Bielefelder Maßstäbe

Stefan Kühl hält Luhmann für den besseren Marx

Primat der Ökonomie oder Theorie funktionaler Differenzierung? In seiner Neuauflage des Klassikers „Arbeits- und Industriesoziologie“ diskutiert der renommierte Bielefelder Soziologe Stefan Kühl unter dem Titel „Arbeit – Marxistische und systemtheoretische Zugänge“ die beiden wohl wichtigsten Paradigmen sozialwissenschaftlicher Makrotheorie. Genau genommen argumentiert er gegen die marxistische Theorietradition und für ein Konzept von Gesellschaft, das ihm selbst eine Heimstätte in der Soziologie bietet, den systemtheoretischen Zugang Niklas Luhmanns. Dass ein Soziologe, der wie Kühl überzeugt ist, Gesellschaft sei ein soziales System funktional ausdifferenzierter Teilsysteme (Wirtschaft, Politik, Recht, etc.), den Marxismus kritisiert, dürfte niemanden überraschen. Für wie explikationsmächtig Kühl gerade den Werkzeugkasten Luhmanns hält, hat zuletzt sein 2014 erschienenes und viel diskutiertes Buch „Ganz normale Organisationen“ dokumentiert. Dort hatte Kühl den organisationssoziologischen Versuch unternommen, die exzessiven Gewaltpraktiken des Nationalsozialismus über die Mitgliedschaft der Täter in Organisationen zu erklären, die an den Kriegsverbrechen und dem Holocaust beteiligt waren.

Das hier besprochene schlanke Bändchen von knapp 140 Seiten strukturiert sich in drei Hauptteile, die sich auf eine Betrachtung der Makro-, der Meso- und der Mikroebene herunterbrechen lassen, in denen die Theorien von Marx und Luhmann gegenübergestellt werden. Ihnen ist jeweils ein Kapitel zwischengeschaltet, das die Debatte um den Begriff „Arbeit“ in der marxistischen Theorietradition nachzeichnet, deren unzweifelhafte Schwächen aufzeigt, um sie im Anschluss mit der systemtheoretischen Alternative zu kontrastieren. Diese souverän angelegte Gegenüberstellung ist ein großer Pluspunkt des Bandes, sorgt tatsächlich für Überblick, so dass zumindest der Marx‘sche Ansatz mit Bezug auf die relevante Empirie verhandelt wird und der/die Leser/in die Entwicklung der Arbeits- und Industriesoziologie seit den 1970er-Jahren nachvollziehen kann.

Auch wenn das Buch eine deutliche (und keinesfalls verhohlene) Schlagseite aufweist, soll nicht in Abrede gestellt werden, dass es sich um eine gut lesbare, eingängig strukturierte und theoretisch informierte Schrift handelt. Dennoch ist Kühls zentrale These – nämlich, dass die Systemtheorie die Wirklichkeit nicht nur angemessener beschreibe als der Marx’sche Zugang, sondern dessen Perspektive sogar integrieren könne – nur aufgrund der Strukturierung des von ihm vorgenommenen Vergleichs zu plausibilisieren.

Ein systematischer Theorievergleich[1] – und als ein solcher wird Kühls Buch im Klappentext ausgewiesen – ist auf gewisse Schnittstellen in den beiden behandelten Theorien angewiesen. Nimmt man verallgemeinernd an, dass eine Theorie immer die Verhandlung eines Problems ist (wobei das Problem ihren Gegenstand bezeichnet), für das eine Lösung geboten wird (und die Lösung die Konzeptualisierung des Gegenstands ist), liegt auf der Hand, dass entweder der Gegenstand oder seine Konzeptualisierung übereinstimmen müssen, wenn man zwei Theorien auf ein Besser/Schlechter ihrer Erklärungskraft hin vergleichen will. Außerdem muss ein relationierendes Konzept herausgearbeitet werden, das als Vergleichsreferenz dient.

