Warum Marx? III

Wir haben Wissenschaftler*innen drei Fragen gestellt:

  1. Wo taucht Marx in ihrem biografischen Horizont auf?
  2. Welcher Marx, das heißt welcher Teil, welche Idee oder welcher Begriff seines Werkes ist für Sie von besonderer Bedeutung?
  3. Was können die Sozialwissenschaften heute noch von Marx lernen?

Für ihre Antworten sei ihnen an dieser Stelle ganz herzlich gedankt.

- Die Red.

 

Herrschaft der Dinge von Christine Blättler

Marx kam erst später von Ulrich Bröckling

Antisemitismus bei Marx von Raphael Gross

Marx, Zweihundert von Hans Joas

Was Gesellschaft grundstürzend verbindet von Stephan Lessenich

Schulungsleiter auf Abwegen von Sighard Neckel

The norm, not the exception von Saskia Sassen

Kritik im Getöse von Markus Schroer

 

                                                           ***

Herrschaft der Dinge

Zunächst erhielt mit Karl Marx für mich die Kritik sozialer Verhältnisse einen Namen. Theoretisch interessant wurde Marx in der Kapital-Lektüre mit einem befreundeten Jurastudenten zu Beginn des Philosophie- und Slawistikstudiums, begleitet von Schriften der Gründergeneration der Frankfurter Schule und feministischer Theoriebildung. Diese Lektüren zeigten, wie sich erkenntnis- und sozialtheoretische Fragen aufeinander beziehen lassen.

Für die Analyse des modernen Kapitalismus ist die Marx‘sche Formanalyse von Wert und Ware ein wichtiger Denkanstoß, mit dem sich auch Mensch-Ding-Beziehungen kritisch durchdenken lassen. Das berühmte Fetischkapitel des Kapitals ist dafür ein Lehrstück, nicht zuletzt in der Weise, wie Marx methodisch über Analogien und Metaphern zu einem ökonomiekritischen Begriff gelangt. Dabei zielt er auf die sachliche Dimension einer Verkehrungsbewegung, die es ihm erlaubt, einen gesellschaftlich-strukturellen Zusammenhang als ökonomische Sachlogik zu bestimmen. Daran anschließend lässt sich mit Marx eine Personifikation des Kapitals von der Personalisierung der ökonomischen Macht im modernen Antisemitismus unterscheiden.

Im Hinblick auf die moderne Technik stellte Marx Überlegungen an, die Hegel auch dahingehend vom Kopf auf die Füße stellen, als er den von diesem behaupteten historischen Prozess, welcher sich durch die Einzelnen hindurch und auf ihre Kosten durchsetze, im Zeitalter der industriellen Revolution im Medium der Technik beschreibt. So erläutert sein Maschinenkapitel des Kapitals, wie Menschen ganz handfest erfahren, zur Ware zu werden: als Werkzeug der Maschine.

Mit dem Kapital legt Marx das Modell einer kritischen Untersuchung vor, in der die Analyse von Geltungsmacht mit deren Genese konfrontiert wird. Diese Untersuchung beansprucht einer übergreifenden dynamischen Struktur im Konflikt mit den Einzelnen theoretisch Rechnung zu tragen und diese in ihrer Logik zu verstehen, ohne sie dadurch zu verteidigen. Heute lässt sich von diesem Modell lernen, digitale Technologien weder als in ihrer Wirksamkeit potenziertes Werkzeug noch als dämonische Technomacht aufzufassen. Stattdessen lassen sich die Asymmetrien im Verhältnis zwischen Menschen und Techniken analysieren. Die dabei in den Blick kommende Dynamik ist komplex und lässt sich über den alleinigen Rückgriff auf lokale handlungsmächtige Subjekte nicht angemessen begreifen. Die damit verbundene Problematik erweist sich weniger als eine ethische denn als eine politische und macht eine zeitgenössische Kritik der politischen Technologie zur Aufgabe.

