Georg Simmel

Die Formen der Vergesellschaftung und die Kunst der Unterscheidung

Leben

Georg Simmel wurde am 1. März 1858 in Berlin als siebtes und jüngstes Kind einer assimilierten jüdischen Kaufmannsfamilie geboren und verbrachte dort den überwiegenden Teil seines Lebens. Nach dem Konkurs des väterlichen Geschäfts 1863 bleibt die Familie auf Unterstützung von Simmels Patenonkel Julius Friedlaender angewiesen, der als Verleger und Musikalienhändler (C. F. Peters) ein Vermögen erwirtschaftet hatte und vorerst auch für Simmels Auskommen sorgte. Er besuchte das renommierte Friedrichwerder'sche Gymnasium, studierte dann an der Berliner Universität ab 1876 Philosophie, Völkerpsychologie sowie Geschichte und hörte noch bei Johann Gustav Droysen, dem Historiker und Geschichtstheoretiker. 1890 heiratete er die Porträtmalerin Gertrud Kinel, die unter dem Pseudonym Marie Luise Enckendorff heute vergessene metaphysisch-weltanschauliche Bücher publizierte: Der einzige Sohn Hans Simmel, dem die Forschung wichtige Erinnerungen ans Elternhaus verdankt,[1] wurde 1891 geboren.

Georg Simmel (1858-1918), Bild: Alexandra Sonntag (2011)

Keiner der entscheidenden Schritte einer akademischen Karriere verlief für Simmel reibungslos, exemplarisch für den strukturellen Antisemitismus des Kaiserreichs auch und gerade in der Wissenschaft. Hermann von Helmholtz lehnte als Zweitgutachter die erste Dissertationsschrift über die „Anfänge der Musik“ ab.[2] Promoviert wurde Simmel 1881 mit einer bereits veröffentlichten Arbeit über Das Wesen der Materie nach Kant's Physischer Monadologie. Auch die – verschollene – Habilitationsschrift beschäftigt sich mit Kant, die Probevorlesung ließ man ihn wiederholen. Simmel blieb 15 Jahre Privatdozent, noch für das im Juli 1900 erteilte Extraordinariat in Berlin bedurfte es zweier Anläufe. Die angestrebte Professur in Heidelberg wurde 1908 maßgeblich durch ein Gutachten des Historikers Dietrich Schäfer torpediert, das Simmels Denken als typisch jüdisch, nämlich „mehr zersetzend und negierend als grundlegend und aufbauend“ rubriziert, weshalb es auch nicht Wunder nehme, dass in seinem Auditorium „die orientalische Welt [...] überaus stark vertreten“ sei (GSG 24: 287). Ein Sondervotum von sechs Mitgliedern der Straßburger Philosophischen Fakultät an den Kaiserlichen Statthalter versuchte Ende 1913 mit fadenscheinigen Gründen, Simmels Berufung zu hintertreiben, die dann doch erfolgte (ebd.: 387–391).

„Die Leben von Professoren sind selten interessant“,[3] auch Simmels macht keine Ausnahme. Eine Gelehrtenexistenz: Lesen und Schreiben, gut besuchte Vorlesungen, in den späten Jahren die zahlreichen, von Simmel sehr geliebten Vortragsreisen als „'Wanderprediger'“,[4] jeweils für einige Tage Tapetenwechsel bringend. Er spottete über den beginnenden Alpentourismus und verbrachte doch seinen Urlaub meist wandernd in der Schweiz oder Italien und frönte damit ganz konform dem „Asketismus der gehobenen Lehrer und Professoren“,[5] dazu in der Freizeit das um 1900 noch extravagante Radfahren und Tennisspiel. In dieser Zeit stand Simmel Stefan George nahe, doch kühlte das Verhältnis auch zu dessen 'Kreis' bald wieder ab. Für Herrschaft und Dienst (Friedrich Wolters) war der unabhängige Geist nicht zu haben, nur der Kontakt zu Friedrich Gundolf blieb noch für längere Zeit erhalten. Simmel korrespondierte mit Max und Marianne Weber, Heinrich Rickert, Edmund Husserl, Ernst Robert Curtius, Fritz Mauthner, Karl Jaspers und vielen anderen, dazu mit Intellektuellen und Künstlern vom Rang Auguste Rodins, Rainer Maria Rilkes, Ricarda Huchs, Herwarth Waldens, Martin Bubers und Hermann Graf von Keyserlings; ganz so wie mit Kurt Tucholsky, dem er für einen Zeitschriftenbeitrag absagte, und dem einflussreichen Verleger Hugo Bruckmann, der bald den jungen Hitler in der Münchner Gesellschaft salonfähig machen sollte.

Seine Schülerin Gertrud Kantorowicz brachte 1907 eine uneheliche Tochter zur Welt, Simmel litt unter diesem Fehltritt und versagte sich, das Kind jemals zu sehen, seiner Ehe mit Gertrud Kinel gab das nicht gerade Auftrieb. Schweren Herzens verließ er 1914 die blühende Metropole Berlin, wenn nicht das Zentrum, so doch der Nährboden seines Denkens und Wirkens, indem er mit 55 Jahren einem Ruf an die Straßburger Kaiser Wilhelm-Universität folgte. Simmel wurde in Straßburg vom Kreis elsässischer Intellektueller um René Schickele hofiert,[6] eine innigere Verbindung mit dem unter politischem Sonderstatus stehenden, von Frankreich 1871 annektierten 'Reichsland Elsaß-Lothringen', das gerade erst ein Parlament zugebilligt bekam, wollte sich nicht mehr einstellen. Der Kriegsausbruch im August 1914 beraubte ihn nicht nur eines Großteils der dortigen Studenten, sondern warf Simmel auch zurück auf eine insulare Existenz in der Festungsstadt, die er als außerordentlich frustrierend empfunden hat. Schwierigkeiten mit der Militärzensur, die mit einem 'Maulkorberlass' drohte und Simmel im August 1915 rügte, folgten bald. Durchaus national gesinnt – „ich liebe Deutschland und will deshalb, daß es lebe“ (GSG 16: 23) –, bemühte er sich zunächst noch darum, in Fühlung mit Exponenten der anderen 'Kulturnationen' zu bleiben, natürlich vergebens. Niemandem war klarer als ihm, dass „der europäische Haß [...] wohl die Erbschaft dieses Krieges sein wird“ (ebd.: 17). Richtig wähnte er den Ersten Weltkrieg als Ende der Epoche seit 1789 und antizipierte damit die Rede vom 'langen' 19. Jahrhundert (ebd.: 52).

