Klassiker und Außenseiter

Zum 30. Todestag von Norbert Elias

Als Norbert Elias vor dreißig Jahren, am 1. August 1990, starb, hinterließ er ein breites Œuvre soziologischer Schriften. In seinen Fallstudien erforschte er Ritterspiele des Mittelalters, berühmte Musiker, Arbeitersiedlungen, die Entstehung des deutschen Nationalsozialismus, nomadische Stämme in Westafrika und den Hof des französischen Königs. Sein berühmtestes Werk Über den Prozeß der Zivilisation zählt bis heute zu den Klassikern der internationalen Soziologie; die Taschenbuchausgabe verkaufte sich mehrere hunderttausend Mal.[1] Darin untersuchte Elias die Entstehung der europäischen Nationalstaaten sowie den Zusammenhang zwischen der individuellen Koordination psychologischer Bedürfnisse einerseits und den sich daraus ergebenden Folgen andererseits, namentlich eine zunehmende Triebkontrolle und die weitgehende Befriedung gesellschaftlicher Spannungen. Elias erschloss damit eine Analyseebene, die philosophische, psychologische und kulturwissenschaftliche Ansätze zu einem neuen soziologischen Zugang kombinierte. Mit dem Klassiker, der bereits in den 1930er-Jahren entstand, schuf er eine zeitlose Schrift, die sich noch heute so aktuell liest wie vor achtzig Jahren. Die Zivilisierung von Verhaltensweisen lässt sich sowohl auf die Corona-Pandemie und die durch sie auferlegten Hygienevorschriften übertragen[2] wie auch auf die Diskussionen zu #BlackLifeMatters.

 

Das Leben eines Außenseiters

Norbert Elias gehörte einer gesellschaftlichen Minderheit an. Als Jude 1897 in Breslau geboren gestaltete sich sein Verhältnis zu Deutschland ambivalent. Er wuchs in einem patriotischen Umfeld auf, das sich mit dem Deutschtum identifizierte und in dem Bildung als hohes Ideal galt. Zum familiären und freundschaftlichen Umfeld, in dem er als Einzelkind groß wurde, gehörten unter anderem die Philosoph*innen Ernst Cassirer, Edith Stein und Julius Stenzel. Elias besuchte ein Gymnasium, an dem er viel über die kulturelle Größe Deutschlands vermittelt bekam. Seine daraus resultierende Identifikation mit der deutschen Kultur erhielt erste Brüche, als er als Soldat im Ersten Weltkrieg dienen musste und verletzt wurde. Elias erkannte, dass der Krieg keinesfalls so edel und heroisch war, wie es die Aufrufe zu den Waffen suggeriert hatten. Nach dem Krieg brach er sein Medizinstudium ab, um sich der Philosophie zu widmen. Seine noch philosophisch verklausulierte Dissertation über Idee und Individuum von 1922 zeigt, dass ihn zu dieser Zeit bereits gesellschaftliche Fragestellungen umtrieben.[3] In seinem damals schon in Ansätzen erkennbaren soziologischen Forschungsprogramm sollte sich Elias einige Jahre später kritisch mit der idealistischen Strömung der Philosophie auseinandersetzen. Er lehnte Ideologien als Leitbilder des menschlichen Zusammenlebens ab und war daran interessiert, zu realistischen Einschätzungen über die Möglichkeiten menschlichen Handelns in gesellschaftlichen Konstellationen zu gelangen. Bei der Untersuchung von Handlungsoptionen und Verhaltensweisen kam ihm auch sein physiologisches Wissen aus dem abgebrochenen Medizinstudium zugute.