Christine Blättler

                                                           ***

Marx kam erst später

1. Am Anfang meiner politischen Sozialisation standen anarchistische Autoren. Politisiert über die eigene Kriegsdienstverweigerung und Aktionen Zivilen Ungehorsams in der Anti-Nachrüstungs- und Anti-AKW-Bewegung las ich zunächst Gustav Landauer, Erich Mühsam, Rudolf Rocker, etwas später Bakunin und Kropotkin, daneben auch Thoreau, Tolstoj und Gandhi. Marx kam erst später. Nach Abflauen der Friedensbewegung hatte ich mich einer rätekommunistischen, stark an der Kritischen Theorie orientierten Gruppe angeschlossen. Im Zentrum der Marx-Interpretation stand hier die Wertkritik, ausgehend von den ersten 150 Seiten des „Kapital“. Zum erweiterten Lektüreprogramm gehörten Adornos „Reflexionen zur Klassentheorie“ und seine „Thesen über Bedürfnis“, die Schriften Alfred Sohn-Rethels, Wolfgang Pohrts „Theorie des Gebrauchswerts“, die frühen Aufsätze von Stefan Breuer sowie die Arbeiten von Hans-Georg Backhaus, Helmut Reichelt, Diethard Behrens und Moishe Postone. Nicht zu vergessen aus der dissidenten Tradition des Marxismus Paul Mattick und die niederländischen Rätekommunisten mit ihrer Kritik an der leninistischen Verstaatlichung der Revolution. Für einen Novizen wie mich war all das schwere Kost, die mich zunächst definitiv überforderte, zugleich gab es aber auch diese Gewissheit, in der Marx‘schen Wertformanalyse läge der Schlüssel, um zu begreifen, wie die Gesellschaft als Ganze organisiert ist. Revolutionäre Hoffnungen waren aus diesen Anschlüssen an Marx nicht zu destillieren, wohl aber ließ sich eine Praxis der Kritik begründen, welche die konstitutiven Zusammenhänge zwischen kapitalistischer Vergesellschaftung auf der einen, Antisemitismus, Rassismus und nationalen Identifikationen auf der anderen Seite offenlegte. Die Kritik der politischen Ökonomie mündete in eine Kritik der Politik. Ohne biografische Brüche und theoretische Verwerfungen kleinreden zu wollen, war es von der antiautoritär und herrschaftskritisch imprägnierten Marxrezeption gar nicht so weit zu den Arbeiten von Foucault und Deleuze oder zu Rancières postmarxistischer Theorie des Politischen, die mich dann später weit mehr beschäftigt haben als Marx.

2. In der Analyse der Wertform als Nukleus kapitalistischer Vergesellschaftung sehe ich noch immer Marx’ wichtigste Erkenntnis. Sein Insistieren auf den „theologischen Mucken und metaphysischen Spitzfindigkeiten“ der Ware ist zugleich ein Gegengift gegen positivistische Engführungen kritischer Gesellschaftstheorie. Politisch halte ich Marx’ Sicht auf das Verhältnis von Krise und Kritik für fundamental, die Einsicht, dass moralische Empörung nicht ausreicht, sondern die Formen der Vergesellschaftung selbst ihre eigenen Grundlagen unterminieren und dies den Einsatzpunkt von Kritik markiert. Wichtig ist mir Marx schließlich als sprachgewaltiger Autor. Von ihm kann man lernen, dass Polemik nicht eine Entgleisung, sondern den Glutkern von Kritik ausmacht.

3. Neben dem bereits Aufgeführten könnten die Sozialwissenschaften mit Marx ihre Aufmerksamkeit für die Konflikthaftigkeit des Sozialen schärfen und den Mut zu einer Gesellschaftstheorie wiedergewinnen, die sich nicht damit bescheidet, immer neue Variablen zu korrelieren oder Sinnwelten zu rekonstruieren, sondern die elementaren Dynamiken und Strukturprinzipien gesellschaftlicher Synthesis kenntlich macht. Zudem wäre es mehr als nur eine historische Vergegenwärtigung, wenn sich die Sozialwissenschaften daran erinnerten, was sie alles bereits von Marx gelernt haben, auch wenn viele ihrer Vertreter davon nichts wissen wollen.

Ulrich Bröckling

                                                           ***

Antisemitismus bei Marx

1. Das kann ich so genau nicht mehr sagen. Sicher hab ich das „Manifest der kommunistischen Partei“ bereits als Jugendlicher gelesen, vielleicht mit 16 oder 17. Damals bin ich mit dem klaren Begehren an den Text herangetreten, ihn  nicht nur zu verstehen, sondern auch sehr gut zu finden. Im ersten Semester an der Universität Zürich habe ich mich dann in einen Lektürekurs für Fortgeschrittene eingeschmuggelt, der mich wegen des Titels „Muss Geschichte langweilig sein?“ angesprochen hatte. Dort übernahm ich das Referat über die berühmte Schrift von Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. Obwohl darin zahlreiche „klassische“ Formulierungen zu finden sind  –  „Hegel bemerkt irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Thatsachen und Personen sich so zu sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als große Tragödie, das andre Mal als lumpige Farce“. –  Ich  fand den Text damals schwer zu lesen. Insbesondere irritierte mich damals, wie sehr Marx dort seine ganze Gelehrsamkeit ausbreitete.

