Lost in Transformation

Rezension zu "Smart City. Kritische Perspektiven auf die Digitalisierung in Städten" von Sybille Bauriedl und Anke Strüver (Hg.)

Die digitale Transformation schreitet rasch voran und es steht zu erwarten, dass die Entwicklung weiterhin dynamisch und mit disruptiven (umwälzenden) Veränderungen verbunden sein wird. Die Wirkungen dieses Prozesses auf Stadtentwicklung und urbane Lebensqualität rücken immer stärker in den Fokus. Relevante Trends sind beispielsweise die Digitalisierung und Automatisierung der Mobilität, smartes Bauen, das Wachstum des Online-Handels und die Zunahme der Plattformökonomien. Zum Ausdruck kommt diese Entwicklung in der Vision der Smart City als einer Stadt, in der die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie als essenziell für Zukunftsfähigkeit herausgestellt wird. Im internationalen Raum durch eine starke Zunahme an Publikationen gekennzeichnet[1] und entsprechend diskutiert, hat die Smart City auch in Deutschland in den vergangenen Jahren mehr und mehr Aufmerksamkeit erfahren.[2]

Der Sammelband „Smart City. Kritische Perspektiven auf die Digitalisierung von Städten“, herausgegeben von Sybille Bauriedl und Anke Strüver ist insofern hochaktuell. Die Herausgeberinnen suchen Antworten auf die Frage, wie der Einsatz digitaler Technologien und die immer umfangreichere Verknüpfung von Echtzeitdaten das Leben in Städten verändert. Noch konkreter möchten sie wissen, wie sich die Digitalisierung auf die Wahrnehmung, Produktion sowie die Nutzung städtischer Räume auswirkt. Ihnen geht es dabei nicht allein um eine Beschreibung und analytische Durchdringung der Prozesse von Digitalisierung – sie werfen vielmehr explizit die Frage auf, „welche alternativen und emanzipativen Nutzungen digitaler Infrastrukturen jenseits ökonomischer Datenverwertungsinteressen existieren“ (S. 11) bzw. denkbar erscheinen. In diesem Sinne verstehen sie die in dem Band versammelten Aufsätze als Beiträge zu einer kritischen Stadtforschung, die zwar nicht die wachsende Anwendung digitaler Alltagstechnologien bestreitet, sehr wohl jedoch damit verbundene Tendenzen der Universalisierung und Normierung infrage stellt.

Beim Konzept der Smart City handelt es sich um eines, das die Merkmale des Städtischen in erster Linie auf quantitative Kennzahlen wie Bevölkerungsdaten, Energie- und Ressourcenverbrauch, Mobilitätsdaten usw. reduziert. In dem dahinter liegenden Narrativ wird davon ausgegangen, dass sich städtische Herausforderungen wie die Steigerung der Energie- und Ressourceneffizienz, die Bewältigung gegenwärtiger Anforderungen an Mobilität oder die Gewährleistung öffentlicher Sicherheit mittels intelligenter Steuerung optimieren lassen. Die smarten Lösungen sollen zu einem besseren Management von Energie, Verkehr usw. beitragen und insofern städtische Prozesse optimieren. Ob darüber auch nicht nachhaltige Energie- oder Verkehrssysteme überwunden und transformiert werden, hängt von zur Verfügung stehenden und in die digitale Steuerung einbezogenen Alternativen ab.[3]

Gegen ein solches Stadtkonzept werden in den vielfältigen Beiträgen des Sammelbandes gewichtige Einwände vorgebracht. Verwiesen wird insbesondere auf das altbekannte Problem der Zukunftsunsicherheit, welches im Kontext der Smart City mit einem Mal rational beherrschbar erscheint, weil angenommen wird, dass sich algorithmisch gesteuerte Prozesse stetig weiter optimieren und in Hinblick auf prognostizierte künftige Entwicklungen korrigieren. Dies erinnert an die modernistische Planungseuphorie des 20. Jahrhunderts und die Vorstellung, Idealzustände der Stadtgestalt erreichen zu können, wobei an die Stelle funktionalistischer Planung nunmehr der Software-Code tritt. Allerdings gilt auch im digitalen Zeitalter, dass jede Prognose immer nur auf dem heute vorhandenem Wissen aufbauen kann und Zukunftsvorstellungen durch Wertungen und Wünsche geprägt sind. Die immer umfangreicheren Möglichkeiten der Datensammlung und Interpretation mögen die Basis verbessern, die Zukunft voraussehen können auch sie nicht. Im Gegenteil: Was die digitale Steuerung als Problem verschärft, ist die Reichweite stadtentwicklungspolitischer Entscheidungen, da sich selbst steuernde Prognosen die Gegenwart laufend in die Zukunft verlängern. Ein Beipiel für solcherart Steuerung aus den Daten selbst zeigt Henning Füller  am Beispiel des städtischen Gesundheitsmonitorings auf (S. 211 ff.).

