Aus Walter Benjamins Werkstatt

Rezension zu "Material und Begriff. Arbeitsverfahren und theoretische Beziehungen Walter Benjamins"

Das Interesse der Forschung an Walter Benjamins „Material“ ist sicherlich kein neues. Tatsächlich gehört die intensive Auseinandersetzung mit den von Benjamin genutzten Quellen, Vorlagen, Themen und Stoffen zu dem wundersamen „Nachleben“ des Autors, dessen Werk zum Großteil erst aus seinen schriftlichen Hinterlassenschaften gehoben werden musste.[1] Man denke nur an die Geschichte des berühmt-berüchtigten, Fragment gebliebenen Passagen-Werks, dessen Quellenbasis Rolf Tiedemann, einer der Herausgeber von Benjamins Gesammelten Schriften, in jahrelanger Kleinarbeit mühsam rekonstruiert hat.[2] Oder an Susan Buck-Morss’ Buch Dialectics of Seeing, in dem sie Benjamins „never-written work“ durch das Studium der von ihm benutzten Quellen in der Bibliothèque nationale de France auf die Spur zu kommen sucht.[3] Ein Großteil des von Herausgebern und Interpreten gesammelten und rekonstruierten Wissens über die Arbeitsprozesse Benjamins führt jedoch nach wie vor eher ein Schattendasein jenseits selbständig publizierter Monografien oder Aufsätze: in Briefwechseln, Interviews, editorischen Apparaten oder Fußnoten. Der jüngst erschienene Sammelband Material und Begriff führt nun eindrucksvoll vor Augen, dass es sich lohnt, Benjamins Materialstudien und Arbeitsverfahren in all ihrer Vielfältigkeit aus interdisziplinärer Perspektive in den Blick zu nehmen – hier lässt sich noch viel lernen.

Das gilt insbesondere für Benjamins eigene Arbeitsweise. Deren „Spezifikum“ sehen die Herausgeber laut Vorwort in der „Auseinandersetzung mit politischen Gruppierungen, sozialen Bewegungen und einer transnationalen Literaturgeschichte, denen er entlang unterschiedlicher Materialien ein intensives Studium widmete“ (S. 9). Unter „Materialien“ werden dabei Quellen wie „Zeitschriften und Monografien, rezensierte Fachliteratur zur Pädagogik ebenso wie zur Geschichte der Kunst, Literatur oder Architektur, […] Reiseliteratur, philosophische Arbeiten, Lyrik- und Erzählbände, Theaterstücke, Fibeln und Romane“ gefasst (ebd.). Leitend ist dabei die Absicht, mittels der von Benjamin rezipierten Literatur und seiner persönlichen Beziehungen erhellende Einblicke in dessen facettenreiche Interessengebiete zu gewinnen. Dabei wird von den Herausgebern allerdings kein eng definierter Begriff des „Materials“ vorangestellt, an dem sich alle Beiträge auszurichten hätten. Vielmehr gewinnt der Band seine intellektuelle Spannkraft aus dem Bemühen, das Verhältnis von Materialarbeit und Begriffsbildung in den einzelnen Artikeln jeweils anhand verschiedener Gegenstände konkret zu entfalten. Auf diese Weise stecken die Herausgeber ein fruchtbares Forschungsfeld an der Schnittfläche von Philosophie, Philologie, Soziologie und Geschichtswissenschaft ab, auf dem die dreizehn Beiträge des Sammelbandes angesiedelt sind.

Die Gliederung orientiert sich grob an der Binnenchronologie des Benjaminschen Werkes. Dabei beleuchten die aufeinander aufbauenden Beiträge einzelne Themenfelder und stellen gemeinsame Bezüge her. Das gilt beispielsweise für die Studien von Manuel Disegni und Nicos Papadakis, die aus verschiedenen Perspektiven Benjamins Interesse an den souveränitätstheoretischen Überlegungen Carl Schmitts nachspüren, das sich insbesondere im Ursprung des deutschen Trauerspiels niedergeschlagen hat. Oder für die Beiträge von Lotte List und Anna Migliorini, die der Frage nachgehen, wie die sozialistischen Utopien des 19. Jahrhunderts von Fourier, Saint-Simon und Blanqui von Benjamin theoretisch verarbeitet wurden. Darüber hinaus finden sich Beiträge zu Benjamins Moskau-Reise, zum Brechtschen Theater, zu Martin Bubers Zeitschriften-Projekt Die Kreatur, zum Sammler Eduard Fuchs sowie zu Benjamins Rezeption marxistischer Theoretiker wie Georg Lukács, Georgi Plechanow, Franz Mehring oder Karl Korsch. Die sich auffächernden Korrespondenzen zwischen den Themen spannen einen Bogen von Benjamins frühen Studien zum Neukantianismus bis in die späte Phase des Passagen-Werks. Zwar liegt das Hauptaugenmerk der Beiträge eindeutig auf den 1920er- und 1930er-Jahren, während Benjamins Jugendzeit demgegenüber vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erhält. Für den genannten Zeitraum jedoch lassen sich Benjamins Arbeitsverfahren, seine intellektuellen Verbindungen, theoretischen Quellen und politischen Lebenswelten gut verfolgen – nicht kontinuierlich und erschöpfend, aber schlaglichtartig und konzentriert.

