Marx exposed

Wiebke Wiede hat in Marxens Geburtsstadt die Ausstellung "Von Trier in die Welt – Karl Marx, seine Ideen und ihre Wirkung" im Museum Karl-Marx-Haus, die Landesausstellung „Karl Marx 1818–1883. Leben. Werk. Zeit." im Stadtmuseum Simeonstift und die Kooperationsausstellung „LebensWert Arbeit" des Bistums Trier im Museum am Dom besucht.

Die Römerstadt Trier ist überreich an Denkmalen der Vergangenheit, und der Umgang mit steinernen Relikten kann im Allgemeinen als lässig bis nachlässig bezeichnet werden. Römische Ruinen überdauerten Jahrhunderte, im mittelalterlichen Stadtbild verbaut. Vor dem Portal der Hohen Domkirche blieb seit dem 6. Jahrhundert der sogenannte Domstein, eine sechs Meter lange Granitsäule, nach einem Brand der Kathedrale einfach liegen. Übergroße Füße der römischen Kolossalstatue Kaiser Konstantins waren als Kopien aus Beton Werbeträger der Landesausstellung zu Ehren Konstantins 2007 und finden sich seitdem vereinzelt im Stadtbild.

 


Abb. 1: Karl-Marx-Statue von Wu Weishan vor der Einweihung, Simeonstiftplatz Trier, April 2018
(Foto: Palauenc05, https:/<wbr />/commons.wikimedia.org<wbr />/wiki<wbr />/File:Trier_Karl_Marx_Statue_covered.jpg, CC BY-SA 4.0, blank>https:/<wbr />/creativecommons.org<wbr />/licenses<wbr />/by-sa<wbr />/4.0<wbr />/legalcode)

Nun ist Trier um ein Denkmal reicher, und ausnahmsweise war die Aufregung darüber groß. Am Simeonstiftplatz, etwas abseits der römischen Porta Nigra, wurde eine (mit dem Sockel) 5,50 Meter hohe Karl-Marx-Statue anlässlich des 200. Geburtstages des in Trier geborenen Philosophen am 5. Mai 2018 eingeweiht. Das Standbild ist ein Geschenk der Volksrepublik China an die Stadt Trier. In der lokalen Öffentlichkeit wie auch in überregionalen Medien wurde kontrovers diskutiert, inwiefern die Annahme des Geschenks ein Zugeständnis an das Pekinger Regime darstelle oder Marx erneut und unangemessen glorifiziere. Der Trierer Stadtrat stimmte schließlich nach langer Debatte mehrheitlich (gegen die Voten von AfD und FDP) im März 2017 dafür, die Geburtstagsgabe anzunehmen. Der Trierer Oberbürgermeister Wolfram Leibe wie auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (beide SPD) betonten in ihren Reden zur pompösen Einweihung des „Mega-Marx“, dass sie das Präsent als „Geste der Freundschaft“ bewerten möchten, eingereiht in bestehende Verbindungen nach China, wie die Städtepartnerschaft zwischen Trier und der chinesischen Stadt Xiamen (seit 2010) oder, selbstredend, dem EU-China-Tourismusjahr 2018. Man vertraut auf den Wandel durch kommunale und kommerzielle Annäherung. Der Schöpfer des anstößigen Kunstwerks, der als regimetreu geltende Bildhauer Wu Weishan, sprach davon, dass er Marx als „großen Wanderer“ darstellen wollte.[1] Doch nicht als Suchender, Heimatloser oder Fremder, womöglich an das in der Romantik beliebte Wanderer-Motiv erinnernd, tritt dieser bronzene Marx seinen Betrachter/innen entgegen. Mit wehenden Rockschößen und Buch unter dem Arm, das Haus Simeonstraße 8 im Rücken, wo Marx Kindheit und Jugend verbrachte, schreitet er in sozialistischer Rauschebart-Ästhetik forsch voran. Zum erklärten Ziel der unter der wissenschaftlichen Leitung von Beatrix Bouvier kuratierten Trierer Landesausstellung, Marx vom Sockel zu stoßen und von ideologischen Verkrustungen zu befreien, steht das Denkmal im Wortsinn konträr. Man könnte auf den Gedanken kommen, es sei ein nicht allzu gewiefter didaktischer oder kommerzieller Trick für die Jubiläumsschau, Marx erneut auf ein Podest zu stellen, um ihn dann wieder herunterzuholen.[2]

