Brückenschläge zwischen Zeitgeschichte und Organisationssoziologie?

Rezension zu "Im Kreuzfeuer der Kritik. Umstrittene Organisationen im 20. Jahrhundert" von Marcus Böick und Marcel Schmeer (Hg.)

Der zu besprechende Sammelband geht auf eine Tagung an der Ruhr-Universität Bochum vom 17. bis 18. November 2017 zurück und beinhaltet 20 teils sehr lange Aufsätze, in denen am Beispiel moderner Organisationen aus Deutschland und Österreich die weitergehende Frage erörtert wird, wie man deren Geschichte schreiben kann. Bis auf einen Verwaltungswissenschaftler und eine Soziologin sind darin nur Autorinnen und Autoren aus der Geschichtswissenschaft vertreten. Ziel der beiden Herausgeber ist es, mögliche Verbindungslinien zwischen Zeitgeschichte und Organisationssoziologie aufzuzeigen und die bisher bestehenden Disziplingrenzen zu überwinden, um einer multidimensionalen, selbstreflexiven Organisationsgeschichtsschreibung den Weg zu bahnen. Dass davon auch die Organisationssoziologie profitieren könnte, zeigt sich bereits an ihrer immanenten Geschichtsvergessenheit, derer sie sich erst in den letzten Jahren bewusst zu werden beginnt. Die Einsicht, dass auch Organisationen eine Geschichte haben, ist für die Weiterentwicklung organisationssoziologischer Analysen von einigem Wert, denn sie erfordert eine Hinwendung von statischen Struktur- zu dynamischen Prozessanalysen. Damit geht nicht zuletzt eine Neuausrichtung der Organisationssoziologie im Hinblick auf deren theoretische Interessen einher. Im Folgenden geht es mir darum, den organisationssoziologischen Gehalt dieses Sammelbandes freizulegen und nach Anknüpfungspunkten für interdisziplinäre Forschungen Ausschau zu halten, die beide Aspekte im Hinterkopf haben: die Historizität von Organisationen und die Notwendigkeit ihrer theoriegeleiteten soziologischen Analyse.

Brücken zu bauen, zumal zwischen Geschichtswissenschaft und Soziologie, ist jedoch nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheint. Dazu bedarf es zum einen einer möglichst präzisen Bestimmung des Gegenstandes, zum anderen einer gemeinsamen Fragestellung, mit der sich beide Disziplinen mit ihren jeweils spezifischen Methoden dem Thema „Organisation“ nähern könnten. In ihrer ausführlichen Einleitung folgen die Herausgeber Marcus Böick und Marcel Schmeer (beide Bochum) zuerst einmal den rudimentären Spuren, die das Thema „Organisation“ in der deutschen Zeitgeschichtsforschung seit den frühen 1960er-Jahren hinterlassen hat, bevor es seit mittlerweile mehr als einer Dekade im Rahmen der Behördenforschung (also jenen Aufträgen, die Bundesministerien, Länderparlamente, Kommunen, öffentliche Dienstleister und Privatunternehmen zur Erforschung der NS-Belastung ihres Personals in der Bundesrepublik und der DDR vergeben haben) einen gewissen Boom erlebt. Danach skizzieren sie einige organisationssoziologische Ansätze, darunter etwa Niklas Luhmanns Systemtheorie, Anthony Giddens’ Theorie der Strukturation und den Neo-Institutionalismus, denen sie offenbar eine besondere Bedeutung für die Zeitgeschichtsforschung attestieren. Den Kern ihrer Einleitung bildet ein Programm zur historischen Analyse von Organisationen, das äußerst unübersichtlich ausfällt, weil sie ohne nähere Begründung auf dessen Kompatibilität mit den herrschenden Paradigmen der Politik-, Sozial-, Alltags- und Kulturgeschichte insistieren (die Frauen- und Geschlechtergeschichte sparen sie an dieser Stelle aus ihrem Argumentationsgang aus). Böick und Schmeer schlagen vor, Organisationen als intermediäre Gebilde in ihrem zeitlichen Wandel zu untersuchen, und zwar im Hinblick auf „erstens verschiedene dynamische Prozesse des Organisierens, zweitens diverse Merkmale der Organisiertheit sowie drittens die vielfältigen Resultate in Form der jeweiligen Organisate“ (S. 49). Es geht ihnen „um die besondere Dynamik veränderlicher Konstellationen des Organisationellen“ (S. 51), die sich, so die Vorannahme der Herausgeber, „vor allem in den vielfältigen Wechselspielen und Übergangsstadien von disruptiven Krisen- und stabilen Alltagssituationen einfangen“ lässt (S. 52). In Ausnahmesituationen würden in Organisationen „interne Binnenlogiken durch äußere Faktoren nachhaltig oder gar existenziell in Frage gestellt […]“; sie gerieten also ins „Kreuzfeuer der Kritik“ (ebd.). Gerade in Krisenzeiten manifestiere sich, so wird man schlussfolgern dürfen, die „Umstrittenheit“ von Organisationen.

