Marx' Schatz

Über Reichtümer jenseits von Kapital im "Kapital"

Selbstverständlich geht es in Das Kapital um Kapital. Schließlich handelt es sich bei dem Werk, so Robert Menasse, um den „bedeutendsten bürgerlichen Bildungs- und Entwicklungsroman“, in dem erstmals ein „kollektiver Hauptheld“ begegnet. „Dieser Held heißt ‚Kapital‘. Marx erzählt, wie dieser Held auf die Welt kam, wuchs und größer wurde, welchen Widerständen er sich in seiner Adoleszenz gegenüber sah, wie er diese Widerstände besiegte, seinen einflussreichen und vernünftigen Platz in der Gesellschaft fand, und wie er schließlich zugrunde ging und starb.“[1] Zwar mag, mit dem berühmten ersten Satz gesprochen, der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, als eine ungeheure Warensammlung erscheinen, letztlich ist die Ware aber ebenso wie Geld und Produktionsanlagen lediglich eine Form, in der sich der Kapitalwert ausdrückt – eben als Warenkapital, Geldkapital oder produktives Kapital.

Die der kapitalistischen Gesellschaft eigentümliche Form von Reichtum ist diejenige akkumulierten Kapitals. Eine solche Position findet in Marx einen ihrer Kronzeugen. Zwar mag es im Kapitalismus noch andere Reichtümer geben, doch ist deren Anhäufung Ausdruck einer nostalgischen und sentimentalen Haltung. Im besten Fall lassen sich diese Reichtümer kapitalisieren. Im schlechtesten Fall sind sie Akkumulationshindernis. Unter diese Kategorie fällt eine Form von Reichtum, die eher in der Welt zeitloser Piratengeschichten, mittelalterlicher Epen oder moderner Fantasy zuhause zu sein scheint als in kapitalistischen Gesellschaften – der Schatz. Schätze werden im Unterschied zu Kapital nicht akkumuliert, sondern gehortet. Einmal zusammengetragen, haben sie, wieder im Unterschied zu Kapital, nicht die Tendenz, gleichsam aus sich heraus immer weiter anzuwachsen; zumindest werden sie nicht mit dem Ziel gehortet, sich durch produktiven und profitablen Einsatz ihrer selbst beständig zu vergrößern. Ein Schatzhort vergrößert sich, indem andere gefundene oder erbeutete Schätze hinzugefügt werden, ohne dass ein bestimmter Einsatz der zuvor bereits vorhandenen Schätze zwingende Voraussetzung dafür wäre. Darüber hinaus sind Schätze, deren konkrete materielle Gestalt nie völlig bedeutungslos ist, weniger flüchtig als Kapital, das sich mal als Ware, mal als Geld, mal als Produktionsanlage materialisiert.

Solche Unterscheidungen entgehen freilich einer Ökonomie, die, wie im Fall von Thomas Piketty, „Grund und Boden, Immobilien, Maschinen, Unternehmen, Aktien, Obligationen, Patente, Viehbestand, Gold, Bodenschätze usw.“ unter einer Überschrift abhandelt. Ungeachtet etwaiger Unterschiede adressiert Piketty all das als Kapital, was „auf einem Markt besessen und ausgetauscht werden“ kann. „Alle Kapitalarten“, so schreibt er, „haben stets eine zweifache Rolle gespielt: einerseits als Wertreserve und andererseits als Produktionsfaktor“.[2] Diese Perspektive, für die der Umgang mit abstraktem Reichtum wichtiger ist als die Materialität konkreter Reichtümer, aktualisiert eine Theorietradition, die im Kapital angelegt ist. So betonte schon Werner Sombart (mit Bezug auf Marx), Kapital sei kein „Dingbegriff“, sondern ein „Funktionsbegriff“. Er bringe die „Beziehung einer Tauschwertsumme in einem bestimmten Zweckzusammenhang“ zum Ausdruck. Deshalb seien Sachgüter stets nur Symbole beziehungsweise Erscheinungsformen von Kapital.[3]

Demgegenüber setzt die Schatzperspektive andere Akzente. Während Kapital, ganz gleich, woraus es besteht, in der Regel auf aggregiertes Vermögen verweist, das zum Zweck der Generierung von zukünftigem und zusätzlichem Einkommen verwendet wird, verfolgt die Schatzbildung unterschiedliche Zwecke. Die demonstrative Zurschaustellung eines Schatzes ebenso wie seine – verschwenderische oder strategische – Aufwendung für Gaben und Geschenke zielen auf Status und Ansehen, Einfluss und Gefolgschaft.

