"Darf ich Ihnen meine Karte geben?"

Rezension zu "Europäisches Lobbying. Ein Berufsfeld zwischen Professionalismus und Aktivismus" von Christian Lahusen

Lobbyismus hat einen im Mindesten fragwürdigen Beigeschmack. Sehr wahrscheinlich kommen nicht nur der Verfasserin dieser Rezension beim Stichwort „europäischer Lobbyismus“ Bilder von umschwärmten Kommissionsmitgliedern und lobbyfinanzierten Studien zu Medikamentenwirkungen in den Kopf. Gerade darum geht es in Christian Lahusens Buch über Europäisches Lobbying allerdings nicht: Der Autor möchte europäisches Lobbying vielmehr als Beruf beschreiben und verstehen. Hierfür distanziert er sich von den Inhalten und Gegenständen des Lobbyismus und richtet seine Aufmerksamkeit in erster Linie auf die Lobbyist:innen und ihre Arbeit. Wer Lobby-Skandale oder auch Insider-Wissen aus der europäischen Politikgestaltung sucht, wird hier also nicht fündig. Aber wer sich für die Herausbildung einer bislang weitgehend unerforschten Profession und ihren Platz im europäischen Einigungsprozess interessiert, für den ist der neue Titel des Kultur- und Europasoziologen Lahusen hochspannend.

Das Ziel des Buches ist es, die Prozesse der Verberuflichung und Professionalisierung des europäischen Lobbyismus nachzuzeichnen, empirisch zu belegen und konflikttheoretisch zu fassen. Hierzu greift die Studie auf einen gelungenen Mixed-Method-Ansatz zurück: Qualitative Interviewdaten, erhoben einmal in den 1990er-Jahren und zum anderen zwischen 2014 und 2016, bieten Einsichten in die Genese des Berufsfeldes und seine Entwicklung, während eine standardisierte Umfrage von 2016/2017 Informationen unter anderem zu Ausbildungswegen, Berufslaufbahnen, beruflichem Selbstverständnis und Arbeitsbeziehungen liefert. Die Ergebnisse der verschiedenen Erhebungen und Forschungsansätze stellt Lahusen nicht bloß neben- oder hintereinander, sondern verknüpft sie auf produktive Art und Weise. Theoretisch basiert das Buch auf neueren Debatten in der Professions- und Berufssoziologie und einer (in der Europasoziologie inzwischen recht gängigen) feldtheoretischen Perspektive, wie sie Pierre Bourdieu entwickelte. Was jedoch nur sehr beiläufig thematisiert wird, ist ein mögliches genuin europäisches Moment des Forschungsgegenstandes: Gibt es ein Spezifikum des europäischen Lobbying, das darüber hinaus geht, dass sich seine Protagonist:innen in Brüssel tummeln? Obwohl der Autor ein bekannter Europasoziologe ist und das Thema einen direkten europapolitischen Bezug hat, erhebt das Buch keinen Anspruch auf einen Beitrag zur Europasoziologie und argumentiert in erster Linie professionssoziologisch. Dies mag eine individuelle und sehr verständliche Entscheidung auf der Grundlage aktueller Forschungsinteressen sein. Allerdings ist die europabezogene Enthaltsamkeit Lahusens durchaus bedauerlich im Kontext einer Europasoziologie, die mit den Fragen ringt, worin sich – wenn überhaupt – europäische Vergesellschaftung nun eigentlich manifestiert, wie europäische Institutionen die Europapolitik gestalten und ob diejenigen, die darin involviert sind, ein europäisches Selbstverständnis verkörpern.

