Lee Ann Fujii

Ein Nachruf

 

 

Am 2. März diesen Jahres ist Lee Ann Fujii völlig unerwartet verstorben. Sie war Associate Professor am Department für Politikwissenschaft der Universität Toronto, Kanada[1] und arbeitete zu kollektiver Gewalt, insbesondere dem Genozid in Ruanda, und zu methodologischen Fragen der Feldforschung. Mit ihr verlieren wir eine starke, kritische und erkenntnisleitende Stimme in der ethnografisch-interpretativ ausgerichteten Forschung zu den genannten Themen. Zuletzt arbeitete sie an einer Monografie mit dem Titel „Showtime: The Logic and Power of Violent Display“, in der sie das Konzept des „Violent Display“[2] entwickelte. Mit diesem Forschungsansatz untersuchte sie, wie sich lokale Teile der Bevölkerung in Ruanda, Bosnien und den USA an kollektiver Gewalt beteiligen.

In der deutschsprachigen Politik- und Gewaltforschung war Lee Ann Fujii bis heute nur einem kleinen Publikum bekannt. Mit diesem Beitrag möchten wir an eine beeindruckende Wissenschaftlerin und ihre bedeutsame Forschung erinnern, und zwar indem wir unsere persönlichen Eindrücke zu ihren Arbeiten schildern. Gleichzeitig verbinden wir damit die Hoffnung, dass ihre Argumente und Forschungsstrategien zukünftig auch in den hiesigen Debatten stärkere Resonanz erfahren. Lee Ann Fujii hat uns inspiriert – und sie hinterlässt eine Lücke.

 

Stefan Malthaner:

„Lee Ann Fujiis 2009 erschienenes Buch „Killing Neighbors: Webs of Violence in Rwanda“[3] steht im Kontext eines Perspektivwechsels in der Forschung zu Bürgerkriegen und politischer Gewalt.[4] Anstatt die Ursachen von Kriegen und Ausbrüchen kollektiver Gewalt in sozialstrukturellen Faktoren, individuellen Prädispositionen, extremistischen Ideologien oder ethnischen Identitäten zu suchen, rückten zunehmend lokale Gewaltgeschehnisse und soziale Prozesse der Mobilisierung ins Zentrum der Analyse. Beide Vorgänge waren bis dato „Black Boxes“ der Bürgerkriegsforschung.[5] Es ist Lee Ann Fujiis besonderes Verdienst, diese Perspektive auf den Genozid in Ruanda angewandt und in mehrfacher Hinsicht weiterentwickelt zu haben. Ähnlich wie Scott Strauss[6] stellte sie bis dahin gängige Interpretationsmuster der Gewalt in Rwanda als von einem tiefen ethnischen Antagonismus getrieben infrage. Wie Lee Ann Fujii eindrücklich zeigte, töteten die Täter zwar auf der Grundlage „ethnischer Skripte“, die ihr Handeln legitimierten. Wie diese Skripte interpretiert und umgesetzt wurden und wie sich Tätergruppen konstituierten, wurde jedoch durch die eigene Dynamik genozidaler Gewalt als sozialer Prozess bestimmt, der in die Beziehungsgefüge lokaler Dorfgemeinschaften eingebettet ist.[7] „Killing produced groups and groups produced killings.“[8] Lee Ann Fujiis Arbeit ist beeindruckend, weil sie die relationalen Grundlagen und Dynamiken genozidaler Gewalt präzise und nachvollziehbar auf empirischer Ebene nachweist. Theoretisch nahm ihr Buch dabei Fragen vorweg, die die Gewaltforschung heute beschäftigen. Insbesondere die Erkenntnis, dass die Formen und Muster, in denen sich Gewalt vollzieht, nicht belanglose Varianz im Detail sind, sondern zentraler Bestandteil ihrer Erklärung. Das „Wie?“ der Gewalt ist immer auch ein Teil der Antwort auf ihr „Warum?“.“

 

Thomas Hoebel:

„Forschende haben bekanntermaßen ein Bündel an Texten, die sie jeweils über längere Zeiträume hinweg bei der eigenen Arbeit begleiten. Lee Ann Fujiis Aufsatz „The Puzzle of Extra-Lethal Violence“[9] ist ein solcher Text für mich. Schon seit einigen Jahren ist er ein verlässlicher Gefährte, um Situationen kollektiver Gewalt zu rekonstruieren und zu analysieren. Ich lese ihn immer wieder aufs Neue mit Gewinn, wobei Letzterer in der Regel in einem neuen Gedanken für meine eigenen Analysen besteht. „Extra-Lethal Violence“ fungiert hier als ein typisches „sensibilisierendes Konzept“[10]. Es macht auf das Phänomen aufmerksam, dass Personen, die andere physisch attackieren, die Körper ihrer Opfer in einer Art und Weise be- bzw. misshandeln, die auch solche Normen des angemessenen Umgangs mit Personen und Körpern verletzen, die in Situationen kollektiver Gewalt für gewöhnlich dennoch geachtet werden. In der konkreten Forschung geht es dann darum, situationsbezogen zu rekonstruieren und zu erklären, wie sich extra-lethale Gewalt konkret realisiert. Jemanden dazu zu zwingen, jemand anderen vor seinem Tod für sich und Umstehende tanzen zu lassen, kann genauso dazu gehören wie die Schändung des leblosen Körpers. Lee Ann entwickelte hier die prozessual-dramaturgische Erklärung einer „logic of display“[11]. Sie schlägt vor, die von ihr adressierten Phänomene als Performances zu interpretieren, in denen sich Personen mithilfe normverletzender Gewalt vor einem konkreten Publikum inszenieren. En passant zeigt sie dabei am Fall des Massakers von My Lai, dass die selbst erklärte Mikrosoziologie der Gewalt[12] ihre Erklärungen noch mikroskopischer anlegen sollte, um der multisequenziellen Prozessualität kollektiver Gewalt analytisch auf die Spur zu kommen. Ein Glanzstück rekonstruktiv-interpretativer Forschung, das sich nicht vor analytischer Generalität scheut!“