Lässt sich der Schatz also als Gegenspieler zum vermeintlich übermächtigen Kapital in Stellung bringen? Ist das Horten von Schätzen der Griff zur Notbremse angesichts einer enthemmten und grenzenlosen Akkumulation von Kapital? Marx jedenfalls nahm die Herausforderung an, die der Schatz für seinen Protagonisten, das Kapital, potenziell darstellt. Und so begegnet dieser heimliche Antagonist mehr als einmal in der Kritik der politischen Ökonomie und jedes Mal in Relation zum Problem der Kapitalakkumulation: als Bodenschatz, als ‚versteinertes Geld‘, als Reservefonds.

Freilich, Marx war nicht der engagierteste Schatzjäger. Diese Rolle übernahmen eher Archäologen und Ethnologen. Aus deren Warte ist der Schatz nicht Geld-Schatz, vielmehr bezeichnet er Reichtümer, die über ganz eigene Qualitäten verfügen. Archäologie und Ethnologie erinnern zudem daran, dass Reichtümer nicht immer und oft nicht einmal in erster Linie eine Ressource der Kapitalakkumulation sind. Die Konfrontation dieser Perspektive mit derjenigen, die Marx in seiner Politischen Ökonomie favorisiert, erlaubt es, Schätze als etwas in den Blick zu nehmen, das die kapitalistische Ordnung der Dinge nachhaltig irritieren kann.

 

I.

Die Besonderheit der „extraktiven Industrien“, so Marx, liege darin, dass der Arbeitsgegenstand hier nicht Produkt vorangegangener Arbeit ist, sondern „von der Natur gratis geschenkt.“ Es sind die Schätze der Erde, deren Ausbeutung eine der Triebkräfte kapitalistischer Akkumulation ist. Ihre Einverleibung erlaubt es dem Kapital, „die Elemente seiner Akkumulation auszudehnen, jenseits der scheinbar durch seine eigne Größe gesteckten Grenzen, gesteckt durch den Wert und die Masse der bereits produzierten Produktionsmittel, in denen es sein Dasein hat.“[4] So gesehen trägt die ursprüngliche Akkumulation einerseits Züge eines ursprünglichen Geschenks, andererseits eines ursprünglichen Schatzraubs. Folglich dienten die Gold- und Silberschätze der Neuen Welt nicht nur der Ersetzung einer durch Verschleiß verzehrten Geldmasse, sondern auch, und wichtiger noch, der Vergrößerung dieser Geldmasse. Letzteres ist Voraussetzung dafür, dass „die Wertsumme der jährlich produzierten und zirkulierten Warenmasse“ ihrerseits wächst, die kapitalistische Produktionsweise sich also „in größerm Umfang und tiefrer Durchbildung“ zu entwickeln vermag. Allerdings, so Marx, sei die Sache „nicht so zu verstehn, daß erst eine hinreichende Schatzmasse gebildet wird und dann die kapitalistische Produktion beginnt. Sondern sie entwickelt sich gleichzeitig mit der Entwicklung ihrer Bedingungen, und eine dieser Bedingungen ist eine genügende Zufuhr von edlen Metallen.“[5] Der Schatzbegriff verweist in diesem Zusammenhang auf einen ‚unverdienten‘ (weil nicht durch den Einsatz zusätzlicher Produktionsmittel produzierten) Reichtum. Der Kapitalist bemächtigt sich dieses Geschenks natürlich gern, verspricht es ihm doch zusätzliche Gewinne und kann als Anschubfinanzierung neuer beziehungsweise der Vergrößerung bestehender Geschäfte dienen.

