Sozialwissenschaftler*innen aller Disziplinen, vereinigt euch!

Für Karl Marx zu seinem 200sten Geburtstag

Zu Marxens Lebzeiten begann ein Prozess, der heute weit fortgeschritten, aber keineswegs abgeschlossen ist: die Ausdifferenzierung wissenschaftlicher Fachdisziplinen, zu denen nicht zuletzt die Politische Ökonomie gehörte, die im 19. Jahrhundert ihren Aufstieg feierte. Marx selber arbeitete an Analysen aus ganz unterschiedlichen Sachgebieten. Er verfasste ökonomische, historische und soziologische Arbeiten. Dabei verband er seine Studien nicht nur mit einer eigenen Sozialphilosophie, sondern auch mit einem politischen Projekt, das am Ende die freie Assoziation freier Individuen als Kommunismus verwirklichen sollte. Marx wollte einen Sprengstoff bereitstellen, der die bürgerliche Gesellschaft, den sich durchsetzenden Industriekapitalismus und die verächtliche Lebensweise, zu der sich die lohnabhängigen Citoyens gezwungen fanden, zur Explosion bringen und also in Geschichte verwandeln würde.

Das fächerübergreifende Interesse an Geschichts- und Gesellschaftsanalyse offenbart sich eindrücklich im werkgeschichtlichen Rückblick auf einen Marx, der in den Pariser Manuskripten (1844) zunächst anthropologische und geschichtsphilosophische Themen umkreist, um kurz darauf in einer Reihe unterschiedlicher Anläufe, die unter dem Titel Deutsche Ideologie (1845–46) zusammengefasst werden, einen bis auf den heutigen Tag umstrittenen Beitrag zu methodologischen Fragen einer ambitionierten, historisch informierten und holistischen Sozialwissenschaft vorzulegen. Mit dem Manifest der Kommunistischen Partei (1848) entwickelt Marx dann ein theoretisch-praktisches Projekt der Gesellschaftskritik, nur um im Achtzehnten Brumaire (1852) – ungläubig über den historischen Rückschritt, den der Aufstieg Louis Bonapartes für ihn bedeutete – zum politischen Soziologen zu werden. Dass Marx sich von den Grundrissen (1857) an immer tiefer in die Politische Ökonomie einarbeitet und damit zu einem von heute aus gesehen hellsichtigen Globalisierungs- und Modernisierungstheoretiker wird, ist mittlerweile gängige Münze. Ohne seine mitunter akribischen fachwissenschaftlichen Studien etwa zum britischen Kolonialismus sowie zu weiteren Teilaspekten der Geschichte des Kapitalismus wären Arbeiten wie das Kapital (ab 1867) nicht entstanden, geschweige denn derart tiefenscharf in ihrer Analyse ausgefallen.

In der Absicht, zumindest die Konturen dieses Werks zu skizzieren, es in einigen seiner Facetten zu beleuchten und mit einigen Suchbewegungen zu sondieren, wie es um seine gegenwärtige Strahlkraft bestellt ist, präsentieren wir anlässlich des zweihundertsten Geburtstages von Karl Marx diesen Themenschwerpunkt.

Wir haben uns vorgenommen, ausgewählte Perspektiven zusammenzustellen, unter denen die spezifischen Impulse des Marx’schen Denkens sowohl sichtbar als auch reflektiert und kritisiert werden können. Gerade weil Marx keine vielköpfige Gottheit darstellt, die auf zahllosen Schauplätzen letzte Worte verkündet hätte, interessieren uns die Prismen, dank derer sein Werk und dessen Nachgeschichte gebrochen, gewendet und in vielleicht sogar ungewöhnlichen Ansichten präsentiert werden kann. Ist Marx nicht gerade deshalb von sozialwissenschaftlichem Interesse, weil sein Werk derart folgenreich durch politische Bewegungen, neue Organisationen und ganze Gesellschaftsformationen, die seit 1989 weitgehend implodiert sind, angeeignet beziehungsweise bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurde? Jedenfalls ist der Marxismus ohne solche Entstellungen, ohne die Revisionen und die Kontroversen, die beides ausgelöst haben, nicht zu begreifen.

Wie groß die Vielfalt möglicher Weisen, Marx zu lesen und zu interpretieren, ist, spiegelt die Sammlung von Testimonials wider, um die wir ganz unterschiedlich verortete Sozialwissenschaftler*innen mit der Frage „Warum Marx?“ gebeten haben. Unsere Sammlung, die aus einem ersten, zweiten und dritten Teil besteht, soll deutlich machen, was die Begegnung mit Marx und seinen Schriften auslösen kann und welche Folgen sie für Leben wie Denken seiner Leserschaften nach sich zieht.