 


Abb. 2: Karl-Marx-Statue von Wu Weishan, Simeonstiftplatz Trier; im Hintergrund das Wohnhaus der Familie Marx, in dem Karl Marx 1819–1835 lebte
(Foto: Wiebke Wiede)

Im Stadtmuseum Simeonstift, wenige Meter vom Marx-Monument entfernt und zusammen mit dem Rheinischen Landesmuseum einer der Standorte der vom Land Rheinland-Pfalz und der Stadt Trier getragenen großen Landesausstellung „Karl Marx 1818–1883. Leben. Werk. Zeit.“, kann man anfangen, dem historischen Marx jenseits seiner ideologischen Heroisierung auf die Spur zu kommen. Im Treppenhaus des Museums wird, noch einmal, die Ikone Marx präsentiert: anhand der 15 erhaltenen fotografischen Abbildungen des zumeist älteren Marx mit Prophetenbart. In der Ausstellung werden diese Abbildungen in ihrer Oberflächlichkeit und Ikonographie auf denkbar einfachste Weise auseinandergenommen und neu zusammengesetzt: durch eine chronologisch geordnete und äußerst solide sozialhistorische Kontextualisierung des Lebenswegs von Karl Marx. An die neueren Marx-Biographien von Jonathan Sperber und Gareth Stedman Jones angelehnt, die ihren Protagonisten differenziert ins 19. Jahrhundert eingeordnet haben[3], folgt man Marx durch die Städte, in denen er gelebt und gewirkt hat. Mit Trier, Bonn, Berlin, Köln, Paris, Manchester, Brüssel und London durchwandert man einerseits die Wohn- und Aufenthaltsorte des Flüchtlings Karl Marx sowie seine Entwicklung vom Jura- und später Philosophiestudenten zum politischen Journalisten und kritischen Ökonomen, andererseits die tiefgreifenden Umwälzungen und Verwerfungen im Westeuropa des 19. Jahrhunderts, die jeweils lokalhistorisch fokussiert aufbereitet sind. Der Geburtsstadt Trier, in der Marx bis zu seinem Abitur (1835) lebte, ist der erste Ausstellungsraum gewidmet – insbesondere der zeitgenössischen Armutsproblematik, der „Armut unter den Augen des jungen Marx“.

Dies ist die Überschrift der ersten Medienstation. In Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Geschichtliche Landeskunde der Universität Trier wurde die Trierer Armenliste aus dem Jahr 1832 digitalisiert, die von der preußischen Obrigkeit zum Zweck der Cholera-Prävention erstellt worden war. Die seriellen Informationen der Liste wurden visuell mit einem zeitgenössischen Stadtplan verknüpft. Lesbar werden so die Ansätze einer Sozialtopographie der seit 1815 preußischen, vormalig französischen, Provinzstadt und die Lebenswirklichkeit ihrer zahlreichen Armen (bis zu 75 Prozent der Einwohner wurden zur Unterschicht gerechnet).[4] Man kann erfahren, dass ein 58-jähriger Nachbar der Familie Marx in der Simeonstraße als „minder-arm“ eingestuft wurde, seiner „Moralität“ galt der Kommentar „soso!“, und trotz Halbinvalidität war er „fähig zu kleinen Arbeiten“ – eine Feststellung, die unter Umständen über seine Berechtigung zur Armenunterstützung entschied, die nur den nicht Arbeitsfähigen gewährt wurde.