Viele biografisch relevante Dokumente, zum Beispiel ein Großteil der Briefe, sind verschollen, die zahlreichen Zeugnisse im Buch des Dankes,[7] lange Zeit einzige Stütze für biografische und wirkungsgeschichtliche Interessen, die „Lebenserinnerungen“ des Sohnes und die verbliebene Korrespondenz sind die Quellen, an die sich der Simmels Leben Verfolgende halten muss, eine Biografie, die er selbst wohl als indiskret empfunden hätte, gibt es nicht. Georg Simmel lebte und starb als Philosoph – „auf bergson bin ich von vielen seiten her aufmerksam gemacht worden, seine tournure d’esprit soll, wie man mir sagt, mit der meinigen verwandt sein. dies ist nun nicht grade eine attraktion für mich, da ich mit dem täglich 24stündigen ichselbstsein grade genug von mir habe“, heißt es am 31. Oktober 1908 an Keyserling (GSG 22: 666). Wenige Wochen vor seinem Tod notierte er am 5. September 1918 an Agathe und Hugo Liepmann, dass er „ohne Hader mit dem Geschick aus dem Leben gehe, ohne Wehmut, ohne Sehnsucht nach dem, was noch hätte kommen können [...] – die Rechnung ist fertig, was noch kommen könnte, wäre für mich & für Andre keine wesentliche 'Mehrung des Reiches' gewesen“ (GSG 23: 1007).

Simmel starb am 26. September des letzten Kriegsjahres an Leberkrebs. Den Waffenstillstand hat er nicht mehr erlebt.

 

Soziologie

Simmels soziologisches Denken ist ursprünglich von Herbert Spencers Differenzierungstheorie und Moritz Lazarus' „Völkerpsychologie“, einem ehrgeizigen Versuch, Sozial-, Geschichts- und Kulturphilosophie in einem metaphysikfreien Konzept des objektiven Geistes zu verbinden, inspiriert.[8] In seinem soziologischen Erstling Ueber sociale Differenzierung von 1890 mit der berühmten These, die „Kreuzung socialer Kreise“, nicht ein ominöser Wesenskern sei für die jeweilige Ausprägung von Individualität verantwortlich, fasst Simmel die Disziplin noch als Strukturwissenschaft, „Wissenschaft sozusagen zweiter Potenz“ (GSG 2: 116), die sich der Erträge aus Geschichte, Psychologie, Statistik usw. bedient, um Schlüsse auf einem neuen abstrakten Niveau zu ziehen. Damit ist im Grunde bereits gesagt, dass Simmels Soziologie 1. anders als Emile Durkheims faits sociaux keine Phänomene als 'Dinge' oder 'Tatsachen' behandelt, sondern über Konstruktionen von Konstruktionen reflektiert und 2. damit, trotz des immensen Erfahrungsgehalts seiner Studien, empirisch nonchalant bis 'freihändig' agiert, was 1908 zum berüchtigten Passus führte, bei der langen Reihe der vorgestellten Fälle komme es darauf an, dass sie „möglich, aber weniger darauf, daß sie wirklich sind“ (GSG 11: 65). Unscharfe Ränder zu Psychologie und Philosophie sind bei Simmel schon in seiner Politik der Titelgebung notorisch, Philosophie des Geldes, „Psychologie der Diskretion“ u. ä., sie verdienten eine genauere semantische Untersuchung.

Entscheidend für seine Auffassung der Disziplin Soziologie aber sind die knapp zehn Druckseiten zum „Problem der Sociologie“ von 1894. „Formen der Vergesellschaftung“, nicht ihre „Ursachen und Zwecke“ sollen untersucht werden (GSG 5: 54). Damit ist Soziologie Wissenschaft sozialer Prozesse, die mittels Vergleich von möglichst heterogenen Beispielsreihen zeige, „daß die gleiche Form, die gleiche Art der Vergesellschaftung an dem allerverschiedensten Material, für die allerverschiedensten Ziele eintreten kann“ (ebd.). Nennt Simmel „Über- und Unterordnung“, „Konkurrenz“, „Arbeitsteilung“, „Durchkreuzung und Schichtung“, zudem nach Intensität der Vergesellschaftung graduiert (ebd.: 54f.), so wird klar, dass er auf der Suche nach überzeitlichen Mustern von „socialen Konstellationen“ ist (ebd.: 59). Gesellschaft aber sei überall dort, „wo mehrere Individuen in Wechselwirkung treten“ (ebd.: 54). Dieser ursprünglich aus der Physik stammende und dort eindeutig definierte, hier nun soziologische Grundbegriff reicht weiter und tiefer als Interaktion. Noch das Nichthandeln, Vermeiden und Verweigern (zum Beispiel von Modetrends), der Raum, ja das Wissen und Nichtwissen, Stichwort Geheimnis, das Simmel ausführlich untersuchte (GSG 11: 383–455), 'wechselwirkt', weshalb der Handlungstheoretiker Max Weber nicht ganz zu Unrecht bemerkt, es lasse sich „nur mit der größten Künstlichkeit überhaupt eine rein 'einseitige' [...] Beeinflussung eines Menschen durch einen anderen ausdenken“.[9] Simmel, der keineswegs einem soziologischen Universalismus frönt, hingegen betont zu Recht, niemand vermöge zu sagen, wo eine Handlung beginne und ende (GSG 16: 217, 220).

In dichter Folge entstehen während der 1890er-Jahre und zu Beginn des neuen Jahrhunderts kurze Essays zu grundsätzlichen Themenfeldern und Problembereichen der Soziologie wie Familie, Religion, Ästhetik, Großstadtleben, Raumsoziologie, Mode, aber auch Kabinettstückchen wie die „Psychologie des Schmuckes“, die die Wertschätzung des Diamants nicht von seiner Rarität ableitet, sondern über den Umstand, dass er ob seiner strahlend reinen Transparenz die Individualität gerade des Trägers aufwerte (GSG 8: 387f.), eine Soziologie der Sinne, Scham und Diskretion, des Briefverkehrs, die hoch anregende Spekulation über den „Menschen als Feind“ u.v.a.m. – allesamt Texte, die auch heute noch zum Pensum eines einigermaßen interessierten Soziologiestudiums zählen sollten.

