Karl Marx, die Marke

Heute 70 Cent, vormals 30 Pfennig

1968, als die Protestbewegung in Deutschland ihren Höhepunkt erreichte, wäre Karl Marx 150 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass gab die Deutsche Bundespost eine Sondermarke mit dem Konterfei des berühmten Ökonomen, Historikers und Philosophen heraus – in Zeiten des Kalten Krieges und der Systemkonkurrenz mit der DDR ein in der Tat bemerkenswerter Schritt, galt Karl Marx doch als einer der Gründerväter des Sozialismus, der in der DDR wie ein Nationalheld gefeiert wurde. Neben der Bundesrepublik würdigten auch die DDR, Vietnam, die UdSSR und die Mongolei den 150. Geburtstag von Karl Marx mit einer Sondermarke. Andere westeuropäische Länder haben auf die Herausgabe einer Sondermarke verzichtet, was die Entscheidung in der Bundesrepublik umso erstaunlicher macht.

Wer die Initiative bei der Deutschen Bundespost ergriffen hatte und ob die Entscheidung für diese Sondermarke womöglich mit politischen Konflikten verbunden gewesen ist, lässt sich bislang leider nicht beantworten. Belegt ist lediglich, dass für die Gestaltung der Marke ein Wettbewerb ausgeschrieben wurde. Unter den insgesamt acht eingereichten Vorschlägen wählte der Kunstbeirat der Deutschen Bundespost den Entwurf von Herbert Kern aus. Die Entscheidung fiel einstimmig, wobei die künstlerische Eigenständigkeit und Überzeugungskraft des Vorschlags offenbar ausschlaggebende Kriterien gewesen sind.

 

Karl Marx-Jubiläumsbriefmarke von 1968 nach einem Entwurf von Herbert Kern.

 

In Kerns Entwurf entsteht das Motiv dadurch, dass der rote Grund schwarz überdruckt wird. So leuchtet das Marx-Porträt kräftig hervor. Erhöht wird die Prägnanz der Wirkung noch durch eine drucktechnische Raffinesse: Im Gegensatz zu Untergrund und Rahmung, die im Offsetdruck ausgeführt wurden, war das Marx-Konterfei selbst im Stahlstich gedruckt. Die beiden grafischen Techniken erzeugen recht unterschiedliche Wirkungen. Während der Offsetdruck für einen glatten und leicht glänzenden Hintergrund sorgt, wirken die gestochenen Flächen und Linien der Physiognomie des Porträtierten eher weich und samtig. Den Druck der Marke besorgte die Bundesdruckerei.

Am 29. April 1968 wurde die Sondermarke ausgegeben. Gültig war sie bis zum 31. Dezember 1969. Die Auflagenhöhe betrug 30.000.000. In ihrer potenziellen Verbreitung lag die Marx-Briefmarke damit weit über den 12.102.000 Exemplaren eines Markenblocks, den die Deutsche Bundespost 1968 anlässlich des Todestages von Konrad Adenauer drucken ließ. Deutlich unterboten wurde hingegen die Auflagenhöhe von 70.000.000 Exemplaren, in der im selben Jahr eine 30Pf-Europa-Marke gedruckt wurde.

Das Plakat der PO&PO POster Press, eines im Berliner Wedding ansässigen Siebdruckkollektivs aus dem politischen Umfeld der Protestbewegung, wurde ebenfalls 1968 gedruckt. Es reproduziert die Marx-Sondermarke in leichter Verfremdung: Waren die Schrift an den Rändern und der Nennwert der Marke in Original grau, so erscheinen sie jetzt auf dem Plakat in roter Farbe. Außerdem erweitern die West-Berliner Siebdrucker die Rahmung ganz unübersehbar durch die auf schwarzem Grund in weißen Lettern lesbare Frage „Können Sie das Geldproblem des 20. Jahrhunderts lösen?“ Sie hat offenkundig keinen direkten Bezug zur Wert- oder Geldtheorie von Marx, sondern ist wohl nur vor dem Hintergrund der wirtschaftspolitischen Lage Ende der 1960er-Jahre zu verstehen.

 

Zweitverwertung der Jubiläumsbriefmarke auf dem Plakat der PO&PO POster Press, ebenfalls 1968 veröffentlicht.

 

1966/67 geriet die Bundesrepublik erstmals nach dem Boom der Wirtschaftswunderjahre wieder in eine Rezession: ein Rückgang des Wirtschaftswachstums war zu verzeichnen, die Summe der Investitionen sank und die Zahl der Arbeitslosen stieg. Bald erhöhte sich auch die Inflationsrate. Obwohl die konjunkturpolitischen Maßnahmen der Großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger die Rezession schnell in den Griff bekamen, versetzten Geldwertverlust und Arbeitslosigkeit die stabilitätsverwöhnte bundesdeutsche Bevölkerung in Ungewissheit und Besorgnis.