Wie weit diese Eingrenzung einer künftigen Organisationsgeschichtsschreibung auf Krisenphänomene und Delegitimierung als Katalysator organisationsinternen Wandels trägt, entscheidet sich nicht zuletzt an den theoretischen und empirischen Einzelbeiträgen dieses Sammelbandes. Der erste Abschnitt, den die Herausgeber mit „Organisationsforschung und Geschichtswissenschaft“ betitelt haben, umfasst vier recht heterogene Aufsätze. Wolfgang Seibel (Konstanz) erörtert sein Konzept der „Umstrittenheit“ von Organisationen, als deren Hauptquellen er Leistungsschwäche, Normverstöße, Interessendivergenzen und Affektbesetzung ansieht. Thomas Welskopp (Bielefeld) entwickelt, in Anlehnung an Max Weber, sechs Punkte eines Idealtyps formaler Organisation und legt die Geschichtswissenschaft damit auf eine idealtypisch-vergleichende Methode fest. Rena Schwarting (Bielefeld/Berlin) sprengt in ihrem Beitrag die Beschränkung des Begriffs „Organisation“ auf die (west)europäische Moderne und begibt sich mit Luhmann auf eine produktive Suche nach möglichen Formen vormoderner Organisation. Vordringlich behandelt sie die Ausdifferenzierung organisationsförmiger Strukturen in stratifizierten Gesellschaften, weniger die Verstetigung spezifischer Interaktionen in der Form von Verfahren, etwa in Politik, Recht und Religion, die Luhmann zufolge ebenfalls als Katalysator von Organisationsbildung fungierte. Jedenfalls kommt mit Schwartings Ausführungen ein für Organisationssoziologie und Zeitgeschichte gleichermaßen zentrales Problem aufs Tapet: die Frage, wie Organisationen eigentlich entstehen. Als ein am Projekt zum Bundeskanzleramt Beteiligter blickt Christian Mentel (Potsdam) in selbstkritischer Absicht auf einige Fallstricke der aktuellen zeitgeschichtlichen Behördenforschung, ohne dabei jedoch den Faktor „Organisation“ zu berücksichtigen.

Den zweiten Abschnitt des Sammelbandes haben die Herausgeber „Organisationen in der Sphäre des Ökonomischen“ genannt. Anders als es diese Überschrift suggeriert, geht es in den darin enthaltenen vier Beiträgen jedoch primär um die Schnittstellen zwischen Politik und Wirtschaft. Sebastian Brünger (Berlin) untersucht den Umgang von Daimler-Benz mit der NS-Vergangenheit in den 1980er-Jahren, Lutz Budrass (Bochum) zeichnet die Gründung der Lufthansa als staatliche Verkehrsfluggesellschaft 1929 nach und Christoph Wehner (Bochum) schildert die Herausforderungen, die sich für die deutsche Versicherungswirtschaft durch den forcierten Ausbau der Atomenergie in den 1970er-Jahren ergaben. Eva Balz und Christopher Kirchberg (beide Bochum) liefern schließlich eine interessante Projektskizze zur Geschichte von Emschergenossenschaft und Lippeverband (EGLV), einer 1904 gegründeten und 1926 erweiterten Infrastrukturorganisation aus Stadt- und Landkreisen im Ruhrgebiet. Sie schlagen den Begriff „hybride Organisation“ vor, mit dem sie die komplexen Querschnittsaufgaben des EGLV beim Aufbau eines Abwassersystems und beim Schutz vor Überschwemmungen auf den Punkt bringen. Um diese Hybridität organisationstheoretisch zu kontextualisieren, hätte es nahegelegen, sich ausführlicher mit der politikwissenschaftlichen Governance-Forschung, mit Analysen über den „dritten Sektor“ oder mit Wolfgang Seibels verwaltungswissenschaftlichen Arbeiten zu beschäftigen. Vielleicht haben sich Balz und Kirchberg dies allerdings auch für ihre Monografie zur EGLV aufgespart, die für April 2020 angekündigt ist und auf die man schon sehr gespannt sein darf.

