Capitalism Made in USA

Rezension zu "American Capitalism. New Histories" von Sven Beckert und Christine Desan (Hg.)

Das seit der Finanzkrise von 2007/2008 spürbar lebhaftere Interesse am Kapitalismus ist der Geschichtswissenschaft in den USA in sehr viel höherem Maße zugute gekommen als in Europa. Die Ursachen für diesen an einschlägigen Buchreihen oder universitären Lehrangeboten ablesbaren Trend sind vielfältig. Zu ihnen zählt sicherlich auch die Wiederkehr der „Sklaverei“ als einem Zentralthema der Geschichte der USA. Dabei ist die Kopplung von Kapitalismus und Sklaverei zwar nicht neu, doch erfolgte deren Analyse von den 1960er- bis in die frühen 1980er-Jahre häufig innerhalb eines marxistischen Theorierahmens. Der legte es freilich nahe, die Sklavenwirtschaft als letztlich vormodern und gegenüber einem auf freie Lohnarbeit gegründeten Industriekapitalismus defizient zu begreifen.[1] Davon machen sich jüngere AutorInnen weitestgehend frei, wenngleich einer der Herausgeber des hier anzuzeigenden Bandes die Renaissance der Kapitalismusgeschichte an anderer Stelle durchaus als „the return of a materialist, even structuralist reading of history“ begriffen hat.[2] Mit einer solchen Rückkehr materialistisch orientierter Historiografie ist allerdings keine erneute Zentralstellung der freien Lohnarbeit verbunden, wie die Herausgeber des vorliegenden Bandes in ihrer Einleitung unterstreichen. Stattdessen plädieren sie für eine induktive Vorgehensweise, die sich in dem von ihnen an der Harvard University begründeten „Workshop on the Political Economy of Modern Capitalism“ bewährt und die Begriffsdiskussion den empirischen Fallstudien nachgeordnet habe.

Dementsprechend sind die 14 Fallstudien eher lose vier Themenkomplexen zugeordnet. „Making Markets“ wird durch Woody Holtons Interpretation der amerikanischen Verfassung als einer kapitalistischen Verfassung eröffnet. Zentral für die These „the Constitution made America safe for capitalist investment“ (S. 47) ist der Nachweis, dass mit ihrer Hilfe die einzelstaatlichen Anläufe zur Schuldnerentlastung und zur Steuerstundung blockiert worden seien. Die so gesicherte Bedienung der Staatsschulden sei die Basis für eine funktionierende Kreditwirtschaft und für die Überwindung des postrevolutionären Kapitalmangels gewesen. Ein interessanter Nebeneffekt waren dabei die von den Einzelstaaten im Verlauf des 19. Jahrhunderts geschaffenen Verbesserungen des Eigentumsrechts von Ehefrauen, über die Teile des Familienvermögens dem Zugriff von Gläubigern entzogen werden konnten. Steht der Kapitalismusbezug bei Eigentumsrechten außer Frage, so führt ihn Julia Otts Studie zum verbreiteten Aktienbesitz als tragende Voraussetzung der Börsenkrise von 1929 über die Zukunftserwartungen der Investoren und die diese steuernden Narrative ein. Dagegen präsentiert Kim Philipps-Feins Behandlung der Finanzkrise der Stadt New York in der Mitte der 1970er-Jahre eine ganz konventionell politikgeschichtliche Arbeit.

Der zweite Teil „Claiming and Contesting Capitalism“ öffnet das Rahmenthema noch weiter: Richard White geht ideengeschichtlich mit einem Abriss der amerikanischen Kapitalismusdebatte vor, während und nach der Kritik an der Monopolposition der Rockefellers & Co., und Amy Dru Stanley argumentiert rechts- und geschlechtergeschichtlich, ohne dass „a nexus to interstate commerce“ (S. 145) ihren Untersuchungsgegenstand schon in eine Geschichte des amerikanischen Kapitalismus einfügen würde. Thematisch absolut zentral ist dagegen Seth Rockmans um den Textilfabrikanten Isaac P. Hazard organisierter Beitrag, der indessen auch unter „Making Markets“ hätte firmieren können. Denn er zeigt anhand der Textilfabrikation in Rhode Island zum einen, wie wichtig Wissen und Informationen für den Marktzugang waren, und zum anderen, in wie hohem Maße Märkte (zoll-)politisch überformt waren. Vor allem aber ist sein Beispiel der im Norden gefertigten Tuche und Bekleidungsgegenstände für die Sklaven der Südstaaten emblematisch für die engen Verbindungen zwischen Plantagensklaverei im Süden und industrieller Revolution im Norden im Vorfeld des Amerikanischen Bürgerkriegs. Dagegen spielt der Kapitalcharakter der Sklaven, die nach der Turner Rebellion von Virginia nach Alabama, Mississippi, Louisiana oder Texas verkauft wurden, nur eine Nebenrolle in Christopher Tomlins’ Abriss der politischen Auseinandersetzungen in Virginia während der frühen 1830er-Jahre.

