"Rousseau, Voltaire, Holbach, Lessing, Heine und Hegel in einer Person"

Marx in Zitaten

 

Marx lebt sehr zurückgezogen, seine einzigen Freunde sind John Stuart Mill, Loyd, und wenn man zu ihm kommt, wird man statt mit Komplimenten mit ökonomischen Kategorien empfangen.

Wilhelm Pieper an Friedrich Engels                                    London, Januar 1851

 

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Zur Vermeidung möglicher Missverständnisse ein Wort. Die Gestalten von Kapitalist und Grundeigentümer zeichne ich keineswegs in rosigem Licht. Aber es handelt sich hier um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen. Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozess auffasst, den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.

(Karl Marx, MEGA II/5, 14; MEW 23, S. 16)

 

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In der Vorstellung sind daher die Individuen unter der Bourgeoisieherrschaft freier als früher, weil ihnen ihre Lebensbedingungen zufällig sind; in der Wirklichkeit sind sie natürlich unfreier, weil mehr unter sachliche Gewalt subsumiert.

(Karl Marx, MEGA I/5, 97; MEW 3, S. 76)

 

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Gutmütige Enthusiasten dagegen, Deutschtümler von Blut und Freisinnige von Reflexion, suchen unsere Geschichte der Freiheit jenseits unserer Geschichte in den teutonischen Urwäldern. Wodurch unterscheidet sich aber unsere Freiheitsgeschichte von der Freiheitsgeschichte des Ebers, wenn sie nur in den Wäldern zu finden ist?

(Karl Marx, MEGA I/2, 172; MEW 1, S. 380)

 

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Er ist ein Mittelding zwischen einem Affen und einer Katze.

Karl Heinzen                                                                                Oktober 1842

 

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Seine Bewegungen waren eckig, aber kühn und selbstsicher; seine Manieren liefen allen gesellschaftlichen Umgangsformen geradezu zuwider. Aber sie waren stolz, mit einem Anfluge von Verachtung, und seine metallische Stimme stimmte merkwürdig überein mit den radikalen Urteilen, die er über Menschen und Dinge fällte.

Pavel Vaselijevic Annenkov                                                            30. März 1846

 

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[I]m Handgemenge handelt es sich nicht darum, ob der Gegner ein edler, ebenbürtiger, ein interessanter Gegner ist, es handelt sich darum, ihn zu treffen. Es handelt sich darum, den Deutschen keinen Augenblick der Selbsttäuschung und Resignation zu gönnen. Man muss den wirklichen Druck noch drückender machen, indem man ihm das Bewusstsein des Drucks hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller, indem man sie publiziert. Man muss jede Sphäre der deutschen Gesellschaft als die partie honteuse der deutschen Gesellschaft schildern, man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!

(Karl Marx, MEGA I/2, 173; MEW 1, S. 381)

 

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Aber die Arbeiterklasse kann nicht die fertige Staatsmaschinerie einfach in Besitz nehmen und diese für ihre eignen Zwecke in Bewegung setzen.

(Karl Marx, MEGA I/22, 137; MEW 17, S. 336)

 

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Wie Jehova, der Gott seiner Vorfahren, ist er äußerst eitel und ehrgeizig, streitlustig, intolerant und absolut; seine Rachsucht grenzt an Wahnsinn. Er schreckt vor keiner Lüge, keiner üblen Nachrede denjenigen gegenüber zurück, die so unglücklich waren, seine Eifersucht und Feindschaft erregt zu haben. Er scheut keine auch noch so abscheuliche Intrige, wenn er sich davon verspricht, seine Position und seinen Einfluß zu verstärken, seine Macht zu erweitern. In dieser Hinsicht ist er ein Politiker.

Michail Aleksandrovic Bakunin                                                             1844/45

 

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Da mich diese lästige Krankheit sehr am Arbeiten hinderte – der Arzt mir ausserdem angestrengte und vielstündige geistige Arbeit untersagt hatte – habe ich, was Dich nicht wenig wundern wird, spekuliert teils in amerikanischen funds, namentlich aber in den engl. Aktienpapieren, die wie Pilze in diesem Jahr hier aus der Erde wachsen (für alle möglichen und unmöglichen Aktienunternehmungen), zu einer gewissen unvernünftigen Höhe getrieben werden und dann meist zerplatzen. Ich habe in dieser Art über 400£ St. gewonnen, und werde jetzt, wo die Verwicklung der politischen Verhältnisse neuen Spielraum bietet, von neuem anfangen. Diese Art von Operationen nimmt nur wenig Zeit fort, und man kann schon etwas  riskieren um seinen Feinden das Geld abzunehmen.