Je weiter man in der Lektüre des Sammelbandes voranschreitet, desto mehr schwindet die Präzision der Autorinnen und Autoren in der Gegenstandsbestimmung von „Organisation“. Zugleich geht auch die Bezugnahme auf organisationssoziologische Herangehensweisen zurück. Dies zeigt sich vor allem im dritten Abschnitt, der „Staat als Organisation – Staatliche Organisationen“ heißt und insgesamt sechs Aufsätze enthält. Lediglich Peter Becker (Wien) und Mitherausgeber Schmeer bemühen sich um eine theoretische Fundierung. Becker analysiert die Verwaltungsreformbemühungen in der Habsburgischen Monarchie seit 1910 unter Zuhilfenahme einiger Begriffe Luhmanns, Schmeer die Reformbemühungen der Westberliner Polizei seit den 1960er-Jahren, wozu er auch polizeisoziologische Überlegungen heranzieht. Markus Goldbeck (Münster/Frankfurt am Main) verdeutlicht anhand einiger öffentlicher Kontroversen, wie umstritten die Ende 1991 ins Leben gerufene Stasi-Unterlagen-Behörde über einen langen Zeitraum war, ohne jedoch ihre interne Arbeitsweise zu dokumentieren. Martin Platt (Bochum) vergibt die Chance, die Besonderheit bewaffneter Organisationen am Beispiel der Reichswehr in den Jahren 1918/1919 herauszuarbeiten, weil er sich primär mit allgemeinen gesellschaftlichen Aspekten befasst und ihre Binnenmechanismen außer Acht lässt.

Mit Platts Ausführungen drängt sich auch der Eindruck auf, dass sich viele Aufsätze im Sammelband überhaupt nicht für die Mesoebene der Organisation, also Aufbau, Strukturen, operative Routinen und Wandlungsprozesse interessieren, sondern sich lediglich auf deren „Schauseite“ (Stefan Kühl), also die bewusst gesteuerte Performanz, sowie auf deren Wahrnehmung durch Dritte und deren Beziehungen zu anderen Organisationen konzentrieren. Das gilt auch für die beiden besten aus insgesamt fünf Beiträgen des letzten Abschnitts „Organisationen jenseits von Wirtschaft und Staat“. Knut Andresen (Hamburg) skizziert die Gewerkschaftssoziologie in der Weimarer Republik und den späten 1960er-Jahren, die, so seine überzeugende These, stets die Gestalt politischer Intervention annahm. Anne-Christine Hamel (Leipzig) benutzt Göran Ahrnes und Nils Brunssons Theorie der Meta-Organisation, um die Deutsche Jugend des Ostens (DJO), einen Zusammenschluss landsmannschaftlich organisierter Jugendverbände der deutschen Heimatvertriebenen nach 1945, unter die Lupe zu nehmen. Das Hauptproblem der DJO (wie von Meta-Organisationen generell) lag in den Konflikten zwischen den Einzelorganisationen. Es wäre zielführender gewesen, sich stärker auf die Frage nach dem inneren Zusammenhalt der DJO zu konzentrieren und den ausführlich geschilderten Kontroversen um ihre Aufnahme in den Deutschen Bundesjugendring nicht so viel Raum zu geben. Dennoch zeigen Hamels Ausführungen, wie produktiv organisationssoziologische Herangehensweisen auch für genuin zeithistorische Analysen sein können.

Blickt man nach der Lektüre der einzelnen Aufsätze auf die Einleitung der beiden Herausgeber zurück, so fällt eine große Diskrepanz zwischen der dort postulierten Analyseperspektive und den empirischen Einzelbeiträgen auf. Ihre Eingrenzung der historischen Organisationsanalyse auf Krisensituationen und „Umstrittenheit“ erweist sich als unfruchtbar, weil die implizierten Begriffspaare Krise/Normalität und Legitimität/Illegitimität an keiner Stelle operationalisiert, geschweige denn auf die jeweils untersuchten Organisationen rückbezogen werden. Böicks und Schmeers ursprünglicher Vorschlag, die Prozesse des Organisierens, die Merkmale der Organisiertheit und die Organisate zu untersuchen, versandet voll und ganz, denn keiner dieser drei Aspekte wird auch nur in einem Beitrag erwähnt! Erstaunlich ist auch die eigentümliche Abstinenz der Autorinnen und Autoren im Hinblick auf Mitglieder von Organisationen. Wer sich für professionsspezifische Fragestellungen und die Rollen von Angestellten, Arbeiterinnen, haupt- und ehrenamtlichen Funktionären, Beamtinnen sowie Unternehmern interessiert, wird in diesem Sammelband nicht fündig; die konditionierende (mithin einschränkende oder ermöglichende) Wirkung von Organisationen für Personen bleibt demzufolge ebenfalls unerörtert. Am problematischsten scheint mir aber, dass niemand eine Heuristik für die historische Analyse von innerorganisatorischem Wandel zu entwickeln versucht; eine geschichtswissenschaftliche Aufgabe par excellence, vor der alle der hier Beteiligten von vornherein zu kapitulieren scheinen.