Während der Umgang mit der Neuen Welt von Anfang an durch rücksichtslose Ausbeutung gekennzeichnet war, begegnete eine solche Haltung gegenüber den Schätzen der Alten Welt zahlreichen Widerständen. Erst in der Welt des jungen Marx, dem Rheinland der 1830er- und 1840er-Jahre, wurde jenes ältere Verständnis von Wirtschaft allmählich zurückgedrängt, das von einer begrenzten Industrieentwicklung bei langsamem Wachstum und dem aus der Holzwirtschaft entlehnten Modell des sparsamen Umgangs mit natürlichen Ressourcen ausging. Zeitgenössische Debatten, etwa um die Holznot, beschworen deshalb nicht die ‚Grenzen des Wachstums‘, sondern zielten auf eine ‚nachhaltige‘ – im damaligen Sprachgebrauch: optimale, maximale – (Aus-)Nutzung der Schätze der Natur.[6] Holz und Kohle erfüllten hier die gleiche Funktion wie Gold und Silber in der Neuen Welt. Wie ist bei Werner Sombart nachzulesen?

„Wir werden die große Fülle von Holz, die in den Wäldern Europas aufgespeichert war, und die man, wie zu zeigen sein wird, aufbrauchte, ohne sie zu ersetzen, mit der man also Raubbau treibt, nicht am wenigsten für die Steigerung, die der gesellschaftliche Reichtum während der frühkapitalistischen Epoche erfuhr, verantwortlich machen dürfen. So wie man heutzutage sich eine Güterwelt aufbaut mit Hilfe der Schätze, die vergangene geologische Zeitalter im Boden aufgespeichert haben, so verbreiterte ehedem die europäische Menschheit die Grundlage ihres Daseins und verschönerte dieses, indem sie sich aneignete, was in den früheren Jahrhunderten in den Wäldern gewachsen war.“[7]

Mit Sombart lässt sich der „Raubbau“ an den „aufgespeicherten“ Schätzen der Natur in eine geradezu öko-apokalyptische Perspektive rücken[8], eine Hinsicht, die sich Peter Sloterdijk, verbunden mit dem Plädoyer für eine Wiederentdeckung des Schatzbegriffs (der Schatz markiert für ihn jene Form des Reichtums, aus der nach und nach die Figur des Kapitals hervortrat), unlängst zu eigen gemacht hat:

„Im Licht der historischen Erfahrung müssen wir an der Einsicht festhalten, daß es ohne die Intervention des ungeheuersten aller Schätze keinen Kapitalismus, keinen breitgestreuten Wohlstand, keinen Sozialstaat und nichts von all dem gäbe, was den modus vivendi des aktuellen westlichen Komfortsystems ausmacht. Allerdings wurde der in den Kapitalismus integrierte Schatz nicht in den Truhen der Seeräuber und nicht in den Kabinetten der Goldmacher gefunden, sondern in den Liegenschaften der Erde. […] Der aktive Schatz, von dem hier die Rede ist, die Kohle und das Erdöl (später auch andere Formen der Biosynthese), verkörpert das Prinzip Gratis auf typisch moderne Weise, weil er, anders als ihr Vorgänger – die Erde als Trägerin des langsamen Wachstums –, sich zur schnellen Verbrennung und zur Erzeugung augenblicklicher Effekte eignet. Er ist der wirkliche Agent des Prinzips Sofort.“[9]

 

II.