Simmels Meisterstück ist die Philosophie des Geldes, pünktlich vorgelegt zum Jahrhundertwechsel. Vom Umfang her einschüchternd, gilt sie als Simmels genialster Wurf, enthaltend eine Medien-, Wert-, Erkenntnistheorie, die – schon weniger bekannte – Weiterführung der Differenzierungstheorie in Bezug auf Probleme des Individualismus und eine umfassende Diagnose der Moderne als Pluralisierung, Beschleunigung und, insgesamt gesehen, deren kultureller Sublimierung. Wenn der Mensch „das tauschende Tier“ (GSG 6: 385), die Moderne aber über fortschreitende Arbeitsteilung und gesellschaftliche Differenzierung generell durch die Verlängerung der Zweckreihen, d. h. Komplexisierung von Interaktionen gekennzeichnet ist, so erscheint das Geld als ideales Symbol dieses Säkularprozesses und als sein Antrieb zugleich. Als Medium, „reinste Wechselwirkung“ (ebd.: 137), nivelliert es auch die Zwecke und Ziele, nämlich in Geldwert, das ist der tiefere Sinn vom sprichwörtlichen 'Für Geld bekommt man alles', allerdings, und es ist typisch Simmel, immer beide Seiten des Phänomens zu erkunden, fortan nur noch mit Geld, und so „hat sich uns die Geldleistung als der Träger der völligen Freiheit wie der völligen Unterdrückung gezeigt“ (ebd.: 545). Es ist nun faszinierend zu verfolgen, wie er, immer am Leitfaden von Wirtschaftsbeziehungen und Geldverkehr in den verschiedensten Epochen und Kulturen, das ganze Universum des soziokulturellen Bereichs neu vermisst, vom Übergang des Geldes als Substanzwert (zum Beispiel in Gold oder seltenen Muschelschalen) zum Funktionswert (Repräsentation in Papiergeld, Schecks usw.), von Geldstrafen und dem Spezialfall des mittelalterlichen Wergeldes, das das Individuum tatsächlich nach Geldwert taxiert, über Prostitution und Frauenkauf, Mäzenatentum, eine Psychologisierug der Arbeit, die auch geistige Tätigkeit zu wertschätzen erlaubt, und zahllosen anderen Gegenständen, bis er zur Diagnose vorstößt, für die das Buch berühmt geworden ist. Der moderne „Stil des Lebens“, so der Titel des letzten Kapitels, sei gekennzeichnet durch das Zugleich von Extremen, „Fortschritt und Stagnation [...] unmittelbar nebeneinander“ (ebd.: 645), wir suchen heute die rohesten und sublimsten Genüsse, die Kunst müht sich beispielsweise im Naturalismus, endlich der Wirklichkeit als solcher habhaft zu werden, während der gleichzeitige Symbolismus sie wieder überhöht und verzaubert; Wissenschaft und Religionsbedürftigkeit expandieren gleichermaßen und finden sich nicht selten widerstreitend in ein- und derselben Person, die Revolution des Verkehrswesens macht Reisen so einfach wie nie zuvor, weshalb prompt eine Alpentouristik entsteht und sich der Wunsch nach dem (faktisch gerade erst überwundenen) frugalen Leben einstellt (ebd.: 675).

Der moderne Mensch ist dezentriert, jedoch ohne dass es ein normatives Zentrum überhaupt gäbe, dem er sich wenigstens annähern könnte. Auch hier spielt der janusköpfige 'Komfort' des Geldes eine zentrale Rolle: „Indem das Geld ebenso Symbol wie Ursache der Vergleichgültigung und Veräußerlichung alles dessen ist, was sich überhaupt vergleichgültigen und veräußerlichen läßt, wird es doch auch zum Torhüter des Innerlichsten“ (ebd.: 653). Diese Situation von Beschleunigung, Fragmentarisierung und Entsubstantialisierung aller Seinsverhältnisse ist für Simmel schlicht auszuhalten, er teilt nicht das vielstimmige Lamento über Entfremdung oder gar Gottferne der wohlfeilen Kulturkritik von links und rechts, allein das markiert seinen Rang als Theoretiker und Diagnostiker der Moderne. Sie ist Rastlosigkeit in jedem Sinne, ohne Aussicht auf definitive Orientierungen, doch auch ohne Verzweiflung, wir haben uns einzurichten in „absoluter Bewegtheit“ einer „allgemeine[n] Relativität der Welt“ (ebd.: 715).

All dies entwickelt Simmel nicht mittels Begriffskaskaden auf abstrakt-thetischem Niveau, sondern stets eng an den Phänomenen des sozialen Lebens. Es war dieser Durchbruch innerhalb eines von phantasielosem Positivismus und (trotz manch wissenschaftstheoretischer Verdienste) beinernem Neokantianismus dominierten Milieus, die Absicht einer Wiederbelebung des „Weltfühlens“ (ebd.: 12), die die Generation der Georg Lukács, Siegfried Kracauer, Ernst Bloch und Theodor W. Adorno überaus beeindruckte.[10] Auf das Engste hängt damit Simmels kraftvolle Verteidigung der Induktion zusammen, die die Argumentationslogik des Buches markiert, denn nur sie ist epistemisch produktiv – wer deduktiv arbeitet, kann nie mehr erkennen, als in seinen Prämissen enthalten ist, oder schärfer: nur das, was er ohnehin schon weiß. Simmel war sich dieser Leistung rückblickend bewusst (GSG 24: 71), bei ihm ist es das Geld als „Symbol“, also Inbild und Repräsentant zugleich der modernen condition sociale, mit dem er „versucht, das Problem begrenzt und klein zu nehmen, um ihm durch seine Erweiterung und Hinausführung zur Totalität und zum Allgemeinsten gerecht zu werden“ (GSG 6: 12f.).

An der sogenannten 'großen' Soziologie von 1908 hingegen scheiden sich bis heute die Geister. Mit dieser dichtgefügten Prosa-Eiger-Nordwand von in der aktuellen Ausgabe weit über 800 Druckseiten und untauglichem „Materienverzeichnis“ versehen, in langen Kapiteln seltsam heterarchisch-seriell konstruiert, nur durch die Interventionen der berühmten „Exkurse“ über den Armen, Fremden, die Soziologie der Sinne, über Treue und Dankbarkeit etc. aufgelockert, meinte Simmel zunächst, sein soziologisches Nachdenken abschließen zu können. Der komplizierte Entstehungsprozess unter Zeitdruck,[11] den Simmel als ungeliebte Fron empfand, mag mit verantwortlich dafür sein, dass die (so der Untertitel) Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung ausgerechnet von der Form her nicht gänzlich überzeugen.

Deutlich allerdings ist einer aufmerksamen Lektüre Simmels Bestreben, mit der Soziologie Neues und Anderes denn mit der differenzierungs-, wert- und kulturtheoretisch orientierten Philosophie des Geldes zu bieten. Er hält bewusst Abstand zu Letzterer und erkundet nun mit erkennbar ahistorischer Stoßrichtung[12] eben die universalen Formen der Vergesellschaftung.

