Auf Korn gebaut

James C. Scott erzählt eine herrschaftskritische Geschichte der Staatsbildung

Im Fokus der Forschungen von James C. Scott[1], der politische Wissenschaft an der Yale Universität gelehrt und dort das Agrarian Studies Program geleitet hat, stehen „Bauern, Selbstversorger und Landarbeiter“.[2] Deren alltäglicher Widerstand gegen Ausbeutung und Unterdrückung[3] „markiert das Thema, welches sich wie ein roter Faden durch seine Forschungstätigkeit zieht“.[4] Mit seinen Arbeiten hat sich Scott einen Namen als Ethnologe mit regionalem Schwerpunkt in Südostasien gemacht. Sein neuestes Buch trägt den Titel „Against the Grain. A deep History of the earliest States“[5] und ist der Entstehung der ersten Staaten gewidmet. Es kann zugleich als ein Beitrag zu einem im französischen Sprachraum unter dem Namen anthropologie politique[6] bekannt gewordenen Forschungsfeld verstanden werden. Mit groß angelegten Studien zur Funktionslogik des Staates („Seeing like a State“[7]) sowie zu Staatsfluchtbewegungen („The Art of not being governed“[8]) hat Scott diesen Forschungsbereich bereits bereichert.

 

I. Scott, Clastres und die anthropologie politique

Im Unterschied zur deutschen Tradition ist mit der anthropologie politique nicht ein mit der anthropologischen Begründung normativer Programmatiken befasster Teilbereich der politischen Philosophie gemeint. Bei der anthropologie politique handelt es sich vielmehr um eine ethnologische Subdisziplin, die der Erforschung politischer Institutionen nicht-europäischer Gesellschaften verpflichtet ist. Mit der Bezeichnung als anthropologie ist zugleich der Anspruch erhoben, nicht nur eine Sammlung außereuropäischer, politischer Institutionen zu sein, sondern deutlich weitreichender grundsätzliche Einsichten über das Wesen der menschlichen Politik, also über das Politische selbst, bereit zu halten.

Ein zentraler Autor dieses Forschungsfeldes war der Südamerika-Spezialist Pierre Clastres (1934–1977). Scott kommt an vielen Stellen in seinen Arbeiten auf ihn zurück. Um den systematischen Einsatzpunkt und damit die Notwendigkeit der unter dem Titel „Against the Grain“[9] veröffentlichten Studie zu verdeutlichen, ist eine Einordnung in den von Clastres aufgespannten, politisch-anthropologischen Denk- und Fragehorizont hilfreich. Einem breiteren Publikum wurde Clastres durch seine Aufsatzsammlung „La Société contre l´État. Recherche d’anthropologie politique“[10] – auf Deutsch als „Staatsfeinde. Studien zur politischen Anthropologie“[11] übersetzt und Mitte der 1970er-Jahre bei Suhrkamp publiziert – bekannt. Im titelgebenden Aufsatz formuliert Clastres die anthropologische Summa seiner bisherigen Forschungen zu den politischen Institutionen segmentär organisierter Bevölkerungsgruppen des brasilianischen Regenwaldes.

Konstitutiv für die anthropologischen Einsichten Clastres über das Politische sind im Wesentlichen drei Dinge:

Erstens geht Clastres davon aus, dass sich zwei und nur zwei Gesellschaftstypen unterscheiden lassen. „Es gibt“, heißt es im Text über Die Gesellschaft gegen den Staat, „einerseits die primitiven Gesellschaften oder Gesellschaften ohne Staat, andererseits die Gesellschaften mit Staat“.[12] Dabei darf die apodiktische Gegenüberstellung der beiden Gesellschaftstypen durchaus als eine sozialontologische These mit globalgeschichtlicher Reichweite verstanden werden. Staatliche Gesellschaften und Gesellschaften gegen den Staat stehen sich in der Menschheitsgeschichte als zwei fundamental unterschiedliche Prinzipien der Gesellschaftsorganisation antagonistisch gegenüber. Letztere zeichnen sich allerdings nicht nur durch ihre Staatslosigkeit, sondern in einem weitergehenden Sinne auch durch ernstzunehmende, gesellschaftliche Anstrengungen aus, Herrschaft – also die Über- und Unterordnung von Menschen – grundsätzlich zu vermeiden. Die Abwesenheit einer staatlichen Organisationsform ist die logische Konsequenz dieser Bemühungen. In ihr dokumentiert sich der gemeinsame Wille, das Zusammenleben unter der Vermeidung von Herrschaft zu realisieren. Clastres spricht deshalb auch nicht bloß defizitär von staatslosen Gesellschaften, sondern eben politisch von Gesellschaften gegen den Staat.

Zweitens sieht Clastres mit dem Heraufdämmern des Staates eine „politische Revolution“[13] am Werk. Die ersten Staatsgründungen stellen einen „politische[n] Schnitt“[14] in der Menschheitsgeschichte dar, der das Politische überhaupt erst konstituiert, indem er die „Frage nach dem Politischen“[15] als Entscheidung für oder gegen eine staatliche Organisation des Sozialen stellt. Die den ersten Staatsgründungen vorangegangene, quasi naturwüchsige, akephale Lebensweise verliert damit ihre Unschuld. Seit der Gründung der ersten Staaten ist jede Gesellschaft mit dem Problem konfrontiert, sich entweder als eine staatliche, und das heißt auch hierarchische, oder als egalitäre, und das heißt auch staatslose, Gesellschaft begründen zu müssen. Für Clastres ist damit die akephale wie die staatliche Organisation des Sozialen gleichermaßen Ausdruck eines politischen Willens, einer bewusst getroffenen Entscheidung für die eine Form des Zusammenlebens – und damit gegen die andere. Er bricht auf diese Weise mit dem klassischen Narrativ des sozialwissenschaftlichen Evolutionismus, das keine politischen Entscheidungen, sondern nur eine gerichtete Entwicklung auf den Staat zu kennt. Die Gesellschaften gegen den Staat erscheinen in diesem Rahmen nur als längst von der Geschichte überholte Überbleibsel vergangener Sozialformen.