An diesem Punkt werfen Sybille Frank und Georg Krajewski (S. 63 ff.) die Frage auf, welches Verständnis von Urbanität oder gar welche Angst vor Urbanität eigentlich der Smart City zugrunde liegt. Mit dem Versuch rationaler Planung war in der Historie von Stadtentwicklung stets auch der Wunsch verbunden, dem Chaotischen, Wildwüchsigen und Unkontrollierten von Urbanität und Stadtwachstum zu begegnen und gesellschaftliche Entwicklung kontrollieren zu können. Die der digitalen Steuerung zugrunde liegenden Algorithmen sind jedenfalls keineswegs neutral sondern ihrerseits Produkt von Grundannahmen und machtdurchzogenen Verhältnissen, so Cordula Kropp (S. 33 ff.). Mit ihnen kommen Gewichtungen und Bewertungen zum Ausdruck, die für ihre Nutzerinnen und Nutzer in vielen Fällen undurchsichtig bleiben, zugleich aber alltäglich individuelle wie auch kollektive Entscheidungen massiv beeinflussen und so nicht nur strukturierend auf den Stadtraum wirken sondern auch den emanzipatorischen Charakter von Urbanität bedrohen.

Kritisch diskutiert wird noch eine weitere Facette der Annahme, dass sich aus den Echtzeitdaten ohne Umschweife Handlungsanleitungen generieren lassen. Dies zeigt der Sammelband dort auf, wo smarte Technologien als Umgebungsintelligenz im öffentlichen und privaten Raum der Erkennung, Erhebung und Analyse individuellen Verhaltens bei Funktionen wie Freizeit, Einkauf, Gesundheit oder Sicherheit dienen. Alle diese Prozesse setzen voraus, dass so etwas wie Normalität definiert werden kann, da sich nur so Abweichungen und damit auch Anleitung zur Korrektur ergeben. Smarte Technologien besitzen das Potenzial, über die Synchronisierung individueller Lebensstile auch das kollektive Verhalten der Bewohnerinnen und Bewohner der Städte zu steuern und zu normieren.

Da mit solcherart Steuerung stets auch Prozesse der Inklusion und Exklusion verbunden sind, wird insbesondere in den Beiträgen zu einer möglichen digitalen Governance und Intervention (so etwa bei Arne Semsrott, S. 205 ff. und Louisa Bäckermann, S. 275 ff.) die Frage aufgeworfen, wie all dies eigentlich mit einer nachhaltigen, partizipativ-demokratischen, sozial-gerechten und letztlich digital offenen Stadtentwicklung vereinbar ist. So lange die hinter den Algorithmen liegenden Bewertungsmuster nicht Gegenstand gesellschaftlicher Aushandlung und Kontrolle sind, kann die Vision der Smart City nur als Fundamentalangriff auf jedes lokale demokratische Gemeinwesen begriffen werden.

Insofern richten sich die im Band von Bauriedl und Strüver versammelten Beiträge gegen den ideologischen Kern der Smart City, bei dem davon ausgegangen wird, dass Stadtgesellschaften sich durch den Einsatz von Technologien und die Schaffung eines entsprechenden unternehmerischen Umfeldes optimieren, neue Formen des Austausches schaffen und ökonomisches Wachstum generieren. Sie richten sich gegen die Dominanz global agierender IT-Konzerne, die ohne jede demokratische Legitimation weltweit Stadtentwicklung beeinflussen und letztlich unter ihre Kontrolle zu bringen versuchen. Die Kritik richtet sich aber - so betonen Bauriedl und Strüver selbst (S. 15) - auch auf Stadtregierungen, die mit diesen IT-Konzernen leichtfertig kooperieren, um Strategien und Konzepte der Smart City zur Anwendung zu bringen.

