Wolfgang Zapf

Ein Nachruf

Shooting star

Wolfgang Zapf war ein akademischer shooting star. Nach dem Studium der Soziologie und Nationalökonomie in Frankfurt, Hamburg und Köln machte er sein Diplom bei Adorno mit einer Arbeit über das Laientheater (in der er seine eigenen Erfahrungen als Theatermacher verarbeitete). 1962 kam er als wissenschaftlicher Assistent zu Ralf Dahrendorf an die Universität Tübingen. Mit gerade einmal 26 Jahren war er bereits promoviert und zwei Jahre später hatte er schon drei Bücher veröffentlicht.

1968 wurde Zapf mit 31 Jahren als Ordinarius für Soziologie an die Goethe-Universität in Frankfurt am Main berufen. Seine anfänglichen wissenschaftlichen Interessen waren damals ziemlich breit gestreut: Sie umfassten Studien zur Industrie- und Literatursoziologie sowie zu den Lesern der Massenpresse ebenso wie bildungssoziologische Untersuchungen zum Zweiten Bildungsweg. Ich erinnere mich auch an einen Vortrag zur Soziologie katholischer Kirchengemeinden.

 

Eliteforschung

Es war aber die Eliteforschung über deutsche Führungsgruppen 1919–1961, die seinen nationalen und internationalen Ruhm begründete und viele Themen seines späteren, viel umfassenderen Forschungsprogramms und charakteristische Aspekte seiner Arbeitsweise vorwegnahm: Das Interesse für Struktur und Wandel zeitgenössischer Gesellschaften kommt darin ebenso zum Ausdruck wie das Talent zur Bearbeitung eines historischen Gegenstands mit soziologischen Kategorien und Methoden oder die Verbindung von knapper theoretischer Analytik und stringenter quantitativer Analyse. Ich zitiere eine seiner Kernaussagen aus dem Buch Wandlungen der deutschen Elite:

„Wir haben festgestellt, wie innerhalb der westdeutschen Führungsgruppen tendenziell Ausbildung und Berufskarriere zu Hebeln des Aufstiegs werden, wie ungleich auch die Startchancen noch immer sein mögen. [...] Indem aber individueller Aufstieg möglich geworden ist, haben sich die Bildungsinstitutionen und die ,Kultur‘, die Lebensauffassung und das Gesellschaftsbild der Oberschicht und damit das gesamte Schichtungssystem stabilisiert, trotz aller Erschütterungen des Krieges und der Nachkriegszeit. Aufstieg erfolgt innerhalb der Institutionen der Oberschicht und erfordert Anerkennung ihrer Werte. Haben sich diese ,restaurativen Tendenzen‘ gegenüber allen Veränderungsversuchen durchgesetzt, dann bleibt den Unterschichten nur Anpassung, und zugleich werden die Kinder der Oberschichten privilegiert sein.“[1]

 

Modernisierungsforschung

Mit seinem zweiten großen Forschungsgebiet erweiterte Wolfgang Zapf sein Untersuchungsfeld in der historischen Reichweite und im internationalen Vergleich. 1967 habilitierte er sich an der Universität Konstanz mit einer Schrift zu Theorien und Indikatoren der Modernisierung,[2] einer Vorarbeit zu seinen in den Folgejahren in vier Auflagen erschienenen Theorien des sozialen Wandels, die mittlerweile zu den modernen Klassikern der deutschen Soziologie gehören. Schon die Begriffe aus der Gliederung markieren die intellektuelle Breite und Tiefe des Vorhabens i) Strukturell-Funktionale Theorie, Neo-Evolutionismus; ii) Funktionalismuskritik, Herrschaft, Systemkonflikt; iii) Kybernetik, Makrosoziologie, Komparative Analyse; iv) Politische Entwicklung und Nationenbildung; v) Wirtschaftliche Entwicklung und Industrialisierung; vi) Soziale Mobilisierung und Modernisierung; vii) Revolution und Krieg; viii) Sozialer Wandel und internationale Transformation.

Die genannten Themen haben Wolfgang Zapf auch in den folgenden Jahrzehnten immer wieder beschäftigt und mindestens sechs seiner Bücher definiert. Eine seiner letzten Arbeiten befasst sich mit den Modernisierungsproblemen islamischer Gesellschaften.[3] Der folgende Passus aus seinem Beitrag zum 21. Soziologiekongress in Bamberg im Jahr 1983 gibt seine Vorstellungen zu diesem Forschungsfeld gut wieder:

„Die westlichen Gesellschaften haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg in einem historisch einmaligen Wachstums- und Differenzierungsschub als Konkurrenzdemokratien, gesteuerte Marktwirtschaften und Wohlstandsgesellschaften […] entwickelt. Sie haben immer Probleme gehabt, aber seit den 70er Jahren haben sich diese Probleme verschärft und zugespitzt […]. Die […] Entwicklungsprobleme kann man als Entwicklungsdilemmas begreifen, als Spannungen und Widersprüche, die sich nicht aus einem generellen Mangel ergeben, sondern aus spezifischen Erfolgen, die sich mit der Zeit erschöpfen. ,Marktversagen‘ und ,Staatsversagen‘ entstehen gerade aus den Erfolgen des Massenkonsums und des Wohlfahrtsstaates bzw. aus den Nebenwirkungen dieser Erfolge.“[4]

Die ja zunächst außerordentlich breit – politisch, ökonomisch, sozial und kulturell – angelegte Modernisierungsforschung verdichtete er dann zu einer Analyse des Wohlfahrtsstaates, und damit zu seinem dritten großen Forschungsgebiet, das um Fragen von Sozialpolitik, Wohlfahrtsentwicklung sowie objektive und subjektive Lebensqualitäts- und Sozialindikatorenforschung kreiste.

