Auf dem Weg zur Interspezies-Demokratie

Rezension zu "Was Tiere wirklich wollen" von Eva Meijer

Der erste Eindruck täuscht. Anders als der auftrumpfende Titel und die ebenso plakative wie sprachlich fragwürdige Etikettierung als „Streitschrift“ für „tierische Politik“ (unmissverständlich wäre wohl: tierliche Politik) vermuten lassen, handelt es sich bei Eva Meijers Buch um Wissenschaftsprosa ersten Ranges. Die im vergangenen Jahr in deutscher und englischer Übersetzung erschienene Schrift der niederländischen Philosophin und Autorin eröffnet in einem unübersichtlichen Diskussionszusammenhang neue Denkmöglichkeiten und Sprechweisen.[1] Ein gewisser Verfremdungseffekt ist dabei unvermeidlich, wenn bisher exklusiv für Menschen reservierte Tätigkeiten und Fähigkeiten auf das Mensch-Tier-Verhältnis übertragen und auf „mehrartige“ (S. 101), das heißt von verschiedenen Spezies gemeinsam geteilte Gemeinschaften projiziert werden. Meijers Arbeit bringt ihre Leserinnen und Leser aber jargonfrei auf den neuesten Stand einer Debatte, die sich derzeit lebhaft entwickelt, und ist ohne Spezialwissen verständlich.

Zum Glück formuliert das kluge Buch keine direkte Antwort auf die Titelfrage nach dem, „was Tiere wirklich wollen“. Wer einen Katalog von Tierwünschen erwartet – von Tageslicht über Bewegungsfreiheit und gewerkschaftliche Organisation bis hin zu intakten Familienverhältnissen –, wird von Meijers Arbeit enttäuscht sein. Die Autorin hört aufmerksamer als andere auf das, was Tiere uns vermeintlich mitzuteilen haben, aber sie beansprucht nicht, Geheimnisse über deren wirkliche, bisher missverstandene Präferenzen zu kennen. Sie arbeitet sich vielmehr an der Frage ab, was daraus folgt, dass Tiere etwas wollen können.

 

Eine Politik des Mensch-Tier-Verhältnisses

Im Unterschied zu vielen anderen Schriften zur Tierethik, die seit der Veröffentlichung von Peter Singers Klassiker Animal Liberation im Jahr 1975 erschienen sind,[2] steuert Meijer nicht geradewegs auf eine Theorie der Tierrechte zu. Die Stärken ihres Buchs liegen auf phänomenologischem Gebiet und werden überall dort ersichtlich, wo es von den Arten und Weisen handelt, in denen Tiere untereinander und mit uns interagieren. Seine Agenda leitet es aus der These ab, dass sprachliche Kommunikation, kooperative Praktiken, politische Deliberation und politischer Widerstand in Mensch-Tier-Verhältnissen bereits stattfänden, ohne dass Meijer rivalisierenden Sichtweisen – gewissermaßen als Eintrittsvoraussetzung in die Diskussion – bereits ein Bekenntnis zu Tierrechten abforderte. Den kommunikationstheoretischen Zugang hat Meijer materialreich in ihrem Bestseller Die Sprachen der Tiere vorbereitet,[3] und auch im vorliegenden Werk dient die Kommunikation zwischen und mit Tieren ihr als Schlüssel zu aufgeklärteren Mensch-Tier-Verhältnissen.

Zusammen mit einer Reihe anderer Autorinnen vertritt Meijer die Ansicht, dass Menschen und Tiere heute schon miteinander in politischen Beziehungen stehen,[4] in denen sich Letztere aber bisher ausschließlich menschengemachten Regeln beugen müssen. Und wie andere ist auch sie der Meinung, dass viele Tiere als vollgültige Mitglieder derjenigen Gemeinschaften betrachtet werden sollten, in denen sie bislang lediglich als Objekte menschlicher Entscheidungen vorkommen. Auch wenn diese Sichtweise umstritten ist und sich über das Verständnis tierlicher Mitgliedschaft interessante Kontroversen entspinnen,[5] soll sie im Rahmen dieser Rezension weniger problematisiert als vielmehr vorausgesetzt werden, um dem innovativen Potenzial des Vorschlags nachgehen zu können.