Simmel fügt in diesem Buch den Bereich der Mikrosoziologie, um dessen seltsam opake Virulenz er seit Langem weiß (GSG 2: 126ff.), explizit hinzu, auch die Untersuchung der „mikroskopisch-molekularen Vorgänge“ ist nun von eminenter Bedeutung, handele es sich bei ihnen doch um „das wirkliche Geschehen“ (GSG 11: 33). Ehrgeiz ist es jetzt, die „Gesellschaft gleichsam im statu nascens [zu] zeigen“ (ebd.), Simmel wählt ganz bewusst möglichst heterogene Beobachtungsfelder (ebd.: 31), um die Befunde generalisierungsfähig zu halten. Man geht nicht völlig fehl, wenn man den Simmel von 1908 'interaktionistisch' nennt, was im Vergleich mit den anderen beiden modernen Klassikern evident wird, war doch Weber auf der Suche nach dem subjektiv gemeinten Sinn der Handlung und bemühte sich Durkheim, das Soziale über Zwänge, Normen und Institutionen zu begreifen: Im Gegensatz zu diesen Ansätzen 'von unten' beziehungsweise 'von oben' versucht Simmel hier, Gesellschaft aus ihrer Mitte heraus zu beschreiben.

Daran ändern auch die „soziologischen Aprioris“ im umstrittenen „Exkurs über das Problem: Wie ist Gesellschaft möglich?“ nichts, der zugleich den kleinsten Nenner aller soziologisch-gesellschaftstheoretischen Interessen benennt. Von Uta Gerhardt bündig Rollen-, Individualitäts- und Strukturapriori getauft,[13] haben wir es in Sozialkontakten niemals mit dem 'ganzen' Menschen zu tun, ist doch – daraus zwingend folgend – jeder Mensch außerhalb der jeweiligen Sozialbeziehung „noch etwas“ (ebd.: 51) und deshalb – wieder daraus folgend – jede denkbare Gesellschaft ein Ensemble von Differenzen. Es gibt nicht wenige Stimmen, die die kantianisierende Rede von Aprioris für verfehlt halten,[14] behandeln sie doch offenkundig Erfahrungswissen, doch ein Ertrag von Simmels Reflexion dessen, was für jede mögliche Gesellschaft gelten muss, ist gesichert: Erkenntnis des Sozialen ist gerade nicht nach Kants Modell naturwissenschaftlicher Erkenntnis zu begreifen, da in der Soziologie stets und notwendig das (auch heute mitnichten gelöste) Problem des Fremdpsychischen verhandelt wird (ebd.: 47).

Dass nicht vollständig von den Inhalten, Intentionen der Wechselwirkung abzusehen ist, wie er noch 1894 dekretierte, dämmerte Simmel 1908, so ist das Diktum zu verstehen: „Es gibt niemals schlechthin Gesellschaft, [...] denn es gibt keine Wechselwirkung schlechthin“ (ebd.: 24). Dennoch, Soziologie, hier übrigens dezidiert als nichtphilosophische Disziplin präsentiert, „betrachtet die Form“ (ebd.: 25), gerne vergleicht er sie mit der „Geometrie“ (ebd.) oder „Grammatik“ (GSG 16: 83), nur so erschließen sich synchrone und diachrone Vergleichsmöglichkeiten in Betrachtung von Hierarchien, Klassen, „Sondergebilden sachlicher, personeller, ideeller Art“, doch auch universale Sozialphänomene wie der Arme, Fremde, die Konkurrenz – „und unzähliges anderes“ (GSG 11: 27). Der Mensch, das wäre neben der immensen Fülle der Einzelbeobachtungen vielleicht die Summe dieses Kompendiums, ist das „Unterschiedswesen“ (ebd.: 312) und paradox das Wesen des Sozialen gerade seine Form.

Damit ist implizit bereits die Tür aufgestoßen zum kulturphilosophisch gesättigten Perspektivismus der 'kleinen' Grundfragen der Soziologie (Individuum und Gesellschaft), eine schmale Auftragsarbeit für die Sammlung Göschen, erschienen 1917. Nicht nur ernennt Simmel die Disziplin nun zur „Erkenntnistheorie der sozialen Sonderwissenschaften“ (GSG 16: 85), vor allem weitet sich der Gegenstandsbereich: „Die Gesellschaft ist eine der Formungen, in die die Menschheit die Inhalte ihres Lebens bringt; aber weder ist sie für diese alle wesentlich, noch ist sie die einzige, innerhalb deren die Entwicklung des Menschlichen sich vollzieht“ (ebd.: 126). Simmel dekliniert hier mit Beispielen von allgemeiner, formaler und philosophischer Soziologie verschiedene, gleichermaßen legitime Zugangsweisen zum Sozialen, also den Multiperspektivismus – weitere mögliche Sichtweisen drängen sich geradezu auf. Es konnte gezeigt werden, dass die 'kleine' Soziologie keineswegs nur Neuauflage des längst Bekannten ist,[15] ihre zahlreichen Liebhaber stehen dafür ein, dass hier vielleicht eine gelungenere Präsentation des Fachs als im das Monströse streifenden Buch von 1908 geboten wird.

 

Ästhetik

Simmel ist auch als einflussreicher Ästhetiker hervorgetreten,[16] allerdings verfuhr die Rezeption einzelner Texte meist durch Philologen und Kunsthistoriker derart punktuell, dass das Gesamtprofil dieses Komplexes, das als zweisträngig zu veranschlagen ist, bisher kaum erfasst wurde.

Ästhetische Soziologie

Simmel ist nicht der Entdecker des Zusammenhangs von Ästhetik und Gesellschaft, doch hat er die Soziologie mit Pionierstudien auch auf diesen Gegenstandsbereich gewiesen. Bleibt das Programm „Aesthetische Soziologie“ von 1896 noch sehr abstrakt, begreift sein in diesem Kontext berühmtester Essay, „Die Großstädte und das Geistesleben“ von 1903, recht eigentlich ein Auszug aus der Philosophie des Geldes, den Metropolenbewohner als der „Steigerung des Nervenlebens“ ausgesetzt (GSG 7: 116): Der Terror der Sinneseindrücke von Verkehr, Werbung, Informationsfluss der Massenmedien, Zeitverknappung etc. führe zu einem historisch einmaligen Umbau des gesamten „Seelenlebens“, einer immensen Steigerung des kognitiven Niveaus – und damit auch der Kulturleistungen. Diese Einsicht ist umso bedeutsamer, als das Gros der Kulturkritiker um die Jahrhundertwende im Großstadtleben nur den Untergang des Abendlandes erblicken konnte, ein Versagen des intellektuellen Niveaus, das sich bis in die Schelte des 'Amerikanismus' (Angestelltendasein, Kino, Tanzvergnügen usw.) noch der 1920er- und 30er-Jahre verlängerte.

