Zur Aktualität Émile Durkheims

Ein Themenschwerpunkt zum 100. Todestag

(Quelle)

 

Am 15. November 1917 verstarb Émile Durkheim im Alter von 59 Jahren in Paris. Diesen Jahrestag nehmen wir zum Anlass, den Gründervater der Soziologie mit einem Schwerpunkt auf Soziopolis zu würdigen.

Was lässt sich heute noch von einem Gelehrten lernen, der das Fach und seine Nachbardisziplinen so nachhaltig geprägt hat wie nur wenige andere? Welchen Stellenwert können seine klassischen Studien Über die Teilung der sozialen Arbeit (1893), Die Regeln der soziologischen Methode (1895), Der Selbstmord (1897) und Die elementaren Formen des religiösen Lebens (1912) in der Gegenwart für sich beanspruchen? Wie brauchbar ist das von ihm entwickelte begriffliche und methodische Werkzeug zur Bearbeitung aktueller sozialwissenschaftlicher Fragestellungen?

Um diesen und anderen Fragen nachzugehen, haben wir fächer- und grenzübergreifend Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um größere und kleinere Beiträge zu unserem Themenschwerpunkt gebeten. Den Auftakt macht Charles Lemert (Yale), der in Durkheim’s Ghost ein Gedankenexperiment wagt und in feinfühliger Art und Weise darüber spekuliert, was Durkheim wohl zu dem Jahrhundert nach seinem Tod eingefallen wäre. In Durkheim-Werden, Durkheimianer werden stellt Heike Delitz (Bamberg) die vielen Facetten seines Œuvres vor und verweist auf die zahlreichen Anschlussmöglichkeiten von Durkheims Ansatz für aktuelle soziologische Fragestellungen. Bruno Latour (Paris) steuert mit Elementare Formen der Soziologie einen Text bei, den er ursprünglich für das Colloquium anlässlich der Hundertjahrfeier zum Erscheinen von Les formes élémentaires de la vie religieuse am Collège de France verfasst hat und der hier erstmals in deutscher Übersetzung erscheint. Abgerundet wird der Schwerpunkt schließlich durch kürzere Beiträge von neun weiteren Autorinnen und Autoren, die wir unter dem Motto Durkheim lesen! um Stellungnahmen zur anhaltenden Bedeutung von Frankreichs Soziologen Nr. 1 gebeten haben. Entstanden ist eine Galerie thematisch vielfältiger und mitunter sehr persönlicher Miniaturen, die zeigt, warum das intellektuelle Erbe des großen Ahnen auch unter seinen Enkeln und Urenkeln noch lange nicht aufgebraucht ist. Ihnen und den anderen Autorinnen und Autoren des Schwerpunkts sei an dieser Stelle ganz herzlich gedankt.