Auf der Suche nach der verlorenen ökologischen Theorie

John Bellamy Foster und Paul Burkett verteidigen ihr Projekt eines grünen Marxismus

Weitgehend unbeachtet von der deutschen und europäischen Sozialwissenschaft tobt zwischen US-amerikanischen Marxisten und Ökologen auch Jahrzehnte nach der Hochzeit der Umweltbewegung in den 1970er- und 1980er-Jahren noch ein Kampf um die Frage nach der Rolle und dem Stellenwert der Natur in Marx‘ Werk. John Bellamy Foster, Professor für Soziologie an der University of Oregon und Herausgeber des sozialistischen Journals Monthly Review, und Paul Burkett, Professor für Wirtschaft an der Indiana State University, setzen sich in ihren Arbeiten schon lange mit der von ökologischer Seite geäußerten Kritik an Marx auseinander. In ihrem jüngsten Buch Marx and the Earth treten die beiden an, Marx' ökologisches Erbe gegenüber den „self-characterised ,eco-socialist' thinkers“ (S. vii) zu verteidigen. Das Werk spannt einen weiten Bogen und versammelt 50 Jahre ökologischer Kritik und marxistischer Anti-Kritik.[1] Was sagt es uns über die Natur bei Marx?

Foster und Burkett begreifen ihr Unterfangen als den Versuch, die ökologischen Grundlagen der Marx'schen Kritik herauszuarbeiten und sie in ihrem theoretischen Zusammenhang darzustellen. So heißt es in der Einleitung zum Buch: „Marx and Engels, it was discovered, had developed a dialectical theory of socio-ecological conditions and crises unequalled in their time and arguably […] in ours as well“ (S. 4). Burkett hatte schon in dem 1999 erschienenen Band Marx and Nature zu zeigen versucht, dass die Art und Weise, in der Marx die Gegebenheiten der Natur behandelte, „an inner logic, coherence, and analytical power“ besitze.[2] Das Ziel der beiden Autoren war demnach keine weitere Zusammenstellung mehr oder weniger wichtiger Marx’scher Aussagen zum Thema, sondern der Nachweis von deren theoretischer Stringenz.[3] Ihrem Selbstverständnis nach sehen sich Foster und Burkett dabei in der Tradition der Anti-Kritiken von Rosa Luxemburg und Friedrich Engels, die neben negativer Kritik immer auch positive Deutung sein wollten. Nach Ansicht der beiden Autoren hat sich aus ihrer Kritik der Kritik allmählich eine historisch-materialistische Ökologie entwickelt (S. ix), die mittlerweile „widely accepted“ sei.

Das Buch beginnt mit einer Chronologie der Debatte und einer Selbstverortung durch Foster und Burkett. Dabei unterscheiden die Autoren drei Phasen ökosozialistischen Denkens: In der aufkommenden Umweltbewegung der 1960er-Jahre hätten sich sozialistisches und ökologisches Denken zwanglos miteinander verbunden, beispielsweise in den Werken von Barry Commoner, Paul Sweezy oder Herbert Marcuse (S. 2). Zu dieser Zeit sei auch die amerikanische Umweltsoziologie in ihrer neomarxistisch geprägten Form entstanden. Eine Gegenbewegung habe dann ab den 1970er-Jahren eingesetzt, als die Ökologie unter dem Einfluss der „deep ecology“ und neo-malthusianischer Ideen verstärkt als Gegensatz zum Marxismus aufgebaut wurde. Aus dieser Zeit stammen die „first-stage eco-socialist analyses“ (darunter Daniel Bensaïd, John Clark, Jean-Paul Déleage, Robyn Eckersley, Jason W. Moore und James O’Connor), deren Arbeiten zwar originell, aber zu defensiv und ungerecht in der Kritik an Marx gewesen seien (S. 3). Als eine Art Anti-These habe sich seit den 1990er-Jahren schließlich der Öko-Marxismus entwickelt, dem die Autoren sich (zusammen mit Autor*innen wie Elmar Altvater, Rebecca Clausen, Kohei Sato, Andreas Malm oder Richard York) zurechnen, und der zur Wiederentdeckung der „ecological depths of classical Marxist thought“ (S. 4) geführt habe. In den Werken der ökomarxistischen Autor*innen werde der Marxismus eher als Paradigma, denn als Textsammlung aus der Feder von Marx und Engels dargestellt; es gehe ihnen mehr um die Entwicklung einer allgemeinen Methode historisch materialistischer Ökologie – „a dialectical critique of the system as a whole.“ (S. 5)

