Agenten der Sicherheitsbehörden

Rezension zu "Emotion. Eskalation. Gewalt. Wie kommt es zu Gewalttätigkeiten vor, während und nach Fußballspielen?" von Jo Reichertz und Verena Keysers (Hg.)

Die Frage, warum Fußballfans sich prügeln, wurde in den 1980er- und 1990er-Jahren bereits so umfangreich diskutiert, dass sie zuletzt kaum noch neuen Ertrag versprach.[1] Ein interdisziplinäres DFG-Projekt ließ sich davon nicht irritieren und widmete sich erneut dem Thema Fußball und Gewalt, allerdings mit einer ungewohnten Schlagrichtung. Über die soziologische Reflektion hinaus war das Ziel der Forschung noch ein ganz praktisches, genauer: „die Entwicklung und praktische Erprobung eines mobilen Mehrkamerasystems nebst zugehörigem Softwareframework, das in der Lage ist Menschengruppen von beschränkter Größe und Dynamik zu erfassen und ein Maß für die aktuelle Eskalationssituation zu schätzen (…). Zusätzlich sollte in einer späteren Phase die Güte der Emotions- und Eskalationserkennung automatisiert bewertet werden.“ (S. 8) Die bisher in und um Stadien eingesetzten Überwachungskameras sollten also mithilfe von Sozialwissenschaftlern gezielter zur Gewaltprävention eingesetzt werden, ein kamerabasiertes Verfahren der Früherkennung von Eskalationen hergestellt werden. Die Forscher*innen machen sich dadurch zu Agenten der Sicherheitsbehörden.

Das auf dem DFG-Projekt basierende Buch ist weitgehend der Bericht eines Scheiterns. Die automatische Gewalterkennung konnte nämlich nicht, wie geplant, umgesetzt werden, da die Soziologen herausfanden, dass sich Eskalationsdynamiken nicht automatisiert voraussagen lassen: „Zentrales Ergebnis der Forschung ist jedoch, dass sich die Eskalationsprozesse nicht allein als die Folge linearer und situativer Interaktionsprozesse vor Ort erklären lassen: sie sind vielfältiger und komplexer als angenommen.“ (S. 21) Eine Erkenntnis, für die vielleicht kein mehrjähriges DFG-Projekt notwendig gewesen wäre. Die kamerabasierte Früherkennung der Polizei bedürfe stattdessen noch eines „Assistenzsystems“ – vielleicht eine künftige Aufgabe für Soziolog*innen?

Bei allem ausgestelltem Methodismus (Transkriptionstechniken, Triangulation, computergestützte Auswertungsverfahren usw.) bleibt die entscheidende Problematik unberührt, ob sich Soziologie in dieser Weise den Dienst der Polizei stellen sollte und was eine solche Vereinnahmung bedeutet. Diese Allianz erweist sich insbesondere dann als hochproblematisch, wenn in der nur scheinbar neutralen soziologischen Analyse immer wieder die Perspektive der Polizei übernommen, ihr Vorgehen nebenbei als richtig und notwendig bewertet wird. Dieses Einvernehmen erscheint vor dem Hintergrund der mitunter politisch höchst problematischen Tendenzen polizeilicher Arbeit – man denke nur an die Schlagseite der Ermittlung rund um den NSU, neuste Berichte über ein Netzwerk mit dem Namen NSU 2.0 oder sogar über personelle Überschneidungen mit der Hooliganszene – mehr als bedenklich.[2] Auch der Wandel hin zur präventiven Gefahrenabwehr wird von den Autor*innen zwar als Erweiterung des Einsatzfeldes bemerkt, ohne jedoch auf die Kritik dieser Entwicklung, etwa in den Governmentality Studies, einzugehen.[3]

Die vorliegende Forschung beruht empirisch auf Feldbeobachtungen, Interviews (vor allem mit Polizisten) und der Auswertung von Videomaterial. Die Feldbeschreibungen wirken durch ihre voyeuristische Suche nach Eskalation bei gleichzeitiger Distanz zu gewaltbereiten Fußballfans, die sich auch durch den Feldeinstieg über die Polizei ergab, insgesamt unbeholfen und mitunter sogar unfreiwillig komisch. Exemplarisch lässt sich dies am Protokoll eines Besuchs des spannungsgeladenen Fußballderbys zwischen Duisburg und Düsseldorf in Polizeibegleitung verdeutlichen: „Als ich die Tumulte vor der Tribüne von der Ferne aus sehen konnte, bat ich unseren Gewährsmann darum, ob es möglich sei, näher an den dort findenden Tumult zu kommen. Daraufhin gingen wir durch einen Hintereingang ins Stadion, um uns dem Ort zu nähern, an dem die Auseinandersetzungen stattfanden. Als wir ankamen, war das meiste bereits gelaufen. Als ich Herrn Müller dann zu einer Bratwurst einlud […].“ (S. 68)