(Karl Marx an Lion Philips, 25. Juni 1864; MEGA III/12, 575; MEW 30, S. 665)

 

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Es gibt wahrscheinlich keinen größeren Humbug in der Welt als das sogenannte Finanzwesen. Die einfachsten Operationen, die Budget und Staatsschuld betreffen, werden von den Jüngern dieser »Geheimwissenschaft« mit den abstrusesten Ausdrücken bezeichnet; hinter dieser Terminologie verstecken sich die trivialen Manöver der Schaffung verschiedener Bezeichnungen von Wertpapieren – die Umwechslung alter Papiere gegen neue, die Herabsetzung des Zinses und die Erhöhung des nominellen Kapitals, die Erhöhung des Zinses und die Herabsetzung des Kapitals, die Einführung von Prämien, Bonussen und Prioritätsaktien, die Unterscheidung zwischen amortisierbaren und nicht amortisierbaren Annuitäten, die künstliche Abstufung der Übertragungsmöglichkeiten der verschiedenen Papiere in einer Weise, dass das Publikum von dieser abscheulichen Börsenscholastik ganz verwirrt ist und sich in der Mannigfaltigkeit der Details ganz verliert.

(Karl Marx, MEGA I/12, 108; MEW 9, S. 47)

 

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Die wirkliche Ökonomie – Ersparung – besteht in Ersparung von Arbeitszeit; (Minimum (und Reduktion zum Minimum) der Produktionskosten); diese Ersparung aber identisch mit Entwicklung der Produktivkraft. Also keineswegs Entsagen vom Genuss, sondern Entwickeln von power, von Fähigkeiten zur Produktion und daher sowohl der Fähigkeiten wie der Mittel des Genusses.

(Karl Marx, MEGA II/1, 589; MEW 42, S. 607)

 

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Gilt deine Arbeitsstunde soviel wie die meinige? Diese Frage wird durch die Konkurrenz entschieden. […] So muss es nicht mehr heißen, dass eine (Arbeits-)Stunde eines Menschen gleichkommt der Stunde eines andern Menschen, sondern dass vielmehr ein Mensch während einer Stunde soviel wert ist wie ein anderer Mensch während einer Stunde. Die Zeit ist alles, der Mensch ist nichts mehr, er ist höchstens noch die Verkörperung der Zeit. Es handelt sich nicht mehr um die Qualität. Die Quantität allein entscheidet alles: Stunde gegen Stunde, Tag gegen Tag.

(Karl Marx, MEGA I/30, 255; MEW 4, S. 85)

 

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Dies gleiche Recht ist ungleiches Recht für ungleiche Arbeit. Es erkennt keine Klassenunterschiede an, weil jeder nur Arbeiter ist wie der andre; aber es erkennt stillschweigend die ungleiche individuelle Begabung und daher Leistungsfähigkeit der Arbeiter als natürliche Privilegien an. Es ist daher ein Recht der Ungleichheit, seinem Inhalt nach, wie alles Recht.

(Karl Marx, MEGA I/25, 14; MEW 19, S. 21)

 

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Das unmittelbare, natürliche, notwendige Verhältnis des Menschen zum Menschen ist das Verhältnis des Mannes zum Weibe. In diesem natürlichen Gattungsverhältnis ist das Verhältnis des Menschen zur Natur unmittelbar sein Verhältnis zum Menschen, wie das Verhältnis zum Menschen unmittelbar sein Verhältnis zur Natur, seine eigne natürliche Bestimmung ist. In diesem Verhältnis erscheint also sinnlich, auf ein anschaubares Faktum reduziert, inwieweit dem Menschen das menschliche Wesen zur Natur oder die Natur zum menschlichen Wesen des Menschen geworden ist. Aus diesem Verhältnis kann man also die ganze Bildungsstufe des Menschen beurteilen.