Wie anschaulich die Darstellung der Produktionsbedingungen und Entstehungskontexte einzelner Schriften Benjamins gelingen kann, zeigt exemplarisch Caroline Adlers Analyse des Moskau-Aufsatzes, der im Vergleich zu Benjamins berühmtem Moskauer Tagebuch bisher eher wenig Aufmerksamkeit erfahren hat (S. 82 f.). Blickt man mit Adler auf den Zusammenhang der beiden Texte, die gleichsam geschwisterlich aus Benjamins Reise in die sowjetische Hauptstadt im Winter 1926/27 hervorgegangen sind, dann werden die Konturen des Kampfes sichtbar, den Benjamin im Zuge der Beschreibung seiner Erfahrungen angesichts des „Menschheitsexperimentes“ (S. 95) literarisch auszufechten hatte. Mit philologischer Sensibilität verfolgt Adler Benjamins „Ringen um die Darstellung der Wahrheit einer mehr und mehr ‚verstellten’ Wirklichkeit“ (S. 93) und betont seine Intention, die „Signaturen der ‚Unabsehbarkeit’“ aus den „menschlichen Beziehungen“ und „ihrer Umwelt“ herauszulesen, „ohne jedoch schon theoretisch zu operieren und zu interpretieren“ (S. 95). Das Tagebuch fungierte dabei nicht nur als „Speicher für das Material“, aus dem der Aufsatz später entstand, sondern ebenso als „Reflexionsraum über Formen der Darstellung“ (S. 91) dessen, was Benjamin an gesellschaftlichen Beobachtungen wie an sinnlichen Eindrücken festhalten wollte. Adler gelingt es, den geradezu tastenden Prozess der schriftstellerischen Arbeit sichtbar werden zu lassen, in dem Benjamin soziologische Analyse und literarische Form miteinander zu verbinden sucht. Doch stieß er dabei auch auf Hindernisse. Insbesondere seine Unkenntnis des Russischen, „der neuen, befremdlichen Sprache“ (S. 101), stand der Darstellung seiner Moskauer Erfahrungen im Weg. Pointiert endet Adler mit Benjamins Eingeständnis des Scheiterns, dessen Ursache in der Verfasstheit des Gegenstands selbst, nämlich in der „Undurchdringlichkeit der russischen Lebenswelt“ (ebd.) zu suchen sei.

Jan Loheits Beitrag „Benjamins Material. Oder der Stoff, aus dem die Wunschbilder sind“, der den Band beschließt, kann als eine Art Resümee des Buches gelesen werden. Loheit verhandelt die leitende Frage nach Benjamins Material in philosophiegeschichtlicher Perspektive und sucht die intellektuellen und politischen Einflüsse zu identifizieren, die sich als prägend für Benjamins Beschäftigung mit dem Marxismus erwiesen haben. Zu diesem Zweck untersucht er Benjamins ausführliche Auseinandersetzung mit den Schriften Karl Korschs im Kontext von Benjamins Studien zum Passagen-Werk. Dabei beschreibt Loheit nicht nur, wie Benjamin im gemeinsamen dänischen Exil bei Bertolt Brecht zwischen 1934 und 1936 mit Korsch in persönlichen Kontakt kam und wie Abschriften aus dem noch unveröffentlichten Manuskript von Korschs erst 1938 in Paris erschienener Studie zu Karl Marx Eingang in die Exzerpt-Konvolute des Passagen-Werks fanden. Er rekonstruiert auch, wie Benjamins eigene Marx-Rezeption „entscheidende Impulse“ durch Korsch erhielt und wie dieser ihm eine „wichtige Orientierung“ für die Beantwortung der Frage lieferte, „was man sich unter ‚historischer Materialität’ zu denken habe“ (S. 271). Insbesondere weist Loheit diesen Zusammenhang anhand von Benjamins Notizen zum Begriff der „Natur“ nach, die nie im Sinne einer ‚reinen Natur’ „getrennt von aller menschlichen Tätigkeit“ (ebd.) zu denken sei. Vielmehr müsse sie immer schon als geformte, „gesellschaftliche ‚Materie’“ verstanden werden, wie Benjamin in Korschs Marx-Manuskript las und notierte.[4] Loheits Vorgehensweise führt anschaulich vor Augen, wie sowohl Benjamins intellektuelle Beziehungen als auch die zeitgenössischen Deutungskämpfe des Marxismus in Form von Korschs Manuskript Eingang in Benjamins eigene Arbeit gefunden haben.

