Anarchismusforschung mit Weichspülprogramm

Literaturessay zu "Anarchie als herrschaftslose Ordnung?" von Klaus Mathis und Luca Langensand (Hg.), "Brill’s Companion to Anarchism and Philosophy" von Nathan Jun (Hg.), "The Palgrave Handbook of Anarchism" von Carl Levy und Matthew S. Adams (Hg.) und "The Anarchist Imagination" von Carl Levy und Saul Newman (Hg.)

Selbstorganisation, bewusster Verzicht auf sie repräsentierende oder für sie sprechende Figuren und eine tiefe Skepsis gegenüber staatlichen und parteiförmigen Institutionen eint viele der politischen Bewegungen der jüngsten Vergangenheit. Unter diesen Prämissen lassen sich so disparate Phänomene wie die sogenannten „Occupy“-Demonstrationen im Zuge der Finanz- und Staatsschuldenkrise im Globalen Nordwesten, die Protestbewegungen in Hongkong 2014 und aktuell 2019, der Aufstand der „Gilets jaunes“ in Frankreich sowie das Rojava-Projekt im Norden Syriens / Kurdistan versammeln. Sie alle unterscheiden sich – sowohl in ihren Methoden als auch in ihren Zielen – von den meist durch starke Organisationen wie Parteien oder Gewerkschaften gestützten, sozialen Protestbewegungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Obwohl sie dadurch in gewissem Ausmaß an die anarchistischen und anarcho-syndikalistischen Bewegungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts anknüpfen, wird der Begriff „Anarchismus“ fast nie auf diese Phänomene angewandt. Dabei ließen sich durch einen an anarchistischer Theorie und Praxis orientierten Blick durchaus wertvolle Schlüsse für die Analyse zeitgenössischer politischer und sozialer Bewegungen ziehen. Auch die Debatte rund um den Begriff „Anarchismus“ verdient es, die Verengung auf gewaltsame Riots und die Polemiken vergangener Kaderdebatten hinter sich zu lassen.

Anlässlich des heutigen Geburtstags von Petr Kropotkin, am 9. Dezember, würdigen wir seine Ideen und die seiner Mitstreiter*innen mit Olaf Brieses Literaturessay „Anarchismusforschung mit Weichspülprogramm“. Kropotkin zählt nicht nur zu den bedeutendsten Theoretiker*innen des Anarchismus, seine Biografie ist auch symptomatisch für den Facettenreichtum der anarchistischen Ideen und ihrer Vertreter*innen. 1842 als Sohn eines Fürsten geboren, wuchs Kropotkin unter verhältnismäßig großem Wohlstand, darunter mehreren hundert Leibeigenen, auf. Nachdem er für eine kurze Zeit als Page Alexanders II. in Moskau gedient hatte, trat er in den Militärdienst ein, strebte jedoch bald darauf eine zivile Karriere als Geograf an. Seine teils mehrjährigen Forschungsreisen – nicht zuletzt nach Sibirien – konfrontierten ihn mit Lebensweisen und Gesellschaften auf Basis wechselseitiger Kooperation und fernab staatlicher Verwaltung. Mit anarchistischen Ideen brachte ihn vor allem die Auseinandersetzung mit Proudhons „Philosophie der Staatsökonomie“ in Berührung. Laut Selbstauskunft war es aber die im Zuge einer Westeuropareise gemachte Erfahrung der gelebten Prinzipien von „Gleichheit“, „Unabhängigkeit im Denken und im Gedankenausdruck“ und „grenzenlose[r] Hingabe an die gemeinsame Sache“[1] unter anarchistischen Uhrmachern im schweizerischen Jura und unter belgischen Tuchmachern, die ihn zum Anarchisten machten. Insofern steht Kropotkin auch für die gerade von Anarchist*innen geschätzte Gemeinsamkeit von Theorie und politischer bzw. sozialer Praxis. Nicht zuletzt ruft uns Kropotkin in Erinnerung, dass der Anarchismus immer schon wichtige Impulse von außerhalb der europäischen Metropolen und ihrer intellektuellen Milieus bekommen hat. In seinen Büchern „Die Eroberung des Brotes“, „Gegenseitige Hilfe“ und „Landwirtschaft, Industrie und Handwerk“ entwickelte er die Idee eines dezentralen, kommunistischen Anarchismus. Diesen vertrat er bis zu seinem Tod 1921 vehement – nicht zuletzt in seinem offenen Protest gegen die bolschewistische Diktatur und die von ihr ausgeübte Gewalt. - Die Red.

 

Anarchie und Demokratie

Auf dem brachliegenden Feld akademischer „Anarchismus“-Forschung gibt es nach Jahrzehnten der Erstarrung inzwischen auch im deutschsprachigen Raum hier und dort Bewegung. Der Sammelband „Anarchie als herrschaftslose Ordnung?“ setzt – herausgegeben von Rechtstheoretikern der Universität Luzern – mit rechtstheoretischen, rechtsphilosophischen und rechtspraktischen Analysen spezifische und wichtige Akzente. Dank dieser Ausrichtung verlagert er die Debatten um ein Leben in Freiheit von Herrschaft, also in Anarchie, auf ein relativ pragmatisches Feld; das der Organisationsformen. Die altbekannten Vorurteile gegen den Anarchismus, die ihm bestenfalls attestieren, hehren Idealen zu folgen, um im gleichen Atemzug zu konstatieren, sie seien nicht zu verwirklichen, werden durch eine Perspektive herausgefordert, die konkrete Organisationsmodelle thematisiert, also auf praxisrelevante Befunde ausgreift. Darin besteht das Hauptverdienst dieses Bandes. Seinen Problemstellungen nähert er sich gewissermaßen in einer Doppelbewegung. Einerseits zeichnet er anarchistische Vorstellungen von Staat und Gesellschaft nach – staatlichen Entwicklungen gegenüber kritisch, gesellschaftlichen Entwicklungen gegenüber positiv –, andererseits zeigt er in rechtstheoretischer Hinsicht die sowohl theoretischen wie praktischen Aporien auf, die sich aus rechtsontologischen Begründungen von Herrschaft ergeben. Darüber hinaus erinnern die unterschiedlichen Beiträge daran, dass auch Demokratie in jedem Fall Herrschaft bedeutet – und zwar keineswegs „Volksherrschaft“ wie gängige Demagogien behaupten. Diese Doppelperspektive führt, um ein Fazit vorwegzunehmen, zu produktiven Ergebnissen.

