Auf der Höhe der Zeit

Rezension zu "Betrachtungen zur Schwulenfrage" von Didier Eribon

Zwanzig Jahre nach Erscheinen der „Réflexions sur la question gay“ in Paris hat der Suhrkamp Verlag nun die deutsche Übersetzung vorgelegt. Der Autor ist in Deutschland über den Kreis von Sozial- und Geisteswissenschaftler*innen hinaus erst mit seinem autobiographischen Bericht „Rückkehr nach Reims“[1] bekannt geworden, obwohl er schon 1989, nur fünf Jahre nach dessen Tod, eine beeindruckende Biographie über Michel Foucault in Frankreich vorgelegt hatte. Sie erschien zwei Jahre später bei Suhrkamp auf Deutsch.[2] Dies zu erwähnen ist an dieser Stelle nicht müßig, widmet Eribon doch den dritten Teil seiner Betrachtungen – unter dem Titel „Die Heterotopien Michel Foucaults“ – erneut dem französischen Philosophen, dem er freundschaftlich verbunden war. Die deutsche Übersetzung folgt der französischen Ausgabe von 2012, an der Eribon neben „einigen Streichungen und Zusätzen […] nur überwiegend geringfügige – wenn auch recht zahlreiche – Änderungen vorgenommen“ (S. 11) hat.

Vor allem im ersten Teil der Studie gibt der Autor Auskunft über seine Motivation, die umfangreiche Analyse vorzunehmen. Schwulen Männern und lesbischen Frauen sei nach wie vor ein untergeordneter Platz in der Sozial- und Sexualordnung zugewiesen, auch in westeuropäischen Gesellschaften (S. 13). Diese seien noch immer geprägt durch tiefsitzende feindselige Einstellungen und Haltungen: „Denn das homosexuelle Unbewusste ist nach den Regeln der heterosexuellen Sprache strukturiert. Und nur eine politische und kulturelle Arbeit der ‚Abweichler‘ und ‚Abnormalen‘, in der sie sich kollektiv neu erfinden, kann den uralten Zyklus der Reproduktion dieses heteronormativen sozialen Unbedachten aufbrechen“ (S. 133). Obwohl Eribon nicht selten auf Gemeinsamkeiten hinsichtlich der sozialen Lage von lesbischen Frauen und schwulen Männern verweist, findet er die Unterschiede zwischen den „Sozialisations- und Subjektivationsprozesse[n] “ wie auch die Differenzen der „kulturelle[n] und subkulturelle[n] Geschichte“ so bedeutsam, dass er ankündigt, sich in seinen Überlegungen auf schwule Männer zu konzentrieren (S. 17). Explizit erklärt er eine analoge Studie zu lesbischen Frauen für wünschenswert. Eribon beharrt auf der Unterscheidung von lesbischen Frauen und schwulen Männern als distinkten Gruppen: „Ich weiß wohl, dass die Nachbeter eines gewissen Queer-Katechismus mich des ‚Essentialismus‘ beschuldigen werden [kursiv i. O.]“, es gäbe aber nun einmal homosexuelle Personen und „jedenfalls Individuen, die in dieser Weise von außen identifiziert werden oder sich selbst identifizieren“ (S. 79).

Der erste Teil seiner Studie, der den Titel „Eine Welt voller Beleidigungen“ trägt, ist weit mehr als der Titel suggeriert. Eribon analysiert die Lebenssituation homosexueller Männer (vornehmlich in Europa) von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Dabei berücksichtigt er ein weites Spektrum von Autor*innen, das von französischen Schriftstellern und Essayisten wie Marcel Proust und André Gide, den deutschen „Gründervätern“ Magnus Hirschfeld und Karl Heinrich Ulrichs, US-amerikanischen Philosophinnen und Genderforscherinnen wie Eve Kosofsky Sedgwick und Judith Butler, bis zu zeitgenössischen Soziologen wie Michael Pollak und Henning Bech reicht. Vom dänischen Soziologen Bech übernimmt Eribon die (schon von Magnus Hirschfeld vertretene) These, dass die Stadt die eigentliche soziale Welt der Homosexuellen sei. Unter schwulen Männern sei eine „Mythologie der Stadt“ entstanden, die vor allem auf ihre sichtbaren Lebenswelten in Paris und London, Berlin und Amsterdam, New York und San Francisco zurückzuführen sei (S. 32). Die dort existierende „Schwulenkultur“ ermögliche erst das Entstehen dauerhafter Freundschaften, die als „Ersatzfamilien“ die gelockerten oder aufgegebenen Beziehungen zu den Herkunftsfamilien ersetzten (S. 55). Auch dies wurde schon von vielen, vor allem angelsächsischen, Autor*innen beschrieben. Eribon hebt jedoch hervor, und damit geht er viel weiter als jene, dass eine Verletzung wegen des Verlusts oder aufgrund der schwierigen Familienbeziehungen bleibe. In diesen Verletzungen sieht er eine spezifisch homosexuelle Melancholie begründet;  „[...] ‚Melancholie‘ im Sinne einer nie beendeten und nicht zu beendenden Trauerarbeit, die Freud zufolge den Prozess der Ichbildung durch aufgegebene Identifizierungen prägt […]“ (S. 58). Die radikale und aggressive Ablehnung des Familienmodells bei vielen schwulen Männern zeige, dass die Beziehung zur Herkunftsfamilie niemals einfachund jedenfalls niemals neutral“ sei (S. 61).