Nach der Dissertation war Elias zunächst aus finanziellen Gründen gezwungen, in der Industrie zu arbeiten, denn das familiäre Vermögen war durch die Inflation geschwunden. Als er im Zuge der wirtschaftlichen Rezession in Breslau seine Anstellung verlor, entschied er sich, den mit der Dissertation eingeschlagenen akademischen Weg weiter zu verfolgen. Er nahm unter materiell bescheidenen Verhältnissen ab 1925 ein Habilitationsstudium bei Alfred Weber in Heidelberg auf, das er ab 1930 in Frankfurt am Main bei Karl Mannheim fortsetzte. Dort arbeitete er als Universitätsassistent und betreute in den folgenden Jahren zahlreiche Abschlussarbeiten. Seine eigene Habilitationsschrift, Der höfische Mensch, zeigt, dass Elias die Wechselbeziehungen zwischen den an Herrschaft beteiligten Menschen als ein permanentes Abwägen und Ausbalancieren von Machtchancen verstand. Er setzte sich kritisch mit der Herrschaftssoziologie Max Webers auseinander und entwickelte eine aus soziologischer Sicht differenzierte Sicht auf Machtverhältnisse. Die Habilitation hätte ihn wahrscheinlich schon damals zu einem berühmten Soziologen gemacht, wenn er nicht vor den Nationalsozialisten hätte fliehen müssen. Nach erfolglosen Versuchen in der Schweiz und in Frankreich erhielt er in Großbritannien dauerhaftes Asyl. Ab 1935 saß er im Lesesaal der British Library und schrieb sein berühmtestes Buch Über den Prozeß der Zivilisation.

Es war das erste Buch, das Elias abschließen und veröffentlichen konnte – allerdings nur in deutscher Sprache. So war die Rezeption auf die Niederlande und deutschsprachige Exilanten beschränkt, die das Werk zwar sehr lobten, für Elias’ weiteren Weg jedoch von geringem Nutzen waren. In Großbritannien erhielt er Anschluss an die London School of Economics, allerdings nicht als regulärer akademischer Mitarbeiter, sondern zunächst mit einem Flüchtlingsstipendium und später mit gering dotierten Stellen als Tutor. Die Bewerbung um das hochwertige Leon-Stipendium scheiterte. Somit war es Elias nicht möglich, seine im Nationalsozialismus verfolgten Eltern nachzuholen. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde Elias aufgrund seiner deutschen Herkunft in Großbritannien interniert, seine Mutter kam kurz darauf ins Konzentrationslager Theresienstadt. Ein paar Briefe, die sie über das Rote Kreuz verschickt hatte, dokumentieren ihr Schicksal, das mit der Ermordung in Treblinka endete.

Nach seiner Freilassung, knapp ein Jahr nach der Internierung, schien Elias’ akademische Karriere aussichtslos: Er hatte sich mit seiner Soziologie kein Gehör verschaffen können, war mittellos und ohne Anstellung. In den folgenden eineinhalb Jahrzehnten baute er sich mühselig eine neue Existenz als Nachhilfelehrer und als Dozent in der englischen Worker’s Education auf, die in etwa dem deutschen Volkshochschulwesen entspricht. Immer noch in bescheidenen Verhältnissen lebend, verfasste er seine ersten englischsprachigen Artikel, die im British Journal of Sociology erschienen.

1954, mit immerhin 57 Jahren, wurde Elias schließlich doch noch Lecturer an der University of Leicester. So wurde die von Industrie geprägte Arbeiterstadt in Mittelengland zum Ort seines Wirkens für die nächsten acht Jahre. Hier entstand seine bekannte Studie über Etablierte und Außenseiter:[4] Basierend auf einer studentischen Abschlussarbeit beobachtete Elias in einem Vorort von Leicester, wie sich Menschen gegenüber Neuankömmlingen verhalten; auf die Erkenntnisse der Untersuchung werden wir weiter unten näher eingehen. Vordergründig beschäftigte sich die Studie mit verschiedenen Gruppen derdort ansässigen Arbeiterklasse. Aber wer das Buch aufmerksam liest, erkennt die biografischen Erfahrungen des Autors, die in die Studie einflossen: Zum einen konnte er bereits als Kind und Jugendlicher beobachten, wie sich jüdische Neuankömmlinge in Breslau einfinden und rechtfertigen mussten; zum anderen wurden er und seine Familie im damals noch zu Deutschland gehörenden Breslau zunehmend ausgegrenzt, dann verfolgt. Im Exil in Frankreich und nicht zuletzt als Soziologe an britischen Universitäten fühlte sich Elias stets als Außenseiter. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Leicester-Zeit war die Sportsoziologie, die er in enger Zusammenarbeit mit seinem Schüler Eric Dunning entwickelte.