Die Autor*innen lassen sich drei Hauptgruppen zuordnen: Aufsätze beigesteuert haben arrivierte Rechtstheoretiker*innen, jüngere Nachwuchswissenschaftler*innen aus der Rechts- und Politikwissenschaft sowie als freie Wissenschaftler*innen tätige Anarchist*innen. Damit kommen, wie nicht anders zu erwarten, unterschiedliche Standorte und Herangehensweisen ins Spiel, die sich im Rahmen der „Doppelperspektive“ allerdings kommunikativ zusammengeführt finden, was ihre ideologischen wie wissenschaftlichen Positionen angeht. Zwar weist das vorliegende Buch gelegentlich die typischen Charakteristika von Sammelbänden auf – nämlich, dass Autor*innen ihre jeweiligen Spezialthemen nur bedingt mit dem vorgegebenen Hauptthema zu verknüpfen wissen, doch beschränkt sich dieses Problem hier zum Glück nur auf zwei oder drei solcher Ausnahmen.

Der Band gliedert sich in vier Teile, denen eine Einleitung vorausgeht. Sie stellt sich die Aufgabe, das Grundanliegen anarchistischen Denkens zu umreißen. In der Tat tut Aufklärung not, weil doch selbst in einem (sozialwissenschaftlich) gebildeten Publikum starke Voreingenommenheiten prominent sind: als Ideologie, Weltanschauung oder Utopie sei der Anarchismus Terror und Gewalt zugeneigt, und selbst wenn er weniger militant auftrete, erkläre er Chaos zu seinem Ideal. Dagegen erhebt bereits der Titel des Sammelbandes Einspruch, indem er Anarchie als eine „herrschaftslose Ordnung“ adressiert. „Gesetz und Freiheit“ sollen, um es mit den Worten Immanuel Kants zu sagen, „ohne Gewalt“ etabliert werden. Im Übrigen blättert der Band in den Akten der langen und wechselvollen Geschichte anarchistischer Vorstellungen inner- und außerhalb Europas, wodurch nicht zuletzt die Verwurzelung der „klassischen“ Anarchismen des 19. Jahrhunderts in der Aufklärungsbewegung sichtbar wird (Luca Langensand).

Der erste Hauptteil des Bandes, überschrieben mit „Anarchie und Ordnung in Theorie und Praxis“, wendet sich Entwürfen gelingenden anarchischen Zusammenlebens zu. Er stellt Klassiker anarchistischer Vergesellschaftungstheorie in ihren Gemeinsamkeiten wie Gewichtungsunterschieden im Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft vor: Proudhons „Mutualismus“, Stirners „Verein“, Kropotkins „Freie Vereinbarung“ und Rockers „Syndikat“ (Maurice Schuhmann). Ein nächster Text geht Rudolf Rockers libertär-anarchistischen Ideen nach und fragt, mit Bezug auf Wilhelm von Humboldt, nach Schnittmengen zwischen radikal-liberalen und anarchistischen Überzeugungen (Nahyan Niazi). Auch Erich Mühsams Vorstellungen von Gesellschaft (statt Staat) werden thematisiert, zumal in ihrer Bedeutung für aktuelle Organisationsstrukturen der kurdischen Föderation Rojava (Josef Estermann). Am Beispiel der Akteure und Vordenker des dezentral operierenden Netzwerks „CrimethInc.“ leuchtet ein weiterer Text Interferenzen zwischen klassisch anarchistischen und radikaldemokratischen Theorien und Praktiken aus (Christian Leonhardt). Anschließend befasst sich ein Beitrag von Peter Seyferth mit begründeter Kritik an der scheinbar erstrebenswerten Herrschaftslosigkeit. Er greift auf Jo Freemans Analyse der „Tyrannei der Strukturlosigkeit“ (1972/73) zurück, das heißt auf ihre Beobachtung, dass im emanzipativ-feministischen Milieu gerade vermeintliche Strukturlosigkeit gewissen Akteurinnen zu privilegierten Positionen verholfen habe. Die seinerzeit kontrovers aufgenommenen Einwände kontrastiert er mit den – aktuell ebenfalls heftig diskutierten – Betrachtungen Peter Gelderloos‘ zu Konsensherstellungsverfahren in anarchistischen Gruppierungen. Der letzte, sichtlich heterogen angelegte Artikel dieses Blocks analysiert in einem ersten Abschnitt Agambens fundamental-christliche Staatskritik und kommt in einem zweiten auf basisdemokratische Praktiken im Umkreis eines autonomen Jugendzentrums in Biel/Bienne zu sprechen (Aleksander Miłosz Zieliński).

Beim zweiten Teil des Buchs, „Anarchie und Herrschaft in der Geschichte“ überschrieben, hat man es offenbar mit einer Verlegenheitslösung zu tun, die Beiträge anbietet, die anderswo keinen Platz gefunden hätten. Durchmustert werden politische Herrschaftspraktiken, einerseits am Beispiel des Prozesses gegen den Anarchisten Paul Brousse, der 1878 aus der Schweiz ausgewiesen wurde (Filippo Contarini), andererseits am Beispiel der britischen Kolonialherrschaft in Indien (Raphael Schwegmann). Begleitet werden diese Sondierungen von einem Aufsatz, der innovatives oder unkonventionelles Denken und Dichten an einem so ausgesuchten Beispiel wie dem Dantes als seiner Natur nach „herrschaftsfrei“ deklariert – ein etwas abgezwungener Versuch, der allenfalls über ein bloßes Spiel mit Kategorien eine Verbindung zur Thematik des Bandes herstellt (Benjamin Schmid). Der Text mag ein Beitrag zur Dante-Forschung sein, wäre im Kontext des vorliegenden Buches freilich verzichtbar gewesen. Dann gibt es noch einen sehr anregenden Aufsatz, der Naturrechtsdiskurse rekonstruiert, wie sie von Rechtsgelehrten der deutschsprachigen Aufklärung geführt wurden. Sichtbar werden deren Affinität zu Anarchie und Herrschaftslosigkeit, sichtbar wird aber auch, wie sie eine entwicklungsgeschichtliche Deutung favorisieren, die von zunächst kleinen Gesellschaftsverbänden wie Dörfern und Familien ausgeht, um dann die Ausbildung umfassender staatlicher Gebilde zu beobachten, die Herrschaftsstrukturen entstehen und zunehmend unvermeidlich erscheinen lassen. Bei diesem rein deskriptiven Vorgehen bleibt es allerdings nicht. Vielmehr werten diese Juristen der Aufklärung die von ihnen beschriebene Entwicklung normativ als eine Höherentwicklung auf, womit die sich formierende Staatlichkeit als erstrebenswerte Organisationsform begrüßt wird (Christoph Berger).