Neben den genannten Beispielen enthält der aus einem wissenschaftlichen Workshop im Jahr 2017 hervorgegangene Sammelband zahlreiche weitere Beiträge, die verdeutlichen, warum sich eine eingehendere Beschäftigung mit Benjamins Material lohnt. So arbeiten Frank Voigt und Konstantin Baehrens in minutiöser Kleinarbeit und auf Grundlage eines ungemein breiten Literaturkorpus die in der Benjaminforschung bislang kaum beachteten theoriegeschichtlichen Verbindungen zwischen Benjamin, Georg Lukàcs, Franz Mehring und Georgi Plechanow heraus. Und Sam Stark zeigt anhand des im Exil-Archiv der Hoover Institution an der Stanford University befindlichen Archivbestandes zu Benjamins Aufsatz „Eduard Fuchs, der Sammler und der Historiker“, das sich immer noch einzelne Dokumente finden lassen, aus denen neue Erkenntnisse hervorgehen. Es ist jedoch nicht nur das Erkunden vorher weniger beachteter Provinzen des Benjaminschen Œuvres, das die Lektüre des Buches zu einem lohnenden Unterfangen macht, es sind vor allem auch die vielfältigen Perspektiven und Methoden, mit denen operiert wird. Die betont breite und offene Anlage des Bandes hat aber auch ihre Kehrseite: So bewegen sich keineswegs alle Artikel gleichermaßen nah am thematischen Zentrum und man ist versucht zu fragen, ob die Dehnbarkeit der Leitbegriffe und der Fragestellungen des Bandes stellenweise nicht zu sehr strapaziert wird, wenn etwa die Ursprungstheorie Hermann Cohens als „theoretisches Material“ beschrieben wird (S. 53).

Auch wenn man versucht ist, hinter der einen oder anderen These ein Fragezeichen anzubringen, darf der von den Herausgebern gewählte Zugang insgesamt als geglückt gelten. Positiv hervorzuheben ist insbesondere, dass der Großteil der Beiträge gerade nicht darauf abzielt, Benjamin auf eine intellektuelle Identität festzulegen, sondern sich auf eine sorgfältige Rekonstruktion und Beschreibung der in bestimmten historischen Konstellationen wirksamen Einflüsse und der von Benjamin entwickelten Techniken und Arbeitsweisen konzentriert. Dadurch wird die wissenschaftliche, theoretische und politische Attraktivität, zuweilen auch die spezifische Rätselhaftigkeit von Benjamins „Denken in Extremen“[5] keineswegs entschärft. Vielmehr regt die Lektüre des Sammelbandes dazu an, die Frage nach dem Werk und der Person Benjamins aus neuen Blickwinkeln kritisch zu stellen. Die Frage, wer Benjamin ,eigentlich‘ war und wie man seine Texte ,richtig‘ zu verstehen habe, wird auch weiterhin Gegenstand kontroverser Debatten bleiben.[6] Die entsprechenden Auseinandersetzungen sind Fluch und Segen zugleich, weil sie einerseits den Glutkern des Benjaminschen Denkens am Leben erhalten und dafür sorgen, dass sowohl seine Texte als auch seine Lebensgeschichte immer wieder von neuem gelesen und gedeutet werden. Andererseits aber birgt die Intention der Aktualisierung immer auch die Gefahr der Vereinfachung, Vereinheitlichung und Vereinnahmung des vielfältigen und komplexen Werkes und seines Autors in sich. Die meisten Beiträge des vorliegenden Bandes entgehen der Gefahr durch die breite Kontextualisierung und kluge Historisierung der von ihnen jeweils behandelten Schriften, ohne Benjamins Werk deshalb in die Vergangenheit zu verbannen. Vielmehr eröffnen sie unterschiedliche Sichtachsen auf das thematisch heterogene Œuvre eines nach wie vor faszinierenden Denkers, die den Band zu einer empfehlenswerten Lektüre für eine breitere Leser*innenschaft machen.

Fußnoten

[1] Siehe Ursula Marx / Gudrun Schwarz / Michael Schwarz / Erdmut Wizisla, Dokumentation: Von Walter Benjamins Archiven zum Walter Benjamin Archiv. Eine Geschichte in Dokumenten, in: Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur 31/32 (3. Aufl.: Neufassung), 2009, S. 134–210.

[2] Vgl. Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Bd. V: Das Passagen-Werk, 2 Bde., hrsg. v. Rolf Tiedemann, Frankfurt am Main 1982.

[3] Siehe Susan Buck-Morss, The Dialectics of Seeing. Walter Benjamin and the Arcades Project, Cambridge, MA u.a. 1989, S. 3.

[4] Benjamin, Das Passagen-Werk, S. 605.

[5] Vgl. Benjamin und Brecht. Denken in Extremen, im Auftrag der Akademie der Künste hrsg. von Erdmut Wizisla, Berlin 2017.

[6] Siehe hierzu als jüngstes Beispiel die Kritik von Alexandra Richter an der Benjamin-Biographie von Lorenz Jäger sowie dessen Replik: Alexandra Richter, Porträt eines jüdischen Bolschewisten. Wider Lorenz Jägers Walter-Benjamin-Biographie, in: Weimarer Beiträge 64 (2018), 2, S. 299–304; Lorenz Jäger, Zu Alexandra Richter „Porträt eines jüdischen Bolschewisten. Wider Lorenz Jägers Walter-Benjamin-Biographie“, in: Weimarer Beiträge 64 (2018), 3, S. 451–455.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.