1962 erhielt und ergriff Elias dann die Gelegenheit, im ghanaischen Accra eine Gastprofessur zu übernehmen und blieb dort bis 1965. Zwischenzeitlich war er vom deutschen Staat entschädigt worden für die Einziehung der elterlichen Konten und den Verlust seiner Universitätsstelle, zudem bekam er eine britische Rente. Dadurch konnte er sich zahlreiche Reisen, unter anderem nach Deutschland, leisten. Elias nahm an den Deutschen Soziologentagen teil, im Wintersemester 1965/1966 war er Gastprofessor in Münster, wo er seinen lebenslangen Freund Hermann Korte kennenlernte, weitere Stationen in Konstanz, Bochum und Frankfurt folgten. Besonders erwähnenswert ist seine Tätigkeit an der Universität Bielefeld, wo er von 1978 bis 1984 zeitgleich mit Reinhart Koselleck, Hans-Ulrich Wehler und Niklas Luhmann wirkte. Nun, finanziell besser gestellt und sozial anerkannt, konnte er Bücher fertigstellen, zu denen bis dato nur Notizen und Manuskripte existiert hatten. Das Buch über den höfischen Menschen, das er 1933 nicht mehr hatte veröffentlichen können, erschien erstmals 1969 unter dem Titel Die höfische Gesellschaft.[5] Durch seine rege Vortragstätigkeit – Elias gab zahlreiche Radio- und Fernsehinterviews – wuchs seine Bekanntheit in Deutschland, in den 1980er-Jahren zählte er zu den öffentlichen Intellektuellen der Bundesrepublik. 1977 erhielt er den Theodor-W.-Adorno-Preis, den er als späte Anerkennung seiner Heimat annahm. Entsprechend richteten sich die Spätwerke Beobachtungen zur Entwicklung der Menschheit am 40. Jahrestag dieser Friedenszeit,[6] Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen[7] und Mozart[8] vor allem an ein deutsches Publikum. Auf dem DGS-Kongress 1982 hielt Elias einen Grundsatzvortrag über den „Rückzug der Soziologen auf die Gegenwart“, in dem er versuchte, der deutschen Soziologie eine neue Richtung zu geben. Ihm zufolge bauten sich die Theorieentwürfe deutscher Soziolog*innen als eine „Konstruktion von Gedankengebilden so hoch in die Luft”, dass sie „wie bei einem Geheimcode”[9] die Parteinahme der Autor*innen innerhalb gesellschaftlicher Konflikte verschleiern würden. Der Vorwurf war Ausdruck seiner Rolle des von außen kommenden und damit unabhängigen deutschen Intellektuellen: Er war Deutscher und gehörte doch nicht recht dazu.

In einer biografischen Rückschau anlässlich des 30. Todestags darf nicht unerwähnt bleiben, wie erschrocken Elias über die Wahlerfolge der Republikaner war, sodass er Bielefeld und Deutschland zum Ende seines Lebens verließ. Er wusste zwar zwischen einer ihm wohlgesonnenen Mehrheit der Deutschen und der rechtsradikalen Minderheit zu differenzieren, dennoch zog er kurz vor seinem Tod nach Amsterdam; in den Niederlanden hatte sich dank Johan Goudsblom seit den 1950er-Jahren eine umfangreiche Elias-Rezeption und Wertschätzung für sein Werk entwickelt.