An der Chronologie fällt auf, dass in ihr der Beginn marxistischen Nachdenkens über Natur erst in der Zeit der Umweltbewegungen verortet wird, wodurch Autoren wie Lenin, Karl Korsch, Walter Benjamin oder Karl Kautsky aus der Betrachtung herausfallen. Darüber hinaus taucht die Frankfurter Schule, allen voran Alfred Schmidts Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx, nicht als Teilnehmer dieser Diskussion auf. Das überrascht nicht zuletzt deshalb, weil sich Foster und Burkett an verschiedenen Stellen mehr oder weniger intensiv mit Schmidts Arbeit auseinandergesetzt und sie harsch kritisiert haben.[4] Im vorliegenden Buch schafft Schmidt es lediglich in die Fußnote zu einem Absatz, in dem erklärt wird, dass die Frankfurter Schule aufgrund ihres Anti-Positivismus verworfen werde (S. 225).

Die Debatte zwischen den „first-stage eco-socialists“ und den antithetischen „eco-marxists“ ist noch längst nicht entschieden. Foster und Burkett bemühen sich allerdings darum, endlich das letzte Wort zu sprechen. So gut ihre Analysen im Einzelnen sind, hängt ihnen jedoch immer etwas Dogmatisches an. Die Behauptung, dass es eine ökologische Theorie in Marx‘ Werken gibt, die entdeckt wurde, führt dazu, dass im Buch bisweilen trotzige Töne anklingen. Diese theoretische Engstirnigkeit zeigt sich auch in der überbordenden Bemühung, Marx von jeglichem Fehl und Tadel freizusprechen. Da graben die Autoren jahrzehntelang nach den ökologischen Überresten bei Marx, setzen sie minutiös zu einer kohärenten Einheit zusammen – nur um dann feststellen zu müssen, dass die „attempts to find irredeemable ecological faults in Marx […] have continued“ (S. 7). Die Autoren identifizieren sechs solcher neueren Kritikpunkte (S. 7 f.), die eher als Varianten früherer Einwände zu verstehen sind, und versuchen vier davon in jeweils eigenen Kapiteln zu widerlegen. In jeder Auseinandersetzung mit der Kritik schäle sich, so die Autoren im Vorwort, allmählich eine konsistente ökologische Theorie heraus, die sie im Abschlusskapitel zu präzisieren versuchen.

Die diskutierten Vorwürfe und deren Widerlegungsversuche sind sehr spezifisch und dürften im Einzelnen lediglich für diejenigen interessant sein, die selbst an der Debatte teilnehmen oder aber ein werkgeschichtliches Interesse am Einfluss proto-ökologischer Strömungen auf Marx‘ Schriften haben. Dabei werden jedoch stets auch Fragen von allgemeinerem Interesse verhandelt: Wie ökozentristisch oder anthropozentristisch kann und soll Marx verstanden werden? Eine vergleichende Lektüre der ersten zwei ökologischen Kritiken ist dabei besonders interessant.

Der erste Einwand wurde von John Clark (1989) in dem Artikel „Marx’s Inorganic Body“ vorgetragen und ist eine Variante des gängigen Vorwurfs, in Marx‘ Werk drücke sich ein instrumentelles, prometheisches Verhältnis zur Natur aus, das es zu überwinden gelte. Clark sieht diese Sichtweise darin bestätigt, dass Marx mit Hegel sagt, Natur sei der „unorganische Leib“, das heißt ein „bloßes“ Instrument zur Befriedigung des Menschen. Für Foster und Burkett steht diese Kritik stellvertretend für eine metaphysisch-spiritualistische Strömung in der Ökologie, die Marx Anthropozentrismus und das Leugnen einer ganzheitlichen, „organischen“ Verbundenheit des Menschen mit der Natur vorwirft (S. 57, 59). Diese holistische, anti-positivistische Ökologie wird den idealistischen Ideologien zugeordnet, die, marxistisch gewendet, ihren Ursprung in der Trennung von Geistes- und Handarbeit haben. Nur einer Position, die dem Arbeiten mit Natur enthoben ist, kann eben diese Arbeit als ,unnatürlich‘ gelten. In ihrer Gegenkritik halten die Autoren an dem Unterschied zwischen holistischer Ökologie und Marx’schem Materialismus fest, begründen sie aber vor allem damit, dass nur ein ökologischer Materialismus geeignet sei, Ökologie in revolutionäre Praxis zu transformieren (S. 88). Diese dialektische Abhängigkeit von Mensch und Natur sei (natur)wissenschaftlicher Erforschung zugänglich.