(Karl Marx, MEGA I/2, 388; MEW 40, S. 535)

 

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Marx ist von mittlerer Statur, 34 Jahre alt; trotz seines besten Alters werden seine Haare schon grau; seine Gestalt ist kräftig; seine Gesichtszüge mahnen sehr an Szenere (einen ungarischen Revolutionär), nur ist sein Teint mehr braun, sein Haar und Bart ganz schwarz; letzteren rasiert er gar nicht; sein großes, durchdringend feuriges Auge hat etwas dämonisch Unheimliches; man sieht ihm übrigens auf den ersten Blick den Mann von Genie und Energie an; seine Geistesüberlegenheit übt eine unwiderstehliche Gewalt auf seine Umgebung aus. Im Privatleben ist er ein höchst unordentlicher, zynischer Mensch, ein schlechter Wirt; er führt ein wahres Zigeunerleben. Waschen, Kämmen und Wäschewechsel gehört bei ihm zu den Seltenheiten; er berauscht sich gern. Oft faulenzt er tagelang, hat er aber viel Arbeit, dann arbeitet er Tag und Nacht mit unermüdlicher Ausdauer fort; eine bestimmte Zeit zum Schlafen und Wachen gibt es bei ihm nicht; sehr oft bleibt er ganze Nächte auf, dann legt er sich wieder mittags ganz angekleidet aufs Kanapee und schläft bis abends, unbekümmert um die ganze Welt, die bei ihm frei aus- und eingeht.

Spitzelbericht der preußischen Polizei                                                  1852/53

 

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Denn der wirkliche Reichtum ist die entwickelte Produktivkraft aller Individuen. Es ist dann keineswegs mehr die Arbeitszeit, sondern die disposable time das Maß des Reichtums.

(Karl Marx, MEGA II/1, 584; MEW 42, S. 604)

 

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Wie sehr ein Teil der Ökonomen von dem der Warenwelt anklebenden Fetischismus oder dem gegenständlichen Schein der gesellschaftlichen Arbeitsbestimmungen getäuscht wird, beweist u. a. der langweilig abgeschmackte Zank über die Rolle der Natur in der Bildung des Tauschwerts. Da Tauschwert eine bestimmte gesellschaftliche Manier ist, die auf ein Ding verwandte Arbeit auszudrücken, kann er nicht mehr Naturstoff enthalten als etwa der Wechselkurs. […] Bisher hat noch kein Chemiker Tauschwert in Perle oder Diamant entdeckt.

(Karl Marx, MEGA II/6, 112/113; MEW 23, S. 97/98)

 

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Dass in der Erscheinung die Dinge sich oft verkehrt darstellen, ist ziemlich in allen Wissenschaften bekannt, außer in der politischen Ökonomie.

(Karl Marx, MEGA II/5, 435; MEW 23, S. 55)

 

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Er liest sehr viel; er arbeitet mit ungemeiner Intensivität und hat ein kritisches Talent, das bisweilen in Übermut ausartende Dialektik wird, aber er vollendet nichts, er bricht überall ab und stürzt sich immer von neuem in ein endloses Büchermeer.

Arnold Ruge an Ludwig Feuerbach                                         Paris, 15. Mai 1844

 

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In einer kommunistischen Gesellschaft gibt es keine Maler, sondern höchstens Menschen, die unter Anderm auch malen.

(Karl Marx, MEGA I/5, 452; MEW 3, S. 378/379)

 

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Eine Zeitschrift kann er nicht leiten, dazu ist er zu umständlich.

Arnold Ruge an Karl Moritz Fleischer                                                 9. Mai 1844

 

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Er ist kein Journalist und wird nie einer werden. Über einem Leitartikel, den ein anderer in zwei Stunden schreibt, hockt er einen ganzen Tag, als handle es sich um die Lösung eines tiefen philosophischen Problems; er ändert und feilt und ändert wieder das Geänderte und kann vor lauter Gründlichkeit niemals zur rechten Zeit fertig werden.

Friedrich Engels                                                                          Januar 1849

 

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Marx arbeitet an seiner Geschichte der Nationalökonomie wie rasend. Dieser Mensch schläft seit mehreren Jahren nur noch etwa 4 Stunden jede Nacht.