2. Am ausführlichsten habe ich mich später mit der Reaktion von Karl Marx auf Bruno Bauers Die Judenfrage (1843) beschäftigt: Ich habe dem Text fast ein eigenes Kapitel in meiner Arbeit über den Antisemitismus bei Carl Schmitt gewidmet. Schmitt hat sich ja sehr mit den judenfeindlichen Texten von Bauer beschäftigt und sich vieles davon angeeignet. Wie differenziert man Marx' Replik Zur Judenfrage auch immer lesen mag und welche Bedeutung sie für die Entwicklung des Marxismus spielen sollte – sie enthält grauenhafte Sätze, die aus meiner Sicht auch keine noch so elegante Verteidigung retten kann („Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.“). Hierüber hatte ich 2010 in London am Leo Baeck Institut eine mehrstündige Diskussion mit dem französischen Philosophen Etienne Balibar. Selbst seine anspruchsvollen Versuche, den Text als ganzen zu retten, konnten mich nicht überzeugen. Wenn ich sehe, wie heute in der englischen Labour Party fast täglich die neue, linke Führung mit ihrer marxistischen Prägung sich nicht dazu durchringt, Antisemitismus als etwas zu verurteilen, was nicht einfach identisch ist mit kolonialem Rassismus ist, so erscheint mir die kritische Auseinandersetzung mit diesem Text bis heute relevant.

3. Als Historiker lese ich Marx als Autoren von Texten der europäischen und globalen Ideengeschichte – insofern muss man ihn zur Hand nehmen, wenn man die Gegenwart verstehen möchte. Gleichzeitig stehen wir natürlich auch nicht jenseits dieser Geschichte, vielmehr sind wir vielfältig in sie verstrickt. Etwa wenn wir – um bei dem oben erwähnten Thema zu bleiben – uns kritisch mit dem Antisemitismus auseinandersetzen. Hier kann man sicher auch heute noch sehr viel, gerade bei der vom Marxismus geprägten Antisemitismustheorie der Frankfurter Schule, lernen.

Raphael Gross

                                                           ***

Marx, Zweihundert

1. Auf Marx stieß ich schon als Schüler mit etwa 15 Jahren, das heißt um 1964, auf meinem (damals einsamen) Weg vom Katholizismus zur Linken. Prägend waren zunächst Bezugnahmen auf ihn in den „Frankfurter Heften“ und in Schriften von Wolfgang Abendroth und Georg Lukács, alles zugänglich über die Stadtbibliothek, dann erst Originaltexte. Während meiner Studienzeit redeten dann alle von Marx. Mein erster Promotionsplan war eine Geschichte des Marxismus am Leitfaden des ungenügenden Verständnisses von alltäglicher menschlicher Intersubjektivität und von Demokratie in dieser Tradition. Diesen Plan gab ich zugunsten meiner Monographie über George Herbert Mead auf, bei dem ich plausiblere Antworten auf meine Fragen fand, die ich aber nichtsdestotrotz irgendwie mit dem Marxismus zusammenbringen wollte.

2. Für mich von anhaltender Bedeutung ist der Versuch von Marx, ein emphatisches Verständnis der Kreativität menschlichen Handelns mit einer realistischen Analyse ökonomischer und politischer Prozesse zu verbinden. Sein Vorhaben, das mittels der Arbeitswerttheorie und einer geschichtsphilosophischen Konzeption von proletarischer Revolution zu leisten, halte ich allerdings für einen Irrweg. In den Marx-Kapiteln meiner „Kreativität des Handelns“ (S.128-172) habe ich seine Synthese von deutschem Idealismus und britischer Ökonomie „zu genial“ (S.140) genannt, weil sie die meisten Probleme nicht löst, sondern verdeckt und verschiebt. Aber das heißt ja nicht, dass die Synthese nicht anzustreben wäre.

