Aller guten Dinge sind drei

Rezension zu "Die 68er-Bewegung International. Eine illustrierte Chronik 1960–1969" von Wolfgang Kraushaar

Nach einem schmalen Überblick und einer umfänglicheren Aufsatzsammlung[1] hat Wolfgang Kraushaar seine dritte Buchveröffentlichung zum Thema „1968“ im Jubiläumsjahr 2018 vorgelegt, und sie bricht alle Rekorde: vier großformatige Leinenbände im Schuber (gut 13 kg), Farbdruck, rund 2.000 Seiten auf schwerem Papier, reich illustriert durch etwa 1.000 Abbildungen. Das Mammutwerk vervollständigt die Reihe der in Umfang und Ausstattung etwas bescheideneren Chroniken und Quellensammlungen, die der Politikwissenschaftler beginnend mit der „Protest-Chronik“ zu den 1950er-Jahren über die Dokumentation zur Frankfurter Schule und zur Studentenbewegung vorgelegt hat.[2] Das neueste Werk stellt diese Vorgänger in den Schatten und bietet eine bislang so nicht existierende Faktensammlung zu „1968“, die vom politischen Großereignis bis hin zu kleinstädtischen Geschehnissen zahllose Geschichten von Protest und Revolte zusammenträgt. Gleichzeitig durchbrechen Vignetten zu Personen, Organisationen und sonstigen übergeordnet relevanten Kulturerscheinungen die Grundstruktur der Tagesfolge, sodass man nicht darauf angewiesen ist, sich die relevanten Daten aus der Chronologie zusammenzusuchen. Jeder Band ist zudem mit einem Orts- und einem Personenregister ausgestattet.

Ein Lesebuch zum Stöbern und Eintauchen ist entstanden, auch ein Nachschlagewerk für diejenigen, die sich schnell einen Überblick etwa zum Verlauf des 2. Juni 1967, zum Pariser Mai 1968 oder zur Niederschlagung des Prager Frühlings verschaffen wollen. Neben Bekanntem faszinieren immer wieder neue Themen oder Blickwinkel, so zum Beispiel die Entführung des Kreuzfahrtschiffes Santa Maria durch portugiesische Rebellen Anfang 1961 oder die internationalen Reaktionen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke vom April 1968. Nur mit Superlativen wird man zudem der Bebilderung des Werkes gerecht, die nicht nur außergewöhnlich üppig ausfällt, sondern auch meist unbekanntes Material präsentiert und damit die bedeutende visuelle Komponente von „1968“ akzentuiert. Zwar werden die Abbildungen weniger als Quellen untersucht, sondern dienen überwiegend der Illustration. Doch tritt in ihrer Farbigkeit, in ihren Inhalten und ihrer Gestaltung – etwa bei der Konfrontation der Generationen oder der politischen Akteure – die spezifische Dynamik dieser Bewegung besonders stark hervor.

Dass eine „illustrierte Chronik“ in erster Linie „Fakten“ liefert, bedeutet natürlich nicht, dass sie frei von Interpretationen sein kann. Kraushaar ist derjenige in Deutschland, der sich am intensivsten mit der Geschichte von „1968“ auseinandergesetzt sowie über Jahrzehnte Perspektiven und Thesen entwickelt hat, die sich auch in diesem Buch niederschlagen. Interpretationslinien deuten sich schon im Aufbau der Chronik an. Während der erste Band mit den Jahren 1960 bis 1966 das behandelt, was Kraushaar als „Vorzeit“ (Bd. 1, S. VIII) beschreibt, konzentrieren sich die Bände zwei und drei auf jeweils ein Jahr, 1967 und 1968, während der letzte Band das Jahr 1969 bis zum Frühling 1970 in den Blick nimmt, um die „Geschichte der 68er-Bewegung“ dann mit einem „Nachtrag 1979/80“ enden zu lassen. Dieses gut 10-seitige Schlusskapitel behandelt den Tod Dutschkes als Folge des Attentats von 1968 sowie seine Beisetzung in Berlin, dann den Selbstmord Sven Simons, des Sohnes von Axel Springer, am Tage der Beerdigung Dutschkes (3. Januar 1980) sowie den Tod des Verlegers fünfeinhalb Jahre später. Es könne sein, so raunt es, dass über den aufgrund eines schlechten Gewissens begangenen Suizid des Sohnes auch der alte Springer „an dem zwei Jahrzehnte zuvor ausgebrochenen und in der Folge ständig weiter eskalierenden Konflikt zugrunde gegangen ist“ (Bd. 4, S. 482). In diesem dramatischen Schlussakkord, der die „68er-Bewegung international“ mit dem Tod Dutschkes und seines Gegenspielers enden lässt und als politischen Hoffnungsschimmer noch die Gründung der Grünen ins Spiel bringt, spiegeln sich einige Grundlinien des Werkes. Es stellt politische Konflikte in den Mittelpunkt, widmet den Gruppen der Studentenbewegung, personalisiert durch charismatische Führer wie Dutschke und Cohn-Bendit, besonders viel Aufmerksamkeit (in Wort wie Bild) und kreist um einen deutschen Fokus.