Die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr zu übersehende Konzentration homosexueller Männer in europäischen und nordamerikanischen Metropolen habe auf der anderen Seite ihren Niederschlag gefunden im antihomosexuellen Diskurs der Konservativen über Großstädte als Brutstätten sexueller Unzucht, der Prostitution, der Homosexualität und als Gefährdung von Leib und Seele (S. 67). Die Stigmatisierung und Ausgrenzung sexueller Abweichler – auch in den Metropolen – zwinge die Schwulen zu Tarnung und Versteckspiel. Die Tarnung verschaffe jedoch ebenfalls einen Freiraum. Das führe letztlich zur paradoxen Situation, dass das Ende des Zwangs zur Tarnung auch als Verlust empfunden werden kann (S. 77). Jeder Schwule habe zunächst einmal lernen müssen zu lügen, nicht zu kommunizieren beziehungsweise im sozialen Umfeld Menschen zu täuschen oder unwissend zu halten. Ein Schwuler lerne zweimal sprechen, heißt es bei Eribon (S. 150 f.). Dies ist mit Sicherheit eine bedeutsame Beobachtung, ob sie allerdings reicht, um in Bausch und Bogen die von Jürgen Habermas behaupteten universellen Strukturen der Kommunikation und der intersubjektiven Gegenseitigkeit gleichgestellter Subjekte als irrige Grundannahmen zu verwerfen, mag dahin gestellt bleiben. Eribon übernimmt hier die an Verachtung grenzende Antipathie Foucaults gegenüber Habermas, dem Foucault idealistische Harmoniesüchtigkeit und ein totales Unvermögen unterstellte, die Machtstrukturen bürgerlicher Gesellschaften zu verstehen. Es verwundert, wenn Eribon darüber hinaus Marcel Proust zum großen Soziologen und Theoretiker der Sexualität erklärt. Das Bonmot Prousts aus „Sodom und Gomorrha“[3], dass der Homosexuelle glaube, er sei dem gleich, was er begehre, wie der Snob glaube, er sein von Adel (S. 527, Fn 15), ist zwar unübertreffbar, es beruht aber auf der zeitgebundenen Auffassung, dass der „Invertierte“ ewig zur unglücklichen Liebe verdammt sei. Für Proust war der Invertierte ein Mann, der nicht wirklich einer ist, und sich von echten Männern, Heterosexuellen, angezogen fühlt. Die Invertierten seien wohl oder übel gezwungen, sich mit ihresgleichen zu begnügen. Ihr Verlangen bliebe jedoch auf immer ungestillt, wenn nicht Geld ihnen Zugang zu den richtigen Männern, den begehrten Heterosexuellen, verschaffe (S. 127). Diese Konstellation ist zwar bisweilen auch gegenwärtig zu beobachten, sie kann aber unmöglich als Grundlage einer Theorie männlicher Homosexualität gelten. Eribon hat hier wohl seine nachvollziehbare Verehrung von Proust zu einer gelinden Übertreibung verleitet. Seine Ausführungen über die Entwicklungen der sozialen Lage Homosexueller im 20. Jahrhundert führen dennoch sehr viel weiter als diejenigen des Romanciers. Hatte Proust noch André Gide dringend empfohlen, dass er bei geplanten Veröffentlichungen über „Invertierte“ alles Mögliche schreiben könne, aber nie in der Ich-Form, so analysiert Eribon das persönliche Bekenntnis des coming out im starken Gegensatz dazu als besonders relevant für die Individuation selbstbewusster Homosexueller, in eher ungehinderter Form in Nordamerika und (West)Europa erst seit den 1970er-Jahren möglich. Ihm zufolge ist das coming out eine „Konversion“ und im „Grunde […] ein Lebensprojekt“. Es stelle sich immer die Frage, „wo, wann und vor wem es möglich ist, nicht zu verstecken, was man ist […] angesichts eines neuen Arztes, eines neuen Arbeitgebers […] gegenüber dem Zeitungshändler oder dem Taxifahrer, die sich in homophoben Sprüchen ergehen“ (S.169). Eribon ist kein Fan der Psychoanalyse, bemerkenswert ist deshalb sein Rekurs auf Freud. Die Entscheidung, sich nicht mehr zu verstecken und sich zu sich selbst zu bekennen, sei, so erklärt er, nur der „Anfang eines eigentlich unendlichen Prozesses, in dem Sinn, in dem Freud von ‚unendlicher Psychoanalyse‘ sprach“ (S. 170).