Drittens rückt damit die Entstehung des Staates in den Fokus des Interesses. Wenn sich die Menschheitsgeschichte nicht mehr als eine lineare Entwicklung von den ‚primitiven‘, akephalen zu den ‚komplexen‘ Gesellschaften erzählen lässt, sondern sich vielmehr als ein anhaltendes Ringen zwischen zwei, antagonistisch aufeinander bezogenen Prinzipien der gesellschaftlichen Organisation darstellt, dann ist die Entstehung des Staates aus dieser (politischen) Logik heraus zu erklären. Im Text über Die Gesellschaft gegen den Staat räumt Clastres ein, dass er auf dieses Problem noch keine angemessene Antwort geben kann.[16] Er deutet allerdings an, in welche Richtung er eine Lösung der Problemstellung vermutet: Clastres berichtet von der Entstehung einer prophetischen Strömung bei den Tupi-Guarani.[17] Sie habe sich in dem Maß herausgebildet, wie die eigentlich herrschaftsbegrenzende Institution des Häuptlingstums zunehmend Macht akkumulieren konnte. Die als „karai[18] bezeichneten Propheten positionierten sich gegen diese Entwicklung und forderten zum Auszug aus dieser von Machtstreben verunreinigten Welt auf. Mit ihren äußerst überzeugenden Reden konnten sie große Menschengruppen hinter sich vereinigen. Clastres vermutet nun, dass Staatsbildungsprozesse gerade von solchen antiherrschaftlichen, prophetischen Bewegungen ausgehen könnten. Unter dem Deckmantel der Herrschaftsvermeidung akkumulieren sie nämlich selbst Macht.[19] Die Herausbildung des Staates wäre auf der Spur dieser Überlegungen dann als eine Art ‚Betriebsunfall‘ zu verstehen. Staatlichkeit entsteht als ‚nichtintendierte Nebenfolge‘ von Herrschaftsvermeidung und Herrschaftsflucht.

Clastres ist früh gestorben. Er verunglückte 1977 bei einem Autounfall. Seine programmatischen Überlegungen konnte er daher weder systematisch entfalten noch empirisch einholen. Sie sind also Desiderate geblieben. Die seit Ende der 1990er-Jahre von Scott vorgelegten Arbeiten können als ambitionierte und äußerst verdienstvolle Versuche gelesen werden, diesen Faden wiederaufzunehmen und weiterzuentwickeln. Mit „Seeing like a State“[20] hat Scott der Funktionsweise staatlicher Gesellschaften eine große Monografie gewidmet. Im Zentrum dieser Analyse steht vor allem das Bedürfnis des Staates nach Verfügbarkeit. Um für seine planende Tätigkeit einen Zugriff auf die in seinem Staatsgebiet zusammengefassten Menschen, Tiere, Pflanzen und Dinge erlangen zu können, muss der Staat sie messbar machen. Möglich wird das durch Standardisierungen, Angleichungen und Vereinfachungen. Dieser Logik werden die lokalen Wissensbestände, die qualitativen Unterschiede und vor allem die Vielfalt geopfert. In „The Art of not being governend“[21] beschreibt Scott dagegen die Konstitution von Gesellschaften gegen den Staat. Die akephalen Gesellschaften der südostasiatischen Bergregionen werden in dieser Studie nicht als Überbleibsel ursprünglicher Lebensweisen betrachtet. Vielmehr wird aus dem archäologischen Material und historischen Dokumenten rekonstruiert, wie sich diese Gesellschaftsgruppen dezidiert aus der Ablehnung einer staatlichen Lebensweise heraus begründet haben. Die akephale Lebensweise wird so empirisch materialreich als Ausdruck eines politischen Bedürfnisses präsentiert, nämlich des Bedürfnisses selbstbestimmt und frei leben zu wollen. Mit „Against the Grain“[22] hat Scott nun eine Monografie vorgelegt, die der von Clastres her bislang noch offen gebliebenen Frage nach der Entstehung der ersten Staaten verpflichtet ist.

 