Die in seinem letzten Lebensjahr dank der Edition von Michael Schröter erschienen Studien über die Deutschen sind ein völlig unterschätzter letzter Elias-Klassiker – ein Vermächtnis seines Verhältnisses zu Deutschland.[10] Auch darin versuchte Elias, menschliche Universalien auszumachen und aus den konkreten Abläufen einer Gesellschaft soziologische Gesetzmäßigkeiten abzuleiten, die sich auf andere Gesellschaften übertragen lassen. Nur war Gegenstand diesmal sein Herkunftsland, dessen Generationen- und Regionalkonflikte er auf kluge Art und Weise betrachtete. Es ist eine der Fragestellungen, die Elias bis zuletzt beschäftigte, wie die Triebkräfte des Widerstreits unterschiedlicher Interessen zum Aufstieg Adolf Hitlers führten, der es wiederum verstanden hatte, zur Projektionsfläche verschiedenster Wunschvorstellungen zu werden.

 

Das Werk eines Menschenwissenschaftlers und seine Rezeption[11]

Wie eingangs erwähnt, stehen die als Hauptwerk geltenden Prozeß-Bände im Mittelpunkt der heutigen Elias-Rezeption. Abgesehen vom schieren Umfang des Werks, das in seiner zweibändigen Taschenbuchversion mehr als 1.100 Seiten umfasst, gibt es dafür gute inhaltliche Gründe. Die beiden Bände können in gewisser Hinsicht als paradigmatisch für Elias’ prozesssoziologischen Ansatz gelten: Da ist zum einen die historische Langzeitperspektive, die er mit seiner Rekonstruktion der Verhaltensänderungen von Europas weltlichen Oberschichten sowie den korrespondierenden gesellschaftlichen Entwicklungen entfaltet. Elias zeigt, dass sich eine Gesellschaft und ihre Mitglieder nicht allein aus den akuten Manifestationen und den aktuell herrschenden Bedinungen heraus verstehen lassen, sondern dass die soziologische Beobachtung auch ihr Gewordensein zu berücksichtigen hat. Ein solches Gesellschaftsverständnis und Menschenbild erfordern eine andauernde Betrachtung sozialer Prozesse. Diesen Ansatz verfolgt Elias auch in den Studien über die Deutschen, in denen er die extensive Gewalt des Dreißigjährigen Krieges in den Blick nahm, um die Genese des spezifisch deutschen „Nationalcharakters“ nachzuzeichnen, der den Aufstieg des Nationalsozialismus sowie den damit einhergehenden „Zusammenbruch der Zivilisation“ erst möglich machte. Zum anderen arbeitete Elias in seiner Untersuchung zum europäischen Zivilisationsprozess materialreich und theoretisch überzeugend ein Modell der Interdependenz von Sozio- und Psychogenese heraus: Wenn sich die Beziehungen zwischen den Menschen wandeln, verändert dies auch die Menschen selbst, da sie von größeren sozialen Umschwüngen niemals unberührt bleiben. Dies ist ein zentrales Merkmal der Elias’schen Zivilisationstheorie sowie seiner Prozesssoziologie insgesamt und gilt bis heute als einer der wenigen Ansätze, denen es gelingt, überzeugend zwischen mikro- und makrosoziologischen Perspektiven vermitteln.[12]