Auch andere Thesen, die Kraushaar in den vergangenen Jahren vorgetragen hat, werden in den vier Bänden untermauert, etwa die Sicht der „Unterwanderung“ der westdeutschen Studentenbewegung durch die DDR.[3] Man kann darüber streiten, wie fruchtbar es ist, die Geschichte der wichtigen Zeitschrift „konkret“ im Überblicksartikel (Bd. 1, S. 232) nahezu ausschließlich unter dem Aspekt der Einflussnahme durch die SED zu beschreiben, wie es hier geschieht. Weniger spektakulär, aber analytisch interessanter erscheint mir die Loslösung von diesem Einfluss im Jahr 1964, die als exemplarischer Vorgang bei der Entstehung einer neuen Linken an der Schnittstelle des Kalten Krieges betrachtet werden kann. In diesem Lichte wäre etwa die dann zunächst pekuniär begründete Sexualisierung der Zeitschrift auch als Hinwendung zu einem Kernthema der 1960er-Jahre zu verstehen, als Versuch, die „Sexwelle“ unter dem Vorzeichen der Emanzipation von links her zu politisieren und zum Angelpunkt der Revolte zu machen.

Neben dem politischen Fokus der Einträge gibt es immer wieder Schlaglichter auf andere Aspekte. Sehr zu begrüßen ist Kraushaars Entscheidung, kulturellen Elementen des Aufbruchs ein deutlich stärkeres Gewicht beizumessen als in seinen früheren Darstellungen.[4] Insbesondere Rock- und Popmusik der Art, wie sie unter vielen Protagonisten von „1968“ beliebt war, spielt hier eine bedeutende Rolle; sie bildet mit der Karriere von Stars wie den Beatles, Bob Dylan oder Jimi Hendrix, auch mit Festivals, ein kulturelles Grundraster der Chronik. Einen besonders prominenten Anteil haben die Hippies in den USA mit Kommunen, Bands, Clubs und ihren bekanntesten Akteuren. Über die mit der Popkultur korrespondierende Counterculture wird „1968“, wenn auch nur implizit, an den gesellschaftlichen Wandel angeschlossen, der allerdings generell kaum ausgeleuchtet wird. Die Wechselwirkungen zwischen „1968“ und den allgemeinen Entwicklungen in der Gesellschaft, deren Untersuchung schon vor längerem in der Zeitgeschichtsforschung programmatisch eingefordert, auch empirisch angegangen und 2018 noch einmal durch Christina von Hodenberg in zugespitzter Weise in ihrem Erklärungspotenzial skizziert wurde, gehen über das Erkenntnisinteresse von Kraushaars Chronik hinaus, teils auch über ihre Möglichkeiten.[5] Denn anders als in analytischen, von übergeordneten Fragen geleiteten Studien sind diese Zusammenhänge durch eine ereigniszentrierte Darstellungsform nur begrenzt zu erfassen.

