rappelle sans cesse à son sexe.“ Jean-Jacques Rousseau, Oeuvres complètes, tome 4: Émile. Éducation, morale, botanique, Paris 1969, S. 697.

[66] Bereits in seinem Essay „Zur Psychologie der Frauen“ von 1890 hat Simmel vor einer solchen Idealisierung der Frau gewarnt und gemeint, der Vorzug der höheren Einheitlichkeit und Ganzheit werde den Frauen von den Männern lediglich „subintelligirt“ (GSG 2, S. 84).

[67] Dahme/Köhnke, Einleitung, S. 12 (meine Hervorhebung, C. K.).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.