 


Abb. 3: Medienstation „Armut unter den Augen des jungen Marx“ (Trierer Armenliste, 1832)
(Foto: Karl Marx Landesausstellung Trier)

Die Ausstellungsdidaktik verfährt angenehm unaufdringlich und lässt Raum für gedankliche Abschweifungen. Weitere interaktive Elemente sind auf digitale Info-Stationen beschränkt, die, im Zentrum eines jeden Ausstellungsraums platziert, Auskunft über die im jeweiligen Lebensabschnitt relevanten politischen, beruflichen und familiären Netzwerke von Karl Marx geben. Darüber hinaus setzt die Schau auf die Sprache der Bilder. Vor allem illustrierend in der Bildauswahl, kann sie aber auch mit der einen oder anderen kultur- und kunsthistorischen Pretiose aufwarten. Erwähnt sei eine erstmals öffentlich präsentierte Zeichnung von Heinrich Rosbach, die das Konterfei seines Trierer Landsmanns und Kommilitonen Marx im ersten Bonner Studienjahr und fast ohne Bart zeigt. Im Kleinformat (4 cm x 7 cm), mit wenigen Bleistiftstrichen skizziert, bildet der zerbrechlich wirkende Miniatur-Marx ein eindrückliches Gegengewicht zu den übergroßen Porträts im Ausstellungsfoyer.

 


Abb. 4: Heinrich Rosbach, Porträt des jungen Karl Marx als Student in Bonn, 1835/36, Stadtmuseum Simeonstift Trier, Schenkung Constantin Cnyrim
(Foto: Karl Marx Landesausstellung Trier)

 


Abb. 5: Eingangsbereich der Ausstellung „Karl Marx 1818–1883. Stationen eines Lebens“, Stadtmuseum Simeonstift Trier
(Foto: Karl Marx Landesausstellung Trier)

Etliche andere Bildexponate dokumentieren das Leitthema der Ausstellung: die sozialen Miseren des 19. Jahrhunderts in Form von Armut, Kinderarbeit, Auswanderung, Bettelei, das Elend der Industriellen Revolution. Gemälde wie Friedrich Karl Hausmanns „Pariser Straßenkinder“ (1852) oder „La nena obrera“ (1885) des Katalanen Joan Planella erinnern an die seinerzeit auch im Stadt- und im Landesmuseum situierte Ausstellung „Armut. Perspektiven in Kunst und Gesellschaft“ von 2011, die in Kooperation mit dem Sonderforschungsbereich „Fremdheit und Armut“ an der Universität Trier entwickelt wurde und hier bildprogrammatischen Nachhall findet.[5]

Der zweite Teil der Landesausstellung – im Rheinischen Landesmuseum – erscheint auf den ersten Blick durchaus redundant zum Stadtmuseum. Erneut wird dem Besucher das 19. Jahrhundert erklärt. Zudem wird die Schau mit dem monumentalen Imperatorenporträt Napoleons von Anne-Louis Girodet-Trioson (1812) eröffnet, das daran erinnert, dass Trier vor dem Wiener Kongress knapp 20 Jahre zu Frankreich gehörte und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Hort revolutionärer Ideen war. Das mitschwingende, nun schon in die Jahre gekommene Diktum Thomas Nipperdeys „Am Anfang war Napoleon“ verspricht allerdings kaum neue Einsichten. Die etwas plakative Ausstellungsinszenierung (schmale Gänge, Barrikaden, dunkle Zellen, Spiegel) lenkt dann aber in eine andere Interpretationsrichtung: Sie unterstreicht den Charakter von Vormärz und früher Industrialisierung als Epoche sozialer Spannungen, politischer Unruhen oder einfach von „Not und Unterdrückung“ breiter Bevölkerungskreise (so ist ein Segment der Ausstellung überschrieben), im Unterschied zu jüngsten jubiläumsbedingten Deutungen der „Sattelzeit“ als sicherheitspolitisch befriedeter Epoche der „Wiener Ordnung“. Das gestalterische Leitmotiv der Ausstellungsarchitektur, ineinandergreifende Zahnräder, schleicht sich dezent in die Betrachtung der Objekte ein und entfaltet nach und nach seinen Symbolgehalt als Bote des heraufziehenden Maschinenzeitalters. So bezeugt die detailgetreue Skizze einer Dampfmaschine, die Marx 1851 in sein Notizbuch zeichnete, durchaus Faszination für den technischen Gegenstand.