II. Against the Grain

Die Studie Against the Grain versteht sich als eine – wie es im Untertitel heißt – „deep history of the earliest states“.[23] Ihr Ziel ist es, den (politischen) Entstehungskontext von Staatlichkeit zu ergründen. Sie fokussiert daher vor allem die frühesten Staaten und deren Vorgeschichte in Mesopotamien. Dass Scott dazu vor allem von den gesellschaftlichen Subsistenzgrundlagen her denkt, vermag angesichts seiner professionellen Verankerung in den Agrarian Studies nicht zu verwundern. Möglich wurde eine solche Untersuchung durch methodische Fortschritte in der Archäologie und den mit ihr verbundenen Disziplinen, die zu neuen Forschungsergebnissen geführt haben. Angesichts der neuen Sachlage mussten bislang als sicher geltende Wissensbestände teils grundsätzlichen Revisionen unterzogen werden.[24] Revisionsbedürftig ist vor allem das von Scott als „classical civilizational narrative“[25] skizzierte Schema, demzufolge die Menschheit im Zuge der neolithischen Revolution zunächst Pflanzen und Tieren domestiziert habe. Erst auf dieser Grundlage konnten die Menschen sesshaft werden. Aus der Sesshaftigkeit sei schließlich unmittelbar und notwendig die Entstehung von Staaten gefolgt.[26] Sie werden als Garanten sozialer Ordnung und damit von Sicherheit und Freiheit verstanden. Normativ erhebt diese Erzählung den Staat zum Telos des Zivilisationsprozesses. In der Zivilisationserzählung bildet er den schärfsten Kontrast zu den ‚wilden‘ Gesellschaften. Sie sind dann nur mehr ein menschheitsgeschichtliches Überbleibsel, ein zu überwindender ‚Naturzustand‘. Diese Zivilisationserzählung prägt nicht nur bis heute den sozial- und geisteswissenschaftlichen Diskurs, sie ist darüber hinaus auch eine, wenn nicht vielleicht sogar die zentrale Selbstvergewisserungsformel euro-amerikanischer Gesellschaften. Allerdings – und das ist die archäologisch gesättigte Grundmelodie von Scotts Buch – ist daran nur wenig richtig. „Given what we now know“, schreibt Scott, „much of this narrative is wrong or seriously misleading“.[27] Der metaphorischen Bedeutung seines Titels nach ist Against the Grain also ein kritisches Unternehmen, das angesichts der neuen Forschungsergebnisse der Archäologie die Geschichte der menschlichen Zivilisation und damit auch die Geschichte der (notwendigen) Staatsentstehung gegen den Strich bürstet.

Wie genau sehen nun aber die archäologischen Einsichten aus, die es Scott erlauben, das klassische Zivilisationsnarrativ zu dekonstruieren?

Im ersten Kapitel des Buches richtet Scott sein Interesse auf die Frage der Domestizierung. Er wendet sich zunächst gegen die Vorstellung, dass Menschen die Pflanzen- und Tierzucht plötzlich erfunden haben. Vielmehr habe die Menschheit schon seit ihren Anfängen gezielt in die Natur eingegriffen. Entsprechend müsse die Domestikation spätestens seit der Verwendung des Feuers vor über 400.000 Jahren der Menschheitsgeschichte parallel geführt werden. Anthropologisch ist der Mensch durch eine ausgeprägte Veranlagung zur „niche construction“[28] ausgezeichnet. Als Kulturwesen schafft er sich seine Umwelt immer schon selbst. Was sich daher bereits in der vorstaatlichen Zeit findet, ist eine „deliberate disturbance ecology in which hominids create, over time, a mosaic of biodiversity and a distribution of desirable resources more to their liking“.[29] Auf diese Weise erschlossen sich die Menschen Zugänge zu verschiedenen, sehr weit aufgespannten Nahrungsmittelnetzen. Für Scott ist es gerade diese Vielfalt der Subsistenzmöglichkeiten, die der Menschheit in der vorstaatlichen Zeit ein hohes Maß an Versorgungssicherheit – und damit auch an Gesundheit und Stabilität – garantierte.

Den Zusammenhang von Vielfalt und Versorgungssicherheit kann Scott dann bis in die Zeit der ersten menschlichen Siedlungen hinein verfolgen. Hinweise auf eine sesshafte Lebensweise finden sich bereits 9.600 v.d.Z.[30]: Im Gegensatz zum klassischen Zivilisationsnarrativ zeigt die jüngere, archäologische Forschung allerdings, dass Landwirtschaft und Viehhaltung keine notwendige Bedingung für Sesshaftigkeit waren. Sesshaftigkeit, notiert Scott, „[…] long predates the domestication of grains and livestock and often persists in settings where there is little or no cereal cultivation“.[31] Und auch die zivilisationstheoretische Annahme, aus der sesshaften Lebensweise sei unmittelbar und mit Notwendigkeit der Staat hervorgegangen, erweist sich archäologisch als falsch. Zwischen der Entstehung erster urbaner Siedlungen im Gebiet zwischen Euphrat und Tigris und der Ausbildung staatlicher Gemeinwesen vergingen über 4.000 Jahre. Von einem unmittelbaren Zusammenhang kann also nicht die Rede sein. Um diese Verzögerung zu erklären, hilft wiederum die archäologische Forschung weiter. Im Gegensatz zu älteren Annahmen kann heute davon ausgegangen werden, dass Mesopotamien vor über 8.000 Jahren ein feuchtes und überaus fruchtbares Schwemmland war. Scott argumentiert nun, dass gerade dieses Schwemmland eine sehr reichhaltige, natürliche Ressource für eine sesshafte Lebensweise war. Sie entband die Menschen von der Notwendigkeit, ihren Früchten und Tieren hinterherzuziehen und bot die Möglichkeit, ein auf unterschiedlichen und vielfältigen Nahrungsmittelnetzen basierendes, sesshaftes Leben zu führen. Auf dieser Grundlage wurde eine von all zu harten Subsistenzzwängen befreite, arbeitsarme Lebensweise möglich. Erst später kamen Landwirtschaft und Viehzucht als zusätzliche Nahrungsquellen hinzu, ohne jedoch zur einzigen Nahrungsmittelquelle zu werden. Eine vollständige Umstellung der Subsistenzweise auf Feldanbau, so Scott, sei lange Zeit vermieden worden, weil das eine massive Erhöhung der Arbeitslast und damit eine Zunahme von Zwängen zur Folge gehabt hätte.[32]