Der dritte Teil des Bandes, „Anarchie und Herrschaft in der Philosophie“ betitelt, ist ungleich konsistenter. Er thematisiert Hannah Arendts radikal-demokratische Auffassungen im Lichte ihrer Stellungnahmen zu Föderationen und rätedemokratischen Praktiken politischer Teilhabe (Maike Weißpflug). Max Webers Auseinandersetzung mit der Frage nach Sozialorganisation wird aufgegriffen, die eben nicht nur – anders als in aller Regel dargestellt –  auf „Herrschaft“ abhebt, sondern auch auf „Konvention“ (Dominik Renner). Zwar werden auch derartige Konventionen Weber zufolge nicht ohne Zwang in Geltung gesetzt, verdanken ihre Gültigkeit jedoch anderen Aushandlungspraktiken, etwa Formen der Missbilligung oder des Boykotts. „Insofern ist eine anarchische, nämlich herrschaftsfreie, aber gleichwohl geordnete Gesellschaft für Weber zwar eine Utopie – eine Utopie noch dazu, der er selbst bestimmt nicht anhängt –, aber kein Unding“ (S. 301). Ein letzter, philosophisch durchaus ambitionierter Aufsatz befasst sich mit der grundsätzlichen Ambivalenz von Herrschaft. Ausgehend von Platons Ideen über Herrschaft und Selbstherrschaft der Seele mündet der Beitrag in ein an Piaget orientiertes Plädoyer für „Achtung“ als dem Anker für sozio-gesellschaftliche Organisation (Andrea Günter).

Der abschließende Block des Sammelbandes thematisiert unter dem Titel „Anarchie und Herrschaft im Recht“ rechtstheoretische und -philosophische Fragestellungen im engeren Sinn. Hier kommt die zweite der eingangs umrissenen Doppelperspektiven zum Tragen. Die vermeintliche Evidenz bestimmter Staatskonzepte und Herrschaftspraktiken wird infrage gestellt, zumal derjenigen des demokratischen Rechtsstaates. Der erste Beitrag dieses Abschnitts stellt auf rechtstheoretischer Basis heraus, dass „Regeln“ und „Recht“ auch ohne alle Herrschaft möglich sind (Sabrina Zucca-Soest). Der zweite (David Dürr) argumentiert radikal naturrechtlich – Gesetze müssten gar nicht „gegeben“ und unter Sanktionsdrohungen durchgesetzt werden, sie seien ohnehin schon wirksam. Normativ gesehen, sei staatliches Intervenieren illegitim, handle es sich doch um „unrechtmäßige Übergriffe“. Der letzte Beitrag des Bandes – und darin liegt ein gewisser Charme – bezieht eine dezidiert entgegengesetzte Position. Er argumentiert nicht „rechtsontologisch“, sondern „geltungstheoretisch“. Recht sei seiner Natur nach bloße Konvention, könne mithin – entlastet von überbordenden Begründungsansprüchen – getrost den jeweils eingespielten und situativ unterschiedlichen Aushandlungsverfahren überlassen werden (Stephan Meyer)

Insgesamt liegt also ein anregender und produktiver Sammelband vor, der, möchte man eine Art Hauptlinie identifizieren, repräsentative Demokratie und Anarchie aneinander misst. Und für diesen Abgleich lässt sich zumindest in historischer Perspektive konstatieren, dass sich trotz der über Jahrhunderte bestehenden massiven Vorbehalte gegenüber den Praktiken und Theorien demokratischer Partizipation ihre Funktionstüchtigkeit erwiesen hat. Bei allen Stärken und Schwächen hat die Demokratie unter Beweis gestellt, dass sie praktikabel ist und keineswegs ins gesellschaftliche Chaos führt. Vor dem Hintergrund solcher historischen Erkenntnisse erscheint Anarchie, wird sie als die Basis- und Radikalform von Demokratie begriffen, um einiges weniger utopisch, als gemeinhin behauptet wird.

 

Anarchie und Philosophie

Nach dem „The Bloomsbury Companion to Anarchism“ liegt mit „Brill’s Companion to Anarchism and Philosophy“ ein weiteres großes Handbuch zum Thema Anarchismus vor. Das wachsende Interesse der akademischen Welt an diesem Thema hat nach Einschätzung des Herausgebers einen einfachen Grund: Die Anti-Globalisierungsbewegung seit Ende der 1990er-Jahre und ihr Einfluss auf viele zeitgenössische Protestbewegungen hätte Anarchismen unterschiedlicher Couleur mit neuerlicher praktisch-politischer Virulenz versehen. Sie habe den Bedarf nach verlässlicher Information und theoretischer Reflexion geweckt und erhöht. Allerdings hätten sich Fachphilosophen bis dato nicht durch sonderliches Interesse hervorgetan.  

An diesem Handbuch sind 23 Akademiker*innen aus dem englischsprachigen Raum beteiligt, wobei sich die 20 von ihnen verfassten Beiträge in ihren Themen und Gegenständen keinesfalls auf fachphilosophische Fragen beschränken. Behandelt werden die Beziehungen zu anderen Theoriesystemen (Marxismus, Poststrukturalismus, Phänomenologie, Psychoanalyse, Existenzialismus), aber auch zu klassischen und neueren Gegenstandsbereichen der Philosophie (Moralphilosophie, Ästhetik, Umweltphilosophie, analytische Philosophie, Genderphilosophie). Sondiert finden sich darüber hinaus die Auseinandersetzungen mit ideologischen Strömungen wie Liberalismus und seinen libertären Ablegern, Libertarianismus, Nationalismus, Pazifismus und mit Phänomenen wie Religion, Sexualität und Ökonomie.