Zu den theoretisch wie politisch wirkmächtigsten, in die jüngere Vergangenheit gehörenden Versuchen, im Anschluss an das Marx’sche Werk neue Facetten einer originären Analyse von Gegenwart und Geschichte aufzudecken, zählt zweifelsohne der materialistische Feminismus. Selbst wenn sich Marx wohl kaum als feministischer Theoretiker identifizieren lässt, so hat er doch – direkt wie indirekt – bedeutsame Analysen zu Arbeit wie Gender, zu Subjektkonstitution wie Machtstrukturen beeinflusst. Ihnen widmen wir einen eigenen Schwerpunkt innerhalb des Schwerpunkts.

Zu fragen ist natürlich auch, ob zentrale Marx’sche Begriffe eigentlich noch etwas erfassen, bewirken und vielleicht sogar in Bewegung setzen. Spielt, um nur ein Beispiel zu nennen, Entfremdung noch eine Rolle? Ist die Differenz zwischen Schatz und Kapital noch von Belang? Und wie sieht es aus mit den bei Marx eng verflochtenen Begriffen von Religion und Ideologie? Oder hat sich das Vokabular von Marx in ein Wörterbuch schaler Allgemeinplätze und leerer Signifikanten verwandelt? Vielleicht braucht es neue Begriffe, wie den der Lebensform, um Marx‘ Denken neues Leben einzuhauchen. Auch dazu, das heißt zu der Frage, wie tot oder lebendig die Begriffe und Metaphern aus der Werkstatt des Meisterdenkers sind, äußern sich Autor*innen auf Soziopolis in pointierten Essays.

„Der Reichtum marxistischen Denkens stellt sich im Jahr 2018, in dem Marx‘ 200. Geburtstag zu begehen ist, als ungeheure Sammlung von Gedenkveranstaltungen und -publikationen dar.“[1] Soziopolis wird sich bemühen, auf (fast) jeder Party dabei zu sein. Also werden wir in der Sektion Für Auge & Ohr eine Auswahl der interessantesten Würdigungen, Kontroversen und Neu-Interpretationen zum Nachsehen und Nachhören präsentieren. Zu einem virtuellen Gang durch das heutige Trier, das einen angemessen Umgang mit dem Erbe als Marxens Geburtsstadt sucht, lädt zudem eine Rezension, die drei dortigen Marx-Ausstellungen gewidmet ist.

Und da es, seit Horaz, nicht nur darum geht, zu belehren, sondern auch darum, zu unterhalten, findet sich in der Sektion Zitate eine Kompilation bemerkenswerter Aussprüche von Marx und über Marx – lobend wie tadelnd, verdammend wie vergötternd. Weil uns, wie gesagt, nicht nur am „prodesse“, sondern auch am „delectare“ gelegen sein muss, gibt es bisher eine erste und eine zweite Sammlung unserer Lesefrüchte zu bewundern. Selbstverständlich sind uns für Fortsetzungen die etwaigen Fundstücke und Zitatsammlungen unserer Leser*innen mehr als willkommen, einmal vorausgesetzt, dass sie nicht nur unseren Horizont erweitern, sondern der Beschäftigung mit Marx auch den womöglich drohenden Ernst nehmen.

Das Hamburger Institut für Sozialforschung hat ein reges Archiv, das seit vielen Jahren auch Marx-Plakate sammelt. Bereits ein flüchtiger Blick auf diese Archivalien macht längst vergangene Wellen vormaliger Marxbegeisterung unmittelbar sichtbar. Uns diese Zeitreisen ermöglicht zu haben, dafür danken wir Reinhart Schwarz, dem Leiter des Archivs. Sicherlich gehören diese Plakate heute zur Geschichte – nicht zuletzt zu einer Geschichte der jüngeren bundesrepublikanischen Popkultur. Deshalb ist ihre Ästhetik, ist ihr ikonografischer Gehalt aber umso aufschlussreicher, was die zeithistorischen wie politischen Kontexte anlangt, die mit und in diesen Plakaten aufscheinen. So wie ein japanischer Bauer, nach Auskunft des von Japan faszinierten Roland Barthes, aus einer einzelnen Saubohne eine ganze japanische Landschaft herauszulesen versteht, so veranschaulichen solche Dokumente nicht nur bestimmte großstädtische Ortschaften und Interieurs in studentischen Wohngemeinschaften, sondern gleich auch das mentale Mobiliar einer Protestgeneration. Deswegen konnten wir in der Sektion Plakate auf eine kleine Auswahl dieser Grafiken nicht verzichten. Den Aufschlag machen wir allerdings mit einer Abbildung im kleineren Format: Karl Marx, die Marke.

Fußnoten

[1] Tine Haubner / Tilman Reitz, Marxismus und Soziologie, Weinheim 2018, S. 7.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.