Plessners Bauhaus oder Heideggers Hütte: Alternativen der deutschen Moderne?

Zum 125. Geburtstag des Soziologen und Philosophischen Anthropologen Helmuth Plessner (1892-1985)

Heidegger hat sich bereits Mitte der 1920er-Jahre eine Hütte mitten im Schwarzwald herrichten lassen – das ist allen bekannt. Plessner, der Soziologe, Anthropologe, Philosoph und Biologe, sein Antipode in der geistesgeschichtlichen Sternstunde 1927/28, hat sich im Stil des Bauhauses ein Haus in Göttingen errichten lassen – nach seiner Remigration 1950, als er, der 1933 wegen der jüdischen Herkunft seines Vater (er selbst war getauft) ins niederländische Exil entweichen musste und dort Jahre später nur knapp der NS-Deportation entging, in die junge ungewisse Gründung der Bundesrepublik zurückkehrte.

Heideggers wunderschön gelegene Hütte, die seit damals auch die immer erneute Regeneration der Stadt durch das Land verkörperte, steht noch – Plessners wunderschönes Bauhaus, das er sich von der neusachlichen Architektin Lucy Hillebrecht entwerfen ließ und das im Göttinger Merian-Heft in den 1950er-Jahren Furore als „Haus des Professors“ machte, Schauplatz soziologischer und philosophischer Diskussionen, ist in privaten Besitzerwechseln inzwischen zerstört. Ist das symptomatisch für bundesrepublikanische Geistesverhältnisse? Das wäre vermutlich übertrieben. Ist Plessner vielleicht eine intellektuelle Gründungsfigur im Prozess der Zivilisation der Bundesrepublik, eine Stifterfigur, die Heidegger nicht werden konnte und wollte? Was steht noch von Plessners intellektuellen Impulsen aus dem 20. Jahrhundert in das 21. Jahrhundert hinein?

Nach dem revolutionären Umbruch 1989 wurde Plessner posthum berühmt für die Schrift Grenzen der Gemeinschaft – vermutlich weil sie bereits 1924 die sich gerade anbahnenden totalitären Gemeinschaftsutopien des Faschismus und des Kommunismus im 20. Jahrhundert einer nun als scharfsinnig gelesenen Kritik des sozialen Radikalismus unterzog und demgegenüber die „Gesellschaft“ als Zone der funktional differenzierten Teilsysteme, der anonymen distanzierten Begegnung in „Takt und Diplomatie“ der für- und voreinander empfindlichen Psychen, der Legitimation durch Verfahren auszeichnete. Hierin sah man Anfang der 1990er-Jahre (Andreas Kuhlmann) nun eine deutscherseits einzigartige frühe Apologie der riskanten bürgerlichen Gesellschaft.1

Gleichzeitig wurden im nun herandrängenden ‚biologischen Zeitalter‘ auch Die Stufen des Organischen und der Mensch (1928) vollkommen neu entdeckt, ein Hauptwerk, in dem Plessner – in Rivalität mit dem genialen Max Scheler – im skrupulösen Durchgang durch die Naturgeschichte des Lebens den Begriff der „exzentrischen Positionalität“ für die Menschen auswarf – eine kategoriale Leistung, die erst durch Michael Tomasello im 21. Jahrhundert im Humanmonopol der „Zeigegeste“ empirisch eingeholt wurde. Wahrscheinlich war die Kategorie „exzentrische Positionalität“ der ‚Stufen‘ gegen Heideggers Begriff der „Existenz“ in Sein und Zeit gesetzt, weil Plessner ein in der Natur verwurzeltes („Positionalität“) Lebewesen rekonstruierte, das sich in seiner Sonderstellung der Distanz („Exzentrizität“) nicht nur um sein eigenes „Dasein“, sondern immer bereits auch um die Pflanzen, die Tiere, die Schimpansen, kurz die anderen „Positionalitäten“ in der Welt sorgen und kümmern kann, weil es sich von ihnen vital abhebt.