Selbstverständlich kommt eine solche Überblicksdarstellung in der ganzen Bandbreite ihres Themenkatalogs nicht ohne eine Arbeitsdefinition von „Anarchismus“ aus. Zwei Typen von Begriffsbestimmungen werden einleitend unterschieden, eine intellektuell-theoretische und eine praktisch-politische. Erstere erkennt im Anarchismus vorrangig eine Ideologie, Theorie oder Philosophie eigenen Zuschnitts, Letztere betont den Status des Anarchismus als einer politischen Bewegung. Grundlegende Unterschiede oder gar Barrieren bestünden zwischen den beiden Definitionen nicht, eher würden unterschiedliche Gewichtungen vorgenommen. Dementsprechend setzt der Herausgeber einen – für den wissenschaftlichen Anarchismus-Diskurs nicht sonderlich überraschenden – eigenen Akzent: Was Anarchist*innen tun, sei ein Ergebnis dessen, was sie glauben und denken (S. 9), insofern bildet Theorie, verstanden als ein Bündel von Überzeugungen, Annahmen und Handlungseinstellungen, die Basis des Anarchismus respektive der Anarchismen.

Angesichts seines Umfangs können natürlich nur einzelne Aspekte des Buchs herausgegriffen und punktuell gewürdigt werden. Was sich dazu insbesondere anbietet, sind bestimmte Kontroversen, die das Handbuch darstellt und zu denen es mitunter auch in einer Weise Stellung nimmt, die dafür sorgt, dass die entsprechenden Einträge Fahrt aufnehmen. So greift die Einleitung etwa Kontroversen auf, in denen der wissenschaftliche Status und die Rationalität des Anarchismus debattiert wurden, mithin auch dessen Herkunft aus der europäischen Aufklärung. Einerseits könne er als eine politische Fortschreibung des Projekts der Aufklärung verstanden werden, habe es doch bereits im 18. Jahrhundert anarchistische oder anarchoide Denker avant la lettre gegeben, die dafür plädierten, über die repräsentative Demokratie hinauszugehen. Andererseits habe der Anarchismus ein eigenständiges Profil, sei also historisch unbelastet von den Schattenseiten der Aufklärung, ihrem Eurozentrismus und Rassismus. Wer Anarchismus, Aufklärung und hochstufige Ansprüche auf Rationalität amalgamiere, betreibe, so eine anarchistische Position, „Anarchist Imperialism“ (S. 10).

Die wichtigste Kontroverse hat sich – man möchte sagen: naturgemäß – zwischen „Individualanarchismus“ und „Gemeinschaftsanarchismus“ entsponnen. Sie wird in den Beiträgen „Anarchism and Liberalism“ (Bruce Buchan), „Anarchism and Markets“ (Kevin Carson) und „Anarchism and Libertarianism“ (Roderick T. Long) rekonstruiert. Selbstredend kommen dabei auch Strömungen zur Sprache, die unter dem schillernden Namen „Anarcho-Kapitalismus“ firmieren und der Mehrzahl zeitgenössischer Anarchist*innen ein Dorn im Auge sind, weshalb sie in der Regel aus dem anarchistischen Spektrum „verbannt“ werden. Der Anarcho-Kapitalismus versammelt die unterschiedlichsten Positionen unter sich, bis hin zu einem „left wing market anarchism“. Sie werden kenntnisreich dargestellt, bis hin in die Feinheiten ihrer Ausdifferenzierungen („libertarianism divides into minarchism and individualist anarchism; individualist anarchism divides into anarcho-capitalism and various anti-capitalist forms“, S. 295). Selbst anarchistische Entwürfe, die – etwa von Kevin Carsons vertreten – sowohl für freie Märkte und freien Handel eintreten, als auch anti-kapitalistisch orientiert sind, bleiben nicht unerwähnt (S. 308 ff.).

Ein weiteres Streitfeld, auf dem sich im Verlauf der letzten Jahrzehnte überraschende Veränderungen ergeben haben, bildet die Religion. Die Autor*innen des entsprechenden Beitrags (Alexandre Christoyannopoulos und Lara Apps) rufen die Prämissen anarchistischer Religionskritik im 19. Jahrhundert in Erinnerung. Sie verdichten sich im Topos der „Gottespest“, wie sie Johann Most in einem Buch gleichen Titels scharf kritisiert hatte. Der Kampf für universelle Freiheit von Herrschaft, in dem der Anarchismus engagiert war und ist, richtet sich eben nicht nur gegen ihre politischen und ökonomischen Erscheinungsformen, sondern auch gegen Herrschaft auf religiösem Gebiet. Insofern war Religion, war Kirche, war schließlich auch Gott Objekt vehementer Kritik. Dass ein so bedeutender Schriftsteller und Akteur wie Leo Tolstoi Christentum und Anarchismus auf seine Weise miteinander zu verbinden suchte, hat an dieser grundsätzlichen Ausrichtung nichts verändert. Erst im Zuge anarchistisch-antikolonialer Befreiungsbewegungen, die durchaus auch religiös motiviert waren, haben sich in den letzten fünfzig Jahren die religionskritischen Vorbehalte des Anarchismus gewandelt. Auch der anarchistische Pazifismus und die anarchistische Öko-Bewegung – beide zum Teil religiös motiviert – haben dazu beigetragen, das Schisma zwischen Religion und Anarchie aufzulösen. Gegenwärtig ist global gesehen von einer ganzen Reihe religiös-anarchistischer Strömungen auszugehen.