Das Buch ist klassisch gegliedert: Nach einer Einleitung, in der auch Forschungsdesign und -methoden vorgestellt werden, folgt ein vergleichsweise kurzes theoretisches Kapitel, das die erwähnte professions- und berufssoziologische Literatur diskutiert, bisherige Arbeiten zum europäischen Lobbyismus vorstellt und die feldtheoretische Perspektive erläutert. Das dritte Kapitel widmet sich methodisch reflektiert der Genese des Arbeitsfeldes der EU-Lobbyist:innen, indem es mit einer prozeduralen Perspektive das qualitative Material analysiert. Vergleichend interpretiert Lahusen hierbei die Berichte der Interviewpartner:innen aus den 1990er- und den 2010er-Jahren und leuchtet so verschiedene Phasen der Entwicklung des Berufsfeldes aus. Erzählungen über „die alten Tage“ (S. 77) eines neokorporatistischen Politikmodells, in denen Lobbyismus vor allem über einen privilegierten direkten Draht zu den zuständigen Generaldirektionen funktionierte und der Kreis der Lobbyist:innen noch überschaubar war, lassen sich mit Darstellungen des neueren europäischen Lobbyismus kontrastieren, bei dem die Interviewpartner:innen vor allem die Notwendigkeit beruflichen Sonderwissens und spezifischer Instrumentarien hervorheben. Nur so könne man sich in der mittlerweile größeren und institutionell komplexeren EU samt ihrer vielfältigen Landschaft von Interessengruppen behaupten.

Nach den eindrücklichen Illustrationen zur Entstehung eines sich zunehmend verfestigenden und mit dem europäischen Integrationsprozess doch recht eng verknüpften (Berufs-)Feldes fokussieren dann drei empirisch sehr dichte Kapitel die Akteure des heutigen europäischen Lobbying, ihre Tätigkeiten, die Strukturen ihres Berufs sowie die Frage nach der Professionalisierung des europäischen Lobbyismus. Die genannten Aspekte arbeitet der Autor anhand sehr gelungener Verknüpfungen wie Kontrastierungen der quantitativen und qualitativen Daten heraus. Dabei bietet das Material aufgrund seiner Dichte, seines Umfangs und der methodischen Stringenz sicherlich eine sehr ergiebige Grundlage für zukünftige Studien, die sich detailliert mit der europäischen Lobbyingszene beschäftigen möchten. Allerdings sind zum Zweck der Anonymisierung die Erzählungen der Interviewten so stark dekontextualisiert, dass der Gegenstand der Tätigkeit – Für welches Thema und für welche policy wird Lobbying betrieben? – nicht mehr erkennbar ist. Das ist selbstverständlich aus forschungsethischen Gründen notwendig und dem Autor daher nicht vorzuwerfen, zumal das Buch dezidiert die Intention verfolgt, Lobbyismus als Berufsfeld zu untersuchen und nicht seine Inhalte. Dennoch bleibt die Leser:in an verschiedenen Stellen mit der Frage zurück, wie nun eigentlich genau dieses Lobbying funktioniert, für das die Interviewten so viel Abstimmungs-, Informations- und Öffentlichkeitsarbeit betreiben.

Wir erfahren in diesen Kapiteln dennoch sehr viel über europäisches Lobbying. Die Struktur des Feldes ist höchst vielfältig: Hier tummeln sich Wirtschaftsverbände, NGOs, Firmenrepräsentanzen, kommerzielle Lobbying- und Beratungsdienstleister, Gewerkschaften und andere Organisationen. Diese Diversität spiegelt sich durchaus auch im Personal wider, das die Interessen der verschiedenen Organisationen zu vertreten versucht. Die thematischen Orientierungen, beruflichen Selbstverständnisse und ökonomischen Arbeitsbedingungen des wirtschaftlich motivierten Lobbyings unterscheiden sich grundlegend von denen des NGO-Bereichs. Jenseits der durch die Bandbreite der verschiedenen Interessen bestimmten Heterogenität zeichnet der Autor jedoch das Bild eines erstaunlich homogenen Arbeitsfeldes: Aufgaben- und Stellenprofile ähneln sich stark, ebenso wie Kerntätigkeiten, die Konzentration auf Brüssel als Gravitationszentrum, das notwendige Berufskapital, bestehend aus Insiderwissen und Kontakten, sowie ein internationaler und proeuropäischer Habitus. Hier zeigt sich Lahusen zufolge bereits, dass europäisches Lobbying ein vollwertiger Beruf mit vielen Kennzeichen einer spezialisierten Erwerbstätigkeit ist (S. 253). Darüber hinaus zeichnet er eine professionelle Schließung des Berufsfeldes nach, die allerdings nicht über formale Qualifikationen, rechtliche Standards, berufsverbandliche Anerkennungen, Theorien, Methoden oder Techniken funktioniert, sondern anhand der beruflichen Praxis selbst (S. 347). ‚Gute‘ europäische Lobbyist:innen müssen sich in Konkurrenz zu den anderen beweisen; und auch wenn manches Handwerkszeug erlernbar ist, so scheint die Professionalität doch vor allem aus der „Akkumulation beruflicher Kapitalien (Kontakte, Sachkenntnisse, Insiderwissen und Organisationsressourcen)“ zu bestehen (S. 349). Besonders bemerkenswert ist, dass sich die NGO-Vetreter:innnen und die Wirtschaftslobbyist:innen in Bezug auf diese beruflichen Kapitalien einig sind – zumindest in der Darstellung des vorliegenden Buches – und dass damit ein erstaunlich homogenes Professionalitätsverständnis das gesamte Feld des europäischen Lobbyismus durchzieht, unabhängig vom inhaltlichen Arbeitsbereich.

