Altersarmut, subjektiv betrachtet

Rezension zu "Kein Ruhestand. Wie Frauen mit Altersarmut umgehen" von Irene Götz

Armut im Alter ist ein vielschichtiges Phänomen, von dem zunehmend mehr Personen in Deutschland betroffen sein werden. Auf diesen Umstand machen die Autorinnen des Bandes (Irene Götz, Esther Gajek, Petra Schweiger, Noémi Sebök-Polyfka, Alex Rau und Marcia von Rebay) „Kein Ruhestand – wie Frauen mit Altersarmut umgehen“ eindrücklich und engagiert aufmerksam. Die im Feld der Kulturwissenschaften beheimateten Autorinnen bezeichnen Altersarmut als „ein lange vernachlässigtes Problem“ (S. 10) – das mag als politische Zeitdiagnose wahrscheinlich richtig sein, kaum jedoch, was die empirische Forschung zum Thema Altersarmut anlangt: In den letzten Jahren sind mehrfach Studien vorgelegt worden, die einen Beitrag zur Diskussion sowohl der Entwicklung als auch der Ursachen von Armut im Alter (sowie der Ursachenbekämpfung) leisten.[1] Schließlich ist die Armutsgefährdung älterer Menschen gestiegen – ein Trend, der aufgrund diskontinuierlicher Erwerbsbiografien, der Ausweitung des Niedriglohnsektors und der Absenkung des Leistungsniveaus der gesetzlichen Rentenversicherung voraussichtlich weiter anhalten wird.[2] Wissenschaftliche Fundierung und Methodik zählen jedoch nicht zu den Stärken der hier besprochenen Publikation.

Im ersten Teil des Bandes werden die Ergebnisse einer qualitativen Studie zu den Lebensbedingungen „von alleinstehenden Frauen in teuren Städten“ (S. 11) präsentiert. Die Interviews für diese Studie wurden mit 50 Frauen aus München geführt, die zwischen Mitte der 1930er- und Mitte der 1950er-Jahre geboren wurden. Einige der Fälle werden im zweiten Teil in ausführlichen Portraits dargestellt, die einen lebendigen Einblick in die alltäglichen Herausforderungen alleinlebender älterer Frauen gewähren. Repräsentativ sollen diese Ergebnisse offensichtlich nicht sein und können es auch nicht – nicht nur, weil die Autorinnen Personen aus ihrem „weiteren Bekanntenkreis“ (S. 23) interviewt haben, sondern auch, weil unklar bleibt, für welche Bevölkerungsgruppe eine Repräsentativität überhaupt gegeben sein könnte. Schließlich ging es den Wissenschaftlerinnen nicht (allein) um Frauen mit einem Einkommen unterhalb der Armutsschwelle und ohne Vermögen, sondern um das „Gesamtarrangement einer ‚prekären‘, das heißt vulnerablen Lebensführung“ (S. 24). Die Studie ist also mit Frauen befasst, die sich subjektiv als prekär und möglicherweise künftig von Armut bedroht wahrnehmen in dem Sinne, dass „das aufgebaute Alltagsgerüst jederzeit zusammen brechen kann“ (ebd.), etwa wenn aus gesundheitlichen Gründen ein Minijob aufgegeben werden muss oder Wohnungskosten steigen. Nur wenige der im Rahmen der Studie interviewten Frauen sind jedoch im objektiven Sinne einkommensarm; sie verstanden sich selbst auch nicht „als arm“ (S. 17).

Gerichtet ist der Band in erster Linie direkt an betroffene Frauen. Das wird im dritten Teil des Bandes deutlich, der unter dem Titel „Was tun, wenn die Rente nicht reicht?“ als Ratgeber fungiert und mit Kontaktadressen und Tipps aufwartet. Essayistisch geschrieben erscheint die Mission des Bandes somit legitim, die in der Studie herausgearbeiteten subjektiven Sichtweisen in den Mittelpunkt zu rücken, um einerseits „Leistungen der Selbstsorge wertschätzend herausstellen“ (S. 12) zu können und andererseits die „Sorgen“ der betroffenen Frauen „ernst“ zu nehmen (ebd.). Wie viele Frauen in diesen oder einer ähnlichen Lage sein könnten, bleibt aber ebenso offen wie die Frage danach, wie gravierend sich die Notsituation faktisch darstellt und wie hoch der politische Handlungsdruck entsprechend ist.

