Otthein Rammstedt

Ein Nachruf

Foto: Norbert Enker

„Unter den vielen Menschen, die an ihrem Werk arbeiten, sind wenige, an denen ihr Werk arbeitet“, schrieb einst Georg Simmel.[1] Der Soziologe Otthein Rammstedt gehörte zu diesen wenigen. Am 26. Januar 1938 in Dortmund geboren, war Rammstedts Kindheit durch die Erfahrung des Krieges geprägt. Die Spuren, die diese Zeit in seinem sensiblen Wesen hinterlassen hat, trugen zweifelsohne zu der Bedeutung bei, die Rammstedt der Geschichte als kritisches Werkzeug und als Methode beimaß. „Wenn ich Soziologe werden konnte, dann weil ich Historiker war“, sagte er einmal von sich. Und tatsächlich darf man die Beschäftigung mit der Geschichte als den roten Faden betrachten, der Rammstedt auf seinem unkonventionellen Weg durch die Soziologie führte und seinem Wirken Kohärenz verlieh. Von den zahlreichen Themen, die den vielseitig interessierten Soziologen zeitlebens beschäftigten, sind vier besonders hervorzuheben.

 

Soziale Bewegungen

Rammstedt studierte zunächst Soziologie in Frankfurt am Main, wo Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Gottfried Salomon-Delatour zu seinen Lehrern gehörten. Anschließend promovierte er bei Helmut Schelsky in Münster mit einer Arbeit über die Täuferbewegung.[2] Ebenso wie in dem Band, den er 1969 über die Klassiker des Anarchismus herausgab,[3] fehlte es auch in seiner Dissertation nicht an bissigen Anspielungen auf die Studentenbewegung. Derselbe undogmatische Blick, der bereits seine frühen Arbeiten auszeichnete, blieb auch für Rammstedts weitere Veröffentlichungen in diesem Forschungsfeld prägend. Abgesehen von einigen Aufsätzen und Arbeiten zu den Mitte der 1970er-Jahre drängenden Fragen von Gewalt[4] und Terrorismus,[5] waren es vor allem die Aspekte Bürgerbeteiligung[6] und soziale Bewegung,[7] die seine Aufmerksamkeit absorbierten. Sein besonderes Interesse galt dabei den sich formierenden „Neuen sozialen Bewegungen“, namentlich der Umwelt- und Friedensbewegung.[8]

 

Lehre in Bielefeld

Im Anschluss an seine Promotion arbeitete Rammstedt zunächst als Assistent von Niklas Luhmann an der in Dortmund eingerichteten Sozialforschungsstelle der Universität Münster. Als Luhmann 1968 nach Bielefeld berufen wurde, folgte ihm Rammstedt an die zu diesem Zeitpunkt noch im Aufbau befindliche Reformuniversität, an der in den kommenden Jahren unter Federführung von Helmut Schelsky die bislang einzige Fakultät für Soziologie in Deutschland entstand. Nach seiner Habilitation hatte Rammstedt ebendort von 1980 bis zu seiner Emeritierung 2003 den Lehrstuhl für „Allgemeine Soziologie, insbesondere Soziologiegeschichte und Sozialphilosophie“ inne. In dieser Zeit engagierte er sich weit über sein Deputat und sein Doktorandenkolloquium hinaus in der Lehre. Neben der eigenen Unterrichtspraxis verfasste er zahlreiche Artikel für den Brockhaus und gehörte ab 1973 zusammen mit Werner Fuchs-Heinritz, Rolf Klima, Rüdiger Lautmann und Hanns Wienold zum Herausgeberkreis des Lexikons zur Soziologie. Von diesem Nachschlagewerk, das sich im Laufe der Jahre zu einer Institution entwickelte, liegen bislang nicht weniger als fünf überarbeitete Auflagen sowie insgesamt 10 Nachdrucke vor. Mit dem Lexikon, dessen letzte überarbeitete Auflage 2013 erschien, haben Rammstedt und seine Mitherausgeber ein bewährtes didaktisches Werkzeug geschaffen, das Studentinnen und Studenten seit fast einem halben Jahrhundert zuverlässig bei ihrem Einstieg ins Studium der Soziologie begleitet.[9]