„Die Betrachtungen zur Schwulenfrage“ sind mit ihren vielfältigen Querverweisen nicht nur Zeugnis einer beeindruckenden Souveränität im Umgang mit dem herangezogenen Material sondern auch Ausweis einer unglaublichen Fleißarbeit. Dies zeigt sich im zweiten Teil der Studie, der den Titel „Oscar Wildes Gespenster“ trägt. Eribon zeichnet darin zwei große Gerichtsprozesse nach, den gegen Oscar Wilde in England und denjenigen im Zusammenhang mit der Eulenburg-Affäre in Preußen. Letzterer nahm seinen Ausgang, als der Journalist Maximilian Harden zwei dem Kaiser nahestehende Aristokraten, den Fürsten Philipp zu Eulenburg-Hertefeld und den Grafen Kuno von Moltke, beschuldigte, Homosexuelle zu sein. Eribon sieht diese Prozesse um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert auch als „Schlüsselmomente der Herausbildung eines individuellen wie kollektiven Selbstbewusstseins jener, deren Existenz von den geraden Wegen der sexuellen Normalität abwich“ (S. 215). Die Eulenburg-Affäre und ihr enormes Echo in der europäischen Presse und Kulturwelt brachten letztlich auch Proust zur „Idee eines Romanprojekts, das sich um die verfemte Rasse der Invertierten drehen sollte“ (S. 218). Ihre starke Resonanz in Frankreich bewirkte übrigens auch, dass das Wort „Homosexualität“ in Umlauf kam, ein Begriff, den Proust für viel „zu germanisch und pedantisch“ (S. 219) hielt. Neben den Prozessen (und den Debatten rund um den Selbstmord Friedrich Alfred Krupps 1902) sieht Eribon, der US-amerikanischen Gender-Theoretikerin Eve Kosofsky Sedgwick folgend, eine bestimmte Anzahl bedeutender literarischer Texte als bestimmend für die Herausbildung einer modernen homosexuellen Identität an. Dazu gehören unter anderem Das Bildnis des Dorian Gray von Wilde, Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, sowie Manns Tod in Venedig, Texte, die allesamt von der Präsenz „Invertierter“ in der Oberschicht der Belle Epoque erzählen. Eribon hebt hervor, dass die „paradoxe Produktivität des homophoben Diskurses“ den „Homosexuellen“, der die gleichgeschlechtliche Liebe feierte, angefacht hat (S. 259). Dies in seiner Studie zu veranschaulichen, gelingt ihm hervorragend. Als Protagonisten des „homosexuellen Diskurses“ feiert er John Addington Symonds und Walter Pater, anerkannte Literaturkritiker und Kulturhistoriker im England der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts; beide geachtet als Spezialisten der italienischen Renaissance und als Graezisten, die sowohl die italienische Kultur des Quattrocento und Cinquecento wie auch das antike Griechenland benutzten, um die kulturelle Bedeutung gleichgeschlechtlicher männlicher Liebe zu feiern. Über sie und ihre Arbeiten ausführlich zu referieren ist strategisch wichtig für die Argumentation Eribons, denn sie sind grundlegend für seine Kritik an Foucaults These, vor allem die deutsch-österreichische und französische Psychiatrie habe den Sozialtypus des Homosexuellen konstruiert. Folgerichtig