Kühl wählt dem Titel des Buches zufolge die Konzeptualisierung von Arbeit als Bezugspunkt für seinen Vergleich. Doch der Arbeitsbegriff von Marx, nach dem Arbeit unter kapitalistischen Produktionsbedingungen die Substanz des Wertes[2] und damit, von ihren Spezifika abstrahierend, das gemeinsame Dritte im Warentausch ist, ist kaum systematisch auf Luhmann beziehbar. Für den konstituiert sich das Wirtschaftssystem über die Grundoperationen Zahlung/Nicht-Zahlung und Arbeit spielt als analytischer Begriff keine Rolle,[3] sondern ist als entlohnte Arbeit lediglich ein Anreizmechanismus für Organisationsmitgliedschaft. Kühl verweist dementsprechend in der Einleitung darauf, dass es ihm nicht darum geht „eine verbindliche Definition von Arbeit voranzustellen“ (S. 5) und diese dann als Vergleichsreferenz zu verwenden. Stattdessen stellt er über den Anspruch beider Zugänge, Gesellschaftstheorien zu sein, die Verbindung her. Kühl unterstellt also, Marx und Luhmann hätten die gleiche Frage gestellt,[4] und setzt die genannten drei Analyseebenen – Makro, Meso und Mikro – als relationierendes Konzept.

Im ersten Teil beleuchtet Kühl die gesellschaftstheoretische Dimension der beiden Ansätze: Die Marx‘sche Unterscheidung zwischen ökonomischer Basis und politischem Überbau fungiert bei ihm als gesellschaftsanalytisches Modell, das den Primat der Ökonomie – und damit logischerweise die Unterordnung von Recht und Politik – begründet. Recht wie Politik seien jedoch nicht von der Ökonomie determiniert, sondern wirkten als autonome Einheiten vielmehr stabilisierend, indem sie den Klassenkampf regulierten.

Diese Darstellung der Marx‘schen Theorie kontert Kühl mit der systemtheoretischen These, wonach die Wirtschaft nur ein Funktionssystem unter anderen ist, die sich als solche allerdings nicht dominieren können, sondern in bloß struktureller Kopplung koexistieren. Bestehen keine vertikalen Strukturierungen oder Herrschaftsverhältnisse zwischen den Funktionssystemen, lässt sich die etwaige Ausbeutung abhängig Beschäftigter durch Kapitalbesitzer unter systemtheoretischen Prämissen nur als ein Problem horizontaler Exklusion reformulieren. Exklusion meint dabei den Ausschluss aus einem Funktionssystem, wobei kumulative Effekte die Regel sind: die Exklusion aus einem Teilsystem begründet den Ausschluss aus einem anderen und so weiter. Die große Relevanz des Teilsystems Wirtschaft resultiert aus den diversen strukturellen Kopplungen mit anderen Teilsystemen. Die besondere Aufmerksamkeit, die dem Teilsystem Wirtschaft zukommt, wird durch dessen Fehleranfälligkeit erklärt: Der Ausfall von spezifischen Funktionsbedingungen des Teilsystems, zum Beispiel schwindende Kaufkraft im Zuge einer Krise, kann nicht von den anderen, strukturell gekoppelten Teilsystemen kompensiert werden.

Im zweiten Teil des Buches parallelisiert Kühl den Betrieb, dessen interne Abläufe nach Marx der Logik der Profitmaximierung unterworfen sind, mit der Organisation, deren Eigenlogik Luhmann herausstellt. Während ein Betrieb für Marx der Ort ist, an dem die Mehrwertproduktion und -aneignung stattfinden, ist er für Luhmann ein Fall von Organisation. Und was Organisationen kennzeichnet, ist nicht das womöglich antagonistische Verhältnis zwischen Arbeit und Kapital, sondern sind Sachverhalte wie Mitgliedschaft, Zwecksetzungen und Hierarchien. Dabei verlangt die freiwillige Mitgliedschaft in einer Organisation eine Motivation. Bei der Mitgliedschaft in einem Betrieb wird die geforderte Motivation durch die Lohnzahlung hergestellt. Statt dem Ziel der Profitmaximierung verschrieben zu sein, definiert eine Organisation ihre Zwecke selbst, was bestimmte Organisationen – zumindest in gewissem Maße – flexibel und gestaltbar macht. Zwecke richten das Handeln einer Organisation in eine bestimmte Richtung, determinieren es jedoch nicht, da die Mittel zur Zielerreichung unbestimmt bleiben. Wie die Zwecke bilden auch die Hierarchien in Organisationen keinen Spiegel gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse, da sie sich keineswegs mit den Machtstrukturen in der Organisation decken müssen. Hierarchisierung ermöglicht in erster Linie die legitimierte Kommunikation nach außen, was zugleich auf ihre zweite Funktion verweist, nämlich die Erzeugung von grundsätzlichen Entscheidungen, die als Folien dienen, vor denen eine Vielzahl weiterer Einzelentscheidungen getroffen werden können. Es sind diese Entscheidungsprämissen, die die Organisation strukturieren und ihre Stabilität gewährleisten.