Das zweite Kapitel nimmt nun die frühen Siedlungen im mesopotamischen Schwemmland genauer in den Blick. Ihre Existenzgrundlage bilden durchaus unterschiedliche Subsistenzweisen. Sie reichten von Jagen, Sammeln und Fischen bis hin zu Ackerbau und Viehzucht, wobei ihre gleichberechtigte Koexistenz entscheidend ist. Tatsächlich garantierte gerade ihr flexibler Einsatz die Stabilität dieser ersten Siedlungen. Scott vertritt die These, dass die frühe Siedlung – er spricht vom „domus“[33] – ein regelechtes „module of evolution“[34] gewesen sei. „The domus“, erläutert Scott, „was a unique and unprecedented concentration of tilled fields, seed and grain stores, people, and domestic animals, all coevolving with consequences no one could have possibly foreseen“.[35] Das „domus“[36] konzentrierte auf einer kleinen Fläche Menschen, Tiere und Pflanzen, was wechselseitige Anpassungsleistungen zur Folge hatte: Pflanzen und Tiere adaptierten sich an die neue Umwelt und gerieten dadurch in die Abhängigkeit zum Menschen. Zugleich gerieten die Menschen aber auch in die Abhängigkeit zu den von ihnen gezüchteten Pflanzen und Tieren. Damit wurden die Schwemmlandsiedlungen zu einem Ort komplexer und beschleunigter, physischer, psychischer und kultureller Evolution.

Da die frühen Siedlungen Mesopotamiens über eine stabile Nahrungsgrundlage verfügten, wäre ein Anstieg der Bevölkerung zu erwarten. Historisch dokumentieren die archäologischen Funde jedoch eine andere Entwicklung. Die folgenden vier Jahrtausende sind durch eine Stagnation des Bevölkerungswachstums gekennzeichnet. Das dritte Kapitel nimmt diesen Befund auf und versucht eine Erklärung dafür zu liefern. Wiederum tritt die Verdichtungsleistung der frühen Siedlungen in den Fokus der Aufmerksamkeit. Es seien, so Scott, die „conditions of crowding“[37], die für die Stagnation des Bevölkerungswachstums verantwortlich gewesen seien. Die historisch beispiellose Konzentration von Menschen, Tieren und Pflanzen auf kleinstem Raum führte sowohl innerhalb der Spezies wie auch zwischen den Spezies zur Entstehung neuer Krankheiten und deren Verbreitung. Zudem herrschte eine höhere Sterblichkeit. Verschärft wurde die Situation durch das allmähliche Austrocknen des mesopotamischen Schwemmlandes. Die bisher weitgespannten Versorgungsnetze der Siedlungen schrumpften und reduzierten sich maßgeblich auf Kornanbau und Viehhaltung. Es entstand das „neolithic grain and manpower module“.[38] Sein Effekt war eine schlechtere Ernährung, die zu Mangelerscheinungen und größerer Krankheitsanfälligkeit führte. Die auf Landwirtschaft und Viehhaltung basierende Sesshaftigkeit erwies sich zunehmend als höchst prekäre und gefährliche Lebensweise. Die Arbeitslast nahm zu, während die Möglichkeit zur ausreichenden und vor allem ausgewogenen Ernährung abnahm. Im Ergebnis waren die Menschen des „neolithic grain and manpower module“[39] sowie ihre Tiere und Pflanzen anfälliger und kränker als Lebewesen außerhalb der menschlichen Siedlungen. Die frühen Siedlungen entwickelten sich mithin zu einer lebensbedrohlichen Falle. Ihr Fortbestehen hätte höchst unwahrscheinlich sein müssen.

Historisch trat hingegen genau der unwahrscheinliche Fall ein. Die menschlichen Siedlungen bestanden fort. Möglich wurde das durch den Staat. Mit dem vierten Kapitel ist daher die Phase der Staatsgründungen erreicht. Zwischen dem Staat und den ersten menschlichen Siedlungen bestand, so Scott, eine Wahlverwandtschaft („elective affinity“[40]). Die Entstehung der ersten Staaten ging auf eine wichtige Entdeckung zurück, nämlich dass das „neolithic grain and manpower module“[41] eine einzigartige Konzentration von Arbeitskraft, fruchtbarem Land und Nahrung darstellt, die „if ‚captured‘ – ‚parasitized‘ might not be too strong a word – could be made into a powerful node of political power and privilege“.[42] Der Staat – Scott versteht darunter zumindest eine stratifizierte Gesellschaftsorganisation mit einer herrschenden Schicht und einem System der Steuereintreibung[43] – war demnach eine Erfindung gesellschaftlicher Eliten. Sein Zweck war primär die ökonomische Ausbeutung des „neolithic grain and manpower module“ durch die Eintreibung von Steuern. Wenige vermochten so ein von den unmittelbaren Existenzzwängen befreites Leben auf Kosten hart arbeitender Vieler zu führen. Ein Zwangsregime entstand, das etwa in den Stadtmauern und Schrifttafeln seine archäologischen Spuren hinterlassen hat. Es war darauf angelegt, den Kornproduzent*innen ein Surplus ihrer Arbeitsprodukte abzupressen. Für Scott liegt darin auch der Grund, warum die frühen Staaten alle zusammen kornbasierte Staaten waren.[44] Der Kornanbau war für die Erhebung von Steuern ideal.[45] Korn reift zur gleichen Zeit an der Oberfläche, ist leicht zu ernten, leicht zu transportieren, im Vergleich zu anderen Lebensmitteln zudem haltbar und lässt sich genau aufteilen. „Against the Grain“ hat daher auch eine wörtliche Bedeutung: Indem Scott die Grundlagen des Staates bis auf den Kornanbau zurückverfolgt, kennzeichnet und problematisiert er das Wesen des Staates als Ausbeutungsmaschine. Für die landwirtschaftlichen Siedlungen des mesopotamischen Schwemmlandes bedeutete der Staat daher nur ein weiteres Übel. Er verbesserte ihre Lage nicht, sondern verschlechterte sie durch Steuern und Zwangsarbeit.[46] Allerdings ist der Staat zugleich der Faktor, der entscheidend zur Stabilisierung dieser an sich prekären Lebensweise beiträgt.