Während der Bodenschatz eine bestimmte Stellung in der kapitalistischen Akkumulation beansprucht, präsentierte Marx den Schatz in einer zweiten Bedeutung als Akkumulationshindernis. Wer Geld als Schatz hortet, statt es in Kapital zu verwandeln, verhält sich anachronistisch. So war es

„für die bürgerliche Ökonomie entscheidend wichtig, die Akkumulation des Kapitals als erste Bürgerpflicht zu verkünden und unermüdlich zu predigen: man kann nicht akkumulieren, wenn man seine ganze Revenue aufißt, statt einen guten Teil davon zu verausgaben in Werbung zuschüssiger produktiver Arbeiter, die mehr einbringen, als sie kosten. Andrerseits hatte sie gegen das Volksvorurteil zu polemisieren, welches die kapitalistische Produktion mit der Schatzbildung verwechselt und daher wähnt, akkumulierter Reichtum sei Reichtum, welcher der Zerstörung in seiner vorhandenen Naturalform, also dem Verbrauch entzogen oder auch vor der Zirkulation gerettet werde.[10]

Das ist die Gefahr, die Marx sah: Schatzbildung unterbricht die Zirkulation und bremst die Akkumulation aus. Die Verwandlung der Warenform in Geldform wird zum Selbstzweck; Geld versteinert zum Schatz; „der Warenverkäufer wird Schatzbildner“. Die Verwandlung überschüssiger Gebrauchswerte in Gold und Silber, die als Edelmetalle um ihrer selbst willen gehortet werden, darin sah Marx eine „naive Form der Schatzbildung“, die sich bei jenen Völkern verewige, „wo der traditionellen, auf Selbstbedarf gerichteten Produktionsweise ein fest abgeschloßner Kreis von Bedürfnissen entspricht.“[11] Der moderne Schatzbildner versuche, diese anachronistische Haltung in die kapitalistische Warenproduktion hineinzuretten. Er bemühe sich, „das Gold als Geld festzuhalten“. Er mache es zum Element der Schatzbildung, indem er dieses Geld gewordene Gold daran hindere, „zu zirkulieren oder als Kaufmittel sich in Genußmittel aufzulösen“. Er „opfert daher dem Goldfetisch seine Fleischeslust.“[12] Goldfetisch und Geiz geziemen sich im Kapitalismus nicht. Sie repräsentieren den ‚un-kapitalistischen‘ Widerwillen, sich von seinen Reichtümern zu trennen, weil man ihnen einen Wert zuschreibt, der über den Geld- und Marktwert hinausgeht. Die geschätzten und aufgeschatzten Reichtümer sind für den Schatzbildner (im Unterschied zum Kapitalisten) eben nicht beliebig austauschbar.

 

III.

Mit der Entwicklung des Geldes, und das ist die dritte, hier nur kurz zu erwähnende Bedeutung, die Marx dem Schatz zuschreibt, kann sich die Schatzbildung zumindest potentiell aus einer selbständigen Bereicherungsform zu der Einrichtung eines Reservefonds an Zahlungsmitteln entwickeln. Marx diskutiert diese Funktion der Schatzbildung ausgiebig im zweiten Band des Kapital. Da es häufig mehrerer Umläufe bedürfe ehe der realisierte Mehrwert ein ausreichendes Volumen erreiche, um dann erneut – auf erweiterter Stufe – wieder in den Kapitalkreislauf einzugehen, entstehe zwangsläufig ein Reservefonds:

„Der Mehrwert erstarrt zum Schatz und bildet in dieser Form latentes Geldkapital. Latent, weil es, solange es in der Geldform verharrt, nicht als Kapital wirken kann. So erscheint hier die Schatzbildung als ein innerhalb des kapitalistischen Akkumulationsprozesses einbegriffenes, ihn begleitendes, aber zugleich wesentlich von ihm unterschiednes Moment.“[13]

Das Kreditsystem wird schließlich gestatten, das unproduktive, „unter Schloß und Riegel“ gesperrte Geld, ein „Bleigewicht (dead weight) der kapitalistischen Produktion“, „sowohl zum Profit wie zur Revenue brauchbar zu machen“.[14]

 

IV.