Die meisten Beiträge des Sammelbandes zeichnen sich durch ein unzureichendes und unreflektiertes Gegenstandsverständnis von Organisation aus, das in der Geschichtswissenschaft im Allgemeinen und in der Zeitgeschichte im Speziellen durchaus Tradition besitzt. In der Regel verwenden Historikerinnen und Historiker den Begriff „Organisation“ nur für das 20. Jahrhundert, nutzen ihn dann als Explanans, nicht als Explanandum, bevorzugen Ersatzbezeichnungen in Gestalt von Selbstbeschreibungsformeln wie Gewerkschaft, Verband, Verein und Unternehmen und verstehen kollektives Handeln als Aggregat individueller Akteurinnen und Akteure. Es liegt auf der Hand, dass dieses Vorverständnis das Gespräch mit einer Organisationssoziologie erschwert, die, bei aller Unterschiedlichkeit in den Ansätzen, immer auch theoretische wie empirische Erkenntnisinteressen zu verbinden trachtet. Die multiparadigmatische historische Analyse von Organisationen, wie sie Böick und Schmeer vorschwebt, schafft keine Abhilfe, sondern rührt viele Zutaten zusammen und verschleiert die Spezifität des geschichtswissenschaftlichen Zugangs. Diese Spezifität – die Analyse von Ereignissen in ihrer Temporalität – ist es jedoch gerade, die die Organisationssoziologie benötigt, um ihre bisherigen Versäumnisse bearbeiten zu können, die vor allem die immanente Historizität von Organisationen betreffen. Sie kann nur dann zu dynamischen Prozessanalysen voranschreiten, wenn sie deren Temporalität ernster nimmt als bisher.

Ein letzter Punkt kommt hinzu. Es ist eine schlechte Angewohnheit von Geschichtswissenschaft und Soziologie, den Gegenstand „Organisation“ ohne nähere Begründung auf das 19. und 20. Jahrhundert zu begrenzen. Beide denken Organisationen als historisch voraussetzungslose Gebilde, denen eine Art ontologischer Status zukommt, sodass man sich nicht weiter um eine Rekonstruktion ihrer Entstehung bekümmern muss. Eine historische Organisationsanalyse, die im interdisziplinären Gespräch zwischen Soziologie und Geschichtswissenschaft entstehen könnte, muss zeitlich viel weiter ausgreifen und ihre Beschränkung auf die westliche Moderne aufgeben. Sie könnte mit den antiken Hochkulturen beginnen und Entstehungsgeschichte, Operationsweisen und Wandel von Organisationen in unterschiedlichsten Gesellschaftsformationen in ihren Blick nehmen. Diese drei Untersuchungsfelder sind vor allem für die Historische Soziologie von Interesse, die sich noch nicht systematisch mit dem Begriff „Organisation“ und den daraus abzuleitenden Phänomenen befasst hat. Der Historischen Soziologie ist die Suche nach einer Theorie des Wandels von Organisationen und des sozialen Wandels durch „Organisation“ meines Erachtens geradezu auf den Leib geschneidert. Ihr hauptsächliches Analysematerial findet sie in jenen empirischen Studien der Geschichtswissenschaft, in denen der Faktor „Organisation“ subkutan immer vorhanden ist, so unbefriedigend er dabei auch konzeptualisiert wird. Es kommt nur noch darauf an, diese Spuren von „Organisation“ in der Geschichte zu entdecken und für die eigene Herangehensweise fruchtbar zu machen. Vielleicht kann daraus auch im Verbund mit der Geschichtswissenschaft eine historisch-soziologische Organisationsanalyse erwachsen, die weitaus vielversprechender scheint als jenes schwankende Schiff, das unter der Flagge multiparadigmatischer Methoden mittlerweile auf den wissenschaftlichen Weltmeeren segelt.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.