Laut Statistischem Bundesamt erhalten in Deutschland aktuell lediglich rund drei Prozent der älteren Menschen Grundsicherung im Alter, freilich etwas mehr Frauen als Männer.[3] Dass bisher nur ein so kleiner Anteil der älteren Menschen von Armut betroffen zu sein scheint, mindert den Mangel der mehr als 500.000 Grundsicherungsempfängerinnen und -empfänger natürlich nicht. Erschwerend kommt insbesondere die Tatsache hinzu, dass gerade in einer Stadt wie München die Leistungen der Grundsicherung nicht ausreichen, um über die Armutsschwelle zu kommen (S. 14). Plausibel scheint zudem die Annahme, dass nicht alle Leistungsberechtigten auch tatsächlich Anträge stellen, etwa „weil sie sich schämen oder bürokratische Hürden bei der Beantragung von Grundsicherung scheuen“ (S. 28). Jedoch überrascht die pauschale These der Autorinnen, dass „auch das bürgerliche Milieu von Altersarmut bedroht ist“ (S. 23). Empirisch ist diese Behauptung nicht zu halten. Allerdings fehlen in dem Band auch Verweise auf einige zentrale Datenquellen der Armutsdebatte, weshalb Annahmen und Behauptungen der Autorinnen nicht von gesichertem Wissen unterschieden werden können.[4]

Eine niedrige Rente erhält in Deutschland, wer wenig in die Rentenversicherung eingezahlt und somit lediglich geringe Anwartschaften erworben hat. Eine entscheidende Frage lautet daher: Warum haben Personen wenig eingezahlt? Die Gründe für Lebensphasen ohne sozialversicherungspflichtige Beschäftigung sind gut erforscht:[5] Neben der Erwerbsunterbrechung zur Familiengründung und Erziehungsarbeit sind vor allem gesundheitliche Einschränkungen und Suchtkrankheiten zu nennen. Ebenso tragen Schwarzarbeit und Minijobs zu fehlenden Anwartschaften bei. Menschen mit Zuwanderungserfahrung fehlen zudem oft Anwartschaften aufgrund von im Ausland verbrachter Lebensjahre. Frauen sind häufiger von Armut im Alter betroffen, insbesondere weil sie öfter in Teilzeit erwerbstätig sind und im Durchschnitt geringere Stundenlöhne erzielen als Männer. Außerdem sind sie häufiger betroffen, weil große Teile der Altersvorsorge im Falle einer Trennung allein dem Partner zukommen können – etwa wenn die früher gemeinsam bewohnte Immobilie ihm allein gehört. Auch nachteilige Eheverträge sind hier zu nennen.

All jene Aspekte werden in den Porträts des Bandes sehr anschaulich verdeutlicht, aber nicht unter Rückgriff auf die vorliegenden Befunde quantifiziert. Das birgt die Gefahr, Probleme zu dramatisieren. Für die Politik ist es dann ein Leichtes, die wichtigen Argumente der Studie zu ignorieren. Im Alter stehen armutsgefährdeten Frauen jedoch nur wenige Möglichkeiten zur Verfügung, ihre Lage objektiv zu verbessern. Etwa die Idee, dass Menschen über den Renteneintritt hinaus erwerbstätig bleiben können, um ihrer Altersarmut zu entfliehen, erweist sich in der Regel als illusorisch. Auch die Autorinnen dieses Bandes zeigen anhand ausgewählter Fallbeispiele, dass meist fehlende individuelle Erwerbschancen dazu beitragen, dass Menschen in die Armut abrutschen.

Gleichzeitig gilt es zu betonen, dass viele Frauen der Geburtsjahrgänge der 1940er- und 1950er-Jahre gerade deshalb im Alter nicht arm sind, weil sie über das Modell eines Familienernährer- oder Hinzuverdiener-Arrangements auch im Alter abgesichert sind, etwa durch ein hohes Haushaltseinkommen des Paares oder durch die Hinterbliebenenversorgung, der eine wichtige Rolle zur Vermeidung von Altersarmut insbesondere bei Frauen zukommt. Bei einem beispielhaften monatlichen Alterseinkommen „von 1460 Euro“ (S. 11) für eine einzelne Person kann sicherlich nicht von einem Einkommen unterhalb der Armutsschwelle gesprochen werden. Menschen aus dem „bürgerlichen Milieu“ mögen dennoch Schwierigkeiten haben, in München eine bezahlbare Wohnung zu finden und sich durchaus arm fühlen oder sich vor einem sozialen Abstieg fürchten.[6] Alleinlebende Frauen mit objektiv kleinen Renten von 300 Euro oder 500 Euro könnten einen solchen Vergleich jedoch durchaus als zynisch empfinden.

Der Band lässt die geneigten Leserinnen und Leser etwas ratlos zurück, denn anhand der Interviews mit Frauen in sehr unterschiedlichen materiellen Lagen wird als Ergebnis „die Unterschiedlichkeit der Lebensbedingungen im Alltag“ (S. 85) konstatiert. Bestehende soziale Ungleichheiten werden durch die präsentierten „Sozialreportagen“ (S. 26) somit eher noch verdeckt als herausgearbeitet. Auch fehlt jeder Versuch einer Fallrekonstruktion. Die Portraits verbleiben im Deskriptiven, ohne dass deutlich würde, wofür sie exemplarisch stehen.