 

Geschichte der Soziologie in Deutschland

Soziale Bewegungen in geschichtlicher Perspektive, ergänzt um kenntnisreiche Beiträge zur Ideen- und Begriffsgeschichte: Als Rammstedt in den 1980er-Jahren daran geht, Pierre Bourdieus Plädoyer für eine Sozialgeschichte des Faches in die Tat umzusetzen, rückte erneut die Historie ins Zentrum seines wissenschaftlichen Schaffens. Mit seiner vielbeachteten Studie zur Geschichte der Soziologie während der Zeit des Nationalsozialismus,[10] in der er mit dem Mythos der „Stunde Null“ und der These vom Neuanfang der Soziologie nach 1945 ins Gericht ging, leistete er einen wichtigen Beitrag zur Auseinandersetzung des Faches mit seiner Vergangenheit, erntete dafür aber auch Widerspruch und Kritik. Neben weiteren Abhandlungen zum Thema[11] setzte sich Rammstedt aber auch intensiv mit der Geschichte der Sozialwissenschaften in der Bundesrepublik auseinander. Davon zeugen der Band BRD ade! sowie seine Aufsätze über die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und zur „Formierung und Reformierung der Soziologie im Nachkriegsdeutschland“, die allesamt in den 1990er-Jahren erschienen.[12] Am meisten jedoch bemühte sich Rammstedt um die „Klassiker als unsere soziologischen Selbstverständlichkeiten“ und deren „zeitlose Modernität“. Seine besondere Aufmerksamkeit galt dabei Georg Simmel, dessen Schriften er 37 Jahre seines Lebens widmete. Mit der unter seiner Leitung erfolgten Edition der Georg-Simmel-Gesamtausgabe trug er maßgeblich zum Ruf der Universität Bielefeld als „grünem Harvard“ und „Mekka der Simmel-Forschung“ bei.

 

Georg Simmel

Rammstedts erste Begegnung mit dem Werk Georg Simmels erfolgte während seines Studiums bei Gottfried Salomon-Delatour, der Simmels einziger Doktorand in Straßburg gewesen war. Schon 1969 gab Rammstedt eine Kollegmitschrift aus der Studienzeit seines Mentors heraus.[13] Die eigentliche „Simmelei“ fing aber erst 1982 an, als Rammstedt mit der Unterstützung von Niklas Luhmann sein erstes Forschungsprojekt zur Vorbereitung einer Simmel-Gesamtausgabe bewilligt bekam. Schon in den beiden Folgejahren erschienen einige Vorarbeiten und Anthologien,[14] während die drei ersten Bände der Gesamtausgabe (GSG 2, 3 & 6) 1989 veröffentlicht wurden, nicht zuletzt dank der Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Suhrkamp-Verlags, die das Mammutprojekt in all den Jahren seines Bestehens unerschütterlich förderten. Parallel zur Arbeit an der Gesamtausgabe gründete Rammstedt das Simmel-Archiv sowie den Simmel Newsletter (1991–1999), aus dem dann die Simmel Studies (2000–2009; 2016–heute) hervorgingen, die der Simmelforschung als Diskussionsforum dienten. Nach rund 33 Jahren akribischer Editionstätigkeit erschien im Herbst 2015 der 24. und letzte Band der im Unterschied zu anderen Editionen auch für Studierende und Angehörige des prekär beschäftigten wissenschaftlichen Nachwuchses erschwinglichen Ausgabe. Unterstützt wurde Rammstedt bei der Durchführung des Projekts durch ein von ihm im Laufe der Jahre aufgebautes internationales Netzwerk von Simmel-Spezialisten, zu dem neben zahlreichen Professorinnen und Professoren auch etliche Doktorandinnen und Doktoranden zählten. Zusammen mit dem Kreis seiner engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erlaubte ihm dieses Netzwerk, das begonnene Unternehmen „weitgehend auf eigene Faust“ zu führen, wie es Jürgen Kaube in seinem Nachruf treffend schrieb.[15] Besondere Unterstützung erfuhr er dabei durch die Mitarbeit seiner Ehefrau Angela, die an der Edition von insgesamt sechs Bänden, also einem Viertel der Gesamtausgabe, beteiligt war. Sie wusste nicht nur, wie sich Schwierigkeiten beseitigen oder Hindernisse umgehen ließen, sondern verfügte auch über die außerordentliche Akribie, welche die Arbeit an den zahllosen Varianten, in den Archiven, am Briefwechsel und an den Fahnenkorrekturen verlangte – sowie über die Fähigkeit, die investierte Energie in Freude über das Geleistete umzuwandeln.