Die zweite Kritik stammt dagegen gerade aus demjenigen Bereich der Ökologie, der die Einheit der Welt nicht nur spekulativ behauptet, sondern konkret erforschen möchte. Joan Martinez-Alier arbeitet als Agrarökonom und politischer Ökologe zum Werk von Sergei Podolinsky, einem Zeitgenossen von Marx und Engels, dessen Schriften sie zwar kannten, aber nicht in ihr eigenes Werk aufnahmen. Podolinsky hatte versucht, die Entstehung von Mehrwert energetisch zu begründen, das heißt als „an excess of energy-product over the energy ‚expended in the production of the labour power of the workers‘“ (Appendix 1, S. 243; MaE, S. 144). Foster und Burkett bemühen sich in ihrer Auseinandersetzung mit der Podolinsky betreffenden Korrespondenz zwischen Marx und Engels um den Nachweis, dass ein solcher „energy-reductionism“ der Marx’schen Idee widerspreche, der zufolge die Produktion von Mehrwert ein „social and material effect specific to capitalism“ sei. Zudem könne sie nicht naturwissenschaftlich bewiesen werden (S. 144).

Das Autorengespann sucht also einen Weg zwischen einer Ökologie, die unmaterialistisch und letztendlich menschlicher Erkenntnis unzugänglich ist, und einer, die naiv naturalistisch daherkommt. Am Ende bleibt jedoch unbeantwortet, was das Ökologische in einem marxistischen Materialismus positiv meinen kann. „The morphology of Marx's materialism is ultimately more ecological than economic”, schreiben Foster und Burkett, „since its aim is to transcend the economic, as that had come to be defined by capitalist class society“ (S. 8). Diese Aussage ruft mehr Fragen auf als sie beantwortet: Bedeutet die Überwindung des Kapitalismus tatsächlich die Überwindung des Ökonomischen? Ist nicht auch der Sozialismus noch ein ökonomisches System? Und ist nicht die Rede vom Stoffwechsel selbst – für Burkett und Foster das Modell der Marx’schen Ökologie – letztlich nur eine ökonomische Metapher und Ausdruck eines sich wandelnden, produzierenden, optimierbaren Organismus? Dafür spricht nicht zuletzt der mäandernde Weg dieser Metapher zwischen Physiologie, Ökologie und politischer Ökonomie, sowie ihre Nähe zum Sinnbild des Geld- und Warenflusses, das um dieselbe Zeit aufkommt.[5]

Foster und Burkett lehnen jeglichen „energetic determinism“ mit großer Bestimmtheit ab. Es bleibt jedoch unklar, wie sich – ganz unmetaphorisch (S. 35 f.)[6] – von einem Stoffwechsel reden lassen soll, ohne vom Materialismus in eine ökologische Gesamtdeutung zu rutschen. Von einem Stoffwechsel zwischen Natur und Gesellschaft zu sprechen, setzt die Annahme einer gemeinsamen Struktur, einer Verbundenheit in materiellen Flüssen sowie von grundlegenden, diese Flüsse regelnden Naturgesetzen voraus. Entgegen Fosters und Burketts Aussage verfügte Marx über keine kohärente Theorie der Natur; eine solche war auch nicht sein Anliegen. Mit Alfred Schmidt kann man hier darauf hinweisen, dass es durchaus nicht immer klar ist, welche Gesetze Marx für universalistisch erachtet, und welche ihm zufolge nur unter den besonderen Bedingungen kapitalistischer Gesellschaften gelten.[7] Aus diesem Grund begreift Schmidt den Stoffwechsel, wo er als Vermittlung der Natur durch den Menschen verstanden wird, als Naturspekulation.[8] An dieser Stelle erweist sich die Ablehnung einer Positivismuskritik nach dem Vorbild der Frankfurter Schule als vorschnell. Wie Schmidt zeigt, hatte für Marx die Ablehnung eines absoluten Naturgesetzes auch einen ideologiekritischen Aspekt, denn es sei „bis heute ein festes Bestandstück der Verteidigung von Herrschaft gewesen, historisch-gesellschaftlich bedingte Tatbestände […] in unabwendbare Naturtatsachen umzufälschen."[9] Die Ökologie gibt vor, für die Natur in ihrer Totalität zu sprechen, sie kann das aber nur – und daran gilt es mit Marx, aber eben auch mit der Frankfurter Schule zu erinnern – mit Hilfe einer in die Gesellschaft und ihre jeweiligen Produktionsverhältnisse eingelassenen Wissenschaft.