 


Abb. 6: Blick in den „Kapital“-Ausstellungsraum
(Foto: Rheinisches Landesmuseum Trier, Thomas Zühmer)

Ein Zitat, das einen als Schreib- und Lesewerkstatt gestalteten Themenraum zum „Kapital“ überschreibt, veranschaulicht die Selbstwahrnehmung des intellektuellen Arbeiters Marx als mechanische Produktionsmaschine, aber auch das zeitgenössische, sich mechanisierende Menschenbild: „Ich bin eine Maschine, dazu verdammt, Bücher zu verschlingen und sie dann in veränderter Form auf den Dunghaufen der Geschichte zu werfen“, schrieb Marx 1868 an seinen Schwiegersohn Paul Lafargue. Herzstück der von Valentine Koppenhöfer entworfenen Ausstellungsarchitektur ist die „Marx-Maschine“, eine raumfüllende Installation, die industrielle Arbeit in einer Fabrikhalle stinkend imitiert und gleichzeitig Marx’ Theorie der kapitalistischen Produktion und der Ausbeutung des Arbeiters illustrierend erklärt.

 


Abb. 7: „Marx-Maschine“ im Rheinischen Landesmuseum Trier
(Foto: Karl Marx Landesausstellung Trier)

Der Schwerpunkt der Ausstellung im Landesmuseum liegt auf der Vermittlung Marx’scher Theorien, exemplarisch aus dem „Kommunistischen Manifest“ (1848), der „Kritik der Politischen Ökonomie“ (1859) und dem „Kapital“ (1867).[6] Für den Fachbesucher sind die präsentierten Originaldokumente interessant, so etwa die einzig erhaltene handschriftliche Seite des „Kommunistischen Manifests“. Trickfilme in anschaulicher Comic-Optik und ausliegende Lektüre sprechen auch den Besucher ohne Vorkenntnisse an. Generell ist die Ausstellung kurzweilig und didaktisch niedrigschwellig. Das museumspädagogische Programm für verschiedene Zielgruppen sowie die mehr als 600 Termine von Begleitveranstaltungen unterschiedlicher Formate (Theater, wissenschaftlicher Kongress, Stadtführungen etc.) sind insgesamt eine Stärke der Konzeption.[7] Der Begleitband zur Ausstellung bietet weitere Informationen zu Einzelaspekten des Marx’schen Werks sowie zu den literarischen, wissenschaftlichen und politischen Einflussfaktoren. Pepijn Brandons Aufsatz zur Rezeptions- und Überlieferungsgeschichte der Marx’schen Schriften, einschließlich des prekären Vorhabens, sie in der Zeit des Nationalsozialismus aus Berlin zu retten, verdeutlicht unmittelbar die Auswirkungen ideologischer Überformung für die wissenschaftliche Zugänglichkeit der Marx’schen Texte. Sind die Vermittlungsangebote an das breitere Publikum durchweg überzeugend, bleibt der einzige diesbezügliche Kritikpunkt die zwar den allgemeinen Gepflogenheiten entsprechende, aber doch geringe Ermäßigung des regulären Eintrittspreises um zwei Euro für kapitalschwächere Besucher (Schüler, Arbeitslose, Studierende ¬– ausgenommen diejenigen der Trierer Hochschulen, für die der Eintritt dienstags bis donnerstags frei ist); es gibt auch keine weitere Ermäßigung für einkommensschwache Familien.

Die Ausstellung möchte Marx historisieren, nicht aktualisieren. Dennoch überzeugt es nicht ganz, dass dem Besucher das letzte Wort zu Marx überlassen bleibt. „Wer ist Karl Marx?“ ist der letzte Ausstellungsraum überschrieben – damit ist jede/r aufgefordert, seine/ihre eigene Marx-Sicht an die Wand zu pinnen. Zwischen „ein Bartträger, der erste Hipster“, „kein Hipster, denn die sind angepasste Neoliberale“, aber auch „ein anderer als ich bisher dachte“ entspinnen sich Diskussionen über Marx, die unterhaltsam sein mögen und gleichwohl eine gewisse Ratlosigkeit hinterlassen.