Ausdrücklich erwähnt zu werden, verdient der Beitrag „Anarchism and Marxism“ (Lucien van der Walt). Mit rund 50 Druckseiten hat man es fast mit einer kleinen Monografie zu tun, die in zukünftigen Debatten nicht zu übergehen sein wird. Dass nach Gemeinsamkeiten wie Unterschieden gleichermaßen gefragt wird, ist ein erstes Verdienst dieses Textes. Ein zweites besteht darin, dass der Autor den Marxismus im Blick hat, also nicht nur die Ansichten Marxens, so dass neben Kautsky, Lenin und Trotzki auch der frühe Mao gewürdigt wird. Schließlich ist es ein dritter Vorzug, dass sich die Darstellung nicht auf das Phänomen Staat und Staatlichkeit konzentriert, sondern andere Themengebiete wie Ökonomie, das Klassenkonzept, die Idee historischer Stadien sowie die Auseinandersetzungen mit Imperialismus und Kolonialismus einbezieht. Was verdienstvollerweise auch nicht zu kurz kommt, ist die Marxismus wie Anarchismus beschäftigende Frage nach den Bedingungen und Möglichkeiten von Revolutionen und ihren geschichtlichen Subjekten. Was nun die Unterschiede zwischen Marxismus und Anarchismus angeht, so sei – schon aus Platzgründen – lediglich hervorgehoben, dass der Autor zwar betont, der Kampf beider Strömungen gegen Unterdrückung und Ausbeutung sei deutlich ökonomisch begründet, führe im Marxismus freilich zu ökonomischen Determinismen, die weitreichende, nicht zuletzt politische Folgen nach sich ziehen. So befürworte der ursprüngliche Marxismus nicht nur ausdrücklich die Entwicklung des Kapitalismus, sondern mitunter sogar imperialistische Tendenzen, das heißt Modernisierungsinitiativen im Kontext kolonialer Okkupationsregime. Differenzen zeigen sich selbstredend auch in der Einschätzung des Staats. Staatliche Zentralisation gelte dem marxistischen Fortschrittsmodell zufolge als Errungenschaft. Dementsprechend müsse das Proletariat den starken Staat als gesellschaftliche Zentralinstanz nutzen. In der Praxis führe diese marxistische Grundüberzeugung aber nicht nur zur Herrschaft des Proletariats über seine Feinde und Gegner, sondern auch zur Beherrschung des Proletariats durch eine selbst ernannte Elite, die, angeblich wissenschaftlich geschult, wisse, was im wohl verstandenen Interesse des Proletariats sei.

Zusammenfassend darf man diesem Handbuch bescheinigen, dass es – bezogen auf Philosophie – wissenschaftlich souverän, sehr informationsreich und gut lesbar anarchistische Horizonte nachzeichnet. Ohne verzweifelte und verzweifelnde Attacken gegen einen sogenannten Neoliberalismus, aber auch ohne romantischen Utopismus besticht es mit seinem abwägenden Gestus.

 

Anarchie und gesellschaftliche Praxis

Wie rege die englischsprachige akademische Debatte zum Anarchismus – im Gegensatz zur deutschsprachigen – geführt wird, dokumentiert „The Palgrave Handbook of Anarchism“. Es betrachtet Anarchie vornehmlich als soziale Praxis. Ausgangspunkt der Analysen sind die noch in unserer Gegenwart wirkmächtigen Veränderungen, die sich seit dem Ende des Kalten Krieges ereignet haben. Der Fall der kommunistischen Systeme und die sinkende Attraktivität marxistischer Konzepte, der Siegeszug neo-liberaler Programme, aber auch das Erstarken antikolonialer sowie kapitalismus- und globalisierungskritischer Bewegungen – nicht zuletzt außerhalb der „westlichen“ Welt – haben sich in lebhaften theoretischen Debatten niedergeschlagen. Also konnte nicht ausbleiben, dass sich auch anarchistische Ideen verändert und an neue Gegebenheiten angepasst haben – zumal im Kontext neuer sozialer Bewegungen. Dementsprechend präsentiert die vorliegende Veröffentlichung eine Zwischenbilanz. Sie verortet Anarchismus auf drei Ebenen, erstens als Theorie und Philosophie, zweitens als eine an gesellschaftlicher Praxis orientierte, politische oder sogar anti-politische Bewegung und drittens als eine individuelle oder gemeinschaftliche Lebensform (S. 18). Um die für diesen Zugriff nötige Offenheit und Flexibilität zu gewährleisten, verzichtet die Anlage des Handbuches auf eine übergreifende Definition (ebd.). Aus diesem Verzicht datiert allerdings ein eigentümliches Schwanken zwischen Auffassungen des Anarchismus als „Konzept“, als „Theorie“ (S. 1, 18) oder auch als „Ideologie“ (S. 1, 5 f.).

Dem Anspruch auf Aktualität ist auch der Aufbau des Bandes verpflichtet. Ausgespart bleiben biografische Beiträge zu den Klassiker*innen des Anarchismus (Godwin, Proudhon, Stirner, Bakunin, Tolstoi, Goldman, Landauer u. a.) zugunsten der Beschäftigung mit neueren und jüngsten Entwicklungen – etwa der gegenwärtigen „Zapatista“-Bewegung, dem „Arabischen Frühling“ und der kurdischen Föderation Rojava im Norden Syriens. Gleichwohl legt der Herausgeber großen Wert darauf, dass beide Pole – Geschichte und Tradition wie die Gegenwart des 21. Jahrhunderts – Eingang in die einzelnen Texte finden.

Die insgesamt 40 Beiträge sind in vier Hauptteile untergliedert: theoretische Problemfelder, traditionelle Hauptrichtungen, historisch-politische Schlüsselereignisse und Praxisfelder. Ohne auf einzelne Texte eingehen zu können, ist generell festzuhalten, dass die Beiträge dem Anspruch der Herausgeber Rechnung tragen, eine möglichst große Bandbreite an Zugängen zur Thematik anzubieten. Also werden nicht nur gemeinschafts-, sondern auch individualanarchistische Theorien und Praktiken behandelt, wobei anarcho-kapitalistische Vorstellungen – verglichen mit dem Brill-Kompendium – sichtlich zurückhaltend erwähnt werden. Auch Enttäuschungen bleiben den Leser*innen nicht erspart; so entpuppt sich der Beitrag zum Thema „Anarchism and Religion“ als eine nur leicht überarbeitete Version des Textes, der sich desselben Themas im „Brill“-Handbuch annimmt.

Laurence Davis greift in seinem mit „Individual and Community“ überschriebenen Beitrag einen interessanten demokratie-theoretischen Punkt auf, der es erlaubt, eine Brücke zum eingangs vorgestellten, deutschsprachigen Anarchismus-Kompendium zu schlagen. Zwei divergierende Positionen stehen sich nach Einschätzung des Autors innerhalb des anarchistischen Spektrums gegenüber: Eine erste These behauptet, Demokratie und Anarchie seien gänzlich unvereinbar, weil es sich um zwei autochthone Formen gesellschaftlicher Organisation und Kooperation handle. Ihr widerspricht die zweite These, die Anarchie zu einer radikalen Form partizipativer Demokratie erklärt, nämlich zu einer Demokratie ohne Staat. Der Position, dass es keinen strikten Bruch zwischen Demokratie und Anarchie gebe, es sich vielmehr um ein Kontinuum historischer Transformationen handle, schließt sich Davis selbst an:

„Radical democrats and anarchists never gave up the battle for democracy, however. For them, democracy could never be simply a form of government or public administration. Rather, it signified a continuing historical project in which ordinary people challenged mastership and rulership in all their various guises in the name of an ideal of self-government. And this point, in turn, suggests a continuing role for anarchism as a grounded utopian ideal that can renew the democratic promise by recalling its radical heritage and pushing it towards a horizon both revolutionary and eminently realisable“. (S. 60)   

Nach dieser Interpretation bildet das Ideal der Selbstherrschaft den gemeinsamen Fluchtpunkt, der Anarchie und Demokratie in ihrer inneren Verwandtschaft begreif- und sichtbar macht.