Die Aufmerksamkeit, welche den Prozesß-Bänden zu Recht zukommt, hat leider auch dazu geführt, dass andere Teile von Elias’ vielseitigem soziologischen Werk wenig Beachtung fanden. Dies gilt allerdings nicht für Etablierte und Außenseiter, die oben bereits erwähnte Studie, die Elias zusammen mit John L. Scotson 1965 auf Englisch veröffentlichte. Insbesondere mit der etwa fünfzigseitigen Einführung zur deutschen Taschenbuchausgabe des Buches[13] hat Elias einen originellen Beitrag zur Soziologie sozialer Ungleichheit geleistet, der beispielsweise in Annette Treibels migrationssoziologische Arbeiten einging.[14] Anhand eines lokalen Konflikts zwischen zugezogenen und alteingesessenen Arbeitern im britischen Vorwort Winston Parva[15] zeigte Elias auf, wie Etablierte-Außenseiter-Beziehungen eine universale Dynamik entwickeln. Es sind die gleichen Mechanismen, mit denen Menschen allerorten beginnen, Unterschiede zu konstruieren, um sich voneinander abzugrenzen und den eigenen Status zu erhalten. Während sich sozialstrukturell und demografisch zwischen Alteingesessenen und Neuankömmlingen in Winston Parva kaum Unterschiede ausmachen ließen, orientierte sich die Selbsteinschätzung der Etablierten an den Vorbildlichsten aus ihrem Mitgliederkreis, während ihr Bild von den Außenseitern durch das abweichende Verhalten einiger weniger Neuankömmlinge geprägt wurde. Durch diese pars pro toto-Verzerrung teilten die Etablierten ein Gruppencharisma, während sie den Außenseiter eine Art Gruppenschande zuschrieben. Die dadurch entstandenen Kollektivbilder wurden interessanterweise von beiden Gruppen gleichermaßen geteilt, sprich, die Außenseiter hielten sich häufig auch selbst für krimineller, fauler und ingesamt minderwertig gegenüber der Gruppe der Etablierten. Als Kern und Motor dessen identifizierte Elias die Machtunterschiede zwischen beiden Gruppen, die im untersuchten Fall einzig daraus resultierten, dass die Etablierten bereits länger im Ort lebten und dadurch eine größere Kohäsion aufwiesen, während die Zugezogenen entsprechende Bindungen untereinander und zu den Etablierten erst aufbauen mussten. Der soziale Vorsprung half den Etablierten, über vielfältige Kommunikationskanäle und Praktiken das eigene Gruppencharisma sowie die Gruppenschande der Außenseiter zu (re-)produzieren – und damit letztlich auch ihre Vormachtstellung in der Gemeinde auf- und auszubauen.

Weitere Beachtung verdient Norbert Elias’ Einführung Was ist Soziologie?,[16] in der er anhand der Auseinandersetzung mit zentralen Themen des Fachs sowie soziologischen Gründergestalten wie Auguste Comte und Karl Marx konsequent sein eigenes soziologisches Denken entfaltet. Unter anderem geschieht dies durch die Einführung des Konzepts der „Figuration“, das er einem verdinglichten und egozentrischen Gesellschaftsbegriff entgegensetzen möchte. Denn in Elias’ Auffassung handelt es sich bei dem, was Soziolog*innen für gewöhnlich als „Staat“, „Klasse“ oder „Gesellschaft“ bezeichnen, um spezifische Beziehungsgeflechte wechelseitig voneinander abhängiger Menschen. Zuletzt nahm der Sonderforschungsbereich 1265 „Re-Figuration von Räumen“, der aus Perspektive verschiedener Disziplinen die Veränderung sozialräumlicher Ordnungen seit den 1960er-Jahren untersucht, prominent Bezug auf den Elias’schen Figurationsbegriff.[17]