Gesetzt also, die intensiven Interaktionen zwischen Menschen und (wildlebenden wie domestizierten) Tieren auf ein und demselben Territorium sorgten dafür, dass die Annahme einer gemeinsamen Mitgliedschaft in dem für kollektiv bindende Entscheidungen verantwortlichen politischen Gemeinwesen plausibel ist, dann geht Meijers Vorschlag in zwei Hinsichten über die bisher diskutierten Möglichkeiten hinaus. Erstens reicht es ihr zufolge nicht aus, Tiere in bestehenden parlamentarischen Verfahren zu repräsentieren und ihre Interessen advokatorisch zu vertreten (wie etwa die Parlamentsfraktion der niederländischen Partij voor de Dieren, für die Meijer symbolisch auf dem letzten Listenplatz kandidierte). Tierliche Stellungnahmen sollen direkt und ,persönlich‘ abgegeben und entgegengenommen werden, um die Individualität des je einzelnen Wesens zu würdigen, das in seinem eigenen Wollen, nicht in den objektiven Interessen seiner Gruppe oder Art berücksichtigt werden soll. Diese Wollensäußerungen sollen Tieren in ihrer jeweils eigenen Lebenssphäre angstfrei abgelesen werden und dort in unmittelbare „Verhandlungen“ (S. 68) mit Menschen und anderen Tieren über Veränderungen der Lebens- und Interaktionsverhältnisse münden.

Zweitens – und hier lässt Meijer selbst radikalere Vorstellungen von Tierbürgerschaft wie die von Sue Donaldson und Will Kymlicka hinter sich – plädiert sie für die politische Berücksichtigung von Tieren innerhalb von Prozessen deliberativer Willensbildung. Diese Strategie ist nicht zu verwechseln mit derjenigen, Menschen Gesichtspunkte des Mensch-Tier-Verhältnisses in deliberativen Verfahren (anstelle von aggregativen Wahl- und Abstimmungsverfahren) erörtern zu lassen.[6] Tiere sollen vielmehr mit ihren Willensäußerungen selbst als direkte Teilnehmer an Deliberationen verstanden werden. Dies erscheint kontraintuitiv, stellt doch deliberative Politik hochgradige Anforderungen an die Rationalität der Mitwirkenden.

 

Deliberative Politik?

Meijer stützt sich zur Inklusion und Partizipation von Tieren auf die in den vergangenen Jahren vorgenommene Revision einer übertrieben rationalistischen Vorstellung von deliberativer Demokratie. In der Politischen Theorie haben Autorinnen wie Iris Marion Young hier einen Paradigmenwechsel eingeleitet, demzufolge auch emotionale und rhetorische Stellungnahmen sowie die Inszenierung von Höflichkeit und Anerkennung als Bestandteile deliberativer Politik gelten können. Daneben haben politikwissenschaftliche Ansätze den Begriff eines „deliberativen Systems“ eingeführt, um darauf hinzuweisen, dass nicht in jeder einzelnen Entscheidung, sondern nur an bestimmten Scharnierstellen der Willensbildung und Entscheidungsfindung eine deliberative Problematisierung angebracht und eine besonders hohe Qualität der Beratung erforderlich ist. Ausgehend von diesem weiten, gegenüber ihrem rationalistischen Zerrbild gründlich veränderten Verständnis deliberativer Demokratie plädiert Meijer nun für eine neue Wahrnehmung unserer Unterredungen mit Tieren. Hier bringt sie eine Menge verhaltensbiologischer Befunde zum Tragen, die tierliche Kommunikationen an der input-Seite des politischen Systems als anschlussfähig verorten.