Das fünfte Kapitel ist dem mit dem Staat notwendig verbundenen Regime der Zwangsarbeit gewidmet. Es befasst sich mit der Frage, wie die frühen Staaten ihre Arbeitsbevölkerung erworben und kontrolliert haben. Ein großes Problem war die Staatsflucht. Da der Staat weiten Bevölkerungsteilen maßgeblich als Ausbeutungs- und Zwangsapparat entgegentrat, versuchten sie sich seiner Herrschaft zu entziehen. Das führte – neben den Populationseinbußen, die durch schlechte Ernährung und Ansteckung mit tödlich verlaufenden Krankheiten verursacht wurden – zu einem ständigen Bevölkerungsschwund. Der Staat war deshalb fortlaufend damit beschäftigt, die Menge an Arbeitskräften aufzustocken[47] – und zwar durch die Versklavung von Kriegsgefangenen sowie die Gefangennahme und den Kauf von Menschen zur Versklavung. Rund um die frühen Städte entfaltete sich folglich eine ganze Ökonomie der Sklaverei. „No slavery, no state“,[48] heißt es knapp bei Scott. Neben Sklaverei kam der Zwangsarbeit eine wichtige Rolle zu. Durch Verschuldung oder Umsiedlungsmaßnahmen wurden Individuen oder ganze Bevölkerungsgruppen unter die Kontrolle des Staates gebracht. Im Laufe der Zeit entstand so eine für die frühen Stadtstaaten charakteristische, hierarchische Schichtung, an deren oberen Ende die Staatselite stand. In der Mitte sortierten sich die mit der schweren Landarbeit betrauten Bevölkerungsschichten ein, während am Boden der Bevölkerungspyramide zur Sklaverei gezwungene Menschen die ehrlosen und gefährlichen Arbeiten ausführten. Mit Blick auf die staatlich verzerrte Zivilisationserzählung zeigt sich hier, dass der Staat mitnichten der Garant von sozialer Ordnung, Freiheit und Sicherheit war. Ganz im Gegenteil entpuppt er sich in erster Linie als ein Ausbeutungsmechanismus, der den verschiedenen, unterworfenen Bevölkerungsschichten kraft eines elaborierten Zwangsapparates hohe Arbeitsleistungen abpresste. Das Leben unter staatlicher Herrschaft war für die meisten Menschen demnach alles andere als frei, sondern – ganz im Gegenteil – gefährlich, entbehrungsreich und voller Zwänge.

Das sechste Kapitel befasst sich mit der Fragilität der frühen Staaten. Archäologisch ist auffällig, dass die ersten Staaten selten von langer Dauer waren. Sie scheinen immer wieder in sich zusammengefallen sein. Daher diskutiert Scott diejenigen Faktoren, die Staatlichkeit von innen heraus limitieren. Neben den Fluchttendenzen der Bevölkerung listet er Krankheiten, Abholzung und Versalzung der Böden als mögliche Ursachen auf.[49] Dabei spricht sich Scott gegen eine Deutung der Auflösungsprozesse von Staatlichkeit aus, die sie als zivilisatorische oder kulturelle Zusammenbrüche auffasst.[50] Tatsächlich lasse sich der Staatszerfall besser als ein Vorgang der Dezentralisierung[51] begreifen, der möglicherweise mit dem Verschwinden der ausbeutenden Elite, mit einer Verbesserung der Lebenssituation der Bevölkerung, mit besserer Ernährung sowie minimierter Arbeitsbelastung und am Ende sogar mit einer lebendigeren Kultur einherging.

Das siebte Kapitel wendet sich schließlich mit den ‚Barbaren‘[52] den Antagonisten des Staates zu. Die Entstehung der ersten Staaten führte auch zur Entstehung von Staatsfluchtbewegungen. Menschen versuchten, sich dem staatlichen Zugriff zu entziehen, indem sie in Landschaften flüchteten, die staatlicher Herrschaft nur schwer zugänglich waren. Mit Clastres spricht Scott von einem „secondary primitivism“[53]: „A great many barbarians, then, were not primitives who had stayed or been left behind, but rather political and economic refugees who had fled the periphery to escape state induced poverty, taxes, bondage, and war“.[54] Zugleich, so argumentiert Scott, haben diese außerhalb der vom Staat geformten und kontrollierten Landschaft[55] lebenden ‚Barbaren‘ den Staat als Ressource für sich entdeckt. Er beschreibt sie als hochspezialisierte Nahrungssammler*innen, denen natürlich nicht entgangen war, dass in den staatlichen Zentren große Mengen verwertbarer Güter zusammengetragen wurden. Folglich waren die mesopotamischen Stadtstaaten immer wieder ein Ziel großangelegter Raubzüge.[56] Neben dem Umstand, ein Ort prospektiven Ressourcendiebstahls zu sein, war der Stadtstaat für die ‚Barbaren‘ aber auch als Handelspartner interessant. Sie tauschten mit ihm Rohstoffe, die aus den für den Staat nicht zugänglichen Gegenden stammten. Diese ‚on/off‘-Beziehung der ‚Barbaren‘ zum Staat führte zu einer Situation, in der sie die Vorzüge beider Welten genießen konnten. Ohne sich dem staatlichen Zwangsregime aussetzen zu müssen, konnten sie dennoch von seinen Produkten profitieren. Scott spricht deshalb von einem „golden age for barbarians“,[57] räumt allerdings ein, es sei nur von kurzer Dauer gewesen. Die ‚Barbaren‘ tauschten freilich nicht nur Rohstoffe mit dem Staat. Um die staatliche Nachfrage nach Arbeitskräften zu befriedigen, gingen sie auch auf Sklavenjagd. Außerdem stellten sie sich den Kriegsinteressen der staatlichen Eliten zur Verfügung. So gerieten die ‚Barbaren‘ selbst zunehmend in eine Abhängigkeit zum Staat. Das führte schließlich, so das Argument Scotts, zum Niedergang des „golden age for barbarians“.