Andy Price stellt in seinem Beitrag „Green Anarchism“ den Öko-Anarchismus von Murray Bookchin vor, der sicherlich zu den vielen – gewollt oder ungewollt – utopischen Entwürfen zählt, mit denen die Geschichte und Gegenwart des Anarchismus aufwartet. Freilich zielt diese Variante von Anarchismus so entschieden auf Praktikabilität, dass sie kurdischen Föderativen als Modell dient. Von praktischer Relevanz kann ein solches Modell sein, weil es diesen stark egalitären Assoziationen bekanntlich nicht nur um die Gleichberechtigung von Mann und Frau geht. Sie sind darüber hinaus entschieden anti-staatlich und anti-national angelegt, weshalb sie in diesen Hinsichten Bookchins „libertarian municipalism“ gezielt beerben können. Angesichts der ökologischen Krise entwarf Bookchin seit den 1960er- und 1970er-Jahren ein Konzept regionaler Selbstverwaltung, das sich auf eigenverantwortlich kooperierende Stadt-Land-Einheiten stützt. Ökologischer Verantwortung seien sie insofern gewachsen, als sich aufgrund einer Praxis der Selbstverwaltung die Interessen aller Mitglieder solcher Organisationseinheiten berücksichtigt und vermittelt finden. Ein solcher kommunitärer Öko-Anarchismus erweist sich damit als angemessene Reaktion auf die Anforderungen der kapitalistischen Moderne, in denen gerade die Städte zu antriebsstarken Motoren von Ausbeutung, Unterdrückung und Umweltzerstörung geworden sind. Gleichwohl plädiert Bookchin keineswegs für ein anti-industrielles, agrar-ökologisches „Zurück zur Natur“. Vielmehr tragen die Städte seiner Ansicht nach die Potenziale in sich, die folgenreichen und zerstörerischen Entwicklungen, die sie ausgelöst haben, ihrerseits auch wieder einzudämmen und zu überwinden. Wissenschaft und Technik, wie sie sich nicht zuletzt in urbanen Ballungszentren ansiedeln, stellen Ressourcen bereit, die basisdemokratisch organisierte Bewegungen – in Form von Volksversammlungen, Räten, Nachbarschaften und Bürgerinitiativen – aufgreifen können, um den Weg in die Zukunft einer neuen Stadt-Land-Synthese zu bahnen. In solchen lokal-kommunalen Einheiten lasse sich eine auf „Gebrauchswerte“ statt auf Profite abgezweckte Ökonomie entfalten. Lokale Wirtschaft, örtlich verankerte Banken und Kreditinstitute, selbst kommunale Sicherheitsorgane wie etwa Milizen, die sich aus den Bürger*innen rekrutieren, könnten für das nötige Maß an Dezentralisierung sorgen, also dafür, dass lokale Institutionen Allgemeinbesitz in der Hand der jeweiligen städtischen Kommunen und ihrer Akteure seien. Dabei könne Privatbesitz an Produktionsmitteln durchaus zugelassen werden, solange solche Eigentumsverhältnisse das Gemeinwohl nicht schädigen. Selbstverständlich ist an eine engmaschige Kooperation zwischen den verschiedenen territorial-kommunalen Einheiten gedacht, in denen folglich sowohl die Rechte der Individuen respektiert würden als auch diejenigen der Gemeinschaft zur Geltung kämen. Auf diese Weise entstünden Föderativen von Föderativen, womit die Existenz von Staaten oder nationalen Gebilden staatlichen Zuschnitts hinfällig würde.

Der Beitrag Price‘ akzentuiert die Bookchins Programm zugrunde liegenden geschichtsphilosophischen Positionen. Deutlich wird, wie in dessen Kritik an einem naiven „Zurück zur Natur“ bereits anklingt, dass Bookchin ein Evolutionsdenker ist. Er vertritt einen Naturbegriff, der Natürliches und Soziales nicht scharf voneinander scheidet, sondern als zwei aufeinanderfolgende und miteinander verbundene Entwicklungsstadien ansieht. Soziales ist in dieser Perspektive Natürliches auf einer anderen Ebene. Freilich sei der Kampf des Sozialen gegen das Natürliche, die Eroberung und Unterwerfung der Natur, ein nicht zu übersehendes zivilisationshistorisches Faktum. Wie kam es zur Naturbeherrschung? Boockin argumentiert entschieden anders als Adorno und Horkheimer: Die Herrschaft des Menschen über Menschen sei nicht Folge seiner Herrschaft über die Natur, vielmehr ermögliche sie umgekehrt erst eine durchgreifende Naturbeherrschung. Wenn sich Natur wie Soziales nach Bookchins Ansicht eigentlich hierarchielos und organisch auseinanderentfalten müssten, dann müsste doch erklärt werden, wie es zu diesem „Abweg“ in der Geschichte menschlicher Zivilisation kam. An dieser Stelle zeigt sich, dass universalhistorische und geschichtsphilosophische Begründungen nicht die Stärke Bookchins sind. Tatsächlich identifiziert er die physischen Differenzen zwischen Mann und Frau als den Ausgangspunkt für die Formierung sozialer Herrschafts- und Unterdrückungsmechanismen. Und biologische Begleiterscheinungen des Alterns hält er für den Grund, dass Alte hegemoniale Positionen wie die von „Wissenden“ oder Schamanen für sich beanspruchen. Letztlich wird die Entstehung von Herrschaft und Hierarchisierungen aus biologischen Faktoren abgeleitet, also aus einem Bedingungsgefüge, das nach Bookchins eigenen Voraussetzungen durch hierarchielose organische Prozesse gekennzeichnet sei. Trotz derartiger Widersprüchlichkeiten sind ökologische Probleme nach Bookchin so oder so soziale Phänomene. Folglich lassen sie sich – das ist der prinzipiell optimistische Grundton – auch im Sinn einer „sozialen Ökologie“ lösen. „Organische“ und dezentrale Formen der Selbstorganisation wirtschaftlicher wie politischer Abläufe lieferten, unterstützt durch wissenschaftliche und technische Kompetenz, die zeitgemäße Antwort auf alle krisenhaften Phänomene, weil sie den Vorzug haben, naturgemäß zu sein.