Wenn auch nicht durchgängig so werden doch auch Lösungsstrategien aufgezeigt. Grundlegend ist hier der Beitrag von Joe Shaw und Mark Graham (S. 177-204), der das Kernproblem der Smart City in Tendenzen der Privatisierung und Deregulierung erkennt. Dem gilt es den Autoren zufolge offensiv zu begegnen, was einer Verweigerungsstrategie zum Schutz lokaler Demokratie gleichkommt. Es geht zum einen um die Partizipation der Bewohnerinnen und Bewohner an der digitalisierten Stadt und damit um die Möglichkeit der Aneignung und Selbstermächtigung. Es geht zum anderen aber auch um maximale Offenlegung. Software und Daten müssen ebenso ein Bestandteil städtischer Öffentlichkeit sein wie die Kontrolle der hinter den Steuerungstechnologien liegenden Algorithmen. All dies gehört nicht in die Hände global agierender IT-Konzerne. Mit Bezug auf Henri Lefebvres Recht auf Stadt wird die Entwicklung einer Praxis der „Autogestion“ – der Selbstverwaltung von Technologien, Ressourcen und Überschüssen als notwendig erachtet. Anders formuliert: Es geht um sozialreformerisch-progressive Stadtpolitiken und soziale Bewegungen und damit um die Einforderung einer offenen digitalen Urbanität. Nützlich erscheint hierbei die Übertragung des Konzepts der Commons aus dem physischen auf den digitalen Raum. Entsprechende Praktiken für eine widerständige digitale Urbanität werden in mehreren Beiträgen anhand verschiedener Beispiele der Entwicklung freier Software, offener Daten-Plattformen, gemeinschaftlicher Infrastrukturen und so weiter illustriert.

Der Sammelband hat also eine explizit politische Zielrichtung und will über die Analyse vermachteter Smart-City-Strategien den Blick für die Notwendigkeit einer gemeinwohlorientierten Gestaltung der digitalen Transformation zu schärfen. In mehr oder weniger allen Beiträgen wird die Notwendigkeit einer partizipativen und sozial gerechten digitalen Transformation unterstrichen. Prägnante und mit Beispielen unterlegte Beiträge sind hier etwa jene von Sören Becker (S. 249 ff.) beziehungsweise Thomas Böker/Ulf Treger (S. 261 ff.). Allerdings wird in Hinblick auf die Bedingungen lokaler Politik im internationalen Vergleich sowie die soziokulturelle oder räumliche Diversität von Städten wenig differenziert.

Bezogen auf die Stadtentwicklung in Deutschland jedenfalls ist derzeit nicht erkennbar, dass die Kommunen einem Verständnis smarter Urbanität naiv aufsitzen würden. Im Gegenteil, der Deutsche Städtetag verwahrt sich gegen Versuche, via Smart City komplexe Vorgänge der Stadtentwicklung auf technische oder ökonomische Ursache-Wirkung-Beziehungen zu reduzieren und die gesellschaftlichen und politischen Dimensionen der Stadtentwicklung zu negieren.[4] Und so verwundert es auch nicht, dass sich die Smart City als übergreifendes Stadtkonzept bisher nicht hat durchsetzen können, eher geht es um ein Labeling im Rahmen der Wirtschaftsförderung. Insbesondere die Großstädte gehen mehr und mehr dazu über, die digitale Transformation zum Baustein integrierter Stadtentwicklungskonzepte zu machen. Das momentane Problem für die Städte ist eher eines der Geschwindigkeit des digitalen Wandels als eines des fehlenden politischen Bewusstseins über die mit der Digitalisierung von Städten verbundenen Risiken. Die Repräsentantinnen und Repräsentanten der Städte suchen deshalb nach Antworten, wie sie auf die digitale Transformation angemessen reagieren können, so dass die emanzipatorischen Errungenschaften eines selbstverwalteten, partizipativen und demokratischen lokalen Gemeinwesens nicht verloren gehen. Allein, die digitalen Kompetenzen in Politik und Planung sind derzeit (noch) nicht ausreichend, was ohne Zweifel die Gefahr der Entmündigung und politischen Preisgabe birgt. Hier sind kommunale Politik und Verwaltung letztlich Spiegelbild der Gesellschaft als Ganzes. Umso mehr sind kollaborative Allianzen mit lokalen Infrastrukturbetreibern, digitalen zivilgesellschaftlichen Stadtöffentlichkeiten oder angewandter Stadtforschung notwendig, um die komplexen Herausforderungen zu meistern.