Im Frühjahr 1968 löste die Geldpolitik der USA dann eine internationale Währungs- und Goldkrise aus. Während der Goldpreis in die Höhe schoss, sackte der Dollarpreis auf ein Rekordtief ab. Am 14. März verabschiedete der US-amerikanische Kongress ein Gesetz, das die Goldbindung des Dollars aufheben sollte. Auf Bitten des Präsidenten Lyndon B. Johnson blieb der Goldmarkt in London am nächsten Tag geschlossen, um den Spekulationsgeschäften Einhalt zu gebieten. Eine Währungskonferenz in Washington sollte die Neuordnung des Goldhandels durchführen. Da sich viele europäische Länder an Londons Beispiel orientierten, blieben die meisten großen Goldmärkte geschlossen. Lediglich der französische Präsident Charles de Gaulle lehnte die Schließung des Pariser Goldmarktes ab. Dort kam es angeblich zu chaotischen Szenen, als sich Spekulanten auf der Jagd nach lukrativen Goldgeschäften ihren Weg ins Parkett mit Faustschlägen und Fußtritten zu bahnen versuchten. Erst der Einsatz von Polizisten mit Schlagstöcken machte dem Tumult eine Ende. Am folgenden Montag, dem 18. März, brach der Goldkurs zusammen. Vor allem Kleinsparer verloren bis zu 400 DM pro Kilo-Barren. Einen Tag später, am 19. März 1968, unterzeichnete Johnson schließlich den „Gold Reserve Requirement Elimination Act“, der die Golddeckung des Dollars definitiv beendete. Eine bedeutende Ära der Nachkriegszeit kam zu ihrem Abschluss, läutete dieses Gesetz doch das Ende des Bretton-Woods-Abkommens ein, das seit 1944 ein System fester Wechselkurse und die Geldwertstabilität garantiert hatte. Die Folgen waren weitreichend, ja sie sind noch bis auf unsere Tage wirksam, denn die gegenwärtig vielbeschworene „Finanzialisierung des Kapitalismus“ hätte ohne Lyndon B. Johnsons Unterschrift nicht in Gang kommen können.

Zu Ehren des 200. Geburtstages von Karl Marx hat die Deutsche Bundespost erneut eine Sondermarke herausgegeben, die seit dem 3. Mai 2018 in Umlauf ist. Das Geldwertproblem ist selbstverständlich immer noch nicht gelöst und Marx in noch größere Ferne gerückt. Auf dieser Marke wird er erst bei gebotenem Abstand erkennbar.

 

Aktuelle Jubiläumsbriefmarke der Deutschen Post mit an Schraffurtechnik erinnernder Abbildung von Karl Marx.

Fußnoten

Quellen

  • 85 Stunden, in denen der Dollar wankte, in: Die Zeit 12/1968 (22.3.1968).
  • 200. Geburtstag Karl Marx, Thomas Mayfried, München, in: https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Bilder/Bildstrecken/Sondermarken/Programm_2018/1805_Karl_Marx.html, 14.06.2018.
  • Bonn – Dollarsanierung. Notopfer Vietnam, in: Der Spiegel 2/1968 (8.1.1968).
  • Briefmarke „Karl Marx *5.V.1818“. Ausgabetag: 29. April 1968. Michel-Katalog Nr. 558. In: Die Philatelie-DVD. Deutschland von 1849 bis 2006. Digitale Markensammlung der Deutschen Post. Bonn: Deutsche Post AG, Zentrale, Philatelie, 2006.
  • Gespaltenes Gold. Der Angriff auf den Dollar eben noch abgewehrt, in: Die Zeit 12/1968 (22.3.1968).
  • Karl Marx (150. Geburtstag), Martin Mißfeldt, in: https://www.briefmarken-bilder.de/brd-briefmarken-1968/karl-marx-geburtstag, 14.06.2018.
  • Kurzinformation über den Ersttagsstempel zur Gedenkmarke „Karl Marx“ in: Presse-Mitteilung des Bundesministeriums für das Post- und Fernmeldewesen Nr. 6/1968, S- 13f.
  • Mitteilung des Beirats für künstlerische Formgebung der amtlichen Graphik der Deutschen Bundespost zur Gedenkmarke „Karl Marx“, in: Presse-Mitteilung des Bundesministeriums für das Post- und Fernmeldewesen Nr. 5/1968, S. 22-24.
  • PO&PO POster Press, in: Archiv des Hamburger Instituts für Sozialforschung.
  • Verfügung Nr. 180/1968 „Karl-Marx-Gedenkmarke“, in: Amtsblatt des Bundesministers für das Post- und Fernmeldewesen, Ausgabe A, Jg. 1968, Nr. 39, S. 362.
  • Währung – Dollar-Krise. Flirt mit dem Desaster, in: Der Spiegel 13/1968 (25.3.1968).

Persönliche Mitteilungen

  • Emails von Klaus-Dieter Müller, Bundesministerium der Finanzen/Referat VB6 – Postwertzeichen, 29.1.2018.
  • Email von Sandra Schnorr, Deutsche Post AG, Zentrale/Konzernarchiv, 1.2.2018.
  • Telefonat mit Reinhard Küchler, Geschäftsstelle des Bunds Deutscher Philatelisten e.V. in Bonn am 16.2.2018.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.