Ein aktueller Ansatz liegt der Kooperationsausstellung des Bistums Trier im Museum am Dom zugrunde. Kurz bevor Karl Marx 1835 zum Studium nach Bonn ging, wurde das heutige Museumsgebäude als „Königlich-preußische Haftanstalt“ erbaut. Seit 1988 beherbergt es die archäologischen und kunsthistorischen Sammlungen des Bistums. Die Sonderausstellung anlässlich des Marx-Jubiläums steht unter dem Titel „LebensWert Arbeit“. Sie präsentiert Gemälde, Videos, Fotos, Installationen prominenter Künstler wie Andreas Gursky, Harun Farocki oder William Kentridge, die sich Gedanken über menschliche Würde in gegenwärtigen Arbeitsverhältnissen gemacht haben.

 


Abb. 8: Nina Schmidbauer: Am seidenen Faden, Installation 2016; in der Ausstellung „LebensWert Arbeit“
(Foto: Museum am Dom Trier)

Die Ausstellung bietet ein relativ breites Spektrum an Problematisierungen von Arbeit. Kai Löffelbeins Fotos von Entsorgungsarbeiten europäischen Elektroschrotts in Ghana[8] oder Nina Schmidbauers Installationen zur Ausbeutung von Textilarbeiterinnen[9] kritisieren die entwürdigenden Umstände prekärer, globalisierter Arbeit. Eher meditativ ist der „Raum der Stille“ gehalten, den Studierende und Absolventen der Hochschule Ottersberg gestaltet haben. Der Ottersberg-Absolventin Natja Kasprik kann man, selbst bequem auf der Couch liegend, in einem Videofilm dabei zusehen, wie sie Spuren in einen Sandstreifen bürstet, die sogleich immer wieder von Meereswellen überspült werden. Kategorien von Tätigsein und Kontemplation verwischen sich im Betrachten ihrer Sisyphusarbeit. Zweifellos ist der Arbeitsbegriff ein wichtiger Aspekt in Marx’ Werk und die sehenswerte Ausstellung insoweit eine sinnvolle Ergänzung der Landesausstellung. Der Bezug zu Marx bleibt jedoch unausgesprochen und folglich indifferent.

 


Abb. 9: Karl-Marx-Haus Trier
(Foto: Berthold Werner, 2014, https:/<wbr />/commons.wikimedia.org<wbr />/wiki<wbr />/File:Trier_BW_2014-06-21_11-11-49.jpg, CC BY-SA 3.0, blank>https:/<wbr />/creativecommons.org<wbr />/licenses<wbr />/by-sa<wbr />/3.0<wbr />/legalcode)

Das Trierer Karl-Marx-Haus ist das Geburtshaus des späteren Philosophen und Ökonomen, in dem er allerdings nur das erste Lebensjahr verbracht hat. Die Friedrich-Ebert-Stiftung betreibt dort seit 1968 ein Museum und hat anlässlich des Marx-Jubiläums eine neue Dauerausstellung eröffnet: „Von Trier in die Welt. Karl Marx, seine Ideen und ihre Wirkung bis heute“. Sie ist in die drei Bereiche Biographie, Werk und Wirkung eingeteilt, mit einem deutlichen Schwerpunkt auf der Wirkungsgeschichte. Stärker als bisher wurde das Geburtshaus selbst zum Ausstellungsobjekt, zu dessen Geschichte im Eingangsbereich, freilich etwas abseits, ein Film gezeigt wird. Trotz mehrfachen Umbaus des Wohnhauses im 19. Jahrhundert setzt die Ausstellungsstrategie auf das Nacherleben eines historischen Orts. Ein sogenannter „Geburtsalkoven“ bezeichnet die Zimmernische, in der Marx mutmaßlich seinen ersten Atemzug tat. Das Prunkstück der Ausstellung ist Marx᾽ Lesesessel aus der Londoner Wohnung – vermutlich der Platz seines letzten Atemzugs.