 

III. Einschätzung

Auch wenn Scott seine Studie als eine Kritik des „classical civilizational narrative“[58] und damit als einen Einspruch gegen den Evolutionismus der Sozialwissenschaften präsentiert, scheint es sich doch nicht um eine generelle Ablehnung jedes Evolutionsdenkens zu handeln. Vielmehr erweckt seine Argumentation den Eindruck, als stehe die Gründung der frühesten Staaten – angelehnt an die aus der politischen Anthropologie Clastres bekannte, apodiktische Unterscheidung zwischen Gesellschaft mit und gegen den Staat – zugleich auch für eine Konfrontation zweier sich unvereinbar gegenüberstehender Modi kultureller Evolution. Im ersten Fall handelt es sich um einen auf dem Prinzip der Vielfalt, im zweiten um einen auf dem Prinzip der Einfalt basierenden evolutionären Modus.

Für Scott zeichnet sich der Mensch, wie bereits erwähnt, durch seine Fähigkeit der „niche construction“[59] aus. Er ist ein kulturelles Wesen, das in jede seiner Umwelten gestaltend eingreift. Insofern schafft der Mensch sich selbst das jeweilige Milieu seiner evolutionären Entwicklung. Scott spricht daher von einer „self-domestication“[60] des Menschen. Diese anthropologische Bestimmung trifft sowohl für den vorstaatlichen wie den staatlichen Zustand zu. Beide Gesellschaftsformen sind Ausdruck menschlicher Kulturleistung. In der vorstaatlichen Zeit sind die vom Menschen selbstgeschaffenen Existenznischen allerdings durch die Vielfalt ihrer Ressourcen charakterisiert. Sie korreliert mit der Vielfalt möglicher Subsistenzweisen. Für Scott ist diese Vielfalt die Grundlage einer arbeits- und risikoarmen Überlebens- und Entwicklungsstrategie. Fallen einzelne Nahrungsressourcen aus, können solche Einbußen mühelos durch die Erschließung anderer kompensiert werden. Zugleich ist die Vielfalt der Nahrungsmittelnetze Scott zufolge die Basis einer kontinuierlichen – das heißt abgesicherten und daher wenig anfälligen – physischen, psychischen und kulturellen Evolution der Gattung. Selbst die ersten Siedlungen beruhen auf diesem Prinzip der Vielfalt. Die Konzentration verschiedener Pflanzen, Tieren und Menschen an einem Ort hat die evolutionären Vorgänge sogar noch beschleunigt. Scott bezeichnet die ersten Ansiedlungen daher auch als „module[s] of evolution“.[61] Politisch war die Vielfalt der Nahrungsmittel sogar ein Garant für die Autonomie dieser Siedlungen und ihrer Mitglieder. Die Diversität der Nahrungsressourcen machte sie für politische Herrschaft unverfügbar: Einerseits erlaubte die Nahrungsmittelfülle und -diversität rund um die Siedlung den Menschen, sie jederzeit zu verlassen, um sich dem herrschaftlichen Zugriff zu entziehen, andererseits musste jeder für die Errichtung staatlicher Herrschaft essentielle Versuch einer Besteuerung bestimmter Nahrungsmittel scheitern, weil die Bewohner*innen der Siedlungen nicht auf eine einzige Nahrungsressource angewiesen waren. Sie konnten bei Bedarf auch auf andere Nahrungsmittel ausweichen und das Sammeln oder den Anbau der besteuerten Nahrungsmittel einstellen.

Der Staat – so ließe sich Scotts Darstellung interpretieren – steht nun für einen anderen, gegenteiligen Modus kultureller Evolution. Seine Entstehung ist eng mit der Geschichte der frühen Siedlungen verknüpft. Das stationäre Leben beschränkte die Reaktionsmöglichkeiten auf Umweltveränderungen. Unter ungünstigen klimatologischen oder geografischen Bedingungen konnte das Land um die Siedlung herum seiner Ressourcenfülle verlustig gehen, womit die diversifizierten Nahrungsmittelnetze entfielen. Wer sich jetzt nicht wieder in Bewegung setzte, saß in seiner Siedlung fest. Es entstand eine vollständige Abhängigkeit von Viehzucht und vor allem von Landwirtschaft. Insbesondere der Anbau von Korn sicherte nunmehr die Lebensgrundlage der Siedlung. Der Boden wurde zur zentralen Ressource der Subsistenz. Die sesshaft gewordenen Menschen waren damit an ihn gebunden. Die Siedlung wurde zur Falle. In ihr führten die Menschen fortan ein hartes, arbeitsames Leben, das ständig von der nächsten Missernte und dem Hungertot bedroht war.