Simmel untersucht die Soziologie der Sinne, Tischsitten, die Mode, Koketterie, den Zusammenhang von Öffentlichkeit und Schamgrenze sowie etliche andere, wesentlich ästhetische Momente des Sozialen, um sie als positive Verstärker der Sozialintegration zu beschreiben: Ohne das zwar nicht sozialkonstitutive,[17] jedoch eminent wichtige ästhetische Moment wären die Formen der Vergesellschaftung völlig anders beschaffen. Besonders reizvoll jedoch ist an Simmels ästhetischer Soziologie sein wiederum induktives Vorgehen, ausgehend von vermeintlich trivialen – dass die Menschen über Geruchssinn verfügen – oder höchst unerheblichen – dass sie gemeinsam in den Himmel blicken können – Phänomenen entspinnt Simmels Reflexion nicht nur frappante soziologische Einsichten wie diejenige, dass die soziale auch eine Nasenfrage sei (GSG 11: 734) oder schlicht im gemeinsamen Schauen von Sonne und Himmel der Ursprung aller Religion liege (ebd.: 731). Es ist dieses vermeintlich harmlos-spielerische, dennoch Evidenz heischende Argumentieren, das die großen deduktiven Systeme, die die ästhetische Dimension berücksichtigen, namentlich Pierre Bourdieus und Niklas Luhmanns, gerade nicht bieten; die Begründung einer dünnen, weil mit ästhetischer Innervationskraft verbundenen Traditionslinie deutscher Soziologie, die Adorno zu einsamen Höhen führte[18] und aktuell etwa von Tilman Allert fortgesetzt wird.[19]

Philosophie der Kunst

Ein völlig anderes Feld reflektiert der späte Simmel als Kunstphilosoph, der diese Arbeiten explizit von der soziologischen Ästhetik getrennt wissen will, sich dafür aber die Lizenz zu weit reichender metaphysischer Spekulation erteilt. Der berühmte zweite „Rodin“-Aufsatz nimmt den von Simmel viel bewunderten Künstler, eine Ausnahme im lebensphilosophischen Textkorpus, noch zeitdiagnostisch als Indiz: „Die Kunst spiegelt nicht nur eine bewegtere Welt, sondern ihr Spiegel selbst ist beweglicher geworden“ (GSG 14: 347). Noch immer formuliert Simmel Bedenkenswertes, der Essay über die „Ruine“ etwa betont, dass eigentlich nur in ihrer Ansicht Geist und Natur sinnfällig zum Einstand kommen. Die Goethe-Monographie von 1912, alles andere denn eine germanistische Abhandlung, umkreist den seltenen Fall gelungener ästhetischer Existenz, der Rembrandt hingegen, ähnlich antibiografistisch gehalten, mit aller denkbaren Insistenz, was es heißt, ein Werk zu schaffen.

Dennoch, anders als die soziologische Ästhetik tragen diese zum Teil höchst ehrgeizigen Schriften heute durchaus Patina oder lassen den Leser mangels einer elaborierten Begrifflichkeit ohne rechte Handhabe. In ihrer Summe genommen wird aber deutlich, dass Simmel nun 'Formung' als metaphysisches Prinzip schlechthin begreift. Die gelungene ästhetische Existenz und/oder das bedeutende Werk zeigen in nuce, wie sich der Mensch, mit Hegel, hienieden 'einhaust'; Simmel umkreist in den späten, der Kunst gewidmeten lebensphilosophischen Arbeiten das Wunder, dass das Aufrichten einer Welt[20] als Sinn- und Sinnlichkeitskohärenz überhaupt möglich ist, insofern postuliert er eine Weltgründungskunst als Schauseite der Metaphysik.[21]

 

Philosophie

Für Hans Blumenberg stellt die Philosophie des Geldes einen der wenigen konsistenten Entwürfe nach Nietzsche dar,[22] doch wird Simmel, der sich immer primär als Philosoph verstanden hat, erst in jüngster Zeit wieder als solcher entdeckt.[23] Hauptprobleme der Philosophie, der Bestseller von 1910 und ganz gewiss keine Einführung, lohnt noch immer die Lektüre, findet sich doch in diesem Versuch, philosophische Wahrheit als Ausdruck radikal zu kulturalisieren, Beherzigenswertes wie die dezidiert antiidealistische Einsicht, dass, gegen Nietzsche und gegen Marx (von dem viele Kerntexte noch gar nicht ediert waren) vom Denken kein Weg zur Notwendigkeit des Seins führe und gerade der Reichtum der das Individuum bedrängenden Probleme „unmittelbarer Gradmesser der Kultur“ sei (GSG 14: 141). Aus der Essaysammlung mit dem, wie Adorno richtig festhielt, spießig-affirmativen Titel Philosophische Kultur liest man zumeist nur punktuell die einzelnen Stücke über Geschlechterdifferenz, das Abenteuer, die Ruine oder Koketterie und überschlägt dabei das Programm, die Phänomene als solche ernst zu nehmen, Denken „labil [zu] erhalten“, denn zwar werden wir niemals 'ankommen', doch die Welt, die wir auf dem Weg „durchgraben haben, wird dem Geist dreifache Frucht bringen“ (ebd.: 167), nämlich Beweglichkeit, historische Tiefenschärfe und anhaltendes Interesse. Die kraftvolle Metaphysik des Todes im dritten Kapitel der Lebensanschauung dagegen ist den Wenigsten bekannt und wird kaum einmal diskutiert.[24]

Prominent geworden sind Simmels Wendungen von der „Tragödie der Kultur“, dem „Fragmentcharakter des Lebens“ und „individuellen Gesetz“. Letztlich liegt auf der Hand, dass sie allesamt als Antworten auf den soziologischen Befund des Fluiden sämtlicher Existenzweisen zu gelten haben. Wenn die objektive Kultur der Dinge und Wissensinhalte derart komplex geworden ist, dass der Einzelne unmöglich mehr dem neohumanistischen Ideal des 'ganzen Menschen', etwa à la Goethe als vollgültigem Repräsentant seiner Zeit, gerecht werden kann, lässt sich das als 'tragische' Inkongruenz von subjektiver Bildung und objektiv verfügbarem Wissensstand beschreiben. Der moderne Mensch ist unvermeidlich und bestenfalls nur 'Fachidiot', bleibt notorisch unter seinen Möglichkeiten: „Wir alle sind Fragmente, nicht nur des allgemeinen Menschen, sondern auch unser selbst“ (GSG 11: 49; vgl. GSG 6: 624). Daraus entwickelt Simmel in Kontrast zu Kants normativer Pflichtethik die Direktive des individuellen Gesetzes, die nicht mehr besagt als: Mach aus dir maximal, was in dir angelegt ist. Es ist kein Zufall, dass der Begriff, der im Abstand von 100 Jahren deutlich als frühe Variante des Strebens nach Selbstverwirklichung zu veranschlagen ist, erstmals 1902 in einem Künstler-Essay (über Rodin) fällt, geistesgeschichtlich rekurriert Simmels Theorem freilich auf den antiken Topos des 'Werde, der du bist'. Zentrale Inspiration für ihn war allerdings die Moralphilosophie des protestantischen Theologen der Romantik, Friedrich Schleiermacher. Romantischer Abkunft ist auch die paradoxe Denkform, mit der Simmel den Appell des individuellen Gesetzes analog zum künstlerischen Schaffensprozess beschreibt, denn da wir niemals mehr als Fragmente sein können, bleibt uns gar nichts anderes übrig, als sie jeweils zur Totalität zu füllen.[25] Das Fragment wird – wie das Kunstwerk im Schaffensprozess – zu seiner eigenen Welt, wobei es typisch ist, dass Simmel in einem seiner letzten Essays die Idee spekulativ wieder auf die Kunst zurück wendet, demonstriere sie doch im Ästhetischen, wie Totalität zustande komme (GSG 13: 393).