Im dritten Teil des Buches finden sich Sein und Bewusstsein des Arbeiters gegenübergestellt. Bei Marx ist es bekanntlich der Besitz oder Nichtbesitz an Produktionsmitteln, der die Zwei-Klassen-Gesellschaft des Kapitalismus strukturiert. Was Individuen entweder zu Arbeitern oder zu Kapitalisten macht, ist ihre jeweilige Stellung im Produktionsprozess. Die Klasse an sich, die objektive Klassenlage, kann dann auch zur Klasse für sich werden. Erst diese Klasse, die ihre gesellschaftliche Stellung auch subjektiv verarbeitet hat, zieht aus dem Für-sich-Sein unter Umständen revolutionäre Konsequenzen. Dass sie zur revolutionären Praxis nicht notwendigerweise kommt, kritisiert Kühl zu Recht als ein uneingelöstes Versprechen der Marx‘schen Geschichtsphilosophie.

Anders als in der „Klassengesellschaft“ des Marxismus beobachtet die Systemtheorie Rollen, wenn und soweit es um Statuszuschreibungen geht. Dabei fallen die Positionierung in einem Funktionsbereich und individuelle Lebenschancen keineswegs zwingend zusammen. Die etwaige Rolle kann je nach gesellschaftlichem Teilbereich und organisationaler Einbindung variieren. Mithin kann Klassenzugehörigkeit ebenso eine soziale Rolle sein wie die eines Familienvaters. Welche Rolle übernommen wird, ergibt sich aus den Forderungen der jeweiligen Situation.

Fraglos muss Kühl der Marx’schen Theorie einige Gewalt antun, um sie vor der gewählten Vergleichsreferenz zu behandeln und seine These, Luhmann könne Marx integrieren, plausibel zu machen. Dabei gerät außerdem eine der größten Stärken der Marx’schen Theorie, die, wenn man in Kühls Schematisierung verbleiben will, nicht auf einer, sondern auf allen Analyseebenen angesiedelt ist, aus dem Blickfeld: die Verschränkung von Strukturlogik und Bewusstsein, die dazu führt, dass die Wirtschaft dem Einzelnen immer schon als objektiver und eigendynamischer Zwang begegnet. Wenn man davon ausgeht, dass die Ausdifferenzierung der Ökonomie bei Luhmann mit der Verselbstständigung der Ökonomie bei Marx parallelisierbar ist,[5] dann ist es die Differenz von Wesen und Erscheinung in diesem Verselbstständigungsprozess, die Marx analytisch zu fassen versucht.

Die Bewusstseinsgenese kann in der Marx‘schen Theorie auch anders verortet werden als über die Klassenlage. So bietet die avancierte Variante des Marx‘schen Ideologiebegriffs, der sich als notwendig falsches Bewusstsein[6] zusammenfassen lässt, ein Konzept, das erklären kann, warum sich in der kapitalistischen Gesellschaft die Dinge anders darstellen, als sie sind. So besitzen Waren beispielsweise nicht aus sich selbst heraus einen Wert, sondern sie erhalten ihn, weil die Menschen sich so auf sie beziehen, sie dementsprechend „behandeln“. Was als naturwüchsig erscheint – wie der Wert einer Ware – ist tatsächlich Produkt abstrakter menschlicher Arbeit und damit menschlichen Handelns. Die Verkennung dieser Tatsache ist aber gerade kein Irrtum, kein analytischer Fehlschluss, über den man die Menschen – übrigens Arbeiter ebenso wie Kapitalisten – einfach aufklären kann. Das Bewusstsein ist eben kein falsches, sondern ein notwendig falsches, da es Resultat der Wirklichkeit ist, in der die Menschen leben. Diese Wirklichkeit ist objektiv, empirisch und auch in ihren Konsequenzen real – schließlich ist eine Ware im Kapitalismus unleugbar ein Wertgegenstand. Doch da die Menschen das eigene Zutun bei der Produktion dieser Wirklichkeit übersehen, eben doch nur eine vermittelte, eine „verzauberte Welt“[7].