Allerdings bedeutet die Kommunikation mit Tieren noch nicht, dass auch Deliberation mit ihnen stattfindet oder auch nur möglich ist. Der Witz des Konzepts der Deliberation besteht ja gerade darin, diese von interessenorientierten Verhandlungen abgrenzen zu können, so dass Präferenzen geläutert, geändert oder gar verworfen werden können. Vom präferenzaggregativen Demokratiekonzept unterscheidet sich das deliberative Modell in fundamentaler Weise erst auf der throughput-Ebene, also dort, wo Konflikte verfahrensförmig bearbeitet werden. Dazu ist es zunächst unverzichtbar zu wissen, wo jeder steht und was jede will, und solche Willensäußerungen wird man auch in Interaktionen mit Tieren in Erfahrung bringen müssen. Insoweit ist Meijer recht zu geben. Deliberation unterscheidet sich aber von anderen Verfahren der Willensvereinheitlichung erst im nächsten Schritt, in dem man sich vom unmittelbaren Wollen distanzieren und Gründe für seine Ansprüche anbringen können muss. Hier ist Meijers Rede Rede von Deliberationen zwischen Menschen und Graugänsen zu unbestimmt, um einen Unterschied markieren zu können. Das gegenseitige Abtasten im Hinblick darauf, welche Änderungen des eigenen Verhaltens vom Gegenüber jeweils akzeptiert werden und ein modifiziertes Verhalten nach sich ziehen, wie Meijer es anhand des Streits über die Wiesen und Einflugzonen am Amsterdamer Flughafen eindrucksvoll schildert, kann diesen reflexiven Schritt nicht ersetzen. Denn zum einen kann eine solche Auseinandersetzung nicht bestimmen, wie das Ergebnis der Mensch-Tier-Verhandlungen verstanden werden soll: Ist das Ziel ein modus vivendi, der angesichts bestehender Machtasymmetrien zwischen Menschen und Tieren zumindest stabil ist? Oder geht es darum, eine faire gemeinsame Grundstruktur zu erzeugen und auszugestalten, in der Menschen wie Tiere sich gleichermaßen einrichten können? Zum anderen präjudiziert Meijers Verständnis der Mensch-Tier-Kommunikation noch nicht hinreichend, welche Art von Ausgleich durch demokratische Verfahren gestiftet werden soll. Wie sollen sich Ansprüche als berechtigt erweisen, andere verwerfen lassen? Meijers Theorie erlaubt die Schlussfolgerung, dass politische Legitimität nur aus einer maximal inklusiven input-Bestimmung resultieren kann, die die ausgedrückten Präferenzen von Tieren registriert und aufnimmt, doch bleibt sie strenggenommen neutral zwischen den unterschiedlichen Modellen der Willensvereinheitlichung und Entscheidungsfindung, etwa zwischen majoritären Verfahren der Präferenzaggregation, Lotterieverfahren und eben deliberativen Entscheidungsverfahren. Was Tiere wirklich wollen zeigt, welche zusätzlichen Kommunikationen und Informationen in demokratische Prozesse eingehen müssen. Doch das Buch beschränkt sich auf die input-Perspektive und kreiert noch kein eigenständiges throughput-Modul der Deliberation zwischen Menschen und Tieren, das sich in ein komplexes deliberatives System eingliedern ließe. Wie kontroverse Ansprüche in einer Interspezies-Demokratie institutionell abgearbeitet werden sollen, darüber gibt das Buch keine Auskunft.

 