Gleichwie, Pluralisierung von Geltungsweisen, Absage an Teleologie, das Konzept eines selbsttragenden epistemischen Relationismus[26] sind nur einige Stichworte, die neben Ansätzen, Simmel wesentlich als Semantiker[27] oder Kulturtheoretiker, der „einerseits die Sachlichkeit und Selbständigkeit der Welt und andererseits ihre Geschichtlichkeit und Zufälligkeit vereint“,[28] zu deuten, heute tiefer reichendes Interesse heischen; was der Philosoph Georg Simmel tatsächlich in die Waagschale zu werfen hat, müsste eine noch ausstehende systematische Studie erkunden,[29] denn noch gar nicht als Problembestand erfasst ist, wie sich bei Simmel soziologisches und philosophisches Subjekt zueinander verhalten (Stichwort 'Seele'), was es mit der aus romantischen Traditionen gespeisten Theorie pluraler Geltungswelten von Religion, Kunst, Wissenschaft, schließlich gar einer „Wirklichkeitswelt“ in der Lebensanschauung auf sich hat und ob der selbsttragende Relationismus epistemisch tatsächlich – eine Welt trägt.

 

Wirkungen

In seiner dominant soziologischen Phase von ca. 1890 bis 1908 bemühte sich Simmel auch mit wechselndem Erfolg um die Institutionalisierung der besonders von Geschichte und Philosophie beargwöhnten neuen Disziplin. Nachdem sein eigenes Projekt einer Zeitschrift für Soziologie 1893 scheiterte (GSG 22: 83ff.), kooperierte er mit der umtriebigen, jedoch windigen Figur René Worms, dem Initiator der Revue Internationale de Sociologie, was beinahe traumatische Folgen hinterließ,[30] und hielt fortan über den 'ambivalenten' Célestin Bouglé Kontakt zur Durkheim-Schule, bis deren Haupt unautorisiert in einen Simmel-Text für die erste Nummer der Année sociologique eingriff.[31] An der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 1909 war Simmel maßgeblich beteiligt und blieb bis 1913 Vorstandsmitglied,[32] im selben Jahr wird die Gründung von Logos. Internationale Zeitschrift für Philosophie der Kultur, die er ganz kontrafaktisch als 'seine' Zeitschrift begriff, auch mit Simmels energischer Unterstützung vorangetrieben, so dass deren erste Nummer bereits im Folgejahr erscheinen konnte.

Vor allem als Alternative zu Positivismus, Neokantianismus oder der bloßen Rekonstruktion von Philosophiegeschichte war Simmel von der Jahrhundertwende bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs einer der einflussreichsten Denker von durchaus europäischem Zuschnitt, allerdings, wie Jürgen Habermas richtig betonte, von meist anonymem Einfluss.[33] Kunstgeschichte, Jugendstil, Ästhetizismus, der neue Aufschwung der Metaphysik um 1910 sind geradezu 'Simmel-infiziert'. Jahrzehnte vor Max Weber wirkte Simmel, ausgehend von Chicago beziehungsweise Albion W. Small, in den USA, das American Journal of Sociology publizierte von 1897 bis 1919 neun seiner grundlegenden Beiträge.[34] Positivistische Tendenzen und der weltweite Siegeszug von Talcott Parsons' Strukturfunktionalismus nach 1945 sorgten dann für eine relative Baisse der Simmel-Adaption, eine mehrbändige Auswahlausgabe war in den fünfziger Jahren nicht mehr durchzusetzen, einsame Rufer in der Wüste wie Friedrich Tenbruck, der zum 100. Geburtstag ein noch heute lesenswertes Porträt lieferte,[35] oder das große Mengen von Zeugnissen 'derer, die ihn noch kannten' versammelnde, doch unangenehm devot benannte Buch des Dankes von 1958 waren in Europa die Ausnahme.[36] In der Soziologie wurde Simmel dennoch nie vergessen, die Lektüre des Werks von 1908, das den Namen der Disziplin erratisch im Titel führt, gehörte während ihres Studiums einmal zum Pensum; wer auf der Suche nach theoretischer Munitionierung für 'weiche' und kulturalistisch indexikalisierte Sozialphänomene wie Freundschaft, Ehre, Takt, Konkurrenz, Geselligkeit, Tischsitten, das Sich-Schmücken, Gruppensoziologie, Konflikt- und Prozesstheorie, aber auch bereits das Metaphysische streifende soziologische Universalien[37] wie dem Fremden, Armen oder gar dem Wunder, dass Individuum und Gesellschaft überhaupt zusammen 'passen', ist, wird immer auf die einschlägigen Texte stoßen.

Ungefähr seit Beginn der 1980er-Jahre regte sich wieder ein breiteres Interesse an Simmels soziologischem Profil, ablesbar an der Edition einer Auswahl einschlägiger Schriften mit instruktivem Vorwort für den Gebrauch im Studium und einem Nachdruck der Philosophischen Kultur, versehen mit einem nicht weniger gehaltvollen Nachwort von Habermas.[38] Soziologie-intern muss dafür wohl eine zeitweilige Erschöpfung der Deklination von Großentwürfen des Zuschnitts etwa der Systemtheorie Niklas Luhmanns, der Habermas'schen Theorie des kommunikativen Handelns und vor allem der sinkende Stern des marxistisch-materialistischen Paradigmas verantwortlich gemacht werden. Simmel ist jedenfalls, endgültig mit dem Abschluss der Gesamtausgabe 2015, als soziologischer Klassiker irreversibel aufgestellt, Übersetzungen mehren sich besonders in der Romania und den slawischen Sprachen.