Schließlich soll dieser Beitrag noch skizzieren, welches Instrumentarium die bis hierher beschriebene Prozess- und Figurationssoziologie bereithält, um sich den sozialökologischen Krisen und Konflikten der Gegenwart analytisch zu nähern. Denn der „neuen geo-sozialen Frage“ kommt nach Bruno Latour im 21. Jahrhundert eine ähnlich entscheidende Bedeutung zu wie der sozialen Frage im 19. Jahrhundert.[18] Wenn sich Latours Diagnose nur ansatzweise als richtig erweist, sollte und wird dies auch in der soziologischen Forschung einen wachsenden Stellenwert einnehmen. Dass Elias hierzu etwas beitragen kann, mag zunächst überraschen, fand seine Theorie in der Umweltsoziologie doch bislang nur wenig Beachtung. Einen ersten Anknüpfungspunkt bieten seine Arbeiten zur Wissenssoziologie, veröffentlicht unter dem Titel Engagement und Distanzierung.[19] Dort skizzierte Elias eine „große Evolution"[20] verschiedener ineinander verschachtelter Integrationsebenen des Universums, von subatomaren Teilchen über die Biosphäre bis zu menschlichen Gesellschaften.[21] Das integrative Modell versucht, die für moderne Epistemologien so typische dichotome Gegenüberstellung von Natur und Kultur beziehungsweise Natur und Gesellschaft zu überwinden. Die Aufhebung derartiger Dichotomien ist auch das Anliegen Bruno Latours, allerdings finden sich bei ihm streckenweise starke metaphysische Aufladungen. Anders bei Elias: Ihm zufolge entwickeln sich menschliche Gesellschaften zwar in relativer Autonomie von den biologisch-physikalischen Prozessen, zudem hat die Spezies Mensch im Laufe ihres Zivilisationsprozesses enorme Fähigkeiten erlangt, um auf diese Prozesse einzuwirken. Dennoch handelt es sich hierbei nach wie vor um eine relative Autonomie und Menschen bleiben als Naturgeschöpfe unauflöslich von der nichtmenschlichen Natur abhängig. Daher kritisiert Elias auch den Begriff der „Umwelt“ und zwar nicht allein in der Soziologie, sondern auch in seiner Verwendung für andere Organismen: Denn „zum mindesten bei allen Gattungen, die sich geschlechtlich fortpflanzen, [fügt sich] die Beziehung des einzelnen Organismus zu seinesgleichen ganz und gar nicht in den Begriff der ‚Umwelt‘. In sehr vielen Fällen ist der einzelne Organismus konstitutionell auf ein zeitweiliges oder permanentes Zusammenleben mit anderen Artgenossen abgestellt.“[22]

Auch weitere Arbeiten, die nicht im eben dargestellten Zusammenhang entstanden, bieten Anknüpfungspunkte für die soziologische Bearbeitung der sozialökologischen Krisen der Gegenwart. Beispielsweise hat Wolf Lepenies in einem Essay aus dem Jahr 2016 die Klimakrise mit Elias’ Zivilisationstheorie ausgeleuchtet und attestierte dabei dem Pariser Klimaschutzabkommen „alle Zeichen einer zivilisatorischen Utopie“: „Hier werden die zentralen Elemente des zivilisatorischen Prozesses in bisher ungeahnter Weise gesteigert. Das gilt für das politische Handeln auf lange Sicht ebenso wie für die Selbstdisziplinierung ganzer Nationen.“[23] Auch anhand des Phänomens „Flugscham“ lässt sich Elias’ Zivilisationstheorie auf die Bearbeitung der Klimakrise beziehen. Erste Berichte hierzu tauchten in Schweden auf, mittlerweile ist sie auch aus dem englisch- und deutschsprachigen Raum bekannt: Menschen entwickeln aufgrund der stark klimaschädlichen Wirkung des Fliegens Schamgefühle, wenn sie ein Flugzeug als Transportmittel benutzen. Elias beschreibt Scham in seiner Zivilisationstheorie als eine grundlegende soziale Emotion. Schamgefühle sind ihm zufolge ein spezielles Unlustempfinden, das sich dann einstellt, wenn jemand die Verhaltens- und Empfindensstandards einer stilbildenden sozialen Gruppe schon teilt, aber noch nicht in der Lage ist, den daraus resultierenden Anforderungen konsequent zu entsprechen. So verstanden sind Scham- und auch Peinlichkeitsgefühle Ausdruck einer Umwandlung, die für den Prozess der Zivilisation kennzeichnend ist: Gesellschaftliche Fremdzwänge werden zu internalisierten Selbstzwängen. Was bedeutet dies nun für die Flugscham, von der insbesondere jüngere Menschen berichten? Möglicherweise handelt es sich hierbei um eine Anpassung des individuellen Verhaltens an eine bestimmte Form ökologischer Nachhaltigkeit, so gesehen um das psychogenetische Pendant zu den von Lepenies beschriebenen Veränderungen auf gesellschaftlicher und staatlicher Ebene im Umgang mit der Klimakrise.[24]