Marx‘ Sichtweise auf den Schatz war wesentlich durch den Geld-Schatz (das heißt durch latentes Kapital) geprägt, also durch den Blick auf ein Geld, mit dem ein nicht-geldgemäßer, ein un-kapitalistischer Umgang gepflegt wird, mithin auf ein Geld, das behandelt wird, als wäre es gar kein Geld. Demgegenüber haben Ethnologen und Archäologen daran gearbeitet, die Vorstellung von einem Geld-Schatz aufzulösen. Ihre diesbezüglichen Forschungen erbringen in aller Regel den Nachweis, dass weder ausschließlich Geld gehortet wird, noch die gehorteten Dinge zwingend die Eigenschaften von Geld besitzen müssen. Charakteristisch für Schatzhorte ist vielmehr deren vielfältige Zusammensetzung.[15] Nebeneinander finden sich in den Schätzen Goldmünzen und Goldmedaillons, gemünztes und nicht gemünztes Edelmetall (etwa als Barren oder Hacksilber), Hals- und Armringe, Schmuck und Edelsteine, Kronen und Diademe, Tafelgeschirr, aber auch Reliquien, besonders kostbar gearbeitete Waffen, Kleidung und Stoffe, Bücher und Dokumente. Vieles, aber nicht alles davon konnte Geldfunktionen übernehmen, ging darin aber keineswegs auf. Lange Zeit war und blieb der Schatz, so Ludolf Kuchenbuch, „kein münzbestimmtes Gebilde“:

„Was den Schatz ausmacht, ist der edle, rare Gold- und Silberstoff sowie seine prestigeträchtige Gestalt, nicht die ‚Währungs‘-Funktion des Silberlings. Sein Telos ist eine grenzenlose Menge Goldes, die teilbar, nicht aber berechenbar und schon gar nicht zählbar ist. Ein schierer Fetisch? Das wäre zu schlicht. Denn immerhin ‚existiert‘ der banale winzige Denar als potentieller Anteil im Materialkörper, gewissermaßen stillgestellt (ent-münzt), in Wartestellung für die monetäre Metamorphose.“[16]

In gewisser Weise markiert der Schatz einen Reichtum, der sich etablierten ökonomischen Klassifikationen entzieht. Die treasure items der Ethnologen haben stets etwas Monströses. Sie haben – als ‚Schätze‘ – einen Wert, der sich nicht mit den in der Geld- und Warenwelt gängigen Kategorien des Gebrauchs- beziehungsweise Tauschwerts erfassen lässt. Auf den Trobriand-Inseln im Westpazifik existierten, worauf der berühmte Ethnologe Bronislaw Malinowski 1922 aufmerksam gemacht hat, Reichtümer von besonderem Wert (vaygu‘a), die weder Waren noch Geld oder Kapital waren.

„Es werden mit anderen Worten nicht diejenigen Dinge geschätzt, die nützlich oder sogar unentbehrlich, aber schwer zu erlangen sind, da ja für die Trobriander alles Lebensnotwendige leicht erreichbar ist. Es wird vielmehr ein solcher Gegenstand geschätzt, bei dem der Handwerker, der ein besonders schönes oder ausgefallenes Material gefunden hat, sich dazu verführen ließ, unverhältnismäßig viel Arbeit aufzuwenden. Indem er dies tut, schafft er einen Gegenstand, der eine Art von ökonomischer Monstrosität darstellt: zu gut, zu groß, zu zerbrechlich, mit Verzierungen allzu überladen, um benutzt zu werden, aber gerade deshalb von hohem Wert.[17]

Im Versuch, den Charakter dieser wertvollen Dinge irgendwie fassbar und verständlich zu machen, griff Malinowski auf eine Analogie zurück, die ebenso weit von den Kategorien des Waren-, Geld- und Kapitalwerts entfernt zu sein scheint wie die Trobriand-Inseln vom Lesesaal der British Library.