Georg Weerth an Wihelm Weerth                             Brüssel, 18. November 1846

 

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Mit Ausnahme des Abschnitts über die Wertform wird man daher dies Buch nicht wegen Schwerverständlichkeit anklagen können. Ich unterstelle natürlich Leser, die etwas Neues lernen, also auch selbst denken wollen.

(Karl Marx, MEGA II/5, 12; MEW 23, S. 12)

 

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Sein Gehirn glich einem Kriegsschiff, das unter Dampf im Hafen liegt; es war stets bereit, nach allen Richtungen des Denkens auszufahren.

Paul Lafargue                                                                              1865/68

 

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Wir befinden uns jetzt mitten in Deutschland! Wir werden Metaphysik treiben müssen, wo und während wir politische Ökonomie treiben. […] Wenn der Engländer die Menschen in Hüte verwandelt, so verwandelt der Deutsche die Hüte in Ideen. Der Engländer ist Ricardo, der reiche Bankier und ausgezeichnete Ökonom. Der Deutsche ist Hegel, simpler Professor der Philosophie an der Universität zu Berlin.

(Karl Marx, MEGA I/30, 287; MEW 4, S. 125)

 

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Du kannst Dich darauf gefaßt machen, den größten, vielleicht den einzigen jetzt lebenden eigentlichen Philosophen kennenzulernen, der nächstens, wo er öffentlich auftreten wird (in Schriften sowohl als auch auf dem Katheder) die Augen Deutschlands auf sich ziehen wird. Er geht, sowohl seiner Tendenz als seiner philosophischen Bildung nach, nicht nur über Strauss, sondern auch über Feuerbach heraus, und letztres will viel heißen! Könnte ich in Bonn sein, wenn er Logik liest, ich würde sein fleißigster Zuhörer sein. Einen solchen Mann habe ich mir immer als Lehrer in der Philosophie gewünscht. Jetzt fühle ich erst recht, welch ein Stümper ich in der eigentlichen Philosophie bin. Aber Geduld! Ich werde jetzt auch noch etwas lernen!

Dr. Marx, so heißt mein Abgott, ist noch ein ganz junger Mann (etwa 24 Jahre höchstens alt), (…) denke Dir Rousseau, Voltaire, Holbach, Lessing, Heine und Hegel in einer Person vereinigt, ich sage vereinigt, nicht zusammengeschmissen – so hast Du Dr. Marx.

Moses Heß an Berthold Auerbach                                     Köln, September 1841

 

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Marx legte außerordentlichen Wert auf reinen, korrekten Ausdruck. Und in Goethe, Lessing, Shakespeare, Dante, Cervantes, in denen er fast täglich las, hatte er sich die höchsten Meister erwählt. Mit Bezug auf Reinheit und Korrektheit der Sprache war er von peinlichster Gewissenshaftigkeit.

Wilhelm Liebknecht                                                                                 1862

 

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Komplettere Esel als diese deutschen Arbeiter gibt es wohl nicht.

(Karl Marx an Engels, 20. Juli 1852; MEGA III/5, 151; MEW 28, S. 93)

 

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Jenen, welche sich dem Studium der menschlichen Natur widmen, wird es nicht befremdend erscheinen, daß der Mann, welcher ein solcher Kämpfer war, zur selben Zeit der sanftmütigste und zarteste aller Menschen sein konnte. Sie werden verstehen, daß er so bitter hassen konnte, nur weil er einer so innigen Liebe fähig war; daß, wenn seine scharfe Feder jemanden so sicher in die Hölle sperren konnte wie nur je Dante, dann nur, weil er so treu und zartsinnig war; daß, wenn sein sarkastischer Humor ätzen konnte wie Säuren, derselbe Humor andererseits Balsam sein konnte denen, die in Not und Bedrängnis waren.

Eleanor Marx-Aveling, die jüngste Tochter von Jenny und Karl Marx

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Fußnoten

Alle Zitate sind entnommen aus:

Hans Magnus Enzensberger (Hg.), Gespräche mit Marx und Engels, Frankfurt am Main 1973.

Timm Grassmann, Kapitales von Karl Marx, Berlin 2018.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Clemens Reichhold, Felix Hempe, Hannah Schmidt-Ott, Karsten Malowitz, Kira Meyer, Martin Bauer und Stephanie Kappacher.