China Rising

Rezension zu "Machtverschiebungen im Weltsystem: Der Aufstieg Chinas und die große Krise" von Stefan Schmalz

Die internationale Debatte zu Machtumschichtungen im Weltsystem ist insbesondere seit den Jahren der „globalen“ Banken- und Finanzkrise von einer mitunter scheuklappenartigen Fokussierung auf einen angenommenen Konflikt um die Führungsrolle im Weltsystem zwischen den USA und der Volksrepublik (VR) China geprägt. Ergänzt wird dies um die Annahme, dass der Aufstieg der VR China mit einem Export „chinesischer“ Normen und Werte und der Ablösung der bestehenden Institutionen durch eine illiberale Weltordnung einhergehen würde. Oft wiederholen sich diese Argumente, ihre Darstellung bleibt jedoch holzschnittartig.

Stefan Schmalz, derzeit Akademischer Rat am Institut für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, nähert sich dieser Thematik in seiner Habilitationsschrift aus einer (wirtschafts-)soziologischen Perspektive und unternimmt eine kritische Evaluierung des chinesischen Aufstiegs- und Kapitalismusmodells und seiner Implikationen für das interdependente Weltwirtschaftssystem. In Anlehnung an die Methode der „Historischen Makrosoziologie“ legt er eine auf Sekundärquellen basierende chronologisch-deskriptive Aufarbeitung der sich verschiebenden relativen Machtposition der VR China auf der Ebene der Weltökonomie vor. Als Eckpunkte dienen dabei die Einbindung der post-maoistischen VR China in die globalen Handels- und Finanzströme im Zuge der Reform- und Öffnungspolitik (1978) sowie die Positionsverschiebungen im Kontext „regionaler“ Finanzkrisen – der Asienfinanzkrise der späten 1990er-Jahre sowie der US-Schuldenkrise von 2008 unter Berücksichtigung ihrer Spill-Over-Effekte auf den Euro-Raum. Stefan Schmalz fasst die Ergebnisse ausgewählter Studien zu der strategischen Re-Positionierung der VR China in diesen Krisenkontexten zusammen und skizziert ihren sukzessiven (von internationalen Analysten dokumentierten) Machtzugewinn: Die VR China ist in den vergangenen Jahren zur weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft nach den USA aufgestiegen (oder, je nach Berechnungsgrundlage, nach Kaufkraftparitäten zur global führenden Wirtschaftsnation). Die Internationalisierung des chinesischen Renminbi ist weiter vorangeschritten. Im Nachgang der „globalen“ Finanzkrise erfolgte neben der Umverteilung von Stimmrechten im Internationalen Währungsfonds (IWF) auch die Aufnahme des Renminbi in den IWF-Währungskorb. Hierdurch multipliziert sich die Wirtschafts- und Finanzmacht der VR China, zugleich aber wächst ihre Verwundbarkeit durch Turbulenzen auf den globalen Finanzmärkten.

Diese Entwicklungen bettet Stefan Schmalz in die kritische Betrachtung der Entstehung neuer Varianten des Kapitalismus ein. Die daraus hervorgegangene, theoriegeleitete Arbeit ist detailliert und spiegelt die zentralen Punkte der internationalen Debatten wider. Ein Wermutstropfen ist lediglich, dass der Autor die Kriterien, die er zur Auswahl gewisser Stränge der auf Deutsch und Englisch vorliegenden Sekundärliteratur angelegt hat, nicht offenlegt. Er präsentiert in seiner Studie eine in sich geschlossene Narration, die abweichende Interpretationen und die Pluralität der chinesischen epistemischen Gemeinschaften ausblendet. Die Stärke der Arbeit besteht jedoch unbestritten darin, dass sie die primär politikwissenschaftliche (und/oder wirtschaftswissenschaftliche) Debatte um eine oft vernachlässigte makrosoziologische, mehrdimensionale Perspektive ergänzt.  Insofern weckt der Titel des Buches seitens politikwissenschaftlicher LeserInnen möglicherweise vorschnelle, falsche Erwartungen.

Mit dem Rückgriff auf die Perspektive der – dies sei nochmals betont – „Weltsoziologie“ leistet die vorliegende Studie einen wichtigen Beitrag zur Überwindung stereotyper, kulturalistischer Interpretationen Chinas und seiner neuen Rolle als globaler Wirtschaftsakteur des 21. Jahrhunderts.