3. Abstrakt vieles: von der globalhistorischen Perspektive bis zur Rolle sozialer Ungleichheit und sozialer Kämpfe. Konkret jedoch nur wenig, weil seine Prognosen zum Beispiel vom Verschwinden des Nationalstaats, der Familie und der Religion ja aus Gründen nicht eingetroffen sind, die mit dem Kern seiner Theorie zusammenhängen

Hans Joas

                                                           ***

Was Gesellschaft grundstürzend verbindet

Anders als etwa der herrschenden Ökonomik gelten Marx und Das Kapital in der Soziologie ganz unbestritten als Klassiker der Disziplin – und dies auch außerhalb des hierzulande ohnehin kaum existenten akademischen Marxismus. Das mag daran liegen, dass hinreichend viele Soziolog*innen Autor und Werk eben nicht nur vom Hörensagen, beziehungsweise in der ansonsten kursierenden Vulgärversion der schrecklichen Vereinfacher kennen. Denn wer die Dynamik und die Widersprüche der Gegenwartsgesellschaft verstehen will, muss Marx und Das Kapital gelesen haben oder endlich einmal lesen. In unnachahmlicher Weise haben sie klar gemacht, was diese Gesellschaft im Innersten zusammenhält – und zugleich auseinandertreibt: Die auf geradezu unwahrscheinliche Weise Wert schöpfende und basale Formen der Sozialität zerstörende Logik des Kapitals. Marx analysiert, er moralisiert nicht.

Er verurteilt nicht den Kapitalisten, sondern seziert die strukturellen Zwänge der Kapitalherrschaft. Er schreibt keine Endzeitgeschichte des Kapitalismus, sondern verweist auf die Bewegungen und Gegenbewegungen, die diese Gesellschaftsformation permanent in die Krise stürzen und doch auch immer wieder neu beleben. Ebenso schonungslos zeigt Marx, wer was von der kapitalistischen Produktionsweise hat – und was sie wen kostet. An diese beinahe schon zeitlosen Einsichten lässt sich auch heute noch sinnvoll anschließen – wissenschaftlich, aber auch politisch. Ein derartiges Urteil lässt sich nur über die allerwenigsten Beiträge zur Soziologie fällen, zumal als Zwischenfazit nach anderthalb Jahrhunderten.

Stephan Lessenich

                                                           ***

Schulungsleiter auf Abwegen

Im roten Jahrzehnt der 1970er Jahre begann mit Karl Marx die politische Bildung, selbst in der niedersächsischen Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin. Die Oberschüler, die sich hier einem sozialistischen Arbeiterjugendverband angeschlossen hatten, richteten bald sogenannte „Schulungsgruppen“ ein, um sich die Grundlagen der materialistischen Weltanschauung beizubringen. Ich wurde zum Schulungsleiter ernannt und hatte fortan Das kommunistische Manifest, Lohn, Preis und Profit, Lohnarbeit und Kapital, Engels‘ Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft und das Vorwort zur Kritik der Politischen Ökonomie vorzubereiten, wobei ich einen Eifer an den Tag legte, den man schulisch bei mir bisweilen vermisste. Beim Kommunistischen Manifest stolperten wir über die berühmte Textstelle, an der Marx und Engels die klassenlose Gesellschaft beschreiben: „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entfaltung eines jeden die Bedingung für die freie Entfaltung aller ist“ (MEW Bd. 4, S. 482). Fast wie von selbst lasen wir die berühmte Passage zunächst anders herum, dass nämlich die freie Entfaltung aller die Bedingung für die freie Entfaltung eines jeden sei. Etwas anderes hätten wir vom Kommunistischen Manifest nicht erwartet, als dass erst alle sich frei entfalten müssten, damit dies auch jedem Einzelnen zukommen könne. Die bald darauf folgende Einsicht, dass der Maßstab gesellschaftlicher Freiheit für Marx nicht das Kollektiv, sondern die Freiheit eines jeden ist, sorgte mit dafür, dass ich in den kommenden Jahren nicht nur vergleichsweise immun gegen den Kollektivismus der dogmatischen Politsekten war, die sich auf Marx beriefen und ihn vielleicht auch falsch herum gelesen hatten. Sie machte mich später als Soziologen auch skeptisch gegenüber Gesellschaftsdiagnosen, die den Wert der Freiheit eines jeden erst in der zeitgenössischen Moderne verankert sehen.

Sighard Neckel

                                                           ***

The norm, not the exception

1. Growing up in Latin America more or less meant that it would be very difficult not to know about Karl Marx and at least some of his ideas by the time one was 10, or 12. It was very different from the US at that time when the cold war was on and Marx was seen as a bad word, not to be mentioned in proper company. I was an eager reader of non-fiction at that age, and remember finding a strange book in my parent’s vast library at home: it was written by a US based Eastern European and portrayed communism as the devil’s image. I have to smile when I think that at 12 I got so engaged with all of this…But it was easy in Buenos Aires: I was not alone, nor was this rather straightforward engagement with Marx something rare. It was also the time when the COMECON was active –a Soviet Union transnational economic network that brought in several countries from Latin America, as well as Africa and Asia. I grew up in a world where all of this was the norm, not the exception.