Die von Scott beschriebene Wahlverwandtschaft zwischen dem „neolithic grain and manpower module“[62] und der Staatsidee verweist, was ihren Ursprung anlangt, auf genau diese fragile Situation. Einmal vom Kornanbau abhängig, können sich die Siedlungsbewohner*innen dem äußeren Zugriff nicht mehr entziehen, was die Möglichkeit eröffnete, ihnen im Dienste einer von der Feldarbeit entlasteten Elite Mehrarbeit abzupressen. Trifft diese Rekonstruktion zu, lässt sich der von Clastres behauptete „politische Schnitt“[63] genauer spezifizieren: Es handelt sich um die doppelte Erkenntnis, dass die frühen Siedlungen eine Ansammlung ausbeutbarer Arbeitskräfte darstellen und dass Korn sich durch seine spezifischen Eigenschaften in besonderer Weise dazu eignet, die von den Arbeitskräften abgepresste Mehrarbeit einzuziehen. Aus diesem Grund sind die frühen Staaten auch alle „grain states“.[64]

Der auf Kornanbau basierende Staat bildet mithin den Ausgangspunkt einer folgenreichen und höchst problematischen Entwicklung: Durch seine Instituierung als Ausbeutungsmechanismus stützt er einen in seiner Einseitigkeit höchst fragilen Zustand. Der grain state erbt gewissermaßen alle Schwierigkeiten des „neolithic grain and manpower module“.[65] Das ist zunächst die eingeschränkte Nahrungsmittelgrundlage, die zu Mangelernährung und Krankheiten führt. Sie setzt die gesamte Gesellschaft dem tödlichen Risiko von Missernten und Hungersnöten aus. Dazu kommt ein hohes Maß an Zwang, das nötig ist, um den Feldarbeiter*innen neben ihrer ohnehin schon hohen Arbeitsleistung das notwendige Surplus abzuringen. Die frühen Staaten sind demnach höchst instabile und verletzbare Konstruktionen. Dennoch bilden sie den Kern einer anderen, durch das Prinzip der Einfalt charakterisierten Entwicklung: Die dem Staat mitgegebenen Probleme lassen sich nur wieder mit staatlichen Mitteln beheben. Eine sich fortlaufend selbstverstärkende Dynamik mit immer neuen Folgeproblemen bildet sich heraus. Die einseitig auf Korn basierende Nahrungsgrundlage macht deren Absicherung nötig. Unter staatlicher Anleitung werden Bewässerungsanlagen errichtet. Das erfordert die Mobilisierung weiterer Arbeitskräfte mit dem doppelten Ergebnis, dass der Bedarf an Korn steigt und die Arbeitslast der Untergebenen weiter anwächst. Der Staat reagiert mit Rationalisierungsschüben: Der Feldanbau, die Steuereintreibung wie auch die Überwachung der Arbeitskräfte muss effektiver werden. Der staatliche Verwaltungsapparat braucht dazu Aufstellungen über sein Ackerland. Er muss zudem die Einnahmen und Ausgaben wie auch die geleistete Arbeit der Untergebenen zählen und dokumentieren können. Dazu bedarf es der Standardisierung der Feldarbeit, der Maße und Gewichte. Außerdem braucht es eine Art Schrift. Aus der einfältigen Nahrungsgrundlage folgt also eine Standardisierung und Homogenisierung der Landschaften, Güter und Menschen. Scott hat diese staatliche Tendenz zur Vereinfachung und Homogenisierung in „Seeing like a state“[66] ausführlich beschrieben.

Was sich also ausgehend von der Ausbeutung des „neolithic grain and manpower module“[67] entfaltet, ist eine auf dem Prinzip der Einfalt beruhende, staatlich gehegte, soziokulturelle Evolution. Sie verdrängt zunehmend das auf Vielfalt beruhende, kulturelle Evolutionsgeschehen. Der Staat schafft und befestigt so den Rahmen einer autodestruktiven Dynamik. Durch ihre Einseitigkeit ist die staatlich gehegte Evolution höchst anfällig. Das Leben der menschlichen Gattung ist dadurch zugleich wesentlich unfreier und riskanter geworden. Es handelt sich damit um eine prekäre Form der Evolution, insofern sie die extreme Verletzbarkeit zum gattungsgeschichtlichen Normalzustand erhebt.

In epistemischer Hinsicht ist damit eine merkwürdige Vereinseitigung des Denkens verbunden. Parallel zur Entstehung des Staates entwickelt sich eine von den staatlichen Eliten getragene und daher mit Geltungsmacht ausgestattete Legitimationserzählung. Sie präsentiert den Staat als Telos des gattungsgeschichtlichen Entwicklungsprozesses. Daraus formiert sich etwas, das mit Pierre Bourdieu als „Staatsdenken“[68] bezeichnen werden kann. Dessen Wirkungen können bis heute nachvollzogen werden. Scotts Studie lässt sich als eine Intervention gegen dieses Staatsdenken verstehen. Indem er innerhalb der menschlichen Geschichte zwei Modi der kulturellen Evolution – den Modus der Vielfalt und den vom Staat gehegten Modus der Einfalt – unterscheidet, gewinnt er ein kritisches Modell. Es erlaubt ihm, die Entstehung und Fortentwicklung des Staates auf Grundlage des Denkens soziokultureller Evolution in gattungsgeschichtlicher Hinsicht zu problematisieren. Beim Staat, so könnte dann mit Scott argumentiert werden, handelt es sich um eine aus der Evolution hervorgegangene, evolutionäre ‚Fehlentwicklung‘ und ganz bestimmt nicht um deren Telos. Diese radikale Perspektivenumkehr schafft nun Platz für das, was wir durch die staatlich verzerrte Evolutionserzählung aus den Augen verloren haben: Das Wissen um die Bedeutung und die evolutionären Vorzüge der Vielfalt. Es eröffnet den Ausblick auf die Möglichkeit einer nicht-gerichteten, aber zugleich weniger krisenanfälligen, kulturellen Evolution der menschlichen Gattung.[69]