Hier eröffnet sich also eine andere Perspektive auf einen – wenn man es so nennen will – Mikro-Makro-Link als im determinierten Verhältnis von Klasse und Bewusstsein: Indem die nicht an eine Klassenlage gebundenen Bewusstseinsformen des einzelnen sowohl Resultat als auch Voraussetzung der kapitalistischen Produktionsweise insgesamt sind, kann Marx in seinen späten, ökonomiekritischen Schriften zwar nicht gesellschaftlichen Wandel, dafür aber die Reproduktion und Persistenz des Kapitalismus erklären (und ist damit doch deutlich näher an der gesellschaftlichen Wirklichkeit, als seine geschichtsphilosophischen Thesen zu sich ablösenden Gesellschaftsformationen es sind). Hier zeigt sich, warum die von Kühl gewählte Marx-Lesart und die mit ihr verbundene Betonung des Klassenkonzepts für sein Argument relevant sind. Die Integration der Erklärungspotenziale der Marx’schen Theorie in die Systemtheorie Luhmanns, auf die Kühl abzielt, ist nur möglich, wenn Klassenzugehörigkeit als Statuszuschreibung verhandelt werden kann. Eine Realität, die sich hinter dem Rücken der Menschen und doch aktiv durch sie hergestellt vollzieht und die ihnen in ihrer verkehrten Form als überhistorische Natur begegnet, ist kein Gegenstand von Luhmanns Analyse.[8]

Als Einführungsband und Überblickslektüre ist Kühls Buch aus den genannten Gründen nichtsdestotrotz empfehlenswert. Den Ansprüchen an einen systematischen Theorievergleich, der das Ziel hat, die beiden Ansätze auf ein Besser/Schlechter hin zu vergleichen, wird Kühl jedoch nicht gerecht. Im Gegenteil: die von ihm gewählte Vergleichsreferenz ist auf eine Marx-Lesart angewiesen, in der die Frage, warum und wie Wesen und Erscheinung in der bürgerlichen Gesellschaft auseinanderfallen – und damit doch einer der relevantesten Aspekte der Marx’schen Theorie – nicht mehr verhandelt wird.

Fußnoten

[1] Zu den hier angeführten Anforderungen an Theorievergleiche vgl. Rainer Greshoff, Aufklärung und Integration von Theorienvielfalt durch methodische Theorievergleiche, in: Andreas Balog / Johann August Schülein (Hg.), Soziologie, eine multiparadigmatische Wissenschaft. Erkenntnisnotwendigkeit oder Übergangsstadium? Wiesbaden 2008, S. 178–224.

[2] Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Marx/Engels: Werke Band 23, Berlin 1962, 1. Auflage, S. 54.

[3] Niklas Luhmann, Die Wirtschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1988, S. 55.

[4] Jedoch hat Marx – im Gegensatz zu Luhmann – nie eine als solche ausgewiesene Gesellschafstheorie verfasst. Daher muss sie sich nicht am von Kühl formulierten Anspruch an Großtheorien, „alle Aspekte des Sozialen erklären zu können“ (S. 6, Hervorhebung im Original), messen.

[5] Dieses Argument ist Hanno Pahl entlehnt. Der bietet mit seinem Buch „Das Geld in der modernen Wirtschaft. Marx und Luhmann im Vergleich“, Frankfurt am Main 2008 ein instruktives und erhellendes Beispiel für einen gelungenen Theorievergleich.

[6] Karl Marx / Friedrich Engels, Die Deutsche Ideologie, in: Marx/Engels: Werke Band 3, Berlin 1958, 1. Auflage, S. 26.

[7] Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Marx/Engels: Werke, Band 25, Berlin 2003, 15. Auflage, S. 503.

[8] Im Gegenteil: Für Luhmann spielen ontologische Fragen – wie die nach der Differenz von Wesen und Erscheinung – analytisch keine Rolle. Er suspendiert sie vollständig aus seiner Epistemologie (vgl. Niklas Luhmann, Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1992).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.