Ungemein anregend ist dann Mary Pooveys Auseinandersetzung mit Frank Knights berühmter Unterscheidung zwischen Risiko und Unsicherheit, die den dritten Teil „‚Knowing‘ Capital“ eröffnet. Denn sie vertieft einerseits unser Verständnis dieser Unterscheidung durch die Situierung ihrer Entstehung im Kontext der zeitgenössischen Kontroversen um die Besteuerung der Profite von Großkonzernen und zeichnet andererseits nach, wie die ökonomische Theoriebildung diese Differenz wieder wegdefinierte: „Instead of assuming an individual who thinks he knows the future events, we assume an individual who thinks he knows the probabilities of future events.“ (S. 232) Ähnlich faszinierend fallen Peter Knights Vignetten einer Visualisierung des Marktes aus, die am Beispiel des Börsentickers, der ersten Kursgraphiken, Irving Fishers Modellierung der Preisentwicklung durch Angebot und Nachfrage sowie eines Diagramms der gegenseitigen Verflechtung von Unternehmens- und Bankvorständen anschaulich machen, wie solche Visualisierungen die Idee eines einheitlichen Marktes überhaupt erst hervorbrachten. Michael Ralphs Essay spielt zwar wie derjenige von Christopher Tomlins im Virginia der 1830er-Jahre, vermag aber dadurch sehr viel mehr zum Gesamtthema beizutragen, dass er die Lebensversicherungen, die für hochqualifizierte Sklaven abgeschlossen wurden, die an städtische Arbeitgeber vermietet wurden, als Sonde zur Erkundung ihrer Kapitalisierung und Kommodifizierung nutzt.

Dagegen fällt der vierte und letzte Teil „Refiguring Space from the Local to the Global“ etwas ab. Denn zu einem besseren Verständnis derartiger Konfigurationen trägt etwa Eliga Goulds Studie zur amerikanischen Merkantilismusrezeption im Revolutionszeitalter wenig bei. Und auch Peter Coclanis ist es in seiner informativen Darstellung der nordamerikanischen Reisindustrie nicht primär um glokale Relationen zu tun, wenngleich sein Untersuchungsgegenstand in globale Marktbeziehungen eingebettet ist. Zwischen London und New York in der Luft hängen bleibt häufig Michael Zakims Bemühen, den Hintergründen des Versuches auf die Spur zu kommen, den Londoner Crystal Palace in einer New Yorker Weltausstellung zu kopieren. Und Kris Manjapras Schlussbeitrag macht zwar eindrücklich den wichtigen Punkt, dass die Abschaffung der Sklaverei keineswegs das Ende unfreier Arbeit bedeutet habe und zeigt insbesondere an Transferprozessen zwischen der Karibik und Asien auf, wie Kapital und Wissen der Plantagenökonomie zirkulierten, aber er löst sich nicht nur von dem für den übrigen Band typischen US-Bezug, sondern verliert sich gelegentlich in Allgemeinbetrachtungen zum „racial capitalism“, anstatt seine zeitlich weit gespannten Fallbeispiele etwas dichter zu erforschen.

Was bleibt als Fazit? 14 Beiträge überwiegend hoher Qualität, die sich in unterschiedlichem Maße auf das Thema des amerikanischen Kapitalismus einlassen. Das ist für einen Sammelband keine schlechte Bilanz. Darüber hinaus fällt aus der Außensicht auf, in wie hohem Maße die aktuelle nordamerikanische Historiografie diesen amerikanischen Kapitalismus als „Slavery’s Capitalism“ behandelt.[3] Dafür gibt es gute Gründe und es ist unbedingt zu begrüßen, dass Zwang und Gewalt dank dieser Akzentuierung wieder verstärkte Aufmerksamkeit erfahren. Gerade deshalb wäre es aber wünschenswert, auch die Grenzen des Konzeptes stärker auszuloten, empirisch wie begrifflich.

Fußnoten

[1] Gleichsam am Anfang und Ende der hier angesprochenen Zeitspanne stehen Eugene D. Genovese, The Political Economy of Slavery. Studies in the Economy and Society of the Slave South, New York 1967 und Elizabeth Fox-Genovese / Eugene D. Genovese, Fruits of Merchant Capital. Slavery and Bourgeois Property in the Rise and Expansion of Capitalism, Oxford 1983.

[2] Sven Beckert, The New History of Capitalism, in: Jürgen Kocka / Marcel van der Linden (Hg.), Capitalism. The Reemergence of a Historical Concept, London 2016, S. 235–250, hier S. 235 f.

[3] Vgl. Sven Beckert / Seth Rockman (Hg.), Slavery’s Capitalism. A New History of Economic Development, Philadelphia, PA 2016.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.