Am 27. Januar 2020 ist Otthein Rammstedt im Alter von 82 Jahren in Mannheim verstorben. Seinem Wunsch entsprechend wird seine Asche vor der bretonischen Küste dem Meer übergeben, so wie dies im Juli 2018 schon mit der Urne seiner Frau geschehen war. In der Art und Weise des Abschieds, im Verzicht auf eine feste Grabstelle, mag man eine letzte Geste des Verstorbenen sehen. In ihrer Betonung der Vergänglichkeit und Flüchtigkeit ist sie nicht ohne Parallelen zu dem Selbstepitaph, das Georg Simmel kurz vor seinem Tod niederschrieb und dessen Inhalt auch Rammstedt sich zu eigen hätte machen können: „Ich weiß, daß ich ohne geistige Erben sterben werde (und es ist gut so). Meine Hinterlassenschaft ist wie eine in barem Gelde, das an viele Erben verteilt wird, und jeder setzt sein Teil in irgend ein Erwerb um, der seiner Natur entspricht: dem die Provenienz aus jener Hinterlassenschaft nicht anzusehen ist“.[16] Diese Hinterlassenschaft besteht aus 15.975 Seiten eines Editionsprojekts, dem einerseits viele andere Arbeiten geopfert worden sind und das Rammstedts übriges Schaffen vermutlich immer überstrahlen wird, das aber andererseits ungeahnte Perspektiven eröffnet hat, um Simmel anders und neu zu lesen. Es ist ein Werk, das die Soziologie bereichert hat. Sein Autor wird uns fehlen.

 

 

Fußnoten

[1] Georg Simmel, Aus dem nachgelassenen Tagebuche [1923], in: ders., Gesamtausgabe, Bd. 20: Postume Veröffentlichungen, Ungedrucktes, Schulpädagogik, hrsg. von Torge Karlsruhen und Otthein Rammstedt, Frankfurt am Main 2004, S. 261–296, hier S. 281.

[2] Otthein Rammstedt, Sekte und soziale Bewegung. Soziologische Analyse der Täufer in Münster (1534/35), Köln/Opladen 1966.

[3] Otthein Rammstedt (Hg.), Anarchismus. Grundtexte zur Theorie und Praxis der Gewalt, Köln/Opladen 1969.

[4] Otthein Rammstedt / Klaus Horn (Hg.), Gewaltverhältnisse und die Ohnmacht der Kritik, Frankfurt am Main 1974.

[5] Siehe etwa Otthein Rammstedt, Die Instrumentalisierung der Baader-Meinhof-Gruppe, in: Frankfurter Hefte 30 (1975), 3, S. 27–39; sowie ders., Der neue Terrorismus innerhalb westlich-demokratischer Gesellschaften, in: Helmut Moser (Hg.), Fortschritte der politischen Psychologie, Bd. 1, Weinheim 1981, S. 293–307.

[6] Otthein Rammstedt (Hg.), Bürgerbeteiligung und Bürgerinitiativen. Legitimation und Partizipation in der Demokratie angesichts gesellschaftlicher Konfliktsituationen, Villingen-Schwenningen 1977.

[7] Otthein Rammstedt, Soziale Bewegung, Frankfurt am Main 1978.