 


Abb. 10: Marx’ Lesesessel in der neuen Dauerausstellung des Karl-Marx-Hauses
(Foto: Wiebke Wiede)

Das Ausstellungsdesign bemüht sich um einheitliche, klare und moderne Ästhetik. Die wie Bilder an die Wand gehängten oder gemalten Informationen verlieren sich allerdings mehr als einmal inhaltlich in Belanglosigkeiten oder sind, gerade postkartengroß gehalten, kaum zu erkennen, geschweige sachkritisch in größere Kontexte einzuordnen. Großzügiger Einsatz digitaler Medien und interaktiver, anschaulicher Ausstellungselemente erhöhen sicher den Vermittlungswert der Ausstellung. Die akustischen Inszenierungselemente überlagern sich aber fast durchgehend aufgrund der engen Räumlichkeiten, die punktgenauer oder per Kopfhörer beschallt werden müssten. Problematisch, insbesondere für die Zeit nach Schließung der Landesausstellung, ist auch, dass die Präsentation der Marx’schen Biographie nurmehr auf einen Ausstellungsraum beschränkt ist. Ausgestattet mit einem Touchscreen, der grundlegende Daten zum Lebenslauf anbietet, und einer raumgreifenden Installation von Sanduhren, die jeweils verschiedene Zeitabschnitte des Marx’schen Lebensweges symbolisieren, ist der Informationsgehalt hierzu eher spärlich.

 


Abb. 11: Sanduhr-Installation im Karl-Marx-Haus Trier
(Foto: Friedrich-Ebert-Stiftung)

Das Karl-Marx-Haus befindet sich abseits der Trierer Altstadt-Herrlichkeiten südwestlich des Zentrums – noch nicht an der Karl-Marx-Straße, aber an der auf sie zulaufenden Brückenstraße. Etwas im Schatten des offiziellen Festtrubels feierten die Geschäftsleute und Bewohner des umliegenden Viertels am 5. Mai bodenständig und eigensinnig reflektiert ihr Marx-Jubiläum. Im Schaufenster einer Buchhandlung vis-à-vis vom Museum lagen Werke des chinesischen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo und von Karl Marx einträchtig nebeneinander. In Sichtweite des Geburtshauses, an einer kleinen dreieckigen Kreuzung, wurde zum Geburtstag der inoffiziell so genannte „Karl-Marx-Platz“ mit gemeinsamer Kaffeetafel der Nachbarschaft eingeweiht. Kaffee und Kuchen waren ebenso kostenlos wie die vor den umliegenden Geschäften als „Kapital für alle“ offerierten Flohmarktartikel zum Mitnehmen. Auf dem Platz selbst laden rote Bänke zum Verweilen und Lesen der mit Granitbändern in den Boden eingelassenen Marx-Zitate ein. Wenige Schritte entfernt, in der Kunstgalerie KM9 (Karl-Marx-Straße 9) kehrt man schließlich zur Ikone Marx und ihrer Geschichte zurück. Dort liegt der Begleitband einer früheren Marx-Ausstellung des Stadtmuseums aus, derjenigen zum 130. Todestag 2013: „Ikone Karl Marx. Kultbilder und Bilderkult“.[10] Jede Besucherin und jeder Besucher darf den Katalog anschauen, hineinschreiben, die Marx-Abbildungen bemalen, bekritzeln, verunzieren oder verschönern. Auch hier nun: Jeder und jedem sein/ihr eigener Marx? Nicht ganz, besteht doch aufgrund des Katalog-Exponats eine gewisse Notwendigkeit, sich mit den Vorlagen und Traditionen der Marx-Rezeption mehr oder weniger auseinanderzusetzen. Könnte man befürchten, dass vom Marx-Jubiläum dann doch nur der bronzene „Mega-Marx“ übrigbleibt, ist hier, am anderen Ende der Stadt, Marx längst ad hominem angekommen. Mag sich das Marx-Standbild irgendwann einfügen in die Denkmalsschichten der Stadt, Marx bleibt hoffentlich längere Zeit Trierer Alltagsgespräch.