Alfred Schmidt, der sich stets gegen eine dogmatische Lesart der Texte von Marx und Engels ausgesprochen hatte, sagte einmal in einer Vorlesung, Marx solle stets im Hinblick auf Fragestellungen gelesen werden, die für uns heute relevant sind.[10] In diesem Sinne haben wir zweifellos Anlass zu fragen, was Marx zu einer Versöhnung von menschlichem Wirtschaften und Natur zu sagen hat – abseits vom neuen Dogma einer historisch-materialistischen Ökologie.

Fußnoten

[1] Teile des Buches wurden schon an anderer Stelle veröffentlicht. Siehe dafür u. a.: The Origins of Ecological Economics: Podolinsky and Marx-Engels, in: Organization and Environment 13 (December 2000), 4, S. 403–425; Ecological Economics and Classical Marxism: The “Podolinsky Business” Reconsidered, in: Organization and Environment 17 (March 2004), 1, S. 32–60; Metabolism, Energy, and Entropy in Marx’s Critique of Political Economy: Beyond the Podolinsky Myth, in: Theory and Society 35 (February 2006), 1, S. 109–156; The Podolinsky Myth: An Obituary: An Introduction to “Human Labour and Unity of Force” by Sergei Podolinsky, in: Historical Materialism 16 (2008), S. 115–161; Classical Marxism and the Second Law of Thermodynamics: Marx/Engels, the Heat Death of the Universe Theory, and the Origins of Ecological Economics, in: Organization and Environment 21 (March 2008), 1, S. 1–35; Marx’s Reproduction Schemes and the Environment, in: Ecological Economics 49 (2004), 4, S. 457–467. Der Band enthält im Appendix außerdem zwei Texte von Sergei Podolinsky, einem ukrainischen Physiker, die nun erstmals in English verfügbar sind, und auf die sich die Autoren bei ihrer Argumentation stützen. Diese sind zuerst erschienen in: Organization and Environment 17 (March 2004), S. 61–75 (translated by Angelo di Salvo and Mark Hudson), sowie in: Historical Materialism 16 (2008), S. 163–183 (translated by Peter Thomas).

[2] Paul Burkett, Marx and Nature. A Red and Green Perspective, New York 1999, S. vii.

[3] Ebd., S. 8.

[4] Burketts Kritik an Schmidt lässt eine gewisse Unkenntnis der Frankfurter Schule vermuten. Siehe dazu Burkett, Nature in Marx Reconsidered. A Silver Anniversary Assessment of Alfred Schmidt's Concept of Nature in Marx, in: Organization and Environment 10 (June 1997), 2, S. 164–183. Für eine Gegenkritik, die auch die Aussagen Fosters über Schmidt einschließt, siehe: Carl Cassegard, Eco-Marxism and the Critical Theory of Nature: Two Perspectives on Ecology and Dialectics, in: Distinktion: Journal of Social Theory 18 (Sep 2017), 3, S. 314–332.

[5] Alfred Schmidt, Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx, Hamburg 2016, S. 109 f. Siehe auch Anson Rabinbach, The Human Motor. Energy, Fatigue, and the Origins of Modernity, New York 1990; Philip Mirowski, More Heat Than Light, Economics as Social Physics, Physics as Nature's Economics, Cambridge 1989.

[6] Vgl. Schmidt, Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx, S. 107.

[7] Ebd., S. 101.

[8] Ebd., S. 95.

[9] Ebd., S. 60.

[10] Siehe den Vortrag „Gegenwartsprobleme einer materialistischen Erkenntnistheorie“ vom 15. Dezember 1970.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz und Kira Meyer.