„Als ich nach sechs Jahren der Abwesenheit in der Südsee und Australien nach Europa zurückkehrte und mich meine ersten Spazierfahrten zum Schloß von Edinburgh führten, zeigte man mir dort die Kronjuwelen. Der Wächter erzählte viele Geschichten darüber, wie sie von diesem oder jenem König, dieser oder jener Königin bei der und der Gelegenheit getragen wurden, wie einige davon zur großen und gerechten Empörung der ganzen schottischen Nation nach London gelangten und wie nun jedermann zufrieden sein kann, seit sie sicher hinter Schloß und Riegel sind und niemand sie berühren kann. Während ich sie betrachtete und dachte, wie häßlich, unnütz, plump, ja sogar geschmacklos protzig sie seien, überkam mich das Gefühl, daß mir etwas Ähnliches letzthin widerfahren war und daß ich viele Gegenstände von dieser Art gesehen hatte, die einen ähnlichen Eindruck auf mich machten. […] Die Kronjuwelen und darüber hinaus alle Erbstücke, die zum Tragen zu wertvoll und unhandlich sind, sind insofern vom gleichen Typus wie die vaygu‘a, als sie lediglich um des Besitzes willen besessen werden und das Eigentum an ihnen mit dem damit verbundenen Ruhm die Hauptquelle ihres Wertes bildet. Beide, Erbstücke und vaygu‘a, werden auch wegen der historischen Aura, die sie umgibt, gehütet. […] Diese historische Sentimentalität […] gibt es auch in der Südsee. Jeder wirklich gute Kula-Artikel trägt seinen eigenen Namen, um jeden webt sich in die Überlieferungen der Eingeborenen eine Art Historie und Abenteuergeschichte. […] Der Hauptunterschied besteht darin, daß die Kula-Güter nur eine Zeitlang im Besitz bleiben, während der europäische Schatz ständiges Eigentum sein muß, um seinen vollen Wert zu behalten.“[18]

 

V.

Die ökonomische Theorie verwandelt den Schatz als Geld-Schatz in latentes Kapital und kann ihn auf diese Weise in der kapitalistischen Welt der Kommodifizierung und Monetarisierung verorten. Der ethnologische Sinn für Monstrositäten benennt die Grenzen dieser Metamorphose, indem er auf Dinge aufmerksam macht, die sich kaum, schwer oder gar nicht kommodifizieren beziehungsweise monetarisieren lassen. Monströs sind diese Schätze freilich nur aus der Perspektive der kapitalistischen Marktgesellschaft. In ‚ihrer‘ Welt hingegen erfüllen sie genau die Funktion, die sie erfüllen sollen. Kraft der Zurschaustellung wirken sie als „Insignien von Rang und Würde“, dienen „als Reservoir für Geschenke, Belohnungen und Almosen“ und begleiten den „Rangstreit und die Verfügungskonkurrenz über Land und Leute“.[19] Nicht Geiz und Sparsamkeit zählen, auch geht es nicht um das gierige Zusammenhalten des angehäuften Schatzes, sondern gerade darum, ihn wegzugeben – und zwar keineswegs widerwillig wie der Marx‘sche Schatzbilder, der unter den Bedingungen kapitalistischer Geldwirtschaft immer wieder „zurück zur Sisyphusarbeit der Akkumulation“ getrieben wird.[20] Dieses Weggeben unterscheidet sich freilich davon, wie man Geld beim Bezahlen aus der Hand gibt, um dafür Dinge des täglichen Bedarfs zu erwerben. Der Schatz, das hat Karl Polanyi sehr deutlich formuliert, gehört nicht zur „Lebenshaltungsökonomie“. Er ist kein „Zahlungsmittel“ im engeren ökonomischen Sinne.

„Im eigentlichen Sinne des Wortes besteht der Schatz aus Prestigegütern, einschließlich ‚Wertgegenständen‘ und Zeremonialgeräten, deren Besitz allein schon den Inhaber mit gesellschaftlichem Gewicht, Macht und Einfluß ausstattet. Es ist somit eine Besonderheit des Schatzes, daß sowohl das Geben als auch das Empfangen das Prestige vermehren; er zirkuliert größtenteils des Umschlags halber, der seinen eigentlichen Zweck darstellt.“[21]