2. In Latin America it was above all Marx’ (with Engels) engagement with class struggle and the analysis of capitalism. I think that remains my key anchor in Marx’s work, even though I have dealt also with some of the philosophical issues in Marx, even if they were not dressed in the clothing of Philosophy. The professor I was working with in Poitiers was a student of Jean Hyppolite, so philosophical aspects were really at the center of my professor’s work. And yes he was a Hegelian. In fact, right after I completed my doctorate in sociology and economics in the US, my husband and I went to France – He had an invitation to teach as a visiting professor in the philosophy department for a year. I decided to work on a thesis about Marx –, which is filed in the Bibliothèque nationale de France!And every now and then across the years I get the kind of letter that says “Did you ever do anything else after this thesis..?” If they only knew…!

3. It depends on the country—in Latin America and some parts of Africa he was a live source for a long time. In the US I would say there have been ups and downs – right now there is a sort of renaissance.

Saskia Sassen

                                                           ***

Kritik im Getöse

Marx entkommt man nicht. Die erste Begegnung erfolgte meiner Erinnerung nach in der Schule – eine kurze Erwähnung im Geschichtsbuch. Ein Zugang zu einer Auswahl seiner Texte gelang durch die heimische Bibliothek. Während der Schulzeit in der Oberstufe des Gymnasiums war Marx zudem als Gallionsfigur auf allen besuchten Demonstrationen präsent. Der Rauschebart war längst schon eine Ikone des Protest gegen alles, was linke Herzen bewegte – vergleichbar nur noch mit Che Guevara, der, ebenfalls im Stickerformat, die revolutionär gestimmte Brust schmückte. In der Schülerzeitung war Marx vor allem als Seyfried-Karikatur präsent. Nach dem Leistungskurs Sozialwissenschaften, der sich einen Ausflug an die Universität Münster und das dortige Institut für Soziologie gönnte, begegnete mir– im dort 1984 aufgenommenen Studium der Sozialwissenschaften – Marx als der alles überragende Theoretiker, auf den man sich nahezu durchgängig bezog. Diese nahezu hegemoniale Stellung – tatkräftig unterstützt durch die Hochschulgruppen SHB und MSB – wurde schnell zu einem engen Denkkorsett, das nach Sprengung durch andere Geister verlangte, deren Lektüre einem als geradezu subversiver Akt erschien. Umstellt von der in blaue Bände gegossenen reinen Lehre wurde von den Kommilitonen und studentischen Mentoren schon der Griff zu Weber als ein besorgniserregendes Anzeichen bourgoiser Degeneration bewertet. An der Universität Marburg, an der ich heute lehre und forsche, hat Marx in jenen Jahren einen mindestens ebenso prominenten Stellenwert eingenommen. Die in den verschiedenen Stationen vorherrschende Dominanz seiner Person und seiner Schriften hat den Zugang jedoch eher erschwert als erleichtert. Wie auch heute wieder der Weg zu seinem eigentlichen Werk erst einmal gebahnt werden muss durch das Dickicht der Jubelarien, die auf Marx angestimmt werden, dabei das Geschäft der Kritik, das ihm so lieb und teuer war, völlig vernachlässigend. So unsäglich das Marx-Bashing nach dem Zusammenbruch des Kommunismus war, in der heute zu Recht vergessene FDP-Politiker von „Marx ist Murx“ schwafelten, so schwer erträglich sind die aktuellen Anstrengungen, Marx (wieder) zu dem Propheten gesellschaftlicher Entwicklungen zu verklären, der wie ein Seher nahezu alles vorausgehen hat, was heute geschieht. Die Verehrung von Marx hatte schon immer eine religiöse Komponente. Sie zeigt, wie groß auch in der Wissenschaft das Bedürfnis ist, Vorbilder und Stars zu kreieren, die den Weg in die Zukunft weisen sollen. Überfliegt man die zu seinem 200. Geburtstag erschienen Publikationen kommt es einem oftmals vor, als hätte es die zahlreichen Kritiken an und Erweiterungen von Marx durch die kritische Theorie oder den Poststrukturalismus nie gegeben. Wenn das Getöse des Jubeljahres erst einmal wieder verklungen sein wird, wäre es deshalb sicher ein durchaus lohnendes Unterfangen, sich den Texten von Marx erneut zuzuwenden. Dann könnte man nüchtern prüfen, was von seinem Werk – für die Soziologie! – bleibt.    

Markus Schroer

                                                           ***