Heutige via Simmel inspirierte Forscher sind zum Beispiel Volkhard Krech, der über Simmels Religionssoziologie arbeitete,[39] Klaus Lichtblau mit zahlreichen historisch breit kontextualisierten Studien, Andreas Ziemann mit erkenntniskritischen Interessen[40] und vor allem Rainer Paris, der die Bezeichnung als 'formaler Soziologe' nicht abweist und in disziplinär konkurrenzloser Nähe zu den Dingen über Machtphänomene und so simmelianische Gegenstände wie den Neid, die Intrige oder den Verlierer nachdenkt.[41] Mit David P. Frisby und Donald N. Levine jedoch verstarben 2010 beziehungsweise 2015 die größten (und keineswegs einigen) Simmel-Enthusiasten des angelsächsisch-angloamerikanischen Sprachraums, nicht zuletzt für Übersetzungen der Philosophie des Geldes und der Lebensanschauung verantwortlich.

Es ist alles da, nur bei und in Simmel konvergieren die Problemfelder von soziologischer, philosophischer und ästhetischer Moderne, auch das ein Unterschied zu den beiden anderen modernen Klassikern, Durkheim und Weber. Und dennoch, Simmel denkt, wie schon Kracauer und Lukács bemerkten, alles (tatsächlich alles!) an, doch nichts wirklich zu Ende. Das ist ein Vorzug, wer von Simmel 'Abschlussgedanken' und fixe Summen mitzunehmen wähnt, die sich womöglich noch in der Form von Organigrammen systematisieren und in Prüfungen sicher abfragen ließen, ist an der falschen Adresse. Kein soziologischer Klassiker sperrt sich so gegen die Verzettelung in Schlagworten wie Simmel, womit auch zusammenhängt, dass gut gemeinte Einführungen in sein Werk ihre Redundanz nie ganz abstreifen können[42] und sich seine eingängigsten Gedanken und Formulierungen zu einem thematischen Komplex nicht selten dort finden, wo man sie nicht vermutet. Deshalb verlohnt schon das Querlesen und wahllose Blättern: Der Begriff „Ästhetik der Lebensgestaltung“ etwa fällt in der Kriegsschrift „Deutschlands innere Wandlung“ (GSG 15: 282), in der Lebensanschauung lernt man auch etwas über Wahrnehmungstheorie und nirgendwo kommt Simmel Husserls phänomenologischer Bewusstseinstheorie so nahe wie in dem Essay mit dem seltsamen Titel „Die Persönlichkeit Gottes“ (GSG 14: 353).

Simmel will – im Grunde trivial, doch in der heutigen universitären Situation dringlich zu betonen – schlicht gelesen werden.

Fußnoten

[1]     Hans Simmel, [Lebenserinnerungen] 1941–1943, in: Simmel Studies 18 (2008), S. 9–135.

[2]     Vgl. Georg Simmel Gesamtausgabe, hrsg. von Otthein Rammstedt, 24 Bde., Frankfurt am Main 1989–2015, Bd. 24, S. 182 (fortan alle Belege als „GSG“ mit Band- und Seitenzahl im laufenden Text).

[3]     Gilles Deleuze, Zeichen und Ereignisse, in: François Ewald, Pariser Gespräche, Berlin 1989, S. 33–59, hier S. 36.

[4]     Hans Simmel, [Lebenserinnerungen] 1941–1943,S. 70.

[5]     Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, übers. v. Bernd Schwibs u. Achim Russer, Frankfurt am Main 1982, S. 349.

[6]     Angela Rammstedt, René Schickele zum 'Verein für Kunst in Berlin' und Simmels Vortrag über Stil, in: Simmel Studies 16 (2006), S. 93–105, hier S. 100f.

[7]     Kurt Gassen/ Michael Landmann (Hrsg.), Buch des Dankes an Georg Simmel. Briefe, Erinnerungen, Bibliographie. Zu seinem 100. Geburtstag am 1. März 1958, Berlin 1958.

[8]     Immer noch instruktiv: Ingrid Belke, Einleitung, in: Moritz Lazarus und Heymann Steinthal. Die Begründer der Völkerpsychologie in ihren Briefen, hrsg. v. ders., Tübingen 1971, IX–CXLII; zum Einfluss Klaus Christian Köhnke, Der junge Simmel – in Theoriebeziehungen und sozialen Bewegungen, Frankfurt am Main 1996, S. 337–355.

[9]     Max Weber, Georg Simmel als Soziologe und Theoretiker der Geldwirtschaft, in: Simmel Newsletter 1 (1991), S. 9–12, hier S. 12.

[10]    Theodor W. Adorno, Henkel, Krug und frühe Erfahrung, in: ders., Noten zur Literatur, hrsg. v. Rolf Tiedemann, Frankfurt am Main 1981, S. 556–566, hier S. 558.

[11]    Simmel wollte im Rahmen des Heidelberger Berufungsverfahrens dieses Buch vorweisen können.

[12]    Das ist die Funktion der so zahlreichen, bis ins Abstruse reichenden Beispiele aus der gesamten Weltgeschichte: Immer, wenn Gesellschaft ist, lassen sich Formen isolieren.

[13]    Uta Gerhardt, Rollenanalyse als kritische Soziologie. Ein konzeptueller Rahmen zur empirischen und methodologischen Begründung einer Theorie der Gesellschaft, Berlin 1971, S. 29ff.

[14]    So beispielsweise Niklas Luhmann, Wie ist soziale Ordnung möglich?, in: ders., Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft 2, Frankfurt am Main 1981, S. 195-285, hier S. 253f.: Simmel argumentiere gerade nicht transzendentaltheoretisch, sondern sozialpsychologisch in schrittweiser Dekomposition des Problems.

[15]    Otthein Rammstedt, Der Weg zu Simmels 'kleiner' Soziologie, in: ders./ Hartmann Tyrell/ Ingo Meyer (Hrsg.), Georg Simmels große Soziologie. Eine kritische Sichtung nach hundert Jahren, Bielefeld 2011, S. 347–366.

[16]    Ein Querschnitt des heute noch Anregenden in Georg Simmel, Jenseits der Schönheit. Schriften zur Ästhetik und Kunstphilosophie, ausgew. u. m. e. Nachw. v. Ingo Meyer, Frankfurt am Main 2008.

[17]    Dass Simmels Soziologie als solche ästhetisch fundiert sei, wird immer wieder behauptet, mit je verschiedenen Akzentuierungen etwa von Sybillle Hübner-Funk, Georg Simmels Konzeption von Gesellschaft, Köln 1982; Klaus Lichtblau, Kulturkrise und Soziologie um die Jahrhundertwende. Zur Genealogie der Kultursoziologie in Deutschland, Frankfurt am Main 1996, S. 205ff.; Eduardo de la Fuente, The Art of Social Forms and the Social Forms of Art: The Sociology-Aesthetics Nexus in Georg Simmel's Thought, in: Sociological Theory 26 (2008), S. 344–362.