betitelt er das 7. Kapitel des zweiten Teils seiner Studie mit „Die Griechen gegen die Psychiater“ und betont: „Ich kann mich Michel Foucault nicht anschließen, wenn er behauptet, die Homosexuellenliteratur habe sich in Reaktion auf den psychiatrischen Diskurs und die Erfindung der ‚Figur‘ des Homosexuellen durch die medizinische Wissenschaft des 19. Jahrhunderts entwickelt“ (S. 281). Vielmehr habe die Psychiatrie auf die Literatur reagiert und versucht, sich ihrer zu bemächtigen, um die Homosexualität vermittels ihres klinischen Blicks zu pathologisieren (S. 293). Im dritten Teil der Studie – „Die Heterotopien Michel Foucaults“ – ruft Eribon seinen Kronzeugen auf, den US-amerikanischen Historiker George Chauncey. Leicht polemisch, was hervorzuheben ist, da er Foucault sehr verehrt, fragt er zu Beginn: „Aber ist denn der Gedanke wirklich nachvollziehbar, dass niemand sich als Individuum betrachtet hat, das mit einer besonderen sexuellen ‚Natur‘ ausgestattet ist, bevor der psychiatrische Diskurs dieses ganze Begriffstheater veranstaltete? Und dass Individuen, die bislang nur ‚homosexuelle Handlungen‘ praktizierten, sich in Reaktion auf diese wissenschaftliche Diskurse als ‚homosexuelle Personen‘ betrachteten […]?“ (S. 414 f.). Chauncey habe in seinem pionierhaften Werk Gay New York, das sich dem Zeitraum von 1890 bis 1940 widmet, überzeugend gezeigt, dass die populäre Kultur der Homosexuellen, ihre Lebensweisen und Geselligkeitsformen, bei der Entwicklung eines Selbstbewusstseins, auch eines kollektiven Selbstbewusstseins, eine weitaus wichtigere Rolle spielten als die Lektüre von psychiatrischen Ergüssen. Auch die Kenntnis der Publikationen von Wilde oder die der für die „griechische Liebe“ begeisterten englischen und deutschen Gräzisten sei allenfalls in der Mittel- oder Oberschicht verbreitet gewesen. Die Selbstwahrnehmung gleichgeschlechtlich sexuell Aktiver, vor allem in der Arbeiterschaft und in den „niederen“ Dienstleistungsberufen, sei jedoch ganz offensichtlich der Kategorisierung der Homosexuellen durch den medizinischen Diskurs vorausgegangen (S. 418 f.). Die Aufgeschlossenheit italienischer und irischer Immigranten für gleichgeschlechtliche Kontakte, die bei diesen phasenweise häufiger gewesen sein mögen als heterosexuelle Kontakte, hätten im New York des 19. Jahrhunderts ein soziales Milieu geschaffen, das Foucault nicht zur Kenntnis genommen habe. Eribon kritisiert zudem, dass sich Foucault seltsamerweise in Der Wille zum Wissen ausschließlich für die Elitenkultur in Europa interessiere, „so als ob die Transformationen, denen die Homosexualität im 19. und 20. Jahrhundert unterlag, auf einen von Psychiatern und Literaten abgesteckten Raum begrenzt gewesen wären“ (S. 416). Selbst der Begriff „Homosexualität“ stamme nicht von Psychiatern sondern von einem ungarischen Schriftsteller, Karl Maria Kertbeny, der im Gegensatz zu den meisten Psychiatern die gleichgeschlechtliche Liebe legitimieren wollte.