Den öffentlichen Durchbruch zu Lebzeiten hatte Plessner in der Bundesrepublik mit dem Buch Die verspätete Nation erfahren, in dem er (bereits im Exil 1935 verfasst, unverändert 1959) der deutschen Öffentlichkeit im und nach dem Nationalsozialismus für die kritische Selbstverständigung das wichtige und auch wieder umstrittene Stichwort über die Fatalität eines „unpolitischen“ Bürgertums zuwarf. Ist das Buch mit seiner Kultursoziologie des Nationenvergleichs in Europa vielleicht deshalb weiterhin gefragt (zum Beispiel in der jüngsten spanischen Übersetzung), weil sich so viele Nationen (die tendenziell in der Weltgesellschaft zunehmen) als problematische ‚verspätete Nationen‘ gegenüber den klassischen Nationalstaaten in der Weltgesellschaft erweisen?

Übrigens – Plessners interessantestes und erfolgreichstes Buch wurde das mehrfach aufgelegte Lachen und Weinen: Inmitten des ‚linguistic turn‘ handelt es vom vor- und nichtsprachlichen Einspringen des Körpers (mit seinem Gackern und Schluchzen) in momentanen Krisen des sprachorientierten Geistes, gleichsam psychosomatische Resilienzen, momentane Salutogenesen angesichts der nur den menschlichen Lebewesen möglichen Entgleisungen in unaufhebbaren Widersprüchen beziehungsweise dem Eindringen des absoluten Schmerzes oder Glückes in „exzentrisch positionierten“ Lebewesen.

Heidegger versus Plessner – das ist durchaus nicht einfach Land gegen Stadt, Provinz gegen Urbanität. Auch wenn Plessner in der Jugend in der Weltkurstadt Wiesbaden urbane Umgangsformen verinnerlichte, wurde er ein leidenschaftlicher Wanderer in den Provinzen der Schweizer Alpen, zuletzt von Zürich aus, wo er während der 68er-Zeiten spät noch lehrte. Könnte Plessners Hauptpunkt die öffentliche Anerkennung distanzierter, zivilisierter, urbaner Umgangsformen als conditio humana jeder modernen demokratischen Republik gewesen sein – auch um das ‚Land‘ (und die heimatspendenden Hütten) immer erneut zu bewahren?

Am 125. Geburtstag wird zum zweiten Mal der 2014 gestiftete Wiesbadener Helmuth Plessner Preis vergeben – 2014 zuerst an Michael Tomasello, der innerhalb der Primatengruppe die in die Luft stechende, auf Sachen sich richtende „Zeigegeste“ als Humanspezifikum des Menschen in ihren menschenbildenden Konsequenzen herausgeforscht hat; jetzt 2017 an Peter Sloterdijk, der – im intellektuellen Europa der Tradition der Philosophischen Anthropologie zugeordnet – eine multiple Konstellationsanalyse der conditio humana versucht hat – durchaus im Sinne Plessners – und den Riskanzen und Spuren dieser Menschenpotenziale in den Gegenwartsgesellschaften provozierend und sprachgewandt nachgeht. Solange die Bundesrepublik in ihrer gegenwärtigen, immer auch fragilen Gestalt einer Civil Society aktuell bleibt, solange bleiben möglicherweise auch Plessners zivilisatorische Denkimpulse aktuell – auch wenn sein „Bauhaus“ in Göttingen nicht mehr steht.

Fußnoten

1 Andreas Kuhlmann, Deutscher Geist und liberales Ethos. Die frühe Sozialphilosophie Helmuth Plessners, in: Ulrich Greiner (Hg.), Revisionen. Denker des 20. Jahrhunderts auf dem Prüfstand – Eine ZEIT-Serie, Hildesheim 1993, S. 37–42; wiederabgedr. in: Plessners ‚Grenzen der Gemeinschaft‘. Eine Debatte, hg. v. Wolfgang Eßbach, Joachim Fischer, Helmut Lethen, Frankfurt am Main 2002, S. 15–20.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.