Auch um die rezenten Formen des Klimaaktivismus, wie er sich beispielsweise im politischen Engagement der Fridays for Future-Bewegung manifestiert, zu verstehen, finden sich in der Soziologie von Norbert Elias wichtige Hinweise. Er interpretierte bereits die bundesrepublikanische 68er-Bewegung, einschließlich des aus ihr hervorgegangenenen Linksterrorismus als Ausdruck eines sozialen Generationenkonflikts. In seinen Studien über die Deutschen heißt es: „So gesehen brachte die Organisierung einer außerparlamentarischen Opposition offen zutage, was latent in jeder Gesellschaft mit einem monopolistischen Parteienregime anzutreffen ist: die Existenz vor allem junger Außenseitergruppen, die aufs stärkste politisch motiviert sind, die – wie immer sie es selbst deuten mögen – an den öffentlichen Problemen ihrer Gesellschaft aktiv Anteil nehmen, ohne dass die offiziellen Institutionen ihnen eine Möglichkeit einräumen, dieses Interesse zur Geltung zu bringen.“[25] Die Parallelen zu Fridays for Future sind offensichtlich. Die meisten offiziellen Wege, an den ihre Zukunft betreffenden Entscheidungen mitzuwirken, sind den Aktivist*innen versperrt – die nicht unbeträchtliche Anzahl an Schüler*innen unter ihnen hat noch nicht einmal die Möglichkeit, an demokratischen Wahlen teilzunehmen. So bleibt ihnen einzig die Bildung einer Art ‚außerparlamentarischen Opposition‘ in Form von Schulstreiks und Demonstrationen. So ist auch die aktuelle SINUS-Jugendstudie der empirische Beleg dessen, worauf die Proteste der Fridays for Future-Bewegung verweisen: Die Klimakrise beunruhigt nahezu alle der befragten Jugendlichen, darüber hinaus haben sie den Eindruck, dass die Protagonist*innen in Politik und Wirtschaft nicht ernsthaft genug daran interessiert sind, der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen entgegenzuwirken.[26] Generationenkonflikte gehören nach Elias zu den stärksten Antriebskräften der gesellschaftlichen Dynamik.[27] Daher mag es für die Erreichung der gesellschaftlichen Klimaziele und die damit einhergehenden Transformationsanforderungen wichtig, wenn nicht gar notwendig sein, dass sich weltweit so viele der jüngeren Menschen nachdrücklich für den Schutz der Umwelt und des Klimas einsetzen. Denn, so schrieb Norbert Elias bereits über die konventionelle Umweltbewegung zu seiner Zeit: „Die Situation der ‚Natur‘ auf dieser Erde hängt in letzter Instanz immer von der Situation der Menschheit und besonders von ihren Machtverhältnissen ab.“[28]

Fußnoten

[1] Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, 2 Bde., Frankfurt am Main 1976.

[2] Reinhard Blomert, Händewaschen nie vergessen! [4.8.2020], in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.4.2020.

[3] Wieder abgedruckt in Norbert Elias, Frühschriften, bearb. von Reinhard Blomert, in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 1, Frankfurt am Main 2002, S. 29–72.

[4] Norbert Elias / John L. Scotson, Etablierte und Außenseiter, übers. von Michael Schröter, Frankfurt am Main 1993.

[5] Norbert Elias, Die höfische Gesellschaft. Untersuchungen zur Soziologie des Königtums und der höfischen Aristokratie mit einer Einleitung: Soziologie und Geschichtswissenschaft, Neuwied/Berlin 1969.