 

Laura Wolters:

„Lee Ann Fujiis außergewöhnlich reichhaltige und dichte Auseinandersetzung mit kollektiver Gewalt fußte auf einem nicht minder außergewöhnlichen Selbstverständnis als Forscherin. Nicht nur standen für sie methodische und forschungsethische Fragen im Zentrum guter Forschung. Sie hat beide als notwendige Komplementäre stets zusammen gedacht. Nirgendwo wird das so deutlich, wie in ihrem 2017 erschienenen Buch „Interviewing in Social Science Research“.[13] Hier arbeitete sie ihre methodologischen Grundannahmen und methodische Herangehensweise zu einem relationalen Ansatz aus, der vor allem auf soziale Positionierung und Beziehungsarbeit als Voraussetzung guter Interviewführung abstellt. Lee Ann Fujiis aus tiefster Überzeugung ethnografisch angelegtes Forschungsverständnis und der möglichst mikroskopische Blick auf soziale Interaktionen standen dabei nicht im Widerspruch zu, sondern vielmehr im Einklang mit ihrem Bestreben nach Theoriebildung, Abstraktion und dem Anspruch, die Rätsel des sozialen Handelns – insbesondere diejenigen der Gewalt – zu entschlüsseln und zu beschreiben. Dabei kommt ihr der Verdienst zu, wie nur wenige andere in der Gewaltforschung die politische Dimension ihrer eigenen Forschung mitgedacht und ihr eigenes Schaffen fortwährend vor dem Hintergrund politischer Veränderungen und Narrative reflektiert zu haben. Das Spannungsverhältnis zwischen detaillierter Rekonstruktion und der Sensibilität für Machtunterschiede und Privilegien durchzieht Lee Ann Fujiis gesamtes wissenschaftliches Werk. Es macht ihre Arbeiten zu einer lesenswerten Lektüre.“

Fußnoten

[1] University of Toronto, Remembering Lee Ann Fujii; Erin Tolley, Remembering Lee Ann Fujii, a Friend and a Fighter.

[2] In dieser via Youtube verfügbaren Vorlesung erläutert Lee Ann Fujii unter anderem ihr Konzept des Violent Display.

[3] Lee Ann Fujii, Killing Neighbors: Webs of Violence in Rwanda, Ithaca 2009.

[4] Siehe dazu maßgeblich Elizabeth Jean Wood, Insurgent Collective Action and Civil War in El Salvador, Cambridge 2003; Stathis N. Kalyvas, The Ontology of ‚Political Violence’: Action and Identity in Civil Wars, in: Perspectives on Politics 1 (2003), 3, S. 475–494; Stathis N. Kalyvas, The Logic of Violence in Civil War, Cambridge 2006.

[5] Elizabeth Jean Wood, The Social Processes of Civil War: The Wartime Transformation of Social Networks, in: Annual Review of Sociology 11 (2008), S. 540.

[6] Scott Strauss, The Order of Genocide: Race, Power, and War in Rwanda, Ithaca 2006.

[7] Muster sozialer Beziehungen strukturierten die Auswahl von Zielen, denn Denunziationen basierten in der Regel auf zuvor bestehenden persönlichen Banden – sie richteten sich gegen den Schwager, die Nachbarin oder die Arbeitskollegin, selten gegen gänzlich Fremde. In einigen Fällen führten Freundschaftsbande dazu, dass bestimmte Personen geschont oder gewarnt wurden. Die Rekrutierung zur Teilnahme an der Gewalt erfolgte dabei vor allem über persönliche Netzwerke. Hatte das Morden einmal begonnen, trat die interne Dynamik der dabei entstehenden Tätergruppen in den Vordergrund. Der enorme Einfluss der Gruppe auf Mittäter („Joiner“) beruhte teils auf direktem Zwang, vor allem aber auf der dem Einzelnen in Krisensituationen durch die Gruppe gebotenen Handlungsorientierung und Sicherheit sowie auf den sich formierenden Gruppenidentitäten, die aus Gewalthandlungen entstanden und durch diese reproduziert werden mussten. Die andauernde Beteiligung am Töten und damit auch das Andauern der Gewalt ganz generell, sind, so Fujii, ein Resultat der „konstitutiven Macht des Tötens in Gruppen“. Einmal entstanden generiert die Gruppe Rückkopplungsmechanismen, welche den Einzelnen daran hindern abzuweichen und gleichzeitig den Prozess der Gewalt aufrechterhalten.

[8] Lee Ann Fujii, Killing Neighbors: Webs of Violence in Rwanda, Ithaca 2009, S. 186.

[9] Lee Ann Fujii, The Puzzle of Extra-Lethal Violence, in: Perspectives of Politics 11 (2013), 2, S. 410–426.

[10] Udo Kelle / Susann Kluge, Vom Einzelfall zum Typus. Fallvergleich und Fallkontrastierung in der qualitativen Sozialforschung, Wiesbaden 2010, S. 30.

[11] Lee Ann Fujii, The Puzzle of Extra-Lethal Violence, S. 421.

[12] Randall Collins, Dynamik der Gewalt, Hamburg 2011.

[13] Lee Ann Fujii, Interviewing in Social Science Research. A Relational Approach, New York 2017. Vgl. auch: Lee Ann Fujii, Five stories of accidental ethnography: turning unplanned moments in the field into data, in: Qualitative Research 15 (2015), 4, S. 525–539.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.