Eigentümlich sind auch einige Ungleichgewichte des Buches. So ist von den rund 330 Textseiten ein großer Teil von Jo Reichertz verfasst, neben einer längeren Einführung folgt von ihm am Ende noch ein fast 150 Seiten langes Theorie-Résumé. Daneben gibt es noch zwei längere Beiträge von Verena Keysers im Umfang von 35 und 54 Seiten, in denen vor allem Jo Reichertz zitiert wird. Den spärlichen restlichen Platz müssen sich fünf weitere Beiträge teilen, darunter ein Feld-Memo, zwei Feldanalysen, ein Beitrag von Computerwissenschaftlen, dessen Technizismus unfreiwillig veranschaulicht, warum die Zusammenarbeit mit Soziolog*innen so schwierig ist, und schließ ein Beitrag von Nils Spiekermann. Letzterer hebt sich mit seinen kritischen Reflektionen zum Verhältnis von Fans und Polizei wohltuend von den anderen Beiträgen ab, was wohl auch damit zu tun hat, dass er sich – wie mehrfach lobend erwähnt wird – mit Fußballfanszenen auskennt. Dass dies auf die Übrigen anscheinend nicht zutraf, wird immer wieder schmerzlich deutlich. So wird beispielsweise eine altersbedingte Mäßigung der Hooliganszene diagnostiziert, ohne zu bemerken, dass es in den letzten Jahren gerade im Ruhrgebiet und im Kontext des aufkommenden Rechtspopulismus zuletzt zu einer „Rückkehr der Hooligans in den Stadien und auf der Straße“[4] gekommen war. 

Zum dürftigen Neuigkeitswert und der unausgewogenen Form gesellt sich ein mitunter abschreckender Schreibstil, in dem die Forschung unnötig aufgeplustert wird. Ein Beispiel für die zahlreichen unproduktiven theoretischen Verkomplizierungen findet sich in der Reflektion des eigenen Theorieansatzes: „Nun liegt dieser Theorie im Kern eine stille These zugrunde, die, im Zuge der hermeneutisch-wissenssoziologischen Interaktion forscherischer Vorstellungskraft mit dem Wetzstein der Daten, zutage trat. Bei dieser forscherischen Interaktion mit dem Wetzstein der Daten unserer empirischen Feldforschung passierte zweierlei: Einerseits trat die stille Theorie stückweise als phänomenale Linie einer spezifischen Lesart zutage und zerrieb sich gleichsam – fortschreitend erkennbar als unzutreffende handlungstheoretische Annahme über den Gegenstand ‚Eskalation auf Großveranstaltungen‘. In der plastischen Metapher des Abriebs verweilend, die m.E. sehr passend ist, um zu veranschaulichen, was im Zuge gedankenexperimenteller Hypothesenbildung und deren sukzessiver Falsifikation geschieht, kann man sagen, dass das Zerreiben dieser Lesart Staub produziert hat, dessen durch den Vorgang des Wetzens bedingte Verwirbelung eine Gestalt im scheinbar leeren Raum des Theoretisierens hervortreten lässt, die ohne diesen Staub unsichtbar geblieben wäre.“ (S. 196, Herv. im Original)

Fazit: Forschung als unkritischer Erfüllungsgehilfe der Polizei, Soziologie zum Abgewöhnen.

Fußnoten

[1] Zu den Paradigmenwechseln in der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Erforschung von Hooligans vgl. Anastassia Tsoukala: Football Hooliganism in Europe. Security and Civil Liberties in the Balance, London 2009. Für einen Überblick zu aktuellen Entwicklungen vgl. Robert Claus: Hooligans. Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik, Göttingen 2017.

[2] Vgl. Tanjev Schulz: NSU: Der Terror von rechts und das Versagen des Staates, München 2018; Frankfurter Rundschau: Polizeiskandal weitet sich aus (20.12.2018); Stefan Schubert: Gewalt ist eine Lösung: Morgens Polizist, abends Hooligan - mein geheimes Doppelleben. München 2010.

[3] Vgl. Ulrich Bröckling: Dispositive der Vorbeugung: Gefahrenabwehr, Resilienz, Precaution, In: Christopher Daase / Philipp Offermann / Valentin Rauer (Hg.): Sicherheitskultur. Soziale und Politische Praktiken der Gefahrenabwehr, Frankfurt/Main 2012, S. 93-108; Susanne Krassmann: Der Präventionsstaat im Einvernehmen. Wie Sichtbarkeitsregime stillschweigend Akzeptanz produzieren, In: Ulrich Bröckling / Leon Hempel / Susanne Krassmann: Sichtbarkeitsregime. Überwachung, Sicherheit und Privatheit im 21. Jahrhundert, Wiesbaden 2011, S. 53-70.

[4] Richard Gebhardt: Fäuste, Fahnen, Fankulturen: Die Rückkehr der Hooligans auf der Straße und im Stadion. Köln 2017.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Clemens Reichhold.