Dies hat natürlich auch mit dem opaken Phänomen zu tun, das hier beschrieben wird. Denn „1968“ oder die „Sixties“, wie es in den USA und Großbritannien heißt, sind nicht leicht in den Griff zu bekommen, weil nationale wie grenzüberschreitende politische und kulturelle Umbrüche auf den verschiedensten Gebieten mit länger angelegten gesellschaftlichen Wandlungsprozessen einhergingen. Welche Gegenstände also muss eine Chronik der „68er-Bewegung“ enthalten, was soll außen vor bleiben? Aufgrund der Komplexität der Zusammenhänge ist diese Frage schwer zu beantworten. Schon 1977 hat Kraushaar sich selbstbewusst zu einer subjektiven „Sammlung disparater Phänomene“ bekannt, ohne, wie auch in seinem neuesten Werk, Auswahlkriterien zu benennen.[6] So bilden die Einträge ein Kaleidoskop der verschiedensten Fakten, deren Relevanz sich nicht immer unmittelbar erschließt. Um das Spektrum und auch das Problem zu skizzieren: Mehr noch als etwa die angeführten Starfighter-Abstürze von 1965/69 oder Selbstverbrennungen gegen „die Russifizierung der Ukraine“ 1968/69 wirft der gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung gerichtete Protest von 8.000 niedersächsischen Bauern am 8. Juni 1968 in Osnabrück die Frage auf, ob und wie derartige Aktionen und Akteure in der Geschichte der „68er-Bewegung“ zu verorten sind. Hier wird das größere gesellschaftsgeschichtliche Potenzial der Forschung zu „1968“ zwar berührt, aber nicht analytisch einbezogen.

Dennoch macht Kraushaars Chronik überdeutlich, dass man auch in Zukunft eine Gesellschaftsgeschichte von „1968“ nur mit „1968“ schreiben kann. Dutschke und Genossen, ihre Ideen und Methoden sind nicht genug, aber ohne sie geht es auch nicht. Allein schon die Tatsache, dass bis heute in erinnerungsgeschichtlicher Perspektive alle möglichen Tendenzen und Transformationen – Wertewandel, die Lockerung der Sitten, Popkultur, neue Methoden der partizipatorischen Demokratie – auf das eine Signum „1968“ zusammenschnurren, zeigt, wie stark beides zusammengehört. Inzwischen hat sich in der Forschung ein eigener Zweig etabliert, der anhand der sich wandelnden Interpretationen von „1968“ zeitgeschichtliche Deutungsmuster untersucht.[7] Nur wenn man den emanzipatorischen, antitraditionalistischen Impuls von „1968“ samt all seiner überschießenden wie retardierenden Elemente stark hält, lässt sich die Komplexität auch der gesellschaftlichen Entwicklungen angemessen erklären: die Anziehungskraft und doch begrenzte Verwirklichung der Idee einer „sexuellen Revolution“, die Emanzipation von Frauen, die nicht erst Ergebnis der Frauenbewegung war, sondern schon zu deren Voraussetzungen gehörte, das Verhältnis von Großstadt und ländlichem Raum im Wertewandel und beim Wandel der politischen Kultur, die Transformation der Gewerkschaften durch Einbeziehung neuer jugendkultureller Elemente und Protestformen – um nur einige Beispiele zu nennen. Aber gleichzeitig gilt auch: Ohne den längerfristigen gesellschaftlichen Wandel ist „1968“ nicht zu erklären.

Zu den Verdiensten der „illustrierten Chronik“ gehört, dass sie den internationalen Horizont der „68er-Bewegung“ umreißt und damit signalisiert, dass auch ihre nationalen Ausformungen nur in diesem Kontext verstanden werden können, wie bereits die Welt- und die Europakarte in der Einleitung unterstreichen. Allerdings bilden die deutschen, in erster Linie die westdeutschen und West-Berliner Vorgänge den dominanten Fokus der Darstellung, was dazu führt, dass den Registern zufolge die wichtigsten Orte der globalen Revolte West-Berlin, Frankfurt und München waren. Den Schwerpunkt der nicht-deutschen Aspekte bilden die USA, die damit zur zweiten Achse der Beschreibung werden. In weitem Abstand folgen Frankreich und Großbritannien. Für Asien sind die Schwerpunkte Japan, der Vietnamkrieg und die chinesische Kulturrevolution; die deutlich weniger belichteten Vorgänge in Lateinamerika und in Afrika werden über weite Strecken anhand des Wirkens von Che Guevara und Nelson Mandela beschrieben. Auch wenn andere Länder durchaus einbezogen werden, so spielt doch die sogenannte „Dritte Welt“ jenseits der erwähnten asiatischen Staaten eine untergeordnete Rolle.