 

Business as usual

Man könnte noch weitere Beiträge aus diesem informativen Sammelband in ihren Stärken und Schwächen vorstellen, doch würde damit nicht der Zweck einer Rezension erfüllt. Sie kann auch nicht auf den Einwand von anarchistischer Seite eingehen, dass eine rein wissenschaftlich-akademische Perspektive der Natur anarchistischer Bestrebungen nicht gerecht werden könne, weil sie unter diesem Blickwinkel entweder pejorativ verzeichnet oder stromlinienförmig zubereitet und vereinheitlicht würden. Belassen wir es bei dem simplen Hinweis darauf, dass sich die Sozial-, Gesellschafts- und Kulturwissenschaften keineswegs mit ihren Gegenständen identifizieren müssen, um zu gerechtfertigten Urteilen zu gelangen. So sei abschließend lediglich eine Besonderheit des eben besprochenen Sammelbandes herausgestellt: Ein Kompendium wie dasjenige von „Brill“, das ausdrücklich auf die Konstellation Anarchismus und Philosophie abhebt, kann in der Behandlung der Themenstellung zweifelsohne (noch) einen Schwerpunkt auf europäische und nordamerikanische Diskussionen legen. Anders verhält es sich bei einem Sammelband wie dem von „Palgrave“, der ausdrücklich reklamiert, Anarchismus und Anarchie in ihren weltweiten Praktiken zu analysieren. Dementsprechend kündigt die Einleitung auf der eingespielten Höhenlage politischer Korrektheit an, mit herkömmlichen Narrativen zu brechen, um feministischen und nichteuropäischen Positionen die ihnen gebührende Bedeutung einzuräumen („More recent attempts have endeavoured to correct the obvious faults in these narratives: disrupting Eurocentric accounts, presenting less masculinist and hetero-normative interpretations.“ S. 5). Dass es sich nur um floskelhafte Lippenbekenntnisse handelt, offenbart dann aber die Lektüre des Buches: Die vierzig Autoren stammen, bis auf wenige Ausnahmen (Australien, Irland, Spanien, Südafrika), aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Kanada. Also werden die anarchistischen Diskurse des indischen Subkontinents, des arabischen Raums und Südamerikas, soweit sie überhaupt zum Thema werden, stets „von außen“ beschrieben, anstatt Wissenschaftler*innen dieser Regionen selbst zu Wort kommen zu lassen. Und dass die Ergebnisse der französisch- und spanischsprachigen Anarchismusforschung nur eingeschränkt zur Kenntnis genommen werden, ist ein weiterer Nebeneffekt perspektivischer Verkürzungen dieses anglophonen Reduktionismus.

Zu einem echten Ärgernis wird die Beschränkung auf Autor*innen aus der englischsprachigen Welt, wenn am Ende die Welt selbst rein englischsprachig zu sein scheint. Exemplarisch für eine derart scheuklappenhafte Verkürzung ist der Beitrag „Literature and Anarchism“ (James Gifford). Dort ist nur von britischen und US-amerikanische Autor*innen die Rede, weshalb das einleitende Versprechen, dass auch „selected works from non-Anglophone and international literary traditions, such as novels by Albert Cossery and Arundhati Roy“ (S. 571) bedacht würden, die Leser*innen bewusst in die Irre führt. Bis auf zwei marginale Seitenblicke findet sich kein Satz zu den besagten Autor*innen – und über Literatur außerhalb des anglophonen Kosmos‘. Tolstoi? Traven? Breton? Dagermann? Victor Serge? Maggiani? Gar außereuropäische Schriftsteller? Keine Spur.

Derartige Beiträge produzieren fragwürdige Engführungen, die letztlich der Anlage des Bandes selbst geschuldet sind. Profitable Handbücher von Großverlagen florieren im englischsprachigen Raum, ebenso wie die englischsprachige Anarchismusforschung als Ganze. Dadurch hat sich ein komfortables Miteinander ergeben, das globalen Entwicklungen nur bedingt Rechnung trägt. Mit etwas mehr Engagement hätte man andere Autor*innen gewinnen und mit etwas größerem finanziellen Einsatz deren Beiträge auch in guten Übersetzungen zugänglich machen können. Leider hat man vorgezogen, unter sich zu bleiben. So kommt es zu einer einträglichen Fortsetzung des business as usual.

 

Wissenschaftsgewinn oder Wissenschaftlergewinn?

Ein ebenfalls kürzlich erschienener Sammelband über die Beziehungen des Anarchismus zu den aktuellen Human- beziehungsweise Sozialwissenschaften hätte diese und verwandte Praktiken zum Thema machen und kritisch reflektieren können („The Anarchist Imagination. Anarchism Encounters the Humanities and the Social Sciences“). Die Chance wurde verpasst, ist das ganze Buch doch, wie die personalen Verflechtungen der Herausgeber und Autor*innen belegen, aus demselben akademischen Netzwerk hervorgegangen. Es bestärkt mit Rekurs auf Nathan Jun („Anarchist history“ als „the hermeneutic practice of discovering anarchistic attitudes, ideas, and thoughts in literature, philosophy, and other venues“, S. 240) ein methodisches Vorgehen, das als postmodern angelegte, akkomodative Weichspülung bezeichnet zu werden verdient. Jun hatte in dem zitierten Aufsatz zwei Wege der Anarchismusforschung ausgemacht, die Analyse realgeschichtlicher Bewegungen auf der einen Seite und diejenige diverser intellektueller Haltungen und Ausrichtungen, die als anarchistisch zu klassifizieren wären, auf der anderen. Der vorliegende Band, der gewisse intellektuelle und wissenschaftliche Praktiken aufgreift, beschreitet – das sei vorab festgehalten – in seinem ganzen Zuschnitt den zweiten Weg, allerdings ohne die mit dieser Ausrichtung verbundenen Probleme ernsthaft zu hinterfragen.