[18]    Besonders in den Minima Moralia von 1951, doch auch in den frühen musiksoziologischen Schriften und dem letzten Teil der Negativen Dialektik.

[19]    Tilman Allert, Latte Macchiato. Soziologie der kleinen Dinge, Frankfurt am Main 2015; ders., Gruß aus der Küche. Soziologie der kleinen Dinge, Frankfurt am Main 2017.

[20]    Ähnlichkeiten mit Martin Heideggers Thesen aus Der Ursprung des Kunstwerks von 1936, trotz der großen Differenz in Bezug auf die Subjektphilosophie, liegen auf der Hand. Dazu Ingo Meyer, Georg Simmels Ästhetik. Autonomiepostulat und soziologische Referenz, Weilerswist 2017, S. 269ff.

[21]    Ebd., S. 245, 344.

[22]    Hans Blumenberg, Geld oder Leben. Eine metaphorologische Studie zur Konsistenz der Philosophie Georg Simmels, in: Hannes Boehringer/ Karlfried Gründer (Hrsg.), Ästhetik und Soziologie um die Jahrhundertwende: Georg Simmel, Frankfurt am Main 1976, S. 121–134, hier S. 130.

[23]    Überblick rezenter Ansätze bei Ingo Meyer, Georg Simmel zwischen Philosophie, Soziologie und Ästhetik. Abschluss der 'Gesamtausgabe' und Forschung der letzten Jahre, 2 Tle., in: Philosophische Rundschau 63 (2016), S. 103–122 u. S. 224–262.

[24]    Ausnahme bei Gert Mattenklott, Der mythische Leib: Physiognomisches Denken bei Nietzsche, Simmel und Kassner, in: Karl Heinz Bohrer (Hrsg.), Mythos und Moderne. Begriff und Bild einer Rekonstruktion, Frankfurt am Main 1983, S. 138–156, hier S. 148f.

[25]    Da die Rezeption der einschlägigen frühromantischen Konzepte um 1900 gegen Null ging, musste Simmel, im Grunde verblüffend, diese Denkfiguren neu erfinden, der Aufsatz von Friedrich Steppuhn (i.e. Fjodor Stepun), Friedrich Schlegel, als Beitrag zu einer Philosophie des Leben, in: Logos 1 (1910/11), S. 261–282, kam dafür zu spät.

[26]    Exponiert von John-Stewart Gordon, Bemerkungen zum Begründungstrilemma, Berlin 2007, S. 27ff.

[27]    Ernst Wolfgang Orth, Georg Simmels Metaphysik als Ironie des Lebens, in: Zeitschrift für Kulturphilosophie 9 (2015), H. 1/2: Schwerpunkt Simmel, S. 241–256.

[28]    Matthieu Amat, „Kulturphilosophie als Kosmologie. Das Beispiel Georg Simmels“, ebd., S. 257–269, hier S. 265.

[29]    Willfried Geßner, Der Schatz im Acker. Georg Simmels Philosophie der Kultur, Weilerswist 2003, bietet insgesamt wenig Neues.

[30]    Dazu materialreich Cécile Rol, Die 'Soziologie', faute de mieux. Zwanzig Jahre Streit mit René Worms um die Fachinstitutionalisierung (1893–1913), in: dies./ Christian Papilloud (Hrsg.), Soziologie als Möglichkeit. 100 Jahre Georg Simmels Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Wiesbaden 2009, S. 367–400.

[31]    Es handelte sich um eine Übersetzung von „Die Selbsterhaltung der sozialen Gruppe“, denn, so Durkheim am 25. Oktober 1897 an Bouglé, Simmels „'komplizierte Sätze stehen in keinerlei Beziehung zur Kompliziertheit seiner Idee, die – ganz im Gegenteil – sehr einfach ist.'“ Vgl. Emile Durkheim, Paul Lapie, Dominique Parodi, Paul Fauconnet: Briefe an Célestin Bouglé, in: Wolf Lepenies (Hrsg.), Geschichte der Soziologie. Studien zur kognitiven, sozialen und historischen Identität einer Disziplin, Frankfurt am Main 1981, Bd. 2, S. 303–348, hier S. 307. Zum Kontext Werner Gephart, Soziologie im Aufbruch. Zur Wechselwirkung von Durkheim, Schäffle, Tönnies und Simmel, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 34 (1982), S. 1–25, hier S. 12ff.

[32]    Auch dazu Rol, Die 'Soziologie', faute de mieux, S. 381ff.

[33]    Jürgen Habermas, Georg Simmel über Philosophie und Kultur. Nachwort zu einer Sammlung von Essays, in: ders., Texte und Kontexte, Frankfurt am Main 1991, S. 157–169, hier S. 161.

[34]    Über die z.T. unglückliche Wirkungsgeschichte Simmels in den USA informiert Guenther Roth, Biographische Aspekte der amerikanischen Simmelrezeption, in: Georg Simmels große 'Soziologie', S. 367–394; zuletzt Elizabeth S. Goodstein, Georg Simmel and the Disciplinary Imaginary, Stanford, CA 2017, S. 96–136.

[35]    Friedrich Tenbruck, Georg Simmel (1858–1918), in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 10 (1958), S. 587–614.

[36]    Mit leichter Verspätung erschien in den USA Georg Simmel 1858–1918. A Collection of Essays, hrsg. v. Kurt H. Wolff, Columbus 1959.

[37]    Nicht im Sinne von Talcott Parsons, Evolutionary Universals in Society, in: ASR 29 (1964), S. 339–357, der darunter Kultur, Kommunikation, Organisation und Technologie versteht.

[38]    Georg Simmel, Schriften zur Soziologie. Eine Auswahl, hrsg. v. Heinz-Jürgen Dahme u. Otthein Rammstedt, Frankfurt am Main 1983; ders., Philosophische Kultur, Nachw. v. Jürgen Habermas, Berlin 1983.

[39]    Volkhard Krech, Georg Simmels Religionssoziologie, Tübingen 1998.

[40]    Andreas Ziemann, Die Brücke zur Gesellschaft. Erkenntniskritische und topographische Implikationen der Soziologie Georg Simmels, Konstanz 2000.

[41]    Rainer Paris, Der Wille des Einen ist das Tun der Anderen. Aufsätze zur Machttheorie, Weilerswist 2015; ders., Neid. Von der Macht eines versteckten Gefühls, Waltrop/Leipzig 2010; ders., Ein Ball. Kleine Schriften zur Soziologie, Heidelberg 2016.

[42]    Zum Beispiel Matthias Junge, Georg Simmel kompakt, Bielefeld 2009; Werner Jung, Georg Simmel zur Einführung (1990), Hamburg 22016.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.