Unter (makro)soziologischen Gesichtspunkten widmet sich Stefan Schmalz den Machtressourcen und -strukturen des Weltsystems, wobei er insbesondere die Produktions-, Finanz-, Wissenschafts- und Technologie-, Militär- sowie Ressourcenstrukturen in den Blick nimmt (S. 47-51). Er verbindet die Analyse dieser Ressourcen und Strukturen mit Überlegungen zu globalen Kapitalkreislaufmodellen und formuliert als Grundschema von Machtumschichtungen im globalen System eine zeitlich konsekutive Trias aus Dezentrierung – Stabilisierung – Rezentrierung (S. 57). Diesen Grundmechanismus der Destabilisierung und Substitution einer hegemonialen Wirtschaftsmacht durch eine andere zeichnet der Autor am Beispiel ausgewählter Wirtschaftsnationen nach, wobei er zeigt, dass die gegenwärtigen Machtumschichtungen vor veränderten Kontextbedingungen erfolgen. Globalisierung und Transnationalisierung wirken in Kombination mit einer (globalen) ökologischen Krise, so der Autor, auf die Ausgestaltungsoptionen und Handlungsimperative des kapitalistischen Weltsystems ein. Die absehbaren Grenzen des globalen Wachstums und das gestiegene Bewusstsein für die Notwendigkeit eines sozio-ökologisch nachhaltigen Entwicklungsweges erfordern eine Neudefinition von Grundelementen des Kapitalismus. Die chinesische Variante des Kapitalismus ist vor diesem Hintergrund keine erstarrte, dogmatische Kopie des „westlichen“ Kapitalismus, sondern basiert auf einer Synthese aus chinesischen Wirtschaftsstrukturen und Versatzstücken diverser Kapitalismusvarianten.

In seiner Einleitung verweist Stefan Schmalz kurz auf zwei sich diametral entgegenstehende Prognosen der zukünftigen ökonomischen Entwicklung der VR China. Während die China-Threat-Debatte von einem unaufhaltbaren Wachstum der chinesischen Wirtschaft ausgeht, konstatieren skeptischere Chinaforscher eine höhere Zerbrechlichkeit und Fragmentierung des chinesischen Systems. Nach dieser Deutung verstärkten die negativen sozio-ökonomischen Begleiteffekte des ressourcenintensiven Turbowachstums zentrifugale Tendenzen, die wiederum dem chinesischen Wachstumstraum ein schnelles Ende bereiten könnten. Mit den Beschlüssen des 3. Plenums des Zentralkomitees von 2013 sind Kurskorrekturen eingeleitet worden, die einen Drahtseilakt zwischen neoliberalen und neomaoistischen Wachstumsparadigmen eingeleitet haben. Die angekündigte Zerschlagung von Staatsmonopolen und der „Krieg gegen die Umweltzerstörung“ sind jedoch nur partiell umgesetzt worden. Leider geht der Autor trotz der ansonsten sehr akribischen Aufarbeitung der Sekundärliteratur nicht en detail auf die stillschweigende Rücknahme einzelner ursprünglich 2013 angekündigter Reformschritte zur Wiederherstellung des sozialen Friedens durch die chinesische Regierung ein. Ebenso hält er sich bedeckt, was die Rezentralisierung und die damit verbundenen (durchaus umstrittenen) Maßnahmen zur top-down Durchsetzung von Reformen auf lokalen Verwaltungsebenen betrifft. Dies mag nicht zuletzt darauf zurückzuführen sein, dass Schmalz  mit Sekundärliteratur arbeitet, die vor 2012/2013 erschienen ist und die neueren Entwicklungen ebenso wenig abzubilden vermag wie die beginnenden Adjustierungen in der sozialwissenschaftlichen China-Analyse nach 2012/2013. Auch mit Blick auf die „Neue Seidenstraße“ – im Text noch mit dem mittlerweile überholten Akronym OBOR („One Belt, One Road“) adressiert – wären neuere Entwicklungen zu ergänzen. Dies betrifft nicht zuletzt den vom Autor ins Zentrum gestellten Bereich der technologischen Innovationskraft und seine Rolle bei der Übernahme einer Führungsrolle Chinas in der Weltwirtschaft. Während Tendenzen in Richtung eines Wirtschaftskrieges zwischen den USA (unter Präsident Trump) und der VR China in den Schlusskapiteln anklingen, werden die Implikationen des Ausbaus der Seidenstraßen-Kooperation Pekings mit Osteuropa und einzelnen südeuropäischen EU-Mitgliedsstaaten weitgehend ausgeklammert. Fragmentierungstrends und die mögliche Ablösung uni- und bipolarer (globaler) Weltsystemstrukturen durch konkurrierende regionale Ordnungen werden leider nicht tiefergehend diskutiert. Zu beanstanden sind zudem einzelne kleinere Verwirrungen bei chinesischen Namen und Begrifflichkeiten.

Doch handelt es sich genau genommen nicht um eine Analyse Chinas, sondern um eine komparative Betrachtung der Transformation des kapitalistischen Welt(handels)systems und der Machtbeziehungen seiner Hauptakteure – wobei der VR China eine zentrale, zugleich jedoch nicht die alleinige Gestaltungsrolle zukommt. Legt man das Buch nach einer – bedingt durch die Detail- und Faktendichte – hohe Aufmerksamkeit erfordernden Lektüre aus der Hand, bleibt der Wunsch nach mehr Austausch zwischen soziologischen und politikwissenschaftlichen Modellbildungen zum chinesischen Wirtschaftsmodell und seiner Wechselwirkungen mit regionalen und globalen Ordnungsstrukturen. Der vorliegende Band hat das Potenzial, diesen Transfer und Dialog anzustoßen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer und Philipp Tolios.