Fußnoten

[1] Eine kenntnisreiche und instruktive Auseinandersetzung mit den Arbeiten Scotts findet sich in: Ferdinand Sutterlüty, Die Waffen der Schwachen. Widerstandskulturen im Werk von James C. Scott, in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung 1 (2014), S. 131–146.

[2] Ebd., S. 131.

[3] Vgl. bspw.: James C. Scott, Weapons of the Weak. Everyday Forms of Peasant Resistance. New Haven / London 1985; James C. Scott, Domination and the Arts of Resistance, New Haven / London 1990.

[4] Sutterlüty, Die Waffen der Schwachen, S. 131.

[5] James C. Scott, Against the Grain. A Deep History of the Earliest States, New Haven/ London 2017.

[6] Vgl. dazu klassisch die Darstellung in: Georges Balandier, Politische Anthropologie, München 1976.

[7] Vgl. James C. Scott, Seeing like a State. How certain Schemes to improve the Human Condition have failed, New Haven / London 1998.

[8] Vgl. James C. Scott, The Art of not being governed. An anarchist History of upland Southeast Asia, New Haven / London 2009.

[9] Vgl. Scott, Against the Grain.

[10] Pierre Clastres, La Société contre l’État. Recherche d’anthropologie politique, Paris 2011 (1. Aufl. 1974).

[11] Pierre Clastres, Staatsfeinde. Studien zur politischen Anthropologie, Frankfurt am Main 1976.

[12] Clastres, Staatsfeinde, S. 190.

[13] Ebd., S. 192.

[14] Ebd.

[15] Ebd., S. 189.

[16] Vgl. Clastres, Staatsfeinde, S. 195.

[17] Vgl. ebd., S. 205.

[18] Ebd., S. 206 (kursiv i.O.).

[19] Vgl. ebd., S. 208.

[20] Scott, Seeing like a State.

[21] Scott, The Art of not being governend.

[22] Scott, Against the Grain.

[23] Ebd.

[24] Vgl. ebd., S. xi.

[25] Ebd., S. 40.

[26] Vgl. ebd., S. xi.

[27] Ebd., S. 2.

[28] Ebd., S. 40.

[29] Ebd.

[30] Vgl. ebd., S. 43-44.

[31] Ebd., S. 46.

[32] Vgl. ebd., S. 58.

[33] Ebd., S 73.

[34] Vgl. ebd., S. 73.

[35] Ebd., S. 73.

[36] Ebd.

[37] Ebd., S. 100.

[38] Ebd., S. 116.

[39] Ebd.

[40] Ebd., S. 117.

[41] Ebd., S. 116.

[42] Ebd., S. 117.

[43] Vgl. ebd., S. 118.

[44] Vgl. ebd., S. 128.

[45] Vgl. ebd., S. 129.

[46] Vgl. ebd., S. 123.

[47] Vgl. ebd., S. 155.

[48] Ebd., S. 156.

[49] Ebd., S. 191 ff.; S. 195 ff.

[50] Vgl. ebd., S. 186.

[51] Vgl. ebd.

[52] Im Text macht Scott deutlich, dass es sich bei der Bezeichnung ‚Barbar‘ um den staatlichen Sprachgebrauch handelt. Diese Zuschreibung verrät daher mehr über das Selbstverständnis staatlicher Gesellschaften als über die Lebensweise der so bezeichneten. In der Abgrenzung zu den ‚Barbaren‘ versichern sich die staatlichen Gesellschaften ihres Selbstbildes als Orte der Kultur, der Freiheit und der Sicherheit. Aus der bisherigen Darstellung sollte jedoch deutlich geworden sein, dass für Scott das genaue Gegenteil der Fall ist.

[53] Ebd., S. 232.

[54] Ebd., S. 234.

[55] Vgl. dazu Scott, Seeing like a State, S. 11–52.

[56] Vgl. Scott, Against the Grain, S. 236 ff.

[57] Ebd., S. 253.

[58] Ebd., S. 40.

[59] Ebd.

[60] Ebd., S. 84.

[61] Vgl. ebd., S. 73.

[62] Ebd., S. 116.

[63] Clastres, Staatsfeinde, S. 192.

[64] Scott, Against the Grain, S. 128.

[65] Ebd., S. 116.

[66] Scott, Seeing like a State.

[67] Scott, Against the Grain, S. 116.

[68] Pierre Bourdieu, Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns, Frankfurt am Main 1998, S. 93.

[69] Diese Rezension ist anlässlich einer Einladung in das Hannoveraner Kolloquium von Rainer Schmalz-Bruns entstanden. Aus der dortigen Kolloquiumsdiskussion habe ich wichtige Impulse für die Abfassung dieses Textes erhalten. Mein Dank gilt daher den Kolloquiumsteilnehmer*innen, insbesondere Rainer Schmalz-Bruns, Oliver Eberl und Sebastian Huhnholz. Für sein Interesse an diesem Text und den damit verbundenen Fragen danke ich Axel T. Paul.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.