Begriffspolitik und Begründungsfragen

Meijers Strategie, eingeführte politische Grundbegriffe auf das Mensch-Tier-Verhältnis zu projizieren, bietet große Vorteile, aber auch Schwierigkeiten. Wie schon in Donaldsons und Kymlickas Zoopolis, dem Vorgängerwerk, das das Genre der Tierpolitik nachhaltig geprägt hat, besteht die implizite methodische Vorgehensweise darin, Metaphern wie die von der Tierbürgerschaft schrittweise zu literalisieren, sie also durch Änderung sprachlicher, sozialer und Wahrnehmungspraktiken schließlich eine ganz gewöhnliche wörtliche Bedeutung annehmen zu lassen. Diese Strategie entspricht derjenigen Richard Rortys, dem zufolge sich moralischer Fortschritt nicht über universalistische Begründungen und philosophische Diskurse vollzieht, sondern über die Ausweitung inkludierender Redeweisen. Diese Strategie erscheint vielversprechend, falls die Zivilgesellschaft hinreichende Geduld für sie aufbringen kann, und sie stellt eine produktive Weise dar, noch nicht normalisierte, allgemein akzeptierte Sprechweisen auf ihre Wahrheitswert-Fähigkeit hin zu erproben.[7] Bei der spezies-inklusiven Verwendung von Ausdrücken wie „Sprache“, „Politik“, „Deliberation“ oder „Widerstand“ geht es Meijer zunächst darum, tierliche Fähigkeiten zu betonen, nicht Ansprüche oder Berechtigungen zu etablieren. Es scheint wichtig, darauf hinzuweisen, dass hier kein Ableitungsverhältnis besteht. Wie in anderen Werken aus dem Bereich der Tierpolitik steht auch in Was Tiere wirklich wollen der Nachweis im Vordergrund, dass Tiere über unterschätzte strategische und interaktive Kompetenzen verfügen und kognitiv wie emotional komplexe Wesen sind. Damit setzt das Buch einen wichtigen Kontrapunkt zur westlichen Tradition politischen Denkens und belegt, dass bestimmte Bedingungen der Möglichkeit speziesübergreifender politischer Koexistenz erfüllt scheinen. Meijers Kommunikationstheorie widerlegt performativ die verbreiteten Inkommensurabilitätsthesen, die zwischen menschlichem und tierlichem Wollen einen unüberbrückbaren epistemischen Abgrund klaffen sehen. Sie führt aber nicht näher aus, welche normativen Konsequenzen aus den von ihr beschriebenen Analogien zwischen tierlichen und menschlichen Verhaltensweisen folgen. Außerdem blendet sie aus, welche Gründe dafür sprechen und andere Mitbürgerinnen allererst davon überzeugen können, Tiere in bisher spezies-homogene politische Gemeinwesen zu inkludieren. Macht es einen Unterschied, dass Oktopusse über das Abwassersystem die Freiheit suchen können? Schulden wir Orang-Utans Gerechtigkeit, weil sie in der Lage sind, sich zum Ausbruch zu verbünden, oder weil wir sie gegen ihr Wollen eingesperrt halten? Was spricht dafür, eine politische Koexistenz mit bodenbearbeitenden Würmern anzuerkennen: ihre Intelligenz, ihre Reaktionsfähigkeit auf äußere Stimuli, ihre Nützlichkeit, ihre Unverzichtbarkeit oder das schiere Faktum unseres Zusammenlebens auf einem Territorium? Mit Blick auf diese und ähnliche Fragen ist Meijers Buch, das mit seiner Kommunikationstheorie einen neuartigen und freistehenden Zugang eröffnet, unentschlossen und überdeterminiert. Ökozentrische und kooperationstheoretische Beobachtungen (manche Delfine arbeiten als Soldaten, während sich Orang-Utans dem Kriegsdienst verweigern) stehen unverbunden nebeneinander. Wenn es um die Begründung tierlicher Ansprüche geht, werden von ihr sowohl der Gemeinbesitz an der Erde als auch die Tatsache der Schmerzempfindlichkeit als Gründe angeführt. Sie begreift Fleischverzehr als Grundlage relationaler Ansprüche und beruft sich, an einer Stelle zumindest, auf ein vermeintlich selbstverständliches Lebensrecht (S. 118, 122). Für die Zwecke der öffentlichen Auseinandersetzung bleibt ein Werk wissenschaftlicher Welterschließung wie dasjenige von Meijer, das einen Beitrag zur schrittweisen Literalisierung von Metaphern leistet, angewiesen auf die Flankierung durch normative Gründe, die schon vor dem anvisierten Sprach- und Einstellungswandel stichhaltig und zur kontroversen Debatte mit unseren Mitbürgerinnen geeignet sind. Anders werden sich formale Entscheidungen, die zur Einbeziehung von Tieren in unsere politischen und rechtlichen Institutionen beitragen können, auf absehbare Zeit nicht rechtfertigen lassen.

Fußnoten

[1] Das niederländische Original mit dem Titel De soldaat was een dolfijn. Over politieke dieren (Der Soldat war ein Delfin. Über politische Tiere) ist eine überarbeitete Fassung von Meijers Dissertation, die 2017 von der Philosophischen Fakultät der Universität Amsterdam angenommenen wurde. Die englische Fassung erschien 2019 unter dem Titel When Animals Speak: Toward an Interspecies Democracy bei NYU Press.

[2] Peter Singer, Animal Liberation. A New Ethics For Our Treatment of Animals, New York 1975.

[3] Eva Meijer, Die Sprachen der Tiere, hrsg. von Judith Schalansky, übers. von Christian Welzbacher, Berlin 2018. Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel Dierentalen.

[4] Bahnbrechend Sue Donaldson / Will Kymlicka, Zoopolis. Eine politische Theorie der Tierrechte, übers. von Joachim Schulte Berlin 2013.

[5] Vgl. dazu Bernd Ladwig, Politische Philosophie der Mensch-Tier-Beziehungen. Eine kritische Literaturschau, in: Neue Politische Literatur 62 (2017), 1, S. 21–48.

[6] Robert Garner, Animal Rights and the Deliberative Turn in Democratic Theory, in: European Journal of Political Theory 18 (2019), 3, S. 309–329.

[7] Vgl. Peter Niesen, The Cautionary Use of Fakes, in: Behemoth: A Journal on Civilisation 11 (2018), 2, S. 38–54.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Andreas Häckermann und Karsten Malowitz.