Unklar bleiben auch die Schlussfolgerungen, etwa wenn es darum geht, wie das sowohl Menschen mit mittleren als auch mit geringen Einkommen betreffende Problem der hohen Lebenshaltungskosten in einer teuren Stadt wie München politisch angegangen werden könnte. Vielversprechend scheint, das von den Autorinnen aufgegriffene Argument der geografischen Mobilität noch weiter zu diskutieren. Im Band heißt es dazu lediglich: „Rentnerinnen und Rentner müssten somit eigentlich aus den wohlhabenden Regionen und besonders aus den Ballungsräumen wegziehen und im letzten Lebensdrittel noch einmal neu in strukturschwächeren, aber preiswerten Gebieten beginnen.“ (S. 29). Aber welche Folgen hätte das, etwa in Bezug auf die Lebensführung und die sozialen Beziehungen? Wären stattdessen nicht spezifische Maßnahmen zur Verbesserung der Wohnsituation von armutsgefährdeten Alleinlebenden in den Großstädten denkbar?

Auch hinsichtlich der Notwendigkeit, die Alterssicherung zu verbessern, enthält der Band einige diskussionswürdige Vorschläge politischer Natur, vor allem bezüglich der Prävention weiblicher Altersarmut. Auf Seite 83 heißt es: „Die Einfrierung der Rentenabsenkungen, wie sie derzeit angestrebt wird, ist nicht ausreichend. Die vom Gesetzgeber vorgesehene ergänzende private Vorsorge ist nicht allen möglich, und überdies wäre zu überlegen, ob es nicht nachhaltiger wäre, die staatliche Förderung solcher privaten Renten wie auch der Betriebsrenten wieder in die allgemeine staatliche Altersvorsorge zu stecken, anstatt diese weiter abzusenken, damit abzuwerten und die Renten zu einer konjunktur- und damit zinsabhängigen privatwirtschaftlichen Finanzware zu machen, die man sich leisten können muss.“ Diese Vorschläge werden zwar nicht durch die Empirie der qualitativen Studie begründet, sind aber durchaus sympathisch. Allerdings dienen diese Vorschläge in erster Linie der allgemeinen Verbesserung der Altersvorsorge und weniger der gezielten Vermeidung von Altersarmut. Die Armutsbekämpfung bei Personen mit sehr geringen Anwartschaften in der gesetzlichen Rentenversicherung basiert nach wie vor auf der bedarfsgeprüften Grundsicherung im Alter. An dieser Stelle bieten sich gute Ansatzpunkte: Beispielsweise könnten durch eine Anhebung der Transferleistungen und durch eine Senkung der Dunkelziffer von Antragsberechtigten, die bisher keine Grundsicherungsleistungen in Anspruch nehmen, Verbesserungen für armutsgefährdete ältere Frauen erzielt werden. Die beste Präventionsmaßnahme gegen Altersarmut für Frauen bleibt jedoch nach wie vor der Aufbau einer eigenständigen Alterssicherung durch eine möglichst kontinuierliche Erwerbsbiografie mit möglichst kurzen Unterbrechungen bei gerechter Bezahlung und dem Vermeiden von langen Phasen geringfügiger oder Teilzeitbeschäftigung mit geringem Stundenumfang. 

Fußnoten

[1] Für einen Überblick vgl. Claudia Vogel / Andreas Motel-Klingebiel (Hg.), Altern im sozialen Wandel: Die Rückkehr der Altersarmut?, Wiesbaden 2013.

[2] Vgl. Julia Simonson / Nadiya Kelle / Laura Romeu Gordo / Markus M. Grabka / Anika Rasner / Christian Westermeier, Ostdeutsche Männer um 50 müssen mit geringeren Renten rechnen, DIW Wochenbericht, 2012.

[3] Vgl. Claudia Vogel / Harald Künemund, Armut im Alter, in: Petra Böhnke / Jörg Dittmann / Jan Goebel (Hg.), Handbuch Armut, Opladen 2018, S. 144–153.

[4] Einen breiten Überblick über zentrale Datenquellen wie Mikrozensus, EU-SILC und Deutschen Alterssurvey (DEAS) sowie über Armutsindikatoren gibt der Fünfte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Lebenslagen in Deutschland, Berlin 2017)

[5] Vgl. Antonio Brettschneider / Ute Klammer, Lebenswege in die Altersarmut. Biografische Analysen und sozialpolitische Perspektiven, Berlin 2016.

[6] Zum Zusammenhang von objektiver und subjektiver Armut vgl. Constanze Lejeune / Laura Romeu Gordo / Julia Simonson, Einkommen und Armut in Deutschland. Objektive Einkommenssituation und deren subjektive Bewertung, in: Katharina Mahne / Julia Katharina Wolff / Julia Simonson / Clemens Tesch-Römer (Hg.), Altern im Wandel. Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey, Wiesbaden 2017, S. 97–110.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.