Zweifellos markieren die vier opulenten Bände einen Meilenstein der Darstellung von „1968“ in der Bundesrepublik. Dass sie nun gleich „das Urmeter jeder Forschung zu 1968“ sein sollen, wie Sven Felix Kellerhoff meint, kann man jedoch bezweifeln.[8] Es wird schnell klar, dass das Werk nicht in erster Linie für die Wissenschaft geschrieben wurde, denn eine Literaturliste findet sich nicht, und quellenmäßig sind die Einträge höchst unterschiedlich belegt – manche enthalten ausführliche Nachweise, andere gar keine. Vorgänge im Ausland werden häufig auf Grundlage deutscher Presseberichte geschildert, wie überhaupt wissenschaftliche Literatur nur sparsam und selektiv einbezogen wird.

Das Genre der Chronik bringt es mit sich, dass sie nur schreiben kann, wer sein Thema souverän beherrscht, Detailkenntnis mit Überblick verbindet und den Gegenstand nach eigenem Gusto zu formen vermag. Dass die Kriterien einer solchen Formung nicht objektiv sein können, ist dabei in Kauf zu nehmen. In jedem Fall hat Wolfgang Kraushaar mit dieser Gesamtschau ein Werk vorgelegt, das in seiner Informationsdichte und Plastizität ebenso überwältigend wie einzigartig ist und in dieser Form wohl kaum jemals übertroffen werden wird.

Fußnoten

[1] Wolfgang Kraushaar, 1968. 100 Seiten, Ditzingen 2018; ders., Die blinden Flecken der 68er-Bewegung, Stuttgart 2018.
[2] Wolfgang Kraushaar, Die Protest-Chronik 1949–1959. Eine illustrierte Geschichte von Bewegung, Widerstand und Utopie, 4 Bde., Hamburg 1996; ders. (Hrsg.), Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail 1946–1995, 3 Bde., Frankfurt am Main 1998. Neben den Einträgen in der Rubrik „Aus der Protest-Chronik“ der Zeitschrift „Mittelweg 36“ (seit 1992) finden sich frühere Fassungen in: Peter Mosler, Was wir wollten, was wir wurden. Studentenrevolte zehn Jahre danach. Mit einer Chronologie von Wolfgang Kraushaar, Reinbek 1977, S. 249–295, und selbstständig in Wolfgang Kraushaar, 1968. Das Jahr, das alles verändert hat, München 1998.
[3] Wolfgang Kraushaar, Unsere unterwanderten Jahre. Die barbarische und gar nicht schöne Infiltration der Studentenbewegung durch die Organe der Staatssicherheit, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.1998.
[4] So noch vor zehn Jahren in Wolfgang Kraushaar, Achtundsechzig. Eine Bilanz, Berlin 2008.
[5] Christina von Hodenberg / Detlef Siegfried (Hrsg.), Wo 1968 liegt. Reform und Revolte in der Bundesrepublik, Göttingen 2006; Christina von Hodenberg, Das andere Achtundsechzig. Gesellschaftsgeschichte einer Revolte, München 2018.
[6] So in Mosler, Was wir wollten, S. 249.
[7] Ingo Cornils, Writing the Revolution. The Construction of „1968“ in Germany, Rochester 2016; Silja Behre, Bewegte Erinnerung. Deutungskämpfe um „1968“ in deutsch-französischer Perspektive, Tübingen 2016; Martin Stallmann, Die Erfindung von „1968“. Der studentische Protest im bundesdeutschen Fernsehen 1977–1998, Göttingen 2017.
[8] Sven Felix Kellerhoff, „Ein Jubelschrei ging durch die Massen. Furchtlos, schlägereierfahren!“, in: Welt, 04.11.2018, https:/<wbr />/www.welt.de<wbr />/geschichte<wbr />/article183187574<wbr />/Mythos-68er-Bewegung-Ein-Jubelschrei-ging-durch-die-Massen-Furchtlos-schlaegereierfahren.html (10.01.2019).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jan-Holger Kirsch.

Dieser Text erschien zuerst in H-Soz-Kult.