[6] Norbert Elias, Conditio humana – Beobachtungen über die Entwicklung der Menschheit, Vortrag von Norbert Elias im Rahmen der vom Rektorat der Universität Bielefeld veranstalteten Reihe „8. Mai 1945–8. Mai 1985“, Bielefeld 1986.

[7] Norbert Elias, Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen, Frankfurt am Main 1982.

[8] Norbert Elias, Mozart. Zur Soziologie eines Genies, hrsg. von Michael Schröter, Frankfurt am Main 1993.

[9] Norbert Elias, Über den Rückzug der Soziologen auf die Gegenwart, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 35 (1983), S. 29–40, hier S. 30.

[10] Norbert Elias, Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert, hrsg. von Michael Schröter, Frankfurt am Main 1989.

[11] Unter diesem Begriff verstand Elias alle Wissenschaften, die sich mit der Integrationsebene der Menschen befassen: Humanmedizin und -biologie, Psychologie und Sozialwissenschaften, inklusive der Soziologie. Entsprechend ist der „Menschenwissenschaftler“ auch eine von ihm verwendete Selbstbezeichnung, war er doch an einer vollumfänglichen Erklärung menschlicher Existenz interessiert.

[12] Siehe Nicos Mouzelis, Sociological Theory. What Went Wrong? Diagnosis and Remedies, London / New York 1995. Eine ähnliche Verbindung von Mikro- und Makrosoziologie wird auch Pierre Bourdieu mit seinem Habitus-Ansatz sowie Anthony Giddens’ Konzept der Dualität von Strukturen zugesprochen. Es wird kein Zufall sein, dass Bourdieu Elias in verschiedenen Interviews als Vorbild bezeichnete und dass Anthony Giddens als Student der Soziologie an der Universty of Leicester Seminare bei Norbert Elias besuchte.

[13] Norbert Elias, Zur Theorie von Etablierten-Außenseiter-Beziehungen, in: ders./Scotson, Etablierte und Außenseiter, S. 7–56.

[14] Annette Treibel, Migration in modernen Gesellschaften. Soziale Folgen von Einwanderung, Gastarbeit und Flucht, Weinheim 2011.

[15] Der Ort ist im Buch als Winston Parva pseudonymisiert. Die Studie führten Elias und Scotson im Leicester Vorort South Wigston durch; der tatsächliche Ort wird mittlerweile in der englischen Ausgabe genannt.

[16] Norbert Elias, Was ist Soziologie?, München 1970.

[17] Siehe das Forschungsprogramm des SFB 1264, Re-Figuration von Räumen [4.8.2020].

[18] Bruno Latour, Das terrestrische Manifest, übers. von Bernd Schwibs, Berlin 2018, S. 76.

[19] Norbert Elias, Engagement und Distanzierung. Arbeiten zur Wissenssoziologie I, hrsg. und übers. von Michael Schröter, Frankfurt am Main 1987.

[20] Ebd., S. 187 ff.

[21] Ebd., S. 230.

[22] Ebd., S. 231.

[23] Wolf Lepenies, Wo bitte geht es hier nach Utopia?, in: Die Welt, 5.1.2016, S. 21.

[24] Eine erste Antwort auf Fragen dieser Art hat Amanda Rohloff gegeben, wobei sie zivilisierende und entzivilisierende Potenziale der „moralischen Panik“ in Bezug auf den menschengemachten Klimawandel diagnostiziert. Dies., Climate Change, Moral Panics and Civilization, London / New York 2019.

[25] Elias, Studien über die Deutschen, S. 327.

[26] Marc Calmbach et al., Wie ticken Jugendliche? 2020 Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland, SINUS-Jugendstudie, Bonn 2020, S. 405.

[27] Elias, Studien über die Deutschen, S. 315.

[28] Norbert Elias, Über die Natur, in: Merkur 40 (1986), 6, S. 469–481, hier S. 481.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.