[8] Vgl. dazu u. a. Otthein Rammstedt / Gert Wagner, Art. „Neue soziale Bewegungen“, in: Bernhard Schäfers / Wolfgang Zapf (Hg.), Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands, Opladen 1998, S. 483–486; Otthein Rammstedt, Verändern soziale Bewegungen das Umweltbewußtsein?, in: Hans-Joachim Fietkau / Hans Kessel (Hg.), Umweltlernen. Veränderungsmöglichkeiten des Umweltbewußtseins – Modelle – Erfahrungen, Königstein/Ts. 1981, S. 117–148; ders., Zur Theorie der Friedensbewegung als sozialer Bewegung, in: Ulrike C. Wasmuth (Hg.), Alternativen zur alten Politik? Neue soziale Bewegungen in der Diskussion, Darmstadt 1989, S. 140–159; ders. / Peter Foerster, Jeunesse et État en RDA, in: Geneviève Humbert (Hg.), Jeunesse et État, Nancy 1991, S. 71–85.

[9] Werner Fuchs-Heinritz u. a. (Hg.), Lexikon zur Soziologie, 5., überarb. Aufl., Wiesbaden 2013.

[10] Otthein Rammstedt, Deutsche Soziologie 1933–1945. Die Normalität einer Anpassung, Frankfurt am Main 1986.

[11] Vgl. u. a. Otthein Rammstedt, Theorie und Empirie des Volksfeindes. Zur Entwicklung einer „deutschen Soziologie“, in: Peter Lundgreen (Hg.), Wissenschaft im Dritten Reich, Frankfurt am Main 1985, S. 253–313; ders., Werner Sombart, la Sociologie en Allemagne et la „Sociologie Allemande“, in: Les Cahiers du Centre de Recherches Historiques (1988), S. 13–31; ders., „Les Nouvelles du Reich“: Importance et rôle de la démoscopie dans l’Allemagne nazie, in: Revue des Sciences Sociales de la France de l’Est, 20 (1992), S. 198–200; ders., Maurice Halbwachs und die „Deutsche Soziologie“ – Maurice Halbwachs et la „Sociologie Allemande“, in: Christian de Montlibert (Hg.), Maurice Halbwachs 1877–1945. Colloque de la Faculté des Sciences Sociales de Strasbourg (Mars 1995), Strasbourg 1997, S. 97–106.

[12] Siehe Otthein Rammstedt / Gert Schmidt (Hg.), BRD ade! Vierzig Jahre Rück-Ansichten von Sozial- und Kulturwissenschaftlern, Frankfurt am Main 1992; Otthein Rammstedt, Formierung und Reformierung der Soziologie im Nachkriegsdeutschland, in: Karl Acham u. a. (Hg.), Erkenntnisgewinne, Erkenntnisverluste. Kontinuitäten und Diskontinuitäten in den Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften zwischen den 20er und 50er Jahren, Stuttgart 1998, S. 251–289; ders., Die Frage der Wertfreiheit und die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, in: Lars Clausen / Carsten Schlüter (Hg.), Hundert Jahre „Gemeinschaft und Gesellschaft“ – Ferdinand Tönnies in der internationalen Diskussion, Opladen 1991, S. 549–561; ders., Wertfreiheit und die Konstitution der Soziologie in Deutschland, in: Zeitschrift für Soziologie 17 (1988), S. 264–272.

[13] Otthein Rammstedt, Georg Simmel: Logik. Eine Kollegmitschrift von Gottfried Salomon-Delatour, in: Soziale Welt 20 (1969), S. 221–238.

[14] Georg Simmel, Schriften zur Soziologie. Eine Auswahl, hrsg. v. Otthein Rammstedt, Frankfurt am Main 1983; Heinz-Jürgen Dahme / Otthein Rammstedt (Hg.), Georg Simmel und die Moderne. Neue Interpretationen und Materialien, Frankfurt am Main 1984.

[15] Vgl. Jürgen Kaube, Zum Tod von Otthein Rammstedt. Reichtum der Ideen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.2.2020.

[16] Simmel, Aus dem nachgelassenen Tagebuche [1923], S. 261.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.