Ein solches, von allen Akteuren im Feld geteiltes Berufsbild ist gerade vor dem Hintergrund der im folgenden siebten Kapitel geschilderten Spaltungen und Konflikte besonders interessant. Aufbauend auf den Erkenntnissen der vorherigen Buchteile wendet Lahusen die eingangs konstatierte Feldperspektive nun tatsächlich an und macht dabei deutlich, dass die professionelle Anerkennung der europäischen Lobbyist:innen untereinander durchaus umkämpft ist. Während die Akteure zwar ein Professionalitätsverständnis und ein Wissens- und Handlungsrepertoire teilen, unterscheiden sich die Legitimitätsvorstellungen und das Berufsethos massiv: „Die Wirtschaft orientiert sich am Arkanbereich der legislativen Konsultationsprozesse, während die NGOs die Nähe zur politischen Öffentlichkeit und zur parlamentarischen Debatte suchen. Der im Berufsfeld geführte Legitimationsdiskurs repliziert die bipolare Struktur des politischen Feldes, da die jeweiligen Legitimationsstrategien den Geltungsansprüchen des autonomen bzw. heteronomen Pols entsprechen.“ (S. 406) Die empirischen Daten illustrieren dies in der Tat sehr anschaulich, beispielsweise wenn der Vertreter eines wirtschaftlich ausgerichteten Fachverbands Lobbying als Ausdruck demokratischen Willes außerhalb von Wahlen bezeichnet und so auf die Notwendigkeit einer professionelle Interessenvertretung verweist (S. 386) oder wenn Mitarbeiter:innen von NGOs betonen, wie besonders wichtig die Aufklärungs-, Transparenz- und Kontrollfunktion von Interessengruppen sei (S. 388).

Mit diesen Beobachtungen zur Fragilität und zur umkämpften Natur des Professionalitätsverständnisses schließt sich auch der Kreis in Lahusens Untersuchung des europäischen Lobbyismusfeldes: Entstanden im Kontext eines institutionalisierten Neokorporatismus, der klassische Interessenvertretungen beförderte, und gewachsen entlang einer immer komplexer werdenden europäischen Integration, die den Ruf nach mehr Transparenz und einer breiteren Beteiligung weckte, entwickelte sich der europäische Lobbyismus zu einem hochgradig professionalisierten und inzwischen relativ geschlossenen Berufsfeld, in dem dennoch die alte Spaltungslinie zwischen partikularistischen und universalistischen Legitimationsstrategien bestehen bleibt. Es sind die Analysen zum autonomen und heteronomen Pol, zu Machtverteilungen, Rechtfertigungsstrategien und Legitimitätsdiskursen, die das Buch auch für Leser:innen spannend machen, die nicht allein an den Details der Lobbyismus-Profession interessiert sind, sondern mit einer soziologischen Neugier an Macht und Ungleichheiten ein Berufsfeld verstehen wollen, das Teil des konfliktbehafteten europäischen Integrationsprozesses ist. Vor diesem Hintergrund können nun mit Spannung jene Debatten erwartet werden, die die wertvollen Erkenntnisse der Studie Lahusens auch aus einer europasoziologischen Perspektive beleuchten. Schließlich arbeiten die europäischen Lobbyist:innen – nicht zuletzt durch ihre im Buch so ausführlich beschriebene Professionalisierung – auch selbst permanent mit an der Gestaltung eines europäischen Politikmodells. Sie nehmen Einfluss auf europäische Legitimitätsdiskurse und sind so ein maßgeblicher, aber bisher weitgehend unberücksichtigter Teil des europäischen Vergesellschaftungsprozesses.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.