Die 15 Beiträge beschreiben unter der vom Mitherausgeber Carl Levy einleitend skizzierten Prämisse einer „anarchist imagination“ die Einflüsse anarchistischer Entwürfe auf einzelne sozialwissenschaftliche Disziplinen. Belegt werden soll nicht zuletzt, wie von einzelnen Wissenschaften und Disziplinen (etwa der Soziologie, Politikwissenschaft, Rechtwissenschaft, Geografie, Pädagogik, Religionswissenschaft und Ästhetik) anarchistische Impulse ausgehen. Auch wenn die beschworene „anarchist imagination“ – als offenbar aller theoria und Wissenschaft unverzichtbares Einbildungsvermögen – ein geradezu überzeitliches Phänomen zu sein scheint, benennt die Einleitung Levys wechselnde Einflüsse, denen diese „Imagination“ zeitweise unterlag und unterliegt: Nach 1968 wurde sie in bestimmten intellektuellen Zirkeln durch Marxismus, Leninismus und Trotzkismus verdrängt, um erst mit dem Fall der Mauer und dem Ende sozialistischer Systeme neuen Auftrieb zu bekommen, wie ihn etwa neue, ihrer Stoßrichtung nach kapitalismuskritische soziale Bewegungen belegen. Insgesamt werden 19 Felder theoretischer Kontroversen aufgelistet, in denen Anarchistisches nunmehr wieder deutlich zutage trete – von Postmodernismen über Queer- bis hin zu Postcolonial Studies, nicht zu vergessen Feminismus und radikales ökologisches Denken. Ein weiterer Beleg für die behauptete Renaissance anarchistischer Positionen sei, wie die Einleitung nicht ohne Stolz vermerkt, die erfolgreiche akademische Karriere des Personals, das sich der universitären Erforschung dieser Bewegungen widmet (S. 3 f., 5 f.).

Lässt diese Einleitung eine grundsätzliche Auseinandersetzung damit vermissen, ob Anarchismus mit Wissenschaften überhaupt kompatibel sei, geht der Beitrag „Anarchism and Political Science“ auf diese Problematik ein (Ruth Kinna). Schon anarchistische Protagonisten wie etwa Bakunin waren davon überzeugt, dass eine wissenschaftliche Herangehensweise an soziale Prozesse erforderlich sei. Andererseits warnte er vor den Schattenseiten einer Institutionalisierung, Bürokratisierung und Verselbständigung des „Systems“ Wissenschaft. Daran schlossen sich im anarchistischen Feld frühzeitig (siehe oben) Kontroversen über die Stellung des Anarchismus zur europäischen Aufklärung an, zu den Stärken und Schwächen, die aus dieser geschichtlichen Herkunft datieren. Was die Haltung zur Wissenschaft betrifft, so unterscheidet Kinna zwei alternative Positionen, eine konfrontative und eine kooperative. Während Goodman „Wissenschaft“ prinzipiell infrage stellt, ihren Inhalten, Methoden und Strukturen mit Skepsis begegnet, weil sie durch christlich-autoritäre Traditionen geprägt seien, plädiert Bookchin (siehe oben) für die Fortführung der Errungenschaften aufklärerischer Ratio in humanistisch-anarchistischem Sinn. Mit Blick auf die gegenwärtige Politikwissenschaft stellt Kinna fest, dass der Ignoranz der Politologen gegenüber dem Anarchismus „anarchist suspicions of political science“ entsprechen (S. 100). Freilich sieht die Autorin Anzeichen dafür, dass sich die wechselseitige Missachtung beider Seiten allmählich auflöse.

Ein letztes, durchaus polemisches Wort ist am Ende noch angebracht: Es betrifft nicht den wissenschaftlichen Gewinn des Buches, sondern die wissenschaftspolitische Matrix, innerhalb derer sich diese Veröffentlichung verortet. Der von zwei gestandenen Politikwissenschaftlern herausgegebene Sammelband versteht sich als eine „Summa“ der bisherigen (englischsprachig-universitären) Anarchismusforschung, die zugleich weitere und neue Themenfelder eröffnet. Mit der vorgenommenen Akzentuierung einer vermeintlich anarchistischen „Imagination“ wird freilich jede provokative oder rebellische Geste innerhalb der Wissenschaft und Wissenschaftsgeschichte zu einem anarchistischen Akt (als dessen berufene Sachwalterin eine Anarchismusforschung auftritt, die sich Subversion durch Einbildungskraft auf die Fahne schreibt). So können unter Bezugnahme auf diesen Topos Wissensbestände per se für anarchistisch erklärt werden. Auf diese Weise erschließt sich die Anarchismusforschung ohne Frage ein neues und gedeihliches Feld. Allerdings haben sich derartige postmoderne Entdifferenzierungen wissenschaftlich als weitgehend überholt erwiesen, so dass sie allenfalls wissenschaftspolitisch ihre Zwecke erfüllen. Ein lange Zeit vernachlässigtes Thema wird im ersten Schritt wissenschaftlich besetzt und bewirtschaftet, damit es sich im nächsten Schritt wieder entleert und entsorgt findet. Eine „Hermeneutik“, die alles und jedes als Anarchie und Anarchismus entdeckt, führt in die Nacht, in der schließlich alle Kühe grau sind. So beschleicht selbst die Herausgeber der Verdacht, gerade der Hochkapitalismus bediene sich umstandslos jener von ihnen so favorisierten anarchistischen „imagination“, weil er „personal flexibility“ höher einschätze als „the rigidities of institutions“, „the advantages of networks“ allen „hierarchies“ vorziehe und um die „linkage to creativity“ wisse, die sich aus dem Wunsch nach persönlicher Entfaltung ergebe (S. 5). Nicht nur bei womöglich unbelehrbaren Verfechtern „klassischer“ Anarchismen wird die Promotion der Einbildungskraft zur anarchistischen Kardinaltugend auf Vorbehalte stoßen. Der Preis einer solchen begrifflichen wie methodischen Maßnahme besteht, wie gesagt, in einer weitgehenden Entleerung dessen, was Anarchismen intendieren – nicht nur „klassische“. Ihn zu entrichten, dazu ist der etablierte Wissenschaftsbetrieb offenbar bereit.

Fußnoten

[1] Petr Kropotkin, Memoiren eines Revolutionärs. Mit einem Nachwort von George Woodcock und zeitgenössischen Illustrationen, übers. von Max Pannwitz, Frankfurt am Main 1973, S. 338.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer und Philipp Tolios.