Marx‘ Schatz – vor allem in seiner Bedeutung als ,versteinertes Geld‘, die den Analytiker der Wertform offenbar am Stärksten zu beunruhigen schien – changiert zwischen einer älteren Schatz- und einer neueren, kapitalistischen Geldökonomie. Die Funktionen und Eigenschaften, die sich im Geld-Schatz überlagern und bei Marx als Indikatoren eines ambivalenten, transitorischen Zustands interpretiert werden, verweisen im Lichte ethnologischer Erkenntnisse freilich auf verschiedene Gesellschaftstypen: zunächst auf Gesellschaften, zu deren Basis der allgemeine Gebrauch von Geld gehört; sonach auf solche, in denen zwischen Rohstoffen, Geräten und persönlichen Schätzen strikt unterschieden wird; und schließlich auf Gesellschaften, die ohne eine derartige Unterscheidung auskommen, weshalb es in ihnen „keine Klasse von Gütern“ gibt, „die ausschließlich als persönliche Schätze Wert besitzen.“[22] Also wäre zu fragen, in welcher Gesellschaft wir nun eigentlich leben, da wir zumindest theoretisch jeden Schatz – sei er von rein persönlichem, von allgemein anerkanntem sozial-moralischem oder von eingeschränktem Tauschwert – kapitalisieren könnten, praktisch jedoch zögern, alle unsere Schätze in letzter Konsequenz zu Kapital zu machen.

Fußnoten

[1] Robert Menasse, Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung. Frankfurter Poetikvorlesungen 2005, Frankfurt am Main 2006, S. 50.

[2] Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, übers. v. Ilse Utz u. Stefan Lorenzer, München 2016 [2013], S. 70, 72 u. 86.

[3] Werner Sombart, Der moderne Kapitalismus. Historisch-systematische Darstellung des gesamteuropäischen Wirtschaftslebens von seinen Anfängen bis zur Gegenwart, München und Leipzig 1927 [1902], Bd. III.1, S. 129f.

[4] Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band, Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 23 Berlin 1979 [1867], S. 630f.

[5] Ders., Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Zweiter Band, Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 24, Berlin 1973 [1885], S. 327 u. 344f. Deutlicher als Marx hob Sombart (Der moderne Kapitalismus, Bd. I.2, S. 513f.) die Bedeutung der Edelmetallproduktion für den Kapitalismus hervor: „Es ist ein tragender Gedanke dieses Werkes“, so schrieb er, „daß der moderne Kapitalismus so wie er geworden ist nur werden konnte, weil der geschichtliche ‚Zufall‘ die Menschen zu starken, reichen Lagern von Edelmetallen geführt hat. […] Es ist wie ein Strom des Lebens, der von dem Golde (das hier immer für Edelmetalle überhaupt gesetzt ist, wenn nichts Besonderes bemerkt wird) ausgeht und dem Kapitalismus zur Entwicklung verhilft. Jedesmal, wenn neue Goldquellen aufbrechen, reckt und streckt sich der Kapitalismus in neuem Wachstum; jedesmal, wenn der Strom des Goldes schwächer wird, befällt den Kapitalismus ein Zustand der Mattigkeit; sein Wachstum stockt, seine Kräfte nehmen ab. […] Die Launen der Edelmetallproduktion, die wie Liebeslaunen der Natur sind und mit ihrer eigenen Irrationalität in so sonderbarem Gegensatz zum Grundgedanken des Kapitalismus: dem Rationalismus, stehen, sie sind es auch, die die beiden Hauptepochen bestimmten, die wir in dem bisherigen Verlauf der kapitalistischen Entwicklung unterscheiden: die frühkapitalistische und die hochkapitalistische: jene fällt zusammen mit dem, das man das silberne Zeitalter des Kapitalismus nennen könnte, diese ist gleichbedeutend mit dessen goldenem Zeitalter.“

[6] Vgl. Rudolf Boch, Grenzenloses Wachstum? Das rheinische Wirtschaftsbürgertum und seine Industrialisierungsdebatte von 1814 bis 1857, Göttingen 1991, S. 114–137; Joachim Radkau, Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte, München 2011, S. 40–48.

[7] Sombart, Der moderne Kapitalismus, Bd. II.2, S. 1064f.