 

Wohlfahrtsentwicklung und gesellschaftliche Dauerbeobachtung: Lebensqualität und soziale Indikatoren

Mit seinem dritten großen Forschungsgebiet expandierte das ,Unternehmen Zapf‘ nicht nur von der ,Kleinmanufaktur‘ eines Privatdozenten beziehungsweise Lehrstuhlinhabers zum wissenschaftlichen Großbetrieb und Teilhaber umfangreicher kooperativer Projekte, sondern er wurde auch vom Beobachter zum Akteur, vom Sozialforscher zum Gesellschaftsreformer.

Schon in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren entwickelte er die Programmatik eines Systems gesellschaftspolitischer Ziele und sozialer Kennziffern, er veröffentlichte die ersten deutschen Sozialberichte und begründete eine lange Serie der Wohlfahrtssurveys. Gesellschaftliche Wohlfahrt verstand Zapf dabei zum einen mehrdimensional, zum anderen als Konstellation von objektiven Lebensbedingungen und subjektivem Wohlbefinden.

Auch international gehörte Wolfgang Zapf zu den führenden Köpfen der Quality of Life Forschung. Unter anderem war er langjähriges Mitglied der International Society for Quality of Life Studies, die ihn 2004 mit dem Distinguished Quality of Life Research Award ehrte.

 

Hochschullehrer und Institutionenbauer

Große Wirksamkeit entfaltete Wolfgang Zapf aber nicht nur als immer sorgfältig vorbereiteter Hochschullehrer und innovativer Forscher, sondern in ganz hohem Maße auch als Wissenschaftsorganisator, der Institutionen und Projekte entwarf und betreute, ihnen Zugang zu Ressourcen verschaffte und sie – überaus erfolgreich – leitete: So wirkte er etwa als Mitbegründer und langjähriger Sprecher des Sonderforschungsbereichs „Mikroanalytische Grundlagen der Gesellschaftspolitik“, als Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und – nicht zuletzt – als Präsident des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialwissenschaften, dem er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2002 auch als Abteilungsleiter diente.

Was ihn in all diesen Funktionen auszeichnete war seine nüchterne, unaufgeregte und ausgleichende Art. Darüber hinaus hat er selbstlos eine Vielzahl von Chancen für jüngere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eröffnet. Wenn er für die deutsche Elite konstatierte, dass Aufstieg nur durch Anpassung möglich war, so galt das bei ihm für uns Jüngere gerade nicht. Zapf stellte sein Licht eher unter den Scheffel, weshalb auch sein vielfältiges Engagement im Bereich der Politikberatung weniger bekannt ist. So verfasste er u. a. Gutachten für die Baden-Württembergische Landesregierung, das Bundeskanzleramt, das Social Science Research Council, die OECD und die Europäische Kommission.

 

Deutsche Einheit

Ich möchte noch eine besondere Lebensleistung von Wolfgang Zapf hervorheben, weil sie mir sowohl seine wissenschaftlichen als auch seine menschlichen Qualitäten in besonderer Weise sichtbar zu machen scheint: seinen ganz persönlichen Beitrag zur deutschen Wiedervereinigung. Wolfgang Zapf war nicht nur einer der ersten, der Strukturvergleiche über die beiden deutschen Gesellschaften und den Vereinigungsprozess vorlegte, er tat noch mehr: Schon vor der staatlichen Vereinigung holte er als Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie die ostdeutschen Kolleginnen und Kollegen 1990 auf den Soziologentag nach Frankfurt am Main. Und er bot einer Reihe von ostdeutschen Soziologen Unterschlupf und mehrjährige Arbeitsmöglichkeiten am Wissenschaftszentrum Berlin, dessen Präsident er zwischen 1987 und 1994 war.

 

Person

Was aber von Wolfgang Zapf fast noch stärker ausstrahlt und überdauert als sein Lebenswerk ist seine Persönlichkeit. Er war als praktizierender Katholik und eingeschriebenes CDU-Mitglied wohl eher einmalig unter seinen Soziologiekollegen. Er war konservativ und zugleich aufgeschlossen für gesellschaftspolitische Reformen, die er aktiv unterstützte. Er war für ganz Viele – Kollegen, Mitarbeiter, Freunde, akademische Schüler und Studenten – wichtig in der Art seines persönlichen Umgangs, in seiner Zuwendung, seiner vielfältigen Unterstützung. Er war klar und entschieden, nüchtern und selbstlos. „Sterile Aufgeregtheit“, Statusdünkel und Voreingenommenheit waren nicht seine Sache. Ganz im Gegenteil: Freundlichkeit war sein Habitus und Ironie seine Stärke.

Fußnoten

[1] Wolfgang Zapf, Wandlungen der deutschen Elite. Ein Zirkulationsmodell deutscher Führungsgruppen 1919–1961, München 1965, S. 184.

[2] Wolfgang Zapf, Materialien zur Theorie des sozialen Wandels, Konstanz 1967.

[3] Wolfgang Zapf, Modernisierungstheorie: und die nicht-westliche Welt, in: Thomas Schwinn (Hg.), Die Vielfalt und Einheit der Moderne. Kultur- und strukturvergleichende Analysen, Wiesbaden 2006, S. 227–235.

[4] Wolfgang Zapf, Entwicklungsdilemmas und Innovationspotentiale in modernen Gesellschaften, in: Krise der Arbeitsgesellschaft? Verhandlungen des 21. Deutschen Soziologentages in Bamberg, hrsg. im Auftrag der DGS v. Joachim Matthes, Frankfurt am Main / New York 1983, S. 293–308, hier S. 293 f.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.