Eribon konstatiert einen bemerkenswerten Bruch in der Analyse der Homosexualität durch Foucault. Im 1975 erschienenen „Überwachen und Strafen“[4] sei dessen Ansatz noch durch die von ihm später heftig abgelehnte Repressionshypothese geprägt gewesen. In seinem mehrbändigen Werk Sexualität und Wahrheit[5] zeichnete sich hingegen bereits Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre eine andere Perspektive ab: Foucaults ausgearbeitete Diskursanalyse sollte aufzeigen, dass das gesellschaftlich produzierte Sexualitätsdispositiv den Menschen lediglich eine sexuelle Befreiung vorgaukle (S.463 ff.).

Im deutlichen Gegensatz hierzu stehen die von Foucault entwickelten Gedanken zu neuen Lebensformen schwuler Männer, die Eribon ausführlich darstellt. Während seiner längeren Aufenthalte in den USA seit Mitte der 1970er-Jahre (vor allem in New York und in Berkeley / San Francisco) sei Foucault tief beeindruckt gewesen vom Leben schwuler Männer in den „gay communities“. Diese sah er mehr gekennzeichnet durch Freundschaftsbeziehungen als durch sexuelle Kontakte. In polemischer Absetzung von der in Frankreich dominierenden Kommunitarismuskritik führte Foucault den Begriff einer „homosexuellen Lebensform“ ein, die nicht auf „Klassenzugehörigkeit, Beruf oder Bildungsniveau“ basiere, sondern auf speziellen Beziehungsformen der Gemeinschaftlichkeit, die „gay communities“ ermöglichen würden (S. 473 – kursiv von mir, M.B.). Für Eribon kulminierten diese Erfahrungen Foucaults in dessen Idee der Ästhetik der Existenz und der Vorstellung der „Erschaffung seiner selbst“ (S. 487). Diese habe jedoch die Tendenz „die Philosophen der Antike in einer Optik zu präsentieren, die eher dem Ästhetizismus des 19. Jahrhunderts und dem ‚Dandyismus‘ entspricht“ (S. 488). Zwar stellt Eribon Foucaults Hoffnungen auf alternative Lebensformen in schwulen Wohngemeinschaften ausführlich dar, hinterfragt aber merkwürdigerweise nicht, wie diese angesichts der von jenem immer wieder beschworenen machtgestützten Dispositive als Nischen alternativer Lebens- und Sozialräume überhaupt möglich sein sollen. Verwunderlich ist auch, dass Eribon bei seiner Kritik an der psychiatriefixierten Herleitung der modernen Homosexualität durch Foucault die Thesen der nordamerikanischen Sozialwissenschaftler John d'Emilio und Barry Adam zum Konstitutionsprozess des zeitgenössischen Homosexuellen als Sozialtypus nicht berücksichtigt. Beide Autoren, die Eribon durchaus bekannt waren, sehen in den kapitalistischen Industrialisierungs- und Urbanisierungsprozessen des 19. Jahrhunderts und der dadurch hervorgebrachten großstädtischen Bevölkerung die Voraussetzung für Lebensverhältnisse, die Anonymität ermöglichten. Sie gewährleisteten abnehmende soziale Kontrolle und schufen so die Vorbedingung für die Entstehung sozialer Nischen, etwa für gleichgeschlechtlich sexuell aktive Männer.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die inhaltsreiche Analyse von Didier Eribon auch zwanzig Jahre nach ihrer französischen Ersterscheinung in Paris auf der Höhe der Zeit geblieben ist. Statt des Anhangs zu Hannah Arendt wäre möglicherweise eine aktuelle Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen queer-theoretischen Diskussionen vorzuziehen gewesen, schließlich verwahrt sich Eribon im ersten Teil seiner Studie sehr explizit gegen „die Nachbeter eines gewissen Queer-Katechismus“, die anderen die Lust verböten, weiter zu denken (S. 78). Sie ließen sich nicht auf empirische Analysen ein, sondern versuchten „die Wirklichkeit aus einem kleinen Katalog dogmatisch wiedergekäuter und zu normativen Weisungen verarbeiteter ideologischer Erwägungen abzuleiten“ (S. 80). Seinen Unwillen gegen „Secondhand-Versionen“ queerer Theorie lässt Eribon am Anfang des Buches deutlich erkennen, verzichtet anschließend jedoch darauf, seine kritische Perspektive weiter zu verfolgen. Dass die Gelegenheit nicht ergriffen wurde, diese Debatte im Anhang zum eigentlichen Text aufzugreifen, ist schade, denn Eribon hätte in diesem Zusammenhang gewiss einen scharfsinnigen Beitrag leisten können.

Dem Suhrkamp-Verlag gebührt Dank für die Veröffentlichung einer deutschen Übersetzung wie auch den Übersetzern Bernd Schwibs und Achim Russer, die eine vorzügliche Arbeit geleistet haben.

Fußnoten

[1]  Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, Berlin 2016.

[2] Ders., Foucault. Eine Biographie, Frankfurt a. M. 1991

[3]  Marcel Proust, Sodom und Gomorrha. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 4, herausgegeben von Luzius Keller, übersetzt von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt a. M. 2004

[4] Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, übers. von Walter Seitter, Frankfurt a. M. 1993

[5] Ders., Der Wille zum Wissen, Sexualität und Wahrheit, 1. Bd., übers. von Ulrich Raulff und Walter Seitter, Frankfurt a. M 1987; Ders. Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit, 2. Bd., übers. von Ulrich Raulff und Walter Seitter, Frankfurt a. M. 1989; Ders., Die Sorge um sich. Sexualität und Wahrheit, 3. Bd., übers. von Ulrich Raulff und Walter Seitter, Frankfurt a. M. 1989

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Philipp Tolios.