An dieser Stelle irritiert im Übrigen die von Bauriedl vorgenommene pauschale Kritik am Konzept der Reallabore (S. 76-85), die negiert, dass es sehr unterschiedliche Ausprägungen dieses Forschungsmodus gibt und nicht nur solche, die als regulatorische Experimentierräume im Kontext der Erprobung von digitalen Innovationen konzipiert sind. Gerade weil smarte Technologien die Städte und den Lebensalltag der Menschen immer stärker durchdringen und die gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit den Folgen dieser Entwicklung erst begonnen hat, würde der disziplinäre Rückzug in die Grundlagenforschung hier nicht weiterhelfen. Stadtforschung sollte aufgrund ihres Gegenstands also stets beides sein: kritisch-analytisch wie handlungsorientiert-aktivierend – dies gilt auch in der Auseinandersetzung mit der Smart City.

Auch die tatsächlichen Smart City-Policies, so heute überhaupt davon gesprochen werden kann, bleiben insgesamt wenig reflektiert. Thematisiert werden sie erst gegen Ende des Sammelbandes im Beitrag von Andreas Exner, Livia Cepoiu und Carla Weinzierl, die die Implementationsprozesse in Wien, Berlin und Barcelona vergleichend analysieren. Gleiches gilt für den Beitrag von Philipp Späth und Jörg Knieling, die anhand des EU-Projekts mySmartLife die Wirkungen von solchen Städtewettbewerben auf lokale Demokratie kritisch hinterfragen. Hier bestimmen Vorfestlegungen in Hinblick auf Konsortialpartner und Technologien den Ablauf, während zivilgesellschaftliche Partizipationsmöglichkeiten in aller Regel nicht vorgesehen sind.

Insgesamt zeigt der Sammelband ein breites Spektrum kritischer Perspektiven auf. Die Beiträge sind dabei ganz überwiegend prägnant und in abwechslungsreichem Duktus geschrieben, auch wenn sich die Zusammenstellung und Reihung der Beiträge nicht immer erschließt. Ein wiederkehrendes Manko sind die eher allgemeinen Antworten, die in Hinblick auf Frage nach dem notwendigen Ziel- und Handlungswissen im Umgang mit der Digitalisierung gegeben werden. So bleibt die Frage, wie es vor Ort gelingen kann, aus der kritischen Analyse auch in praktische Politik zu kommen, offen. Hier fehlt dem Sammelband ein abschließendes Kapitel, das auch Perspektiven in Hinblick auf Handlungsnotwendigkeiten der Kommunen als in Deutschland selbstverwaltete Körperschaften formuliert. Denn die in den Beiträgen aufscheinenden handlungspraktischen Empfehlungen können auch derart interpretiert werden, dass Politik und Verwaltung in den Städten ihr Augenmerk darauf richten sollten, Informationen über ihr Gemeinwesen selbst zu verbessern und gestützt auf freier Software auf offenen Plattformen und Suchmaschinen transparent zu verwalten.

Fußnoten

[1]     Marti de Jong, M. u. a. (2015): Sustainable – smart – resilient – low carbon – eco – knowledge cities: making sense of a multitude of concepts promoting sustainable urbanization. In: Journal of Cleaner Production 109 (2015), 12, S. 1-14.

[2]     Vgl. Libbe, Jens (2018): Smart City, in: Dieter Rink / Annegret Haase (Hg.): Handbuch Stadtkonzepte. Analysen, Diagnosen, Kritiken und Visionen, Stuttgart 2018, S. 429-449.

[3]     Ein prominentes und reflektiert umgesetztes Anwendungsbeispiel findet sich in der Landeshauptstadt München, wo im Rahmen eines von der EU geförderten Projekts in zwei Modellgebieten des Stadtneubaus im Münchner Westen mittels smarter Technologien CO2-Neutralität erreicht werden soll. Ein Baustein hierfür sind E-Mobilitätsstationen, in denen verschiedene Mobilitätsangebote wie E-Carsharing-Fahrzeuge, Lasten-Pedelecs / E-Dreiräder oder Ladesäulen für Elektro-Autos verknüpft werden. Zahlreiche weitere Maßnahmen sollen in nächster Zeit hinzu kommen, vgl. https://www.smarter-together.eu/de/cities/muenchen (29.1.2019).

[4]     Vgl. Deutscher Städtetag (2015): Integrierte Stadtentwicklungsplanung und Stadtentwicklungsmanagement. Positionspapier des Deutschen Städtetages (PDF), 29.1.2019.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Clemens Reichhold.