[8] Werner Sombart (Der moderne Kapitalismus, Bd. II.2, S. 1137–1153) präsentierte die Erschöpfung der Ressourcen, vorgeführt am Problem der Holznot, der Bodenschätze und des ‚Menschenmaterials‘ der Kolonien, als ein mögliches Szenario eines drohenden Endes des Kapitalismus. Der Abbau von Bodenschätzen und der Umgang mit Menschen folgen im Kolonialismus offenkundig derselben Logik. Achille Mbembe (Kritik der schwarzen Vernunft, übers. v. Michael Bischoff, Berlin 2014, S. 84 [Hervorhebung im Original, T. L.]) schreibt dazu: „Das Substantiv ‚Neger‘ ist sodann der Name, den man dem Produkt jenes Prozesses gibt, in dem die Menschen afrikanischer Herkunft in lebendes Erz verwandelt werden, aus dem man Metall gewinnt. Das ist seine zweifache metamorphe und ökonomische Dimension. Wenn zur Sklavenzeit Afrika der privilegierte Ort der Förderung und Ausbeutung dieses Erzes war, so war die Plantage in der Neuen Welt der Ort, an dem man es einschmolz, und Europa der Ort seiner Umwandlung in Geld. Dieser Übergang vom menschlichen Erz zum menschlichen Metall und vom menschlichen Metall zum menschlichen Geld ist eine strukturierende Dimension des Frühkapitalismus.“

[9] Peter Sloterdijk, Was geschah im 20. Jahrhundert?, Berlin 2016, S. 134f. [meine Hervorhebung, T. L.].

[10] Marx, Das Kapital, Bd. 1, S. 615f. [meine Hervorhebung, T. L.].

[11] Ebd., S. 144.

[12] Ebd., S. 147.

[13] Marx, Das Kapital, Bd. 2, S. 82f.

[14] Ebd., S. 494.

[15] Dazu und zum Folgenden: Matthias Hardt, Gold und Herrschaft. Die Schätze europäischer Könige und Fürsten im ersten Jahrtausend, Berlin 2004; Christoph Huth, Ansichtssachen. Spätbronze- und wikingerzeitliche Schatzfunde und ihre wissenschaftliche Deutung, in: Historia archaeologica 70 (2009), S. 41–54.

[16] Ludolf Kuchenbuch, Versilberte Verhältnisse. Der Denar in seiner ersten Epoche 700–1000, Göttingen 2016, S. 52.

[17] Bronislaw Malinowski, Argonauten des westlichen Pazifik. Ein Bericht über Unternehmungen und Abenteuer der Eingeborenen in den Inselwelten von Melanesien-Neuguinea, übers. v. Heinrich Ludwig Herdt, Frankfurt am Main 1979 [1922], S. 214 [meine Hervorhebung, T. L.]. Diese „besonderen Dinge“ verweisen natürlich auf die von Marcel Mauss entworfene Theorie der Gabe, in der Malinowskis Kula-Objekten einige Beweiskraft zugewiesen wird. Vgl. Marcel Mauss, Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften, übers. v. Eva Moldenhauer, Frankfurt am Main 1984 [1923]. Für eine detaillierte Diskussion dieses ganzen Forschungsstrangs siehe auch: Maurice Godelier, Das Rätsel der Gabe. Geld, Geschenke, heilige Objekte, übers. v. Martin Pfeiffer, München 1999 [1996].

[18] Malinowski, Argonauten des westlichen Pazifik, S. 121f.

[19] Kuchenbuch, Versilberte Verhältnisse, S. 47f.

[20] Marx, Das Kapital, Bd. 1, S. 147.

[21] Karl Polanyi, Die Semantik und Verwendung von Geld [1957], in: ders., Ökonomie und Gesellschaft, übers. v. Heinrich Jelinek, Frankfurt am Main 1979, S. 317–345, hier S. 327f.

[22] Franz Steiner, Notiz zur vergleichenden Ökonomie [1954], in: Fritz Kramer / Christian Sigrist (Hg.), Gesellschaften ohne Staat. Gleichheit und Gegenseitigkeit, Frankfurt am